Ulrich Schödlbauer

1.

Der Gedanke, ein Totenbuch zu schreiben, kam mir früh, etwa mit zwanzig, nachdem mir die unter diesem Titel bekannte Sammlung altägyptischer Texte in der Übersetzung von Gregoire Kolpaktchy in die Hände gefallen war: einer jener Blitze, wie sie junge Menschen treffen, um sie ihr weiteres Leben lang zu beschäftigen. Irgendwann fasste ich den Vorsatz, dieses Buch bis zum fünfzigsten Lebensjahr abzuschließen, weil mir auffiel, dass die Todesrede danach einen anderen Ausdruck annimmt, sofern sie nicht überhaupt, jedenfalls in einer bestimmten Richtung, verstummt. Ein Totenbuch versammelt ja keine Reden von Toten – so gesehen wäre der kulturelle Bestand ein einziges großes Totenbuch –, sondern dient der Vorbereitung des Unbedarften auf die große Passage, jenen Übergang, den das Wort ›Sterben‹ nur notdürftig umschreibt, da es sich auf den sogenannten letzten Lebensabschnitt bezieht, also gerade das auslässt, worauf hier zugesteuert wird. Es ist, wie gesagt, auch nicht der Sterbende, der solcher Worte bedarf, sondern der Unbedarfte, das ›Wesen, das weiß, dass es sterben muss‹, aber mit diesem Wissen nichts anzufangen weiß. Unsere Kultur, in ihrer erstarrten Opposition gegen den christlichen Unsterblichkeitsglauben, bringt diesem Genre wenig Achtung entgegen. Vom neuhumanistischen Memento vivere bis zum frenetischen ›Ich lebe jetzt‹ der Magazine zieht sich der rote Faden der Umkehr nicht angesichts des Todes, sondern vor dem Tod, gleichermaßen getragen von der Furcht, missbraucht zu werden, wie von dem Argwohn, etwas zu verpassen.
In einer nachheroischen Gesellschaft, um diesen etwas seltsamen Ausdruck passieren zu lassen, verbieten sich die heroischen Worte, die den Tod bemänteln und dabei den, der sie betrachtet, frösteln machen. Es fragt sich aber, ob dieses Frösteln nicht irgendwann dem befreienden Gelächter gewichen wäre, steckte in ihnen nicht jener Kern, der nicht weggeht, obwohl ihn jeder gern weghaben wollte. Wenn der bemäntelnden Worte genug gesprochen sind, steht er keineswegs wohl verpackt im Raum, und wenn um ihn herum nur das Schweigen gähnt, sieht man ihn keineswegs nackt, so ›wie er ist‹, als besonders tückische Krankheit oder als Ausdruck unhaltbarer Zustände, auch wenn sich der eine oder andere Filmemacher das so zurechtlegen mag. Es wird heute nicht weniger gestorben als zu Zeiten, in denen das Sterben in Mode war. Es steht auch nicht weniger in den Köpfen. In dieser Hinsicht geht der Reiseproviant, den unsere ägyptischen Vorgänger ihren Verstorbenen zuschoben, auf dass es ihnen auf ihrer Reise an nichts mangle, auch uns etwas an. Ein guter Teil dieses Proviants besteht aus Sätzen, die rechtzeitig memoriert werden mussten, um drüben bei der Hand zu sein, wenn es nötig wurde, sie zu sprechen, sei es, um einen gewaltigen Zauber zu brechen, sei es, angesichts eines Gottes den passenden Ton zu treffen. Gesammelt zu sein, gefasst zu sein, das ist eine Seite der Sache und nicht die geringere. Die andere betrifft das Hereinholen des Todes ins Leben selbst: Wie kann das geschehen, ohne ihn auszuschmücken und damit zu etwas anderem umzulügen, gleichgültig, ob dieses andere Ekelgefühle oder Weihrauchempfindungen produziert?

2.

Was sagbar ist am Tod, diese Frage berührt sich sehr mit der nach dem ›Unsagbaren‹. Das heute verblasste Wort führte eine Zeitlang eine Eigenexistenz in ein paar Köpfen, die nicht auf Anhieb bereit waren, sich in die Wogen der die kommenden Jahrzehnte beherrschenden Gesellschaftsideologie zu werfen. Das Unsagbare ist das Unsägliche – damit meinte ich, die Grenzen dessen, was unsagbar ist, beginnen dort, wo die obligate oder auch nur die zu einem bestimmten Zeitpunkt, unter bestimmten Möglichkeiten zur Verfügung stehende Sprache unsäglich geworden ist. Auch ›unsäglich‹ ist so ein Zeit-Wort, das in jenen Jahren nicht auf Beliebiges zielte, sondern selbsttätig seinen Weg suchte und fand. Unsäglich war die Sprache, die ein Volk konditioniert hatte, das große Schlachten zu organisieren, unsäglich war jedes Wort, das daran rührte, ohne die Sicht der Opfer oder der Befreier einzunehmen, unsäglich bereits das missglückte Wort, das dem guten Willen auskam. Mit der Sicht ist das so eine Sache, vor allem dann, wenn man weder Opfer noch Befreier ist, sondern einfach Erbe einer keineswegs einfachen oder (bei aller entschiedenen Rede) einsinnigen Konstellation, in der nach wie vor Reste eines Unsagbaren herumgeistern, ohne dass man als Nachgeborener den ihnen zu Grunde liegenden Impuls richtig einschätzen könnte. Die Jahrgänge, mit denen ich aufwuchs, haben sich rigoros entschieden und sie haben dafür gezahlt: mit Störungen und Verstörungen im Privaten und in Bereichen, wo eine Entscheidung anderthalbe gilt, weil es in Wirklichkeit für den, der involviert ist, nichts zu entscheiden gibt, nur zu erkunden, zu wägen und auszuformen, wie in der Kunst.
Der Gedanke, das hier und heute Sagbare am Tod zu erkunden und Vers werden zu lassen, kann nur als Lebensgedanke Bestand gewinnen, dem alles andere sich unterzuordnen hat. Das Kommen und Gehen der Verse und der dazugehörigen Überlegungen, Empfindungen, Verfassungen und Impulse lässt einen geordneten Lebensweg so wenig zu, dass man staunt, wie geradlinig der eigene rückblickend erscheinen kann. Auf gewisse Weise ist jemand, von dem der Todesgedanke derart Besitz ergriffen hat, nicht festzuhalten fähig, worum es im Leben geht. Das eigene erscheint ihm als das der anderen und daraus ergeben sich zwangsläufig Situationen, in denen er sich als Stellvertreter empfindet, als Niemand, der die Stelle, an der er gerade steht, demonstrativ ausfüllt, weil der gewünschte, erwartete, legitime Inhaber zufällig nicht zur Stelle ist. In solchen Momenten entscheidet sich ein Schicksal, das anders vermutlich gar nicht in Gang käme. Gut möglich, dass so auch die Figur des Ionas entstand, des entfernten Sprechers, dessen Kommen und Gehen dem Finden und Erfinden seinen nötigenden Rhythmus einprägte – alles in allem vielleicht einer paternalistischen Regung der anderen Seite entsprungen, um die Sache nach schier endloser Wüstenwanderung im dritten Jahrzehnt doch noch ans Ziel zu bringen. Ich sage ›die Sache‹, aber natürlich war es die Person, die durch die Dazwischenkunft dieses Ionas angerührt wurde. Der Geschmack des Todes unter der Zunge ist kein poetischer Topos, sondern eine Realität. Ihr Eintritt markiert einen Wendepunkt in der Selbstbeziehung der Person. Wer ihn nicht kennt, sollte mit seinem Urteil zurückhaltend sein.

3.

Was ist ›sagbar‹ angesichts dessen, was jedem unterschiedslos bevorsteht? Die naheliegendste Antwort lautet: alles. Alles, was Menschen sagen, ist sagbar angesichts des Todes, der jede Rede auslöscht. Das gilt vielleicht in zweifacher Hinsicht. Alles kann gesagt werden, weil die hindernde Instanz absolut ist und huldvoll Aufschub gewährt, und alles darf gesagt werden, weil der Widerspruch auf sich warten lässt. Wie kann das Falsche falsch sein angesichts des Schweigens? Wie kann das Verbotene verboten sein angesichts der Unmöglichkeit, dem Gebot auf Dauer Geltung zu verschaffen? Das Hier und Heute, das sich dieser Überlegung entgegensetzen lässt, zählt nicht, weil es den Tod ausblendet, weil es ihn, größter Triumph, zum fait social verklärt, zu etwas, das sich herbeiführen, verhindern, gestalten lässt. Dieser Triumph ist, wie alle wissen, vergeblich, er trägt das Mal des Scheiterns, das einen auf dem Heimweg von einem Fußballspiel ereilt oder auf einem Linienflug zum nächsten Symposium. Eher kann man sagen, dass jene großzügige Antwort dem Hier und Heute einen zu großen, weil absolut beliebigen Raum einräumt. Wer nur hier und heute lebt, macht sich und den Mitmenschen etwas vor, er trägt eine nach innen gewendete Maske, deren Hohlform die anderen ansieht. So spielt es sich schlecht, könnte man ihm bei Gelegenheit sagen, aber vermutlich weiß er es selbst.
Die zweite Antwort lautet: nichts. Sie ist alt und sie gilt als Antwort der Philosophen. Der Tod ist nichts, das sich aussagen ließe, man kann ihn nur konstatieren. Man stellt seinen Eintritt fest und verabschiedet sich von dem Toten mit leeren Gesten, weil man weiß, dass man zu spät kommt. Die ehrwürdigste unter ihnen ist das Verschließen der Augen. Sie sollen nicht leer in die Welt blicken und so aller Welt zu verstehen geben, dass es nichts zu sehen gibt. Wo es (auch in der Art, in der Blinde sehen) nichts zu sehen gibt, gibt es nichts zu reden, die Sprache fällt in das Leben, tot sein heißt verstummt sein. Bezeichnend ist das Verstummen vor dem Tod, das den eigenen Tod oder den eines nahen Angehörigen vorwegnimmt. Es enthält einen Kommentar: ›Ich habe nichts zu sagen, also gibt es auch nichts zu sagen. Diese Sprache ist meine Sprache und in ihr fällt mir nichts ein – außer Unsinn vielleicht, der nicht hierher gehört.‹
Ich nenne das Ich, das im Verstummen spricht, das krasse Ich – ein Ich, das einen jäh überfällt und ins Gefängnis der eigenen Haut einsperrt, in dem man es normalerweise keine fünf Minuten aushalten würde. Das krasse Ich nimmt die Grenzen des Ich absolut, es sind ganz und gar seine Grenzen und die Wachmannschaft schießt, ohne hinzusehen, auf alles, was sich draußen bewegt. Die Domäne dieses Ich ist das Irgendwie: irgendwie hat man sich gefunden, irgendwie befindet man sich und irgendwie wird es irgendwann zu Ende sein, damit muss man sich irgendwie abfinden. Wem das seltsam vorkommt, wer sich im Irgendwie nicht zu Hause fühlt, nicht etwa, weil er mehr zu wissen glaubt, sondern weil er sieht, wie der Patient alle Augenblicke das Bett verlässt, um vor dem Kontrollblick des Arztes rasch wieder zurückzuschlüpfen, der kann nicht umhin, die Grenze auch als Schwelle zu sehen, als etwas, das zwei Seiten besitzt und prinzipiell passierbar erscheint, auch wenn dort scharf geschossen wird und die Hunde verrichten, wozu sich Menschen zu schade sind.
Die dritte Antwort – damit kommen wir der Sache ein wenig näher – verweigert den Heroismus der Worte und den verbalen Trost. Diese beiden behaupten das Feld der Möglichkeiten, mit denen sich die Gesellschaft behilft. Beide gehören zusammen. Gemeinsam übertragen sie, was Menschen einander zuzufügen imstande sind, auf jene schweigsame Instanz. Sie werfen Steine auf sie, wohl wissend, dass sich unter dem in den Himmel wachsenden Steinhaufen nichts befindet: eine Geste aus Worten, die nichts weiter dient als dem Weiterleben der Gemeinschaft, die erfrischt und gestärkt zu ihren angestammten Verrichtungen zurückkehrt. Auf solchen Wegen entsteht Kultur. Die Worthaufen bleiben und erwecken bei den Nachgeborenen die Scheu, die hilft. ›Mit diesen Worten sind unsere Vorfahren in den Tod gegangen. Sie haben ihnen genügt, also müssen sie auch uns genügen – im Grundsatz. Eine Kraft liegt in ihnen, die unsere armseligen Möglichkeiten übersteigt. Wer sich ihnen anvertraut, stirbt irgendwie reicher‹ – hier ist es wieder, das Irgendwie, ins Herkommen gewandet, die Kathedralen des Nordens ebenso ehrfurchtsvoll im Blick wie die Pyramiden des Südens; manchmal genügt der Anblick einer Stele.

4.

Es ist merkwürdig, nicht in die Kirche der Worte zu gehen, nicht mit leichter Gebärde am Eingang das Weihwasser aufzunehmen und den Anhauch der Milde zu spüren, nicht in gelassener Sammlung dem Allerheiligsten entgegenzuschreiten, in dem der Tod buchstäblich verdämmert, stattdessen eine Weigerung zu praktizieren, die schon im gewöhnlichen Leben nichts als Scherereien einträgt. Diese Weigerung ist kein Verzicht, eher das Gegenteil, ein Schürfen an Wänden, deren Glätte der Härte des Tatbestandes entspricht. Hier sind keine Goldadern zu erwarten und keine verborgenen Durchgänge. Wer sich hier zu lange aufhält, darf auf wenig Verständnis rechnen. Der gesellschaftliche Imperativ lautet ›Weiter!‹ Zu Recht: so will es auch dem scheinen, der hier verhält, er empfindet es als Entlastung, aus der Obhut der allgemeinen Bewegung entlassen zu sein. Er will keine ›eigenen Wege gehen‹, er will auch nichts ›herausbekommen‹ und würde immer argwöhnen, es vorher hineingesteckt zu haben, falls es ihm dennoch gelänge. Er will nichts, und das ist wenig gesagt, er meint es in einem strengen Sinn, er will, dass im Nachlassen der Erwartung sich etwas bildet, eine Wendung, ein Gelenk, ein Stück Sprache – schon dieser Ausdruck macht ihn stutzen und gilt ihm als Bereicherung. Er will es nicht für sich, er will es nicht stellvertretend für andere, er will, dass es in der Welt sei. Er will es wirklich, auch wenn ihm den Impuls nur wenige abnehmen. Viele ›Sprachteilnehmer‹, glaubt man den Wortführern, fühlen sich bedrängt durch die labyrinthische, tagtäglich anschwellende Überfülle des Gesagten, es könnte in ihren Augen ruhig weniger sein, mehr auf die praktischen Aufgaben beschränkt, einsinniger, weniger zwecklos. Für dieses Gefühl existiert keine sich in Sprache öffnende Leere zwischen den Worten, es gibt sich überzeugt, dass sie hart aneinander stoßen, dass es zwischen ihnen knirscht und splittert und eins das andere in die Gleichgültigkeit stößt, aus der sie allesamt hervorstürzen. Wie jedes Gefühl ist auch dieses unwiderlegbar.
Dass Sprechen sich bildet, ist weniger dem Tod, dieser Immergleichheit, geschuldet, als dem allgemeinen Leben, das weitergeht. Nur dass es sich an dieser Grenze bildet, verdient erwähnt zu werden, weil das soziale Empfinden hier etwas verwischt. Es verlangt, dass einer ›die richtigen Worte findet‹, als hätte der Osterhase sie da versteckt, und zeigt sich enttäuscht, wenn jemand an dieser Stelle versagt, weil es beweist, dass er nicht für sie taugt. Das richtige Wort an der richtigen Stelle besitzt also die Kraft, eine Lücke zu füllen, die sich unverhofft oder lange erwartet auftut, und es bleibt dem gegenüber gleichgültig, ob jemand aus einem Amt scheidet oder aus dem Leben. Diese empörende Gleichbehandlung des Ungleichen kommt Ethnologen bekannt vor, sie finden sie an den Grenzen zwischen Kulturen, im Urteil über die anderen, die das je eigene Recht, die je eigenen Hygienevorstellungen oder Sexualbräuche mit Füßen treten, weil ihr sprachlicher Umgang es ihnen erlaubt. Genauso gibt es eine Kultur des Todes innerhalb der allgemeinen Kultur, die sich nicht ganz in ihr löst, sondern kommunikative Bande in alle Kulturen hinein unterhält, in denen Ähnliches existiert. Es wäre ein Irrtum zu glauben, sie existierte absolut, unberührt durch die umgebenden Wert- und Wortvorstellungen, als eine Art Böcklinscher Toteninsel, die dem besinnlichen Menschen für ein paar Stunden im Jahr offen stünde. Der Anblick der Pyramiden sagt dem auf seelische Erlebnisse ausgehenden Europäer nichts, gerade das scheint ihm bedeutsam und er beginnt zu ›meditieren‹, das heißt eine kulturelle Praxis zu pflegen, deren geistige Voraussetzungen ihm genauso wenig sagen, obwohl sie ihm, wie er behauptet, etwas bedeuten. Nur was? Er würde sie in der eigenen Sprache nicht erkennen oder mit einem ironischen Lächeln abwehren. Doch selbst das würde voraussetzen, dass ihm letztere zur Verfügung stünde.
»Was sind denn das für Wesen, / die man zuletzt wegschrecken muss mit Gift.« Der Dichter hätte angesichts der Gemetzel auch andere Todesarten benennen können, aber für seine Aussage nichts gewonnen. Aus einem Jahrhundert kommend, in dem der Lebenswille am zugefügten Tod verblutete und dadurch eine Art Absolutheit erlangte, vernimmt man mit Erstaunen den schwachen, etwas unsicheren Klang einer Stimme, die dem Sich-Zurücknehmen das Wort redet, dem leisen Gift, das im Wort liegt, sofern es hilft, den unbedingten Willen zum Überleben abzuschwächen oder zumindest so weit zurückzudrängen, dass die Passage beginnen kann. Dabei wissen wir recht gut, dass es unserer Situation entgegen kommt, in der das Überleben und Überlebenkönnen irgendwann die Hüllen sprengt und sich als Katastrophe zu erkennen gibt. Diese Situation ist von niemandem gewollt, sie löst sich aus all dem Gewollten als etwas Unübersehbares, das gern übersehen wird. Es fällt leichter, ein Kampfgetöse zu entfachen, als sei hier in Bälde irgendein Durchbruch zu erwarten. Diesseits der Durchhalteparolen entsteht ein Reservoir an nicht gewollten Worten, kläglichen und hassenswerten zumeist, in denen diejenigen, die sie benützen, sich für einen Augenblick erkennen, bevor sie sich schämen, weil sie ›sich fallengelassen haben‹. Diese Vokabel eines Krieges, der niemals endet, der Klinikbetten zu Stationen eines in immer weitere Fernen rückenden Sieges und einer uneingestandenen Flucht umschafft, enthält das Verbot, Worte zu finden für das Menschliche schlechthin, sie verwandelt die Menschen in Material für Kriegsherren, die ungerührt neue Fronten eröffnen, sobald sie an einer gescheitert sind.
Es so zu sagen bedeutet nicht, die Menschen aufzufordern, sich fallen zu lassen – das wäre ein Imperativ zuviel, ein unsinniger überdies. Es bedeutet, dass eine andere Vorsorge für diesen Fall aller Fälle ins Auge gefasst zu werden verdiente, statt hartnäckig darauf zu insistieren, dass es ›weitergehen‹ muss, dieses unterbelichtete ›es‹, das sich hartnäckig jedem Deutungsversuch widersetzt und jede Verständigung überlistet. Manche träumen von einer gediegenen Sprache des Sterbens, einer, mit der Patient wie Betreuer gleichermaßen gut zurechtkommen, und einige von ihnen benützen Gedichte, wenn ›es‹ soweit zu sein scheint – Schulverse, hastig hervorgekramt oder in Mußestunden sorgfältig ausgewählt, die man gemeinsam durchgehen kann wie Bibelstellen. Dabei riskieren sie viel, eine letzte Täuschung: Es geht etwas vor mit den Versen, wenn man sie so gebraucht, sie bekommen einen autoritativen Zug, sie kehren gegenüber der Schwäche eine Stärke heraus, die sie nicht besitzen und nicht beanspruchen. Man benützt sie, um sich derer zu erwehren, die noch Fragen haben, aber zu schwach oder zu feige oder zu gehorsam sind, um sie zu stellen. Der lebenslange Gehorsam gegenüber den Imperativen des Lebenmüssens lässt sich nicht kurz vor dem Tode abstreifen, er gestaltet auch das Sterben als etwas, durch das einer jetzt hindurch muss, und sei es mit Hilfe kruder Texte, die man im Leben nicht angerührt hätte, weil sie einem – zu Recht – verdächtig vorgekommen wären.
Gedichte sind keine Lebens-, viel weniger Sterbehilfe. Eher sind sie das Leben noch einmal, in Worte gefasst, nicht das volle Leben, auch nicht das halbvolle oder leere, sondern das endliche, das Leben, das sich im Ende findet – man kann auch sagen: das in sich ein Ende findet. Ein solcher Satz ist förmlich dazu verurteilt, bei den Auguren ein Kopfwiegen hervorzurufen. Er entstammt einer bestimmten Kultur des Wortes und dient nicht der Aufgabe, archaische Mnemotechniken zu kommentieren. Einen indirekten – und ungewollten – Beweis dafür liefern die Verfasser von Versen, die keine sind, sei es, dass sie sich an der Verbreitung des Tabus aktiv beteiligen, sei es, dass sie es hilf- und formlos akzeptieren. Was man die Musikalität der Verse nennt, ihren pochenden oder strömenden oder stockenden Rhythmus, ihre ›Ausgeformtheit‹, ist auch eine Metapher des in seinem Wandel begriffenen Organischen. Wer ›gelernt‹ hat, die Wandlung in soziale und ökonomische Begriffe zu fassen und sie ansonsten mit allen Mitteln hinauszuschieben, dem sagen sie nichts.

5.

Gedichte haben kein Bewusstsein, sie ›können gut damit leben‹, dass keiner sie braucht, vermutlich besser als ihre emanzipierten Verächter. Trotz allem existieren sie. Das Restdasein, das sie heute führen, erinnert daran, dass ihre ›Aufhebung‹ in individuelles Leben und kollektives Wohlbefinden gescheitert ist. Eine Gesellschaft, die keine Verse hervorbringt, ist ein Gebirge namenloser Schrecken, bewohnt von Menschen, denen etwas vorgesagt wird, das sie ›ein Stückweit‹ akzeptieren, das sie eine Weile mitnimmt wie ein Förderband und sie dann fallen lässt. Das Leben der Gedichte vollzieht sich im Menschen, sie stellen sich ein, um einer momentanen Empfindung, einer ›Verfassung‹ Kontur zu geben, nicht, weil man sie ›in der Schule lernen musste‹, aber wer die Berührung scheut, verringert zweifellos die Gefahr, infiziert zu werden. Die meisten Leute sind irgendwie davon überzeugt, ihre ›Momente‹ leben zu müssen. Zu diesem Zweck verfügen sie über ein beträchtliches Arsenal von Geräten, die sie bei passender Gelegenheit anwerfen. Den Unbedarfteren genügt es, sich den Kopfhörer überzustreifen oder den Gasfuß zu rühren. Der externalisierte Rhythmus verscheucht die Gedichte. Kein Zweifel, sie können nicht mithalten, wo immerfort zugeführt wird. Gedichte lesen ist langweilig, sie entfalten erst dann ihre eigentümliche Kraft, wenn sie im Körper zirkulieren und das Bewusstsein sie spontan reproduziert. Die Aufnahme von Gedichten ist daher zweiphasig und wer den ersten Abschnitt, das Lesen, auslässt, verpasst zuverlässig den zweiten. Daran scheitern viele. Es geht ihnen mit den Versen wie mit dem altertümlichen Satanismus, der als symbolische Rede am Anfang des Modernismus steht: etwas daran kitzelt das Selbstverständnis, aber der Reiz bleibt schwach und erscheint wenig zielführend. Die Sprüche der politischen Lyrik wiederum haben sich schlicht überholt, wer ihnen noch etwas abgewinnt, ist sentimental geworden oder von Haus aus ein wenig einfältig. Dieser unbekannte, von eigennützigen Wissenschaften mit der Taschenlampe angeleuchteten Untergängen entgegentreibende Planet ist kein Gedicht, das darauf wartet, aufgesagt zu werden; die Mühe kann man sich schenken. Solange es allerdings Menschen gibt, die über Bewusstsein verfügen, solange gibt es auch ein Leben des Bewusstseins, zu dem die verschiedenen Modi der Sprache und des Sprechens gehören. Alle Versuche, es interpretierend in etwas anderes aufzulösen, sind vergeblich. Zu diesem Leben des Bewusstseins gehört der Tod, der besprochen sein will, auch wenn die Formel widersinnig anmutet.

6.

Organum Mortis besitzt die Form eines X. Die Passage beginnt an der Engstelle zwischen dem ersten und dem zweiten Teil, mit dem Aufbruch in die sinnlose Schmerzregion. Die Topoi des Sich-Lösens im ersten Teil lauten »Das verheißene Land«, »Die verfügbaren Güter« und »Die garantierte Existenz«. Das Beiseitegehen ist keine nachvollziehbare Bewegung im Raum. Es ist auch nichts ›Inneres‹, sondern die Bewegung des Bewusstseins, das dem Spiel der Entwertungen nachgeht. Merkwürdigerweise kommt die Situierung des Sozialen nicht ohne Entwertungen aus. Diese Entwertungen müssen ertragen werden, solange die gesellschaftliche Ausrichtung des Einzelnen ungebrochen ist. Sie sind aber spürbar und erinnern an den Rest, der nicht weggeht, ›beim besten Willen‹ nicht und erst recht nicht, sobald er gebrochen oder verschwunden ist und der sozialen Maske Platz gemacht hat. Zynismus ist eine menschliche Einstellung, die Verhältnisse, sie mögen sein, wie sie sind, sind unfähig zu einer Selbstauslegung, in der sich Verhärtungen dieser Art bilden. Wer zynisch geworden ist, hat beschlossen, die Entwertungen, die ihm das soziale Dasein auferlegt, von eigener Hand vorzunehmen und und auf diese etwas mechanische Weise das bisschen Selbst hervorzukitzeln, dessen Schattenexistenz ihn bedrängt und beschämt. Vielleicht war es ein Anflug von Wahrhaftigkeit, der ihn dazu trieb, vielleicht verletzte Eigenliebe oder ein verrotteter Ehrgeiz, vielleicht eine ungesunde Mischung aus allem. Der Zyniker ist eine mechanische Person, eine Art Pinocchio in jeder Art von Gesellschaft. Er ist der Schatten dessen, der beiseite geht. Manchmal ähneln sich beider Reden bis zur Ununterscheidbarkeit, aber sie tragen, wie jede Seite weiß, einen entgegengesetzten Sinn. Dennoch: eine Zeitlang sind sie Verbündete. Sie helfen einander durchs Leben, wie es so sinnig heißt. Sie machen es sich gegenseitig kenntlich und der Zyniker hat, immerhin, eine Form gefunden, es zu ertragen.
Was hier ›es‹ heißt, ist nur vordergründig das Leben, das seinen Weg auch ohnedies findet. Es ist der Raum der Entwertungen, in dem das ›Selbstwertgefühl‹ eine irritierende Größe darstellt, weil es fortwährend nach therapeutischen Anstrengungen verlangt und den störenden Zuspruch der anderen auf den Plan ruft. Das Selbstwertgefühl ist der große Fälscher, der die Dimensionen dieses Raumes grotesk verzeichnet und seiner ruhigen Erkundung im Wege steht. ›Dein Leben hat einen Sinn: also suche ihn!‹ Aber wie etwas suchen, von dem man nicht überzeugt ist und das offenkundig durch das Epitheton ›dein‹ umgebogen wird? Würde er, sollte ich ihn finden, meiner sein in der Bedeutung, dass er dieses bis dato wertlose oder hoffnungslos unterbewertete Leben mit einem Preisschild verziert? Wen sollte ich dafür zahlen lassen? Und wer, bitte, besäße ihn dann? Wer wollte mein Leben erwerben, wenn es durch ›seinen‹ Sinn erst kostbar geworden ist? Wofür gäbe ich es denn her? Und was besäße ich dann? Den Sinn? Welchen? Denselben, nur abgelöst von meinem Leben und also der Lüge überführt? Das sind Flausen in den Köpfen von Menschen, die leben wollen und dafür anderer Leute Hilfe in Anspruch nehmen. Die Entwertungen haben keinen Sinn, aber sie lassen sich nicht vermeiden und sie gehen mit einer gewissen Folgerichtigkeit auseinander hervor. Sich letzterer anzuvertrauen ist schwierig, es sind Unterwassererkundungen ohne anderes Tauchzeug als eine ausgeklügelte Atemtechnik. Man könnte auch sagen, sie vollziehen sich in großer Ruhe, doch das wäre bereits die eine Behauptung zuviel, die ihnen den Boden entzieht. Hersteller der Ruhe beten (falls sie nicht gerade darauf aus sind, ihre Mitmenschen zu übervorteilen) die Leere an. Dagegen spricht nichts, aber es handelt sich um eine minimalistische Religion, um einen Vorhang, den sie über die ganze Region breiten. Es sind Wortfetischisten.

7.

Im Raum der Entwertungen treiben die Leichen oben, deshalb beginnt die Rede mit ihnen. Hier trifft man auf lebende Leichname, Wiedergänger aus angejahrten Freundschaften, nicht ohne leichtes Grausen zu betrachten. Ein Wort wäre geeignet, die alten Verhältnisse wieder herzustellen, aber das ist, wie alles Mögliche, Illusion. Sollte es aus Versehen doch einmal fallen, so löste es sich spurlos in der neuen Umgebung. Jede dieser Leichen hat ihre Geschichte, man kennt sie, man kennt sie nicht, man erfährt manches, doch stellt man fest, dass sie unerzählbar wurde in dem Maße, in dem die Person selbst zu einer Art Bericht geworden ist. In der Berichtform arretiert: so könnte man ihr Auftreten umschreiben, man sitzt mit einer Art Sozialreport am Tisch, trinkt seinen Kaffee und erfährt alles, was einem der psychologische Betreuer oder die Sozialstatistik erzählen könnten, aus erster Hand – der Hand, die die Tasse zum Mund führt, den Gesichtsfalten, den kleinen Reflexen, den Füll- und Standardsätzen, aus denen sich der soeben beredete, ansonsten gleichgültige Gegenstand erbaut. Täuscht man sich in ihrer Geschichte, so kennt man ihr Leben, täuscht man sich in ihrem Leben, so überschaut man den Typus, die Bewältigungsmaschine, man weiß ungefähr, wo der Motor sitzt und kennt das Verbrennungsprinzip, man besitzt eine ungefähre Vorstellung von ihrem Leistungsvermögen, den Bremsen, dem Lenkungsverhalten. Man weiß, das medizinische Wartungssystem wird dieser ausfallgefährdeten Maschine, falls nichts dazwischenkommt, zu einem hohen Alter verhelfen, man weiß es und sie weiß es auch. Da sie es weiß, kann sie ausfallend werden und ihre Missbehelfe geschickt gegen andere einsetzen. ›Kämpfe! Setze dich durch! Sei im Recht!‹ Der Kampf, die Umgebung könnte davon berichten, ist längst kein Kampf mehr, sondern ein Spiel, das die Bosheit gegen sich selbst spielt, aus Langeweile und Selbstverdruss, vielleicht auch aus Überlastung durch das auf unbestimmte, aber mit Bestimmtheit erwartete Dauer gestellte Dasein. Der große Bereitschaftsdienst gilt, wem sonst, dem unter Finessen erwarteten Alter, das innen sitzt und alles lenkt.
Der Gedanke der Dauer, aufs Leben umgelegt, ist der des unbestimmten, sich täglich überlebenden Alters. Irgendwann im Zuge des Altwerdens hat alles sich überlebt: der Ekel, der Überdruss, die Müdigkeit, der große Zorn und die große Resignation. Nun heißt es aussitzen, was einmal begonnen wurde und vorerst kein Ende nimmt, wo man doch weiß, das Ende ist nahe. Ein auf die säkulare Form der Dauer, das lange Alter gestelltes Leben tickt anders. Seine eigentümliche Ressource ist die aufgeschobene Antizipation. In ihr verknoten sich das ›Ich werde alt‹ und das ›Ich werde sterben‹ zu einer einzigen Regung, der Erwartung von nichts Besonderem. Was daran Vorwegnahme ist, steht unter einem Gegenwartsvorbehalt: die Zukunft, jede Zukunft ist akzeptiert, solange sie die Gegenwart nicht tangiert. Darin liegen, genau betrachtet, zwei Zukünfte: eine in die Gegenwart eingeschlossene, entgiftete, entkernte, planungsoffene, und eine von der Gegenwart ausgeschlossene, lieber nicht realisierte, obgleich sie ebenso – und vielleicht dringlicher – ins Haus steht wie die andere. Dieser nicht realisierte, nicht zu realisierende Zukunftsrest ist das, was kommt, weil es gar nicht ausbleiben kann und nichts weiter, nachdem das Bewusstsein ihm jede weitere Bestimmung versagt.
Jeder Ausschluss wirkt unter einem bestimmten Gesichtspunkt naiv. Anders als die Revolution entlässt das ausschließende Bewusstsein seine Kinder nicht. Es grenzt sie aus, es grenzt sie ein. (Hier liegt vielleicht einer der Gründe, aus denen manche Spätgebärende am Ende ihr leibliches Kind nicht mehr ›ins Leben entlassen‹ kann.) Die Spiele mentaler Ausgrenzung durch Marginalisierung, Limitierung, Verschachtelung, Umetikettierung und -wertung sind selten aus- oder zu Ende gedacht. Die Spieler befolgen die Regeln intuitiv, auf mimetischem Wege, ohne auf sie zu reflektieren, also ›unbewusst‹, wie alle Beteiligten in schöner Arglosigkeit behaupten. Es bleiben aber Spiele, Erkundungen im Bereich der verfügbaren Kräfte und der erzeugbaren Spannungsverhältnisse. Man kann auch immer wieder von ihnen lassen. In jedem Spiel gibt es Pausen. Sie dienen nicht nur dazu, Atem zu schöpfen und neue Kräfte zu mobilisieren, sie sollen auch den Spielcharakter zu erhalten.
Erst das gesellschaftliche Tabu räumt mit dieser Beweglichkeit auf, es scheucht die beteiligten Kräfte auf ihre Plätze, bei Strafe, die rote Karte gezeigt zu bekommen. Der virtuell unsterbliche, durch die Spritze gefügig gewordene Mensch lässt es nirgends zum Äußersten kommen. Etwas anderes kann er sich gar nicht leisten. Die Angst, sich ›gegen seinen Körper zu versündigen‹, ist groß, sie überwiegt alles andere und sie erzeugt Bravheit an Fronten, an denen Mut und Klarsicht die einzig angebrachten Tugenden wären. Das, nebenbei, verleiht dem von außen kommenden ›Selbstmordattentäter‹ die Aura des absoluten Schreckens.

8.

Der virtuell unsterbliche Mensch ist ein Kind des Tabus. Die entwickelten Gesellschaften haben diesen Begriff aufgesogen wie ein Schwamm, sie setzen sich, wohin sie sich auch wenden, auf seine Spur. Man könnte meinen, das sichergestellte Tabu sei die Trophäe der ins Helle gedrehten Welt, eine Art Faustpfand gegen die Wiederkehr der dunklen Zeiten: Das aufgehellte Tabu ist das verblasste. Doch diese empfundene und durch den Lichtschalter an der Wand wirkungsvoll ins aufgeklärte Gemüt gepflanzte Helligkeit ist zuerst und zuletzt eine Metapher. Die Sicherheit lichterfüllter Räume ist und bleibt trügerisch. Und wie es so geht: sie hindert die Gedanken keineswegs daran zu entgleiten.

(... Kein Denken hält
von ihm Gedachtes, es entfällt
ihm seit- und rückwärts, nur verwischte Spuren,
ein wenig Schmutz, der bleibt:) Welt...
in sich gelöst, sich lösend, anlasslos zergehend.

Was da zergeht, ist nicht bloß eine Perspektive (die in eine andere übergeht, schon übergegangen ist, sobald sie jemand ›ins Auge‹ fasst), auch nicht das ›gesicherte‹, seltsamerweise ununterbrochen durch neues ersetzte Wissen. Im Medium des entgleitenden Denkens wirkt selbst der Weltbegriff übergangslos löchrig, ungewiss und zerfasernd. Wer ›Welt‹ sagt, zitiert ein mächtiges Tabu, er zitiert es herbei, doch es weigert sich, sichtbar zu werden, es wird durch keine ›erhellende‹ Gedankenbewegung erreichbar. Erst das entgleitende Denken brennt ein Loch in die antimetaphysische Bravheit und ist erstaunt, weniger als nichts, nämlich nicht zu sehen. Das In-der-Welt-Sein, dieser fortgesetzte Akt primärer Selbstbestirnung, in der das biologische Sein den Takt angibt und sogleich verschwindet, um an anderer Stelle wieder hervorzukommen, als kontrollierte, als umsorgte, als umhegte Funktionseinheit, es hat die Tendenz zu zerfallen, nicht ›in Wirklichkeit‹, nicht ›in Gedanken‹, nicht ›in nichts‹, sondern prädikatlos, einfach so, ohne weiteres. Das Tier, das Drogen braucht, um sich zu ertragen, muss sich mental stabilisieren – wogegen? Doch wohl gegen das Überleben, das es verschlingt.
Das aufgehellte Tabu ist das verblasste: ein Schauspieler, der nur aus Wort, Geste, Mimik, Kostüm und Schminke besteht, bleibt immer ein Stück Weltlosigkeit, ein seltsamer Heiliger ohne Kirche, ohne Bekenntnis, ohne Ritual (da die Rolle es aufsaugt), ohne Verbindung zwischen Innen und Außen außer dem motorisch gewordenen Wunsch, es richtig zu machen. Er ist in allem das vollständige Gegenstück zu sich selbst, ein gegenwendiges Selbst, eine ›perfekte‹ Illusion in den Augen eines aufgeklärten Betrachters, vorausgesetzt, dieser will nicht bloß betrachten, sondern ist darauf aus, das Spiel zu durchschauen. Der Beobachterposten ist immer frei und er ist immer vergeben. Jedem steht es frei, ihn einzunehmen, und allen ist es verwehrt, ihn anders zu interpretieren, als er angelegt ist. Wer beobachtet, soll auch berichten, der stille Beobachter legt ein Depot auf eigene Rechnung für eine ungewisse Zukunft an. Andere werden damit umgehen können. Die Welt braucht ihre Schauspieler und ihre Informanten, sie erbaut sich aus ihnen und in ihnen von Sekunde zu Sekunde – neu, möchte man sagen, doch die Stimme zögert. Dieser ungeheure Kraftakt erinnert an die Luftsäule, die jeder trägt und die niemand spürt, obwohl er von Haus aus unter ihrem Gewicht zusammenbrechen müsste.
»Lass dich nicht gehen« – wohin die Reise wohl ginge? Leider gehen die ersten Schritte immer schon zu weit und man kann sie unmöglich hinnehmen. Später, wenn der Weg leichter würde, sähe die Sache anders aus, aber soweit lässt es kaum jemand kommen. Es müsste schon ein Niemand kommen, bereit, als Niemand zu gehen, um durch die Schranken zu schlüpfen. Die Philosophie hat die komfortable Lage, niemand zu sein, nicht lange ertragen, sie hat den Antimetaphysizismus wie ein Hundehalsband angelegt und begnügt sich damit, freundlich zu wedeln, wenn die Herrschaften nach ihr blicken. Aber wer ist schon die Philosophie. ›Einer trage des anderen Last‹ – angesichts einer Last, die niemand schultert, obwohl sie auf allen Schultern ruht, muss auch der Altruismus erst altruistisch interpretiert werden, damit jemand ihn anfasst. Er muss erst einseitig werden, ›unter Absehung von‹ funktionieren, um funktionieren zu dürfen. Und natürlich muss er sich rechnen.

9.

Der Schattenmann – eine Figur, die um diese Dinge weiß, aus diesem Wissen lebt, es macht ihn unangreifbar, jedenfalls uneinnehmbar. Er lebt im Zustand fortwährender Selbstbesetzung und hält die leeren Kammern für prall gefüllt, angemessen gefüllt, wie ihm scheint, das Angemessene beschäftigt ihn sehr. Käme jemand und suchte im Ernst nach der labyrinthischen Verfassung des modernen Subjekts, er höbe unweigerlich den Finger und riefe »Hier!« So einer weiß, was er sich schuldig ist, und er kennt auch den Grund.

Angst. Da wäre nicht einer,
dem ich vertraute. Keiner.
Ich weiß schon, er wäre
wie andere auch. Also
greife ich an. Das muss
dich nicht bekümmern, denn schau,
solange ich rede, gewinnst
du, ein Stück Herrschaft sogar, im Hin-
Reden, durch mich hindurch...

Dieses angesprochene, angeredete, angemachte, angerührte Du ist, wie könnte es anders sein, das Objekt der Begierde, das Wort in jedem erdenklichen Sinn genommen. Der Schattenmann lebt für sie, nicht in ihr, er holt sie täglich heraus, um sie zu betrachten, und er kann warten. Im Warten ist er mit sich vereint und entzweit. Es handelt sich um einen Zustand hohen Komforts, er möchte ihn um nichts in der Welt missen. Dennoch reizt auch ihn die Veränderung. Sie ist das gleichermaßen Ge- wie Verbotene, zu dem er sich nächtens durch den Zaun drängt. Dort, auf der anderen Seite oder dem, was er dafür hält, findet er Maulwurfshügel, in denen er Sockel zu erkennen glaubt, leere Piedestale, er widmet ihnen Andachten, als habe er eine Quelle entdeckt, an der er sich eindecken kann. Seinen Abgang konzipiert er in Licht und Flammen, als Autodafé, aber ohne Nachdruck. Gut Ding will Weile haben.

10.

Im physischen Schmerz verbrennt das Bewusstsein. Vergehend nimmt es überhand, schrumpft in Richtung Zukunft, der es entgegenkriecht, doch diese Zukunft, gezeichnet vom Nachlassen, vom ausbleibenden Nachlassen der Empfindung und sonst gar nichts, ist ungewöhnlich leer, ungewöhnlich offen, ungewöhnlich künftig, verglichen mit ihrer Normalgestalt. Man kann auch sagen, sie ist zu, verhangen, abgeschnitten von den Wünschen und Begehrungen, die für gewöhnlich ihr Bild zeichnen. Leider kann sie niemand in diesem Zustand betrachten, ›ins Auge fassen‹, da das in Betracht kommende Auge gerade anders befasst ist. Dieser Sog in Richtung einer nicht gezeichneten Zukunft kann geräumig genug sein, um das Ich dranzugeben. Das nennt man ›vom Schmerz überwältigt sein‹.

Mit dem Wind spricht
kein Drüber, der Wind
widerspricht. Seine Worte
peitschen das Wasser.

Es ist nicht nur der Schmerz, es ist nicht immer der Schmerz, aber es ist immer wieder der Schmerz, der den Sog erzeugt, jedenfalls seine Anfänge, da der gewohnte Griff nach dem Medikament uns den Rest erspart. Der Rest wird der Psyche als ›Horror‹ zugeführt, aber das lustvolle Mit-Leiden bedient ein anderes Register und ist ungeeignet, hier weiter zu führen. Gibt es das überhaupt? Gibt es etwas, das hier weiter führt? Der ›nackte Schmerz‹ deckt das nackte Tier auf, das ist Sache eines Moments, wie lange er auch anhalten mag, ein unbrauchbarer Vorgang, etwas, das ›nicht sein muss‹, ein Gegenstand der Furcht, nicht der Begierde, es sei denn, jemand bastelt auch daraus eine Droge.
Der Schmerz führt nicht weiter, er führt ein in das zweite Bewusstsein, das nicht über oder unter dem funktionalen liegt, sondern es schattenhaft durchdringt. Er lehrt die Weisen des Sich-Entziehens und des Entzugs. Aber das ist nur die negative, sozusagen funktionale Seite des Nichtfunktionalen. Darüber hinaus ›lehrt‹ er nichts. Er leert die Kammern, aber er füllt sie auch. Auf welchen chemischen Wegen das geschieht, ist eine Frage, die Hersteller von Psychopharmaka und ihre akademischen Zulieferer beschäftigt. Für jeden, der versteht, dass auch der erfolgreiche Griff hinter das Bewusstsein es keineswegs als Illusionstheater entlarvt, sondern ihm in allen Aspekten verhaftet bleibt, besteht die andere fort, auf welche Weise denn etwas ›zur Sprache kommt‹ – eine zaghafte, dabei prozesshafte Wendung –, dem offenbar von Haus aus keine Sprache eignet und das für die meisten stumm bleibt. Vielleicht enthält der Umstand, dass es nicht in jedem und keineswegs immer zur Sprache findet, einen Fingerzeig.
Es findet ja eine Sprache – das hemmungslose, das nicht abreißende, das sich im eigenen Abriss erneuernde Quatschen –, so wie alles irgendeine Sprache und irgendeinen findet, der zuhört. Was ist das? Unkontrollierte Rede? Unzuverlässige Rede? Lässt sich der Mangel durch Protokollsätze beheben? Durch logische Analyse? Durch vermehrten Gedankenaustausch? Das alles sind Verfahren, die an den Rändern des Sprechens mitgerissenen Informationen abzustreifen und der Zensur zu überantworten. Die écriture automatique der Surrealisten war ein Witz, mit dem heute noch hier und da Schulkinder gequält werden, immerhin ein ernsthafter: Ginge es mit dem Quatschen immer weiter, dürfte es sich hemmungslos gehen lassen und würde nicht immer wieder zurückgefischt in die Tröge, in denen man es gut sein lässt, so wäre schließlich alles, was hier gesagt werden kann, ›irgendwie Sprache‹ geworden. So ist es nicht. Da schon die abgelieferten Proben des hemmungslosen Sprechens ununterbrochen das Unerträgliche streifen, fallen sie ganz von allein zurück in den Bereich der Zensur und des Verstummens.

11.

Republikaner! Genossen! Mitbürgerinnen und Mitbürger! PrivatfernseherInnen! Ja was denn noch –? »Ich liebe – Ich liebe doch alle – alle Menschen – Na ich liebe doch – Ich setzte mich doch dafür ein...« Mit dem famosen Satz des weiland Genossen Minister für Staatssicherheit zerriss vielleicht ein Teil des Banns, der lange auf der Literatur lag und sie daran hinderte, ein Sprechen zuzulassen, das sich nicht dem Ehrgeiz verdankt, in gesellschaftliche Kämpfe verstrickt zu sein, das sich überhaupt signifikant weniger dem Ehrgeiz verdankt, und sei es der, ein klein kleinwenig Politik zu machen und die Welt von sich zu überzeugen wie Daumesdick. »Um der Liebe und Güte willen« – als ob das so einfach wäre. Können wir denn zulassen, dass ›es‹ zur Sprache kommt, allein verstellt durch die Sprache, in der es kommt, und durch nichts weiter, obgleich alle schon weiter sind, wie sie behaupten? Das ewige Weitersein, das lieber den Schmerz verbeißt als ihm nachzugehen, das ihn lieber den Instanzen überantwortet als sich ihm, taucht nörglerisch aus jeder Falle wieder auf, die sich ihm stellt. Es kommt nicht weiter und das ist seine Wahrheit. Es gibt aber Menschen, denen das Weitersein abgeht. Nach ihnen greift die Sprache anders.
Der Schmerz ist ein Stellvertreter dessen, was nicht ausbleibt, des Unbehebbaren, einer unter mehreren, aber ein paradoxer, weil man weiß, dass er sich beheben lässt – fast jederzeit sogar, sofern man die Mittel kennt und akzeptiert. Das eben macht ihn zum Stellvertreter, andernfalls zählte er nur dazu. Es gibt Schrecken, die nicht zu beheben sind, auch wenn es zum korrekten Umgang ›mit diesen Dingen‹ gehört, jedes Aufsehen zu vermeiden und im Ernstfall alles zu leugnen. Welche Gestalt sie annehmen, ist kaum vorhersehbar und ihre allgemeinste Form ist vielleicht die Todesfurcht, die nicht weggeht. Der eine oder andere verdankt ihr einen besonderen Geschmack unter der Zunge, jenen Geschmack des Todes, den viele für ein poetisches Bild halten. Nein, es ist nicht der Schmerz, der beschäftigt, es ist der Bereich des Bewusstseins, in den er einführt. L'Irrémédiable heißt ein Gedicht von Baudelaire, das der Sache nahe kommt, sie aber mit der Aufzählung von Schauermotiven auch wieder zudeckt. Historisch gesehen ist ein solches Urteil ungerecht, denn der von der Romantik entdeckte Schauer, auf den der Dichter so große Stücke hielt, dass er denjenigen einen Dichter nannte, der einen neuen Schauer entdeckt, war ersichtlich ein Begleiter des in allen Arten von Bekennern und Bekenntnissen ersterbenden Christentums und damit eines intellektuellen Siechtums besonderer Art. Irgendwann ist auch damit Schluss. Die fröhliche, etwas tumbe Glaubensbereitschaft der Zeitgenossen, die ›sich gegenwärtig nicht festlegen‹ möchten ›und dann irgendwie schon‹, spiegelt sich in Köpfen, die lieber schaudern machen als dass sie sich affizieren lassen würden.
Unbehebbar ist, was durch keine, auch nicht die glühendste Überzeugung aus der Welt geschafft werden kann, also das, was wiederkommt, so oft man es auch daraus verbannt. Das trifft auf vieles in der Gesellschaft zu. Allerdings ist die Gesellschaft auch der Ort, an dem die Kämpfe kein Ende nehmen – letztendlich gehen sie über das Individuum weg, das sich brav in sein Kämpferlos fügt, weil ihm sonst nichts einfallen würde. Diese erstaunliche Einfallslosigkeit, diese Unart, sich gegenseitig totzutrampeln und fürs Mitmachen-Dürfen dankbar zu sein, ist schockierend, man sollte die Empörung darüber in alle Geschichtsbücher eintragen, zumindest hier und da hineinkritzeln.

12.

Den Sprung in die Zeit erfahren zu haben, wenigstens einmal, bei vollem Bewusstsein, mit allen Sinnen, mit allen Vorwärts- und Rückwärtsmotiven – das macht den Unterschied. Das Knirschen der Schale gewahr werden, dabei sein, wenn das Ei zerbricht, ins Licht entlassen zu werden, und sei es das der Ladenpassagen und Kameras, verwandelt ein Leben, zeichnet es, gibt ihm Kontur, hebt es aus dem Immer und Nie heraus. Es sind nicht die Zeitereignisse, die den Grat überqueren, es ist die Ereignis gewordene Zeit. Bleibt immer die Frage, worin die Differenz liegen könnte – gerade sie lässt sich nicht schlüssig beantworten. Das Wort ›Ekstase‹ bietet dafür ein räumliches Bild und manches Denken beruhigt sich dabei. Man kennt andere, ebenso behelfsmäßige Bilder wie das vom ›rasenden Stillstand‹, aber auch sie bilden nicht den Charme des Beginns ab, die Gewissheit, dass etwas Neues anhebt, für das die Worte erst geborgt und gebogen werden müssen. Es ist aber, genauer betrachtet, keine ›Gewissheit, dass‹, sondern eine ›Gewissheit dessen‹, eine ›Gewissheit in dem‹, was geschieht, weit entfernt von allem Überzeugtsein, das später kommt oder sich einmischt. Das absolute oder, vorsichtiger gesprochen, intensive In-der-Zeit-Sein erlaubt, gleichsam nebenher, Rückschlüsse darauf, wie fragmentarisch die gelebte Zeit bleibt, in der die Uhren ihren gewohnten Gang gehen. Dieses tägliche Aus-der-Zeit-Fallen ist ja eine Voraussetzung für ein Leben in Sachbezügen, also für das, was man das rationale Weltverhältnis nennt, obwohl es ebenso irrationale Züge trägt wie jenes, gegen das es sich gern abgrenzt. Im ›Sprung‹ kommt nicht einfach der ›andere Zustand‹ zum Vorschein, ein Phantom, das seine Existenz ohnehin eher der Überzeugung von der Erforschbarkeit des Nicht-Rationalen oder, für Eingeweihte, des ›Nicht-Ratioïden‹ verdankt. Was immer über ihn ausgesagt werden kann, es betrifft diese Zeit und es betrifft sie im Kern. Die Wirklichkeit selbst wurde im Durchgang durch sie eine andere und die Rede von den Uhren, die manche zurückdrehen wollen, kennzeichnet das sinnlose Aufbegehren gegen eine als bloßen ›Zustand‹ deklarierte Welt.
Zuverlässig erkennt man den Ideologen daran, dass er hier den Rotstift ansetzt. Er kann nicht zulassen, was er sieht, viel weniger, was er hört. Das hier ist wirklich und er ist es nicht. Das Ich feiert in einem anderen, dichteren, intensiveren Bezug. Dieser Sachverhalt ist es, den die distanzierte Rede vom ›subjektiven Hochgefühl‹ ausdrückt – buchstäblich ausdrückt wie einen Pickel, in einem Akt der Distanzierung, der das eigene ›Subjekt‹ einschließt, sollte es etwa infiziert sein. Diese Virus-Idee ist vielleicht der Ansatzpunkt dessen, was man diesseits aller Verdächtigungen Ideologie nennen könnte. Dass als Glück erfahren wird, was nicht ausbleiben kann oder darf, wo menschliches Leben sich entfaltet, enthält sicher ein gewisses Maß an Verblendung, die Realität ›gibt es nicht her‹. Aber es ist kein Infekt, der sich durch eine Injektion von Wirklichkeitssinn beseitigen ließe. Auch das Hochgefühl hat seine Tiefs und es bleibt nicht einfach beim Gefühl oder ›Aufgewühltsein‹, das ganze Weltverhältnis ist aufgerufen und ›spielt mit‹. Die Poesie kann nicht anders, sie wird hineingerissen in den Wirbel des Subjekts, sie erinnert sich ihrer vertrautesten Bilder, auch sie feiert – mit einem traurigen Auge, wie es den Festen der Auferstehung ziemt. Das traurige Auge der Poesie... Wenn ihm eine Aufgabe zufällt, dann die, im Aufbruch den Abschied zu erkennen und auszusprechen, die Abschiede, denn es sind ihrer viele. Darin liegt keine Rückwärtsgewandtheit, jedenfalls nicht mehr, als es braucht, um die Differenzen in dem zu sehen, was sich gerade bildet, und zu erkennen, worum es sich handelt.

Wer sich liebt, der gibt sich
heiter davon. Die Trennung
fällt ihm nicht schwer.

13.

Der dies irae der Lebenslust ist der Tag der Abrechnung mit den Eisernen, die so eisern nicht sind, sonst ließen sie sich nicht beizeiten auf Rosen betten. Aber darauf kommt es nicht an. Mancher wird auf glühende Roste gelegt, ohne die spezifische Kälte zu verlieren, die seinesgleichen auszeichnet. Auf dem Sprung sind auch sie, ihr Weg führt aus der zur Vergangenheit umdeklarierten Gegenwart direkt in die Zukunft. »Klar war eines: Es beschossen sich Vergangenheit und Zukunft«, schreibt Trotzki in seiner Geschichte der russischen Revolution. Das ist kein Denken vor dem Tod, es ist ein Denken, das den Tod gibt – im Vertrauen darauf, dass in den kommenden Gefechten die eigene Seite über die besseren Waffensysteme verfügt. Auf längere Sicht ist es ebenso umsonst wie das dröhnende Angekommensein derer, die davon überzeugt sind, dass auf sie nichts Nennenswertes mehr folgen wird. Was in den Phraseologien der Menschheitsentwickler ›Ungleichzeitigkeit‹ heißt, erweist sich spätestens vor dem Tod als hohle Phrase. Man braucht bloß den Gedanken fallen zu lassen, dass einige privilegierte Bewohner des Planeten Heutigere sind als andere, vielleicht als die überwältigende Mehrheit, man braucht bloß –. Dieses ›bloß‹ ist schwer zu realisieren, vielleicht ›am schwersten‹, aber das gilt für anderes wohl auch. Die Blöße, die sich an der Stelle auftut, schmerzt nicht, eher erzeugt sie Ratlosigkeit. Aber auch das ist zu wenig oder ungenau gedacht, zu ungenau für eine Verfassung, die den Angriff auf die Zukunft nicht mehr empfindet, der diese geplante, antizipierte, belagerte Zukunft plötzlich flach erscheint, vergleichbar der ausgeatmeten Luft, die sich unverzüglich mit der verfügbaren, aber ihrem Volumen nach unverfügbaren Luft verwirbelt, verströmt, verflüchtigt.
Nein, sie schmerzt nicht, die Blöße. Warum auch. Der Raum, den betritt, wer sie empfindet, ist dicht bestückt mit Symbolen, einfachen, unverständlichen, komischen, grotesken, Beklommenheit und Furcht einflößenden Zeichen, denen ein unbestimmter Aasgeruch anhaftet. Jedenfalls registriert es die Beklommenheit so und sie reagiert mit Abwehr. Abwehrzauber richtet sich gegen Abwehrzauber, ein Spiel der Wirksamkeiten entbrennt, zu welchem Ende, bleibt ungewiss. Auffällig, dass der Boden fehlt. Was sich als Steg anbietet, erweist sich als tückisch. Wer auf Messers Schneide balanciert, den beherrscht die Furcht, sich zu schneiden oder entzweigeschnitten zu werden. Darin liegt die Frage des als möglich oder als unmöglich angesehenen Rückzugs. Wer ihn für möglich hält, der möchte unverletzt davonkommen – er hat sich bereits geschnitten. Wer ihn für unmöglich hält, der kann nicht anders – er befühlt seine Hälften, als wären sie schon entzwei.
Ein Blatt des Zeichners Jürgen Wölbing: Man blickt auf eine aus roh zugehauenen Balken gefügte Konstruktion, die bis an den Horizont und unabsehbar in die Tiefe reicht. Spektakulär wirkt das nicht. Die Assoziation von ›Weg‹ und ›Grund‹ und ihre Auflösung ins Weg- und Bodenlose wurde durch Bilder vorbereitet, die man in hinreichender Zahl gesehen zu haben glaubt. Vielleicht, vielleicht auch nicht; mag sein, diese Bereitwilligkeit, sich vom unmittelbaren Bildeindruck abzukehren, ohne sich von ihm lösen zu können, gehört bereits zur Wirkung des Bildes. Nichts Besonderes sehen, aber dies mit Macht, wäre nicht die schlechteste Definition von Kunst. Nein, nicht das geometrische Motiv nimmt den Betrachter mit, sondern die Ausführung. Was am Horizont als Landschaft erscheint und im Vordergrund wenig mehr als eine unspektakuläre Grubenverschalung zu meinen scheint, entfaltet seine Kraft im mittleren Bereich, dort, wo das Bodenlose zu keinem Ende kommt. Man möchte ausschreiten und man kann es nicht. Die Wabenlandschaft ist nicht fürs Vorankommen geschaffen, sie behindert es auf jede erdenkliche Weise, doch sie lässt es zu. Sie lässt es nicht nur zu, sie lädt dazu ein, sie fordert es heraus, sie verlangt es geradezu, verlangt es gebieterisch, lässt es als die einzige Weise erscheinen, sich in ihr aufzuhalten. Unwillkürlich stellt man sich Grüppchen vor, von denen einige ihresgleichen weit enteilt sind, ohne dass der Anblick der Waben gewechselt hätte. Dieser Anblick, der Anblick von nichts Besonderem, meint das Gegebene, mit dem einer ›umgehen muss‹, von Fall zu Fall, von Station zu Station, das, was wiedererkannt werden muss, um bestanden zu werden, und durch das Wiedererkennen eine Kränkung erfährt, die sich nicht wieder gutmachen lässt, da es doch eigen ist, einmalig auf seine Art und, was schwerer wiegt als die flüchtige Neuheit, unvordenklich und unwiederbringbar.

14.

Bilder zu finden, in denen der Tod still steht, ihn gleichsam in trockene Tücher zu bannen, ist keine Kunst, sondern eine Lebensaufgabe, eine Obsession, der niemand freiwillig nachgeht, es sei denn, die Nötigung wirkt übermächtig in ihm, so dass die Ausführung selbst als der ihm einzig denkbare Freiraum erscheint. Angesichts der umfassenden Paradoxie des Unterfangens ist auch diese Wendung – nichts Besonderes. Die Künste existieren vis-à-vis der Aufgabe, das Gestaltlose zu gestalten: Hier ist sie. Nicht ganz, denn dieses Gestaltlose ist selbst eine gestaltende Macht. In ihrem Licht ›gibt‹ es keine Lyrik. Man muss sie schon neu erfinden. Nicht den einzelnen Vers, in dem manches anklingt, auch nicht das einzelne Gedicht, das irgendwann entsteht, sondern die Weise, in der etwas in die Stille hinein erklingt oder ertönt, was Sprache ist und sich sachte aus ihrer Prosagestalt löst, ohne sich gänzlich abzulösen, ohne Musik zu werden, obwohl es bestimmte Grundelemente mit ihr teilt, zum Beispiel den Rhythmus. Einer allgemeinen Tendenz zu stereotypen Wendungen nachgebend könnte man sagen, jemand muss auch das Erfinden neu erfinden, um hier zu Resultaten zu gelangen. Glücklicherweise erfindet es sich im Erfinder selbst, so dass dabei keine weitere Schwierigkeit entsteht außer der, die die Zeit selbst beinhaltet.
Kunst braucht Willfährige und sie schafft sie sich. Künstler sind Werkzeuge und sie wissen das. Ein bisschen taub, ein bisschen empfindungslos müssen sie sein, wenn sie bestehen wollen. Sieht man genauer hin, so entdeckt man unter ihnen die Werkzeuge des Todes, durch die er ein wenig stärker ins Leben der Leute hineinragt, als es sonst der Fall wäre. Das findet nicht jedermanns Beifall, aber da er auch nicht vonnöten ist, lässt sich dieser Umstand verschmerzen. Es reicht festzustellen, dass es sie gibt, dass sie keineswegs darum bitten, zugelassen zu werden, eher, sie auszulassen. Sie haben zu tun.

Arm-, beinlos, ohne Grund
stemmst du Gewichte, die entwichen sind,
sobald du sie berührst, doch mindert das
nicht im geringsten die ›erbrachte Leistung‹,
die keiner will, die keiner
vermisst hat, als sie in dir lag. Jetzt liegt
sie hinter dir, und vor dir liegt,
was liegen blieb, ein Block, an dem
sich schon die Nächsten stoßen, weil
das Ärgernis nicht nachlässt, sondern bleibt.
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