Muse del Oro

16. Jahrgang 2017: Die (leid)geprüfte Demokratie

Gegenwärtig wird fast jeder theoretische Erkenntnisgewinn in der jeweils gewünschten Richtung als methodisches Gebot und als Resultat der Logik des Verfahrens ausgegeben. Dabei dient die Berufung auf die Methode dazu, inhaltlich bereits getroffene Vorentscheidungen im Hinblick auf die Interpretation etwa eines historischen und soziologischen Stoffes zu stützen. Doch aus der bloßen Anhäufung von einzelnen empirischen Daten, die dann auf der Grundlage eines methodischen Verfahrens zu einem einigermaßen kohärenten Begriffssystem mit Anspruch auf Allgemeingeltung gebündelt werden, kann keine Wissenschaft entstehen. Denn der Einsatz einer bestimmten Erkenntnisweise und die Anwendung einer bestimmten Methode setzen bereits inhaltliche Überzeugungen über die Beschaffenheit der (physikalischen oder geschichtlich-sozialen) Welt voraus.

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Im Centennial der Russischen Revolution wollen wir ein paar unsystematische Erinnerungen aus dem Alltag der Sowjetgesellschaft in der Hochzeit des Kalten Krieges mitteilen. Diese Erinnerungen‚ ›von unten, wo das Leben konkret ist‹ (Hegel), stammen von Dieter Uhlig (*1934 in Chemnitz), der sich als einer der ersten deutschen Philosophie-Studenten nach dem Krieg an der Universität der Blockade-Stadt Leningrad einschreiben durfte. Er lebte zwischen Sept. 1953 und Juni 1958 in dieser für die russische und sowjetische Kultur so besonderen Stadt.

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In der klassischen Tradition galten alle reinen Formen der Regierung, also Monarchie, Aristokratie und Demokratie, für verderblich, da in ihnen die Tendenz zur Verschlechterung, zum Abkippen in die korrupte Form angelegt war. Die Monarchie galt vielfach auf den ersten Blick als die beste Regierungsform, da in ihr der »gute König« herrschte, der das Gemeinwohl im Sinn hatte und zugleich eine umfassende Handlungskompetenz besaß. Er wollte also das Gute und war auch in der Lage, dementsprechend zu handeln – was will man mehr. Allerdings gab es keine Garantie dafür, daß der gute König gut blieb.

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›Post truth‹, zu Deutsch ›postfaktisch‹, heißt das Unwort des Jahres 2016. An die Stelle einer Wahrheit der Fakten tritt eine ›Wahrheit‹der Fakes, was auf den ersten Blick irritierend, auf den zweiten inspirierend sein kann, wenn wir das mit Nietzsche ins Auge fassen. In seinem faszinierenden Essay Ueber Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinn entwickelt er eine Theorie der Sprachbildung und entlarvt mit ihrer Hilfe ›Wahrheit‹ als Sprachspiel mit konventionalisierten Kontingenzen nach sozial kanonisierten Gebrauchsregeln. Wir Menschen sind keine wahrheitssuchenden und wahrheitsliebenden Wesen, die die Wahrheit um ihrer selbst willen verehrten. Wir Menschen bleiben gegen reine, folgenlose Erkenntnis des Wahren zumeist gleichgültig und ziehen ihr Täuschung und Lüge solange vor, als sie uns nicht spürbar schädigen.

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