Büchertagebuch

Die Bücher, sagte sie unvermittelt, sind der Menschen
leid geworden : sie sind heimgekehrt,
müde vom Zwang zu erfinden. Ihre Selbsttäuschung hat die Seiten
gebleicht, die geisterhafte Harmonie ihrer Rücken,
sagte sie, macht mich wahnsinnig, ihre Ruhe,
die getrocknete Lava aus Schweiß und Gedächtnis,
und dazwischen ein weißes Geheimnis :
ein schmerzend weißes Geheimnis, sagte sie,
das Dir die Augen ausbrennt.

Die Rede ist von einer weiblichen Person, die sich mit Vehemenz vom schriftlichen Wort abwendet. Die Ruhe, die davon ausgeht, mache sie «wahnsinnig«, es ist von «Zwang« und «Selbsttäuschung« die Rede und schließlich von einem «weißen Geheimnis«, das dazwischen liegt und «Dir die Augen ausbrennt«. Es liegt nahe anzunehmen – als eine Möglichkeit –, dass im «weißen Geheimnis« die Schneemetapher enthalten ist, Schnee, in dem etwas erfrieren und umkommen kann. [Anm.: Sofern eine Forschung zu dem Gedicht besteht, sie ist mir nicht bekannt.] Wie sehr die Person von diesem «Geheimnis« affiziert ist, kommt etwas später zum vollen Ausdruck:

Auf den ersten Blick eine Opernszene, vielleicht aus dem Freischütz.
Sechs Jäger wie die Hasen im Gras. Über ihnen zwei Engel mit dem
Pfeil, dem Bogen. In der Mitte die Zielscheibe als Preis für den
Meisterschuß.

Auf den zweiten Blick Szene im Paradies. Nicht ein Adam, sechs.
Dazu gleichviele Bäume. An denen reifen des Begehrens Früchte.
Der weiblose Adam träumt seinen Seelenwunsch. Eva als
geflügeltes Himmelsbild.

Ralf Willms, Phobos. Notat-Gedichte, Heidelberg (Manutius) 2012, 111 Seiten

Der Gedanke der Einseitigkeit stört die Menschen, sie denken sich gern eine andere Seite hinzu und schmücken sie mit eigenem Seelenstoff aus, vor allem, wo es sich nicht um Gegenstände, sondern um Menschen handelt – Menschen wie du und ich, vor allem ich, der ich vielseitig bin wie kaum jemand sonst. Ein Autor hat den Vorteil, dass er in seinen Büchern dem Leser eine Seite nach der anderen zum Erblättern hinhält: Da habt ihr eine Seite von mir, ihr könnt auch eine andere dafür nehmen, ganz wie es euch beliebt. Der Leser erkennt schnell, dass viele Seiten nur Übergänge darstellen. Einige hingegen stehen ganz für sich und damit für den Autor: Was will er uns damit sagen? Das fragt die lesende Vernunft, die bekanntlich stets eine ablesende ist, so wie der Stromableser keinen Strom erzeugt, sondern sich mit der Information zufriedengibt, um sie an andere weiterzureichen. Die entscheidende Frage lautet daher stets: Für wen liest der Leser?

Rainer Paris: Gender, Liebe & Macht. Vier Einsprüche, Waltrop und Leipzig 2008

›Selbstbornierung‹ wird endemisch, wenn sie ins Geflecht staatlicher Förderprogramme gerät. Was, fragt sich der nüchterne Zeitgenosse, hat sie dort verloren? Der Fanatismus des Antifanatismus gebiert Ungeheuer der praktischen Vernunft, allein schon deshalb, weil die theoretische schweigt oder ihre Dienste zum Nulltarif anbietet. Fanatisch antifanatisch gebärdet sich nur, wer den Hass von der Pike auf gelernt hat und endlich mitmischen will. In der Regel dürften das Leute sein, die irgendein Regierungssiegel für ihr Tun brauchen, überschießende Sympathisanten des aktuellen ›Regimes‹, irgendeines, nur nicht der offenen Gesellschaft, in der jedes ›Regime‹ sich verläuft, weil gerade darin das Bewegungsgesetz der Freiheit besteht. Frage: Welche Regierung lässt sich diese wirklichen, weil versteckten Feinde der Freiheit gefallen? Wie weit geht das Gefallen? Schließlich: Wie naiv ist dieses Gefallen? Weiß die Regierung, auf welches Spiel sie sich einlässt? Es gibt eine Naivität der gewähnten Gleichheit der Ziele, die über die Wahl der Mittel hinwegsehen lässt, jedenfalls eine Zeitlang. Manch einem wird diese Zeit lang, zu lang vielleicht. Das ist die Zeit, in der das Nachdenken über die Ziele (oder vielmehr: das Ziel hinter den Zielen) einsetzen sollte.

Siegmar Faust: Der Provokateur. Ein politischer Roman, München (Herbig) 1999

Ob einer von der Gedankenlosigkeit seiner Mitmenschen überzeugt ist oder ihnen gedankenloses Überzeugtsein attestiert, kommt irgendwann auf dasselbe heraus. Es liegt darin sowohl eine Unter- als auch eine Überforderung: Wer mir Gedankenlosigkeit unterstellt, der erleichtert es mir, Gedanken zu äußern, die ich sonst nie geäußert hätte, bloß aus Verletztsein, um zu verletzen – Gedanken, die so wenig zu mir passen, dass der eine oder andere Mitmensch zusammenzuckt und sich fragt, wie gerade ich dazu komme, sie zu äußern. Würde er sich nur fragen! Er fragt sich aber in der Regel nicht wirklich, sondern nur pro forma und hakt mich ab. Pro forma denkt auch der Überforderte: Das ist ein Angriff und ich werfe alle mir verbliebenen Kräfte in die Schlacht, um ihn abzuwehren. Soll heißen: völlige Freiheit und völlige Unfreiheit liefern täuschend ähnliche Resultate.

Imre Kertész’ Letzte Einkehr rührt noch einmal wie mit letzten inneren Fingern Themen wie Beziehung/Ehe, Liebe, Auschwitz, Reisen, Erfolg, vieles mehr an. Wohltuend die Lebendigkeit, das Lebende in der Sprache, die Beweglichkeit bei den Nuancierungen. Nahezu jeder Absatz enthält so etwas wie eine Kernbotschaft, die ungewöhnlich genug ist, um etwas für sich mit davonzutragen. Auf der Buchrückseite ist von der «Geschichte einer Erkaltung« die Rede. Und auch das ist durchgängig spürbar und darüber hinaus oder damit einhergehend: Ansichten und Einfälle, bei denen der Gedanke aufkommen könnte, dass der Verfasser auf ›merkwürdigen Arten‹ der Verblendung – in unmittelbarer Nachbarschaft von Hellsichtigkeit – besteht. Lässt man hier das Präfix «Ver« weg, hat man es noch mit «Blendung« zu tun, die sich wohl primär von Wunden bzw. Schlussfolgerungen aus ihnen herleiten ließen, die bei dem Verfasser selbst immer wieder in dem Wort «Auschwitz« zusammenlaufen.

Notiz

Während die Anderen durch die neuen Verhältnisse in ihrem Verhalten in die einzig verbliebene Richtung gedrängt wurden, fand in mir zwar ebenfalls der alchymische Prozess der Umwandlung statt, aber mein Bestreben nach außen war, mich innerhalb des geschlossenen Systems möglichst aus dem Retortenversuch und der Retortenentstehung der Anderen herauszuhalten – innerhalb der Vakuole zwar, doch nicht Teil des Umformungsprozesses, der in dieser stattfand, sondern der in mir stattfand – und das hieß von Anfang an, möglichst keine oder nur unvermeidbare gesellschaftliche Verhältnisse einzugehen...

Die Freiheit in der Beschränkung, die mir verblieb, war ihrer Art und ihrem Genuß nach um vieles größer als die, welche mir aus dem Nachgeben an die Verführung und die Versuchung erwachsen wäre – dem Angebot einer unlauteren Sicherheit, nicht gewonnen, sondern verspielt, verflossen, aufgelöst...

Damals habe ich den Grundstein zu mir und meiner Arbeit gelegt. Ich begab mich in die Wildnis meiner Unabhängigkeit, sammelte die Bruchstücke einer zertrümmerten Freiheit und setzte sie zu ihrem Torso zusammen. In der Sekunde, da die Freiheit des Landes vorbei war, entstand sie unter den neuen Bedingungen in mir erst recht. Sie lehrte mich die Unfähigkeit, von allem, was Obrigkeit oder Macht hieß, beeindruckt zu sein (Wert der Unfähigkeit).

Gunnar Heinsohn: Die Sumerer gibt es nicht. Von den Phantom-Imperien der Lehrbücher zur wirklichen Epochenabfolge in der »Zivilisationswiege« Südmesopotamien, 2007

Nichts bewegt die Menschheit so wie Datierungsfragen. Was wann geschah, darauf kommt es an. Radikale Umdatierer halten das Schicksal der Welt in Händen und ordnen es neu. Zum Beispiel weiß das gebildete Publikum relativ gut über das Jahr 1984 Bescheid, über das detaillierte Aufzeichnungen existieren (1984, 1949). Eine Person der Zeitgeschichte, die in diesem Standardwerk nicht vorkommt, hat schlechte Karten und wir können nicht mit Gewissheit sagen, ob sie je existierte.

Der Sozialpädagoge Gunnar Heinsohn zum Beispiel gilt als Autor eines 1988 erschienenen, 2007 in korrigierter Fassung zum zweiten Mal aufgelegten Buches mit dem herausfordernden Titel Die Sumerer gibt es nicht. Einer breiteren Öffentlichkeit ist Heinsohn als Schöpfer des ›Kriegsindex‹ bekannt geworden, einer Art Treibhaustheorie der menschlichen Aggressionsgeschichte, die mit dem steilen Anstieg der Massenproduktion junger Männer im 21. Jahrhundert neuen kriegerischen Höhepunkten zustrebt. Dahinter scheint irgendein Fake der Historiker zu stecken. Was haben der radikale Vereinfacher der früh- und altgeschichtlichen Chronologie und der Aggressionsforscher des dritten Jahrtausends P.C. miteinander gemein?

Ulrich Schödlbauer: Deutsches Roulette. Festgabe zu Peter Brandts 70. Geburtstag, Heidelberg 2018

Schödlbauers Deutsches Roulette – dem Wort nach eine Sonderform des Roulettes, die politisch übertragen werden kann, und schon «Roulette« spiegelt den Spielcharakter in der politischen Situation (nicht nur) dieses Landes – besticht, sticht in «Seifenblasen« hinein, die, wie jeder weiß, aufgebauscht politisch wie sonstwie lange bestehen können und bestehen. So stellt sich, dem vorangestellten Passus nach, dem Selbst- und interessensgerechten politisch Handelnden ja tatsächlich «das Volk«, das ihn erhob, bald als größtes Hindernis dar. Denn: Verwickelt in Scheingefechte um die wirklich gute Sache, lugt doch bald das falsche Ergebnis aus der Lüge hervor, die durchaus bemerkt wird. Jedoch: Die «Neunmalklugen« ziehen die Fäden immerhin mit so viel Geschick, sodass ihre Gaukeleien – langfristig, in endlosen Verschiebungen – getragen werden. So bleibt der demokratische Traum, was er ist. So wird, ließe sich pointieren, ein ganzes Volk (heißt: die in einem Land wohnenden Menschen) verhökert und stimmt dem – vielfach partizipierend – zu.

Rudolf Borchard: Weltpuff Berlin, Reinbek 2018
Thilo Sarrazin: Feindliche Übernahme. Wie der Islam den Fortschritt behindert und die Gesellschaft bedroht, München 2018

Rudolf Borchardts Weltpuff Berlin – eine Überraschung für alle, die sich in seinem Nachlass nicht auskannten und daher nicht schlecht staunten, aus der Feder des Kulturzauberers einen saftigen Porno serviert zu bekommen, mit einem jungen Mann aus gutem Haus als Mittelpunktsfigur plus Erzähler, dazu einem sich zügig drehenden Karussell junger und reiferer Damen, allesamt erpicht darauf, auf der Stelle die Vorzüge seines Geschlechtsinstruments zu erproben – als hätten sie jahrelang nur auf den idealen Liebhaber gewartet und seien ganz schnell ganz sicher, ihn soeben gefunden zu haben. Der Mix aus ›Casanovas Lebensbeichte‹ und ›Proust-unter-den-Röcken‹ wirkt gewöhnungsbedürftig, vor allem deshalb, weil sich weder Absicht noch Ziel der Recherche beim ersten Lesen erschließen. Möglicherweise auch nicht beim zweiten, aber wer will es darauf ankommen lassen? Jedenfalls wächst der Erzähler an seinen Aufgaben. Der Stil ist glänzend und der Sinn bleibt dunkel – es sei denn, alles ist gewollter Un-Sinn und Spiegel-Protzerei. Entstanden in den dreißiger Jahren, in denen die Erforschung der Lust sich in manchen Köpfen der kulturellen Avantgarde zur Raserei verdichtete – kann B. mithalten? Will er überhaupt … mithalten? Zweifellos reiht er sich mit diesem Buch unter die Ahnherren des Fu-Projekts ein.

Als ich zu Reich-Ranickis Zeiten eine Handvoll Besprechungen für die Frankfurter Allgemeine Zeitung schrieb (damals schon Fatz genannt, obwohl sie es erst noch werden sollte), galt die Regel: Nichts liegen lassen! Ein Buch, das ungeöffnet vierzehn Tage auf dem Schreibtisch des Rezensenten herumliegt, ist überfällig, ein angelesen zurückgelegtes (um der Nachdenklichkeit Raum zu verschaffen) ist bereits tot. So kann man besprechen, aber nicht lesen. Das aggressiv Besprochene rächt sich, es bleibt ein Relikt, das sein Geheimnis nicht preisgibt, es wandert verschlossen ins Antiquariat oder in die Buchwand. Alles produktive Lesen hat seine Zeit. Wer sie staucht oder presst oder schnipselt, weil er keine hat, könnte es genauso gut lassen. Besser, einer macht sich Notizen und vertraut seinem Gedächtnis.