Ulrich Schödlbauer

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Der Fremde stand wartend auf dem kurzen Rasenstück, das den Radweg vom Flussufer trennte.

»Ich blicke gern auf Wasser, vor allem auf fließendes. Dagegen ist mir feuchte Luft ein Gräuel. Ich bekomme einen nervösen Husten davon. Und das ist, besonders in Zeiten wie diesen, mehr als unangenehm.«

»Wir haben ein Regenjahr. Wie halten sie das aus?«

»Schlecht, sehr schlecht. Aber das steht auf einem anderen Blatt.«

Die Stimme des Fremden klang beschlagen, als stünde ein Hustenanfall dicht bevor. Ein Ausflugsboot glitt vorbei. Drei Männer standen am Bug um ein Fass, ein vierter lehnte ein wenig abseits und beobachtete einen älteren Mann, dessen Verschlossenheit bis auf die Knie reichte. Ein monotones Kolbengeräusch lief dem Schiff nach wie ein einsamer Hund.

»Sie müssen das verstehen«, sagte der Fremde, »diese Verschränkung ist für den, der darunter leidet, alles andere als harmlos. Sie leben am Wasser und Sie fliehen die Feuchtigkeit, weil sie Sie, wie soll ich sagen, zermürbt. Ja, sie zermürbt. Jedenfalls fühlen Sie sich zermürbt und das ist dann praktisch dasselbe. Warum das so ist, kann Ihnen niemand sagen. Die Suche nach organischen Gründen wurde vor langer Zeit aufgegeben. Es gibt sie nicht. Alles ist Psyche. Entschuldigen Sie die platte Bemerkung. Es ist nicht alles Psyche, wofür es keine feste Erklärung gibt. Dieser etwas finster dreinblickende Mann auf dem Schiff gerade … was ich Ihnen jetzt sage, wird Sie überraschen, aber das war mein Vater. Mein Vater, müssen Sie wissen, ist seit über zehn Jahren tot und gelegentlich kommt er vorbei. Ich erkenne ihn gleich, obwohl er sich stellt, als bemerke er nichts. Ich erkenne ihn nicht an irgendwelchen körperlichen Merkmalen, die uns nichts bedeuten, sondern an seiner Verschlossenheit, die eindeutig auf mich zielt, aber das verstehe wohl bloß ich. Wie gesagt, es ist nicht alles Psyche, wofür es keine Erklärung gibt. Dem Toten gefällt das feuchte Wetter. In seinem Schutz lässt er sich häufiger blicken als sonst. Er weiß natürlich, dass ich dann weich bin, nicht im Sinne von Rührung, sondern zermürbt, wie gesagt, ich nehme an, dass er diese meine Verfassung für sich ausnützen will.«

»Sie denken, er will etwas von Ihnen?«

»Das weiß ich nicht. Ich will es auch nicht wissen. Aber er hat es immer ausgenützt, wenn ich schwach war. Er hat es genossen, meine Schwäche auszunützen.«

»Urteilen Sie nicht ein wenig hart?«

»Aber ich urteile doch gar nicht. Ich stelle fest. Mein Vater hat sich, jedenfalls von einem bestimmten Lebensalter an, auf meine Schwächen gestürzt wie ein … wie ein … Leu, mir fällt nichts anderes ein als dieses Wappentier mit seinem dünnen, abfallenden Schwanz und einer grotesken Quaste am Ende. Ich glaube, es begann, als er anfing, sich schwach zu fühlen. Er hat seine Schwächen bestraft, indem er sich in meinen suhlte.«

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