Acta Litterarum: Die Autoren
 

Um die Empörung auf Dauer zu stellen und die Bewegung in Bewegung zu halten, setzen die Akteure eine Mechanik der Radikalisierung in Gang, deren Konsequenzen ihnen zunächst kaum bewußt sind und die sie schließlich überrollt. [...] Ohne eine gewisse Selbstbornierung, ohne Rigorismus und Überentschiedenheit bleibt der Protest zahnlos. Das Ergebnis ist eine Art Selbsterziehung zum Haß. Haß ist, anders als Wut und Zorn, kein Affekt, sondern eine Leidenschaft, die sich mit zunehmender Erbitterung des Kampfes immer tiefer eingräbt. Es ist der Primat des Handelns, der den Akteuren auferlegt, kognitive Differenzen zu verleugnen, in simplen Freund/Feind-Schemata zu argumentieren und Abweichung im Inneren nach der Logik von Häresie und Säuberung zu behandeln. (10f.)

Dergleichen gilt immer, aber zu gewissen Zeiten mehr als zu anderen. ›Selbstbornierung‹ wird endemisch, wenn sie ins Geflecht staatlicher Förderprogramme gerät. Was, fragt sich der nüchterne Zeitgenosse, hat sie dort verloren? Der Fanatismus des Antifanatismus gebiert Ungeheuer der praktischen Vernunft, allein schon deshalb, weil die theoretische schweigt oder ihre Dienste zum Nulltarif anbietet. Fanatisch antifanatisch gebärdet sich nur, wer den Hass von der Pike auf gelernt hat und endlich mitmischen will. In der Regel dürften das Leute sein, die irgendein Regierungssiegel für ihr Tun brauchen, überschießende Sympathisanten des aktuellen ›Regimes‹, irgendeines, nur nicht der offenen Gesellschaft, in der jedes ›Regime‹ sich verläuft, weil gerade darin das Bewegungsgesetz der Freiheit besteht. Frage: Welche Regierung lässt sich diese wirklichen, weil versteckten Feinde der Freiheit gefallen? Wie weit geht das Gefallen? Schließlich: Wie naiv ist dieses Gefallen? Weiß die Regierung, auf welches Spiel sie sich einlässt? Es gibt eine Naivität der gewähnten Gleichheit der Ziele, die über die Wahl der Mittel hinwegsehen lässt, jedenfalls eine Zeitlang. Manch einem wird diese Zeit lang, zu lang vielleicht. Das ist die Zeit, in der das Nachdenken über die Ziele (oder vielmehr: das Ziel hinter den Zielen) einsetzen sollte.

Nach und nach schält sich auf diese Weise eine aggressive Ideologie heraus, die die Aufklärungsimpulse des Anfangs durch Agitation und Propaganda ersetzt. Die Bewegungsbewegtheit funktioniert nun als eine Methode sozialer Selbstverdummung, als Hervortreiben und Pflege einer Dummheit, die freilich deshalb besonders gefährlich ist, weil sie sich selbst ja gerade nicht als Unvermögen und Mangel, sondern im Gegenteil als eine höhere und zudem durch Fühlen – Befreiung und Gemeinschaft – beglaubigte Wahrheit begreift. (11f.)

So sieht es aus. Wie Paris’ Beispiel des Genderfeminismus in der Realität zeigt, bemächtigt der Dualismus der Radikalen sich erst der Fördertöpfe, dann der Tröpfe im Gefüge der Macht, um am Ende unüberwindbar auf Gestaltung zu pochen. Das ist der Weg, den das Heilsbegehren unter den Menschen zu nehmen pflegt. Man weiß, wie’s ausgeht, aber es bleibt immer aufs Neue spannend. Was, wenn die Heilsanwälte unterschiedlicher Herkunft sich kreuz und quer über den Sattel zerren? Der arme Gaul.

 

Rainer Paris: Gender, Liebe & Macht. Vier Einsprüche, Waltrop und Leipzig 2008