: Die versiegelte Welt. Ein SchreibprozessVollbild

 

»Über der Schulter öffnete sich die nahe Rose des Münsters. Aus unbestimmter Tiefe traten Fialen ins Bild und zielten direkt auf das Herz. Sie stellten Lanzen dar oder rhythmisch geordnete Gitterstäbe. Ihr Auf und Nieder umspielte das Zentrum der Welt. Es war eines der vielen Zentren, die sie sich zu geben pflegt, neben- wie nacheinander, menschlichen Blicken greifbar oder ihnen dauerhaft enthoben, dafür umso entschiedener in den Köpfen fixiert. Die sechzehn Blätter der Rose schwiegen dazu, sie glitzerten in der Sonne, verträumt, wie es dem Reisenden vorkam, doch er mochte sich täuschen. Er war sich bereits sicher, dass er sich täuschte, das kleine, fast unmerkliche ›fast‹ darin stört ihn nicht, im Gegenteil, es belebte ihn und sorgte dafür, dass der Fluss der Gedanken auch an dieser Stelle nicht zum Erliegen kam.«

»Seine Generation hat seit Beginn ihres Erwachsenenalters den Druck empfunden, unter Menschen von getrübter Intelligenz leben zu müssen, die, dem Zwang der Selbstwahrnehmung folgend, in puncto Gesellschaft weiter zu sein glaubten als die sie umgebende Welt. Diese Welt bestand für sie nicht aus Personen, sondern aus Figuren. Eine ebenso eingebildete wie tief empfundene Ablehnung zauberte sie auf die Bühne der gemeinschaftlichen Phantasie, wo sie sich nach Belieben als Vater, Chef, Professor, Wirtschaftsboss, Parteiführer, Militär oder Minister materialisierten. Zusammen bildeten sie das berühmte Establishment oder, nach dem Wort eines vor langer Zeit verstorbenen Lieblingsfeindes, das ›stählerne Gehäuse‹ der Moderne, das hier und jetzt aufgebrochen werden musste. Die Konsequenzen sind bekannt. Viele bewegt noch heute das Grauen, in einem Irrenhaus geweilt und der stumpfsinnigen Beschäftigung der Leute zugeschaut zu haben, deren Gehirn gelähmt war und die eigensinnig, wie nur Irre es sein können, darauf bestanden, auf allem, was ihnen unter die Finger kam, eine Fülle und Überfülle von Schnörkeln anzubringen, die sich wie erwünscht zu immer gleichen Mustern zusammenfügen ließen, unter denen die wirkliche Gestalt der Menschen und Dinge, ihre Herkunft, ihre Stellung und Funktion, vom Selbstverständnis der Person ganz zu schweigen, in ein klebriges Substrat zerschmolz, mit dem sich nach Belieben Wände beschmieren ließen und das man mühelos in Pamphlete und Bücher abfüllen konnte, die heute niemand mehr liest, es sei denn, sein Beruf verpflichtet ihn dazu. Die Parole ›Nichts ist, was es zu sein begehrt‹, die darin enthaltene Warnung vorm unvermeidlich falschen Leben und die Apotheose des wahren Begehrens verraten jedem, der zu sehen vermag: es handelte sich um eine jener Erweckungsbewegungen, wie sie der hochaktive Vulkan des christlich geprägten Bewusstseins im Lauf der Jahrhunderte immer wieder auszuspucken geruht.«

 

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