Renate Solbach: Sarkophag

Rezensionen 2019

Gerd Spittler: Anthropologie der Arbeit. Ein ethnographischer Vergleich, Wiesbaden (Springer VS) 2016, 301 Seiten.

 

In einer Rezension der Festschrift zum 65. Geburtstag von Heinrich Popitz (Hans Oswald, Hg.: Macht und Recht. Opladen 1990), die ich Anfang der Neunziger für die Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie verfasst habe, schrieb ich über die Beiträger: »Die Autoren gruppieren sich nicht zu einer abgrenzbaren soziologischen ›Schule‹, es sind einfach gute Soziologen. Sie führen vor, was der Jubilar vorgeführt hat, was Soziologen können können. Eigenständigkeit provoziert Eigenständigkeit.«

 

Gerd Spittler war in der Festschrift mit einem Kabinettstück über »Führer und Karawane in der Wüste« vertreten. Er hatte bei Popitz mit einer Arbeit über den Sanktionsmechanismus unter anderem anhand von Konflikten zwischen Köchen und Spülern in einer Restaurantküche (Norm und Sanktion, Olten 1967) promoviert, lehrte dann einige Jahre in Heidelberg und Freiburg und erhielt 1988 einen Lehrstuhl für Ethnologie an der Universität Bayreuth. Schon seit den späten siebziger Jahren betrieb er jahrelange ethnologische Feldforschungen in verschiedenen Regionen Afrikas, vorzugsweise bei den Kel Ewey in Niger, einem Stamm der Tuareg.

 

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Michail Ryklin, Leben, ins Feuer geworfen. Die Generation des Großen Oktober, Berlin (Suhrkamp) 2019, 333 Seiten

 

Die Verszeile, die sich als Titel diese Doppelbiografie der Brüder Nikolaj Pavlević Čaplin (1902-1938) und Sergej Pavlević Čaplin (1906-1942) ausweist, stammt aus einem Gedicht von Nikolai Nekrassow (1854), das bei den Čaplins gern rezitiert wurde und das ihr Schicksal namhaft macht; – ihr Märtyrer-Schicksal, auch das ihrer Familie, ihrer Freunde und das vieler ihrer Peiniger und deren Peiniger…

Die zwei politisch lebhaften Lebensgeschichten der Brüder Čaplin während der ersten zwanzig Jahre der radikalen Umwälzung des alten Russlands (1917-1937) zeigen etwas von der inneren Tektonik der ›Urkatastrophe‹ des ›Roten Oktober‹, mit seinen radikalen Zerstörungen von historisch gewordenen wirtschaftlichen, politischen, juridischen, pädagogischen und militärischen Gestaltformen. – Beide Brüder arbeiten von Anfang an leidenschaftlich, selbstgenügsam, einfallsreich und mit bedingungsloser Parteinahme für die jeweils dominierenden politisch-ideologischen Richtlinien, – Nikolaj in der Jugend- und Parteiarbeit, Sergej im Militär. Ihre Lebensmaxime: »Ich werde mich immer und in allem nach den Interessen der Partei richten. Heute bin ich hier, morgen kann ich in den fernsten Winkel geschickt werden, heute arbeite ich an der einen Stelle, morgen halten sie es für nötig, mich woandershin, zur kleinsten und niedrigsten Arbeit zu versetzen. Also mach dich auf Ortswechsel, Mühsal, Entbehrung gefasst« (64), wie sich Nikolajs Frau erinnerte.

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Robert M. Zoske: Flamme sein! Hans Scholl und die Weiße Rose. Eine Biografie, München (Verlag C.H. Beck), 2. Aufl. 2018, 368 Seiten

 

Wie allgemein in der Geschichtsschreibung geht es bei Biografien um den Zwiespalt von ›wirklicher‹ Vergangenheit und individuellem sowie zeitbedingtem Erkenntnisinteresse. Ob unbewusst oder in zielgerichteter Absicht – nicht selten kommt es zu verengter Wahrnehmung von ›ungeraden‹ Lebenswegen der Porträtierten. In spezifischer Weise gilt dies für die Geschichte der Weißen Rose, Symbol ethischer Lauterkeit, des Opfermuts und des Martyriums junger Menschen im vergeblichen Kampf gegen das Böse in Gestalt des Nationalsozialismus.

Über lange Zeit prägte das von Inge Scholl, der ältesten Schwester von Hans und Sophie Scholl, 1952 erstmals veröffentlichte Buch Die Weiße Rose das Bild des Widerstandskreises. Darin spielte sie die anfängliche HJ-Begeisterung aller Scholl-Geschwister – auch ihre eigene als Ulmer ›Ring‹-Führerin im BDM (Bund Deutscher Mädel) – herunter. Erste Zweifel hätten Erlebnisse des sechzehnjährigen Hans (als einer der drei ›Jungvolk‹-Führer in der Ulmer HJ ) auf dem NSDAP-Reichsparteitag im September 1935 in Nürnberg geweckt. Inspiriert von der ›bündischen‹ Jungenschaft, sei er dort mit entsprechenden Wimpeln aufgetreten und darüber mit höheren HJ-Funktionären in Konflikt geraten.

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