Acta Litterarum: Die Autoren
 

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EIN GEDICHT

 Gut gesagt.
Aber schreiben Sie erst mal eins oder zwei oder drei oder vier...
Irgenwie muss man ja anfangen,
oder muss der Dichter immer erst auf einen Anlass warten?
Anlässe gibt's billionenfach.
Doch was ist es wert, festgehalten zu werden?
Festhalten, das sagt sich so einfach.
Festhalten, hm, womit eigentlich?

Hören Sie lieber auf,
Ihre wertvolle Zeit zu verschwenden,
denn aus dem Gedicht hier wird sowieso kein Gedicht… Andererseits,
was man einmal angefangen hat, soll auch
zu einem Ende gebracht werden.

Doch wie zaubere ich einen Endsieg herbei?
Noch einmal von vorn beginnen? Aber wo ist vorn, wo hinten?
Bei einer Frau ist das einfacher auszumachen,
aber an einem Gedicht? Da gibt es doch nur unten und oben.

Von hier aus käme man als Mann schnell zur Politik – oder?
Da gibt es selten ein Oben, eher ein Drunter und Drüber.
Verstehen Sie mich? Dann bestehen Sie schon die erste Prüfung.
Können Sie mich noch ausstehen?
Vorsicht: Sie werden noch in der Schlange stehen,
um mir die Hand schütteln zu dürfen.

Was sich im Stehen alles so erleben lässt. Doch was hat das
mit Verstehen zu tun?
Einst wollte ich meine Magisterarbeit in Philosophie dem Thema
widmen: »Was heißt verstehen?«

Aber dazu kam es nicht. Das lässt sich hier in einem Gedicht
nicht mehr klären, wirft aber immerhin die Frage
auf: Verstehen Sie mein Gedicht?

Wenn ja, dann hat das Verstehen doch irgend etwas mit Verstand
zu tun. auch wenn es sich nicht reimt,
so hat es doch Bestand.

Von hier aus kommt der Geist schnell auf die Worte Abstand und
Anstand, die wiederum ziehen den Aufstand, den Bestand,
ja, sogar den Vorstand und den Zustand mit ins Spiel...

»Zustand ist ein albernes Wort«, erkannte schon Goethe, »weil
nichts steht und alles beweglich ist.«

Aber ich will es nicht zu weit treiben mit Ihrer Geduld.
Ist das nicht verrückt?
Da können Worte aus einem Stamm sein, aber sie wachsen
sich wie unsere Kinder in ganz verschiedene Richtungen
aus, als wollten sie nichts mehr miteinander zu tun haben.
Kennen Sie das aus Ihrer eigenen Familiengeschichte?

Gestehen Sie: Sie verstehen gar nichts!
Selbst wenn Sie diese Prüfung hier bestehen oder schon
viele Prüfungen bestanden haben, ich gestehe Ihnen alles,
das heißt: nichts! Und das ist mehr als alles.
Verstehen Sie?

Was kann ich für Ihre abstehenden Ohren? Oder Ihre ausstehenden
Zahlungen? In welche Zustände haben Sie sich da
hineinmanövrieren lassen? Haben Sie eigentlich Ihren Ausstand
schon gegeben? Oder haben Sie zu wenig Anstand?

Alles leitet sich von Ihrem Verstand ab.
Verstehen Sie Ihren Verstand? Oder kommt er Ihnen
manchmal ausgeborgt vor?

Gestehen Sie! Sie können nichts, Sie wollen nichts, Sie brauchen
nichts. Ihr Zustand, den Sie selber nicht verstehen,
ist erbärmlich. Nicht immer, aber öfters.

Erwarten Sie Hilfe von einem Poeten? Von einem Luftikus?
Aufschneider, Sprachspieler?

Es wäre klug, das nicht zu beantworten, also das Gedicht
verantwortungslos mit einer offenen Frage
ausklingen zu lassen.

Doch ich gehörte nie zu den Klugen oder leeren Lehrern, denn
Künstler neigen stets zu Übertreibungen.
Nur wer übertreibt, der bleibt – wenigstens länger im Gedächtnis…

Wo sonst?

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