Ulrich Schödlbauer

Als in Theben wieder einmal die Pest ausbrach und man sah, dass die Rinder wegstarben wie die Menschen, verkündete König Ödipus, dass sich die Thebaner künftig von allem Rindvieh fernhalten sollten, da es offenbar die Quelle des Übels war. Es starben aber die Menschen wie die Rinder, teils des Hungers, teils der Seuche wegen. Da gebot der König, dass künftig jegliches Rindvieh verbrannt werden solle, das mit kranken Tieren in Kontakt gekommen war. Die Menschen und die wenigen verbliebenen Tiere starben weiter. Da gebot der König, dass künftig mit den Menschen wie mit dem Rindvieh verfahren werden solle.

Es starben aber diejenigen, die mit den Verbrennungsarbeiten betraut wurden, so dass sich binnen kurzem niemand mehr zu diesem Dienst gebrauchen lassen wollte. Da gebot der König, alle erwachsenen männlichen Bewohner der Stadt sollten in ihre Häuser eingesperrt werden. Nur die Frauen sollten sich frei bewegen können, um das Essen in der Stadt zu verteilen. Die Kinder aber – hier bebte die Stimme des Herolds, der den Beschluss des Königs verkündete – sollten in eine nahegelegene Schlucht getrieben und den Unbilden der Wildnis ausgesetzt werden, auf dass nur die Tapfersten und Gesündesten überlebten. Es starben aber Männer, Frauen und Kinder und auch das Vieh dezimierte sich stündlich weiter.

In der Folge wendete sich das Blatt. Ein blinder Seher, dessen Name sich im Dunkel der Zeiten verliert, trat vor den König und verlangte mit hohler Stimme die Aufklärung der Umstände, unter denen der Vorgänger des Ödipus ums Leben gekommen sei. Denn Ödipus war just zu jener Zeit als Landfremder in die Stadt gekommen und hatte in Windeseile die Herzen vor allem der Frauen erobert, die einander zuzwinkerten, er sei in Wirklichkeit eine von ihnen und mit ihm besteige zum ersten Mal in der Geschichte den Thron Athens eine Person weiblichen Geschlechts. Die Befragung der Zeugen fand an drei aufeinanderfolgenden Tagen statt. Am Ende brachte ein greiser Ziegenhirt, der während all der Jahre nicht in der Stadt gesichtet worden war, Licht ins Dunkel der überlebten Geschichte. Ödipus hatte den alten Laios, unwissend, um wen es sich handelte, auf der Landstraße erschlagen, nachdem der ihn in die Kutsche aufgenommen hatte, weil er ganz heiß auf Geschichten aus der Fremde war, vor allem der östlichen, aus der Ödipus kam. Nach der Tat hatte der junge Räuber seinen Weg seelenruhig fortgesetzt und sich von den Thebanern als Sendling der Götter bestaunen lassen. Da ihm die alte Königin nicht behagte, hatte er nach und nach die halbe Jungfernschaft Thebens geschwängert und dabei die Pest des Ostens ins Herz der Stadt gepflanzt.

An dieser Stelle angekommen, schwiegen die anwesenden Thebaner. Dann stürzten sie sich auf den Ziegenhirten, rissen ihm die Zunge heraus und traten sie in den Grund. Daraufhin geboten sie Ödipus, er habe nichts von diesem grausamen Akt gesehen und blendeten ihn vorsichtshalber an beiden Augen. Der hinzueilenden Königin erzählten sie, sie habe Inzucht mit ihrem eigenen Sohn getrieben und müsse deshalb sterben. Sie könne aber ihrem Verhängnis entgehen, indem sie jedem fremden Schnüffler, der sich eventuell blicken lasse, das Märchen von einem Orakel aufbinde, das alles vorhergesagt habe und deshalb an allem schuld sei. Sie selbst aber erzählten den Fremden, die Alte sei in Wahrheit die Sphinx, die Ödipus einst mit der Wahrheit geschwängert und dadurch unschädlich gemacht habe.

Da erkannte die Pest, dass es keinen Zweck hatte, in einer solchen Stadt länger zu verweilen, sie schwang ihre schwarzen Flügel und verschwand über die Berge.

 

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