Ulrich Schödlbauer

R   Richter

A
B   Vertreter des Alphabets (A, B und C)
C


 

R

Wessen beschuldigt man Sie?

A

Co

B

ro

C

na –

R

Schon gut. Was haben Sie getan?

A

Co

R

Nein, Sie!

B

Ro

R

Sie scheinen mir hier der einzige Vernünftige zu sein. Reden Sie!

C

Coronaverbrechen.

R

Haben Sie –?

C

Wieso ich?

R

Wer dann?

C

Keine Ahnung.

R

Sie halten die Gerechtigkeit auf.

C

Im Gegenteil. Ich müsste seit einer halben Stunde beim Zahnarzt sein.

R

Warum sind Sie es nicht?

C

Das fragen Sie? Fragen Sie die anderen.

R

Also gut. Wer von Ihnen bekennt sich schuldig?

A und B

Schuldig. Nicht schuldig. Schuldig.

R

Na was denn nun?

A

Also ich habe…

B

Also ich bin…

R

Das scheint mir wichtiger zu sein. Was sind Sie?

B

Wie meinen Sie das? Ich kann Ihnen nicht folgen.

R

Ich frage Sie, was Sie sind und Sie können mir nicht folgen. Auch gut.
Haben Sie ein Parteibuch?

B

Warum fragen Sie das?

R

Haben Sie –?

B

Ja, aber nur heimlich.

R

Wie meinen Sie das?

B

Hab’s damals weggeworfen. Aber nicht richtig. Weiß keiner.

R

Wie lange ist das her?

B

Ach. 30 Jahre? Lassen Sie mich rechnen.

R

Sind Sie nun Genosse oder nicht?

B

Kommt drauf an. Wie rechnen Sie denn?

R

Kommen wir zu Corona. Sie leugnen?

B

Das mit dem Parteibuch? Aber ich hab’s doch gerade gestanden.

R

Hatten Sie einmal –?

B

Corona? Um Gottes willen. Nie!

R

Glauben Sie an Corona?

B

Aber sicher. Sie nicht? Also ich mein’ –

R

Sie werden beschuldigt…

B

Ja?

R

Wieso ja? Wissen Sie’s schon?

B

Nein.

A

Darf ich etwas einwerfen?

R

Nein. Sie warten.

A

Wie lange?

R

Bis ich Anweisungen habe.

A

Wann wird das sein?

R

Wenn ich mit dem da fertig bin.

B

Sie wollen mich fertigmachen?

R

Ich werde Sie fertigmachen. Aber erst zu Ihrem Kollegen.

B

Er ist nicht mein Kollege. Was soll er denn getan haben?

R

Das wollen wir hier klären.

B

Ich nicht. Sie vielleicht.

R

Wollen Sie kooperieren oder nicht?

B

Ich werde nicht kooperieren, bevor der da gestanden hat.

R

Was soll er gestehen?

B

Sein Verbrechen.

R

Welches Verbrechen?

B

Coronaverbrechen.

R

Wie kommen Sie darauf?

B

Hat er doch gesagt.

A

Hab’ ich nicht.

R

Jetzt erzählen Sie mir mal alle zusammen, was Sie verbrochen haben.

A

Also ich hab –

C

Also ich hab –

B

Also ich habe nicht.

R

Was haben Sie dann?

B

Ich bin eingeschlafen.

R

Wo?

B

Im Bett.

R

Weiter!

B

Ich bin aufgewacht.

R

Das erwähnten Sie schon.

B

Nein, das stimmt nicht. Ich bin aufgewacht und da sah ich es.

R

Was?

B

Das Ei.

R

Welches Ei?

B

Das Corona-Ei.

R

Also Sie sahen das Corona-Ei?

B

Einwandfrei.

R

Wie sah es aus?

B

Eiig.

R

Wie meinen Sie das?

B

Also ein-eiig.

R

Aber es sah gefährlich aus?

B

Ein Todesstern.

R

Was haben Sie gemacht?

B

Ihn angezeigt.

R

Sie haben –?

B

Deshalb bin ich ja jetzt hier. Gibt’s jetzt Bares auf die Hand oder überweisen Sie?

R

Sie sind?

B

Nein, er.

R

Wer?

B

Na er.

R

Hat man Sie getestet?

B

Und wie.

A

Hallo hallo –

R

Haben Sie auch Visionen?

A

Nein, ein Parteibuch.

R

Ach –. Darf man fragen welches?

A

Na Ihres.

R

Wie kommen Sie…? Entschuldigen Sie, ich bin etwas verwirrt. Die Hitze, die Maske…

A

Wie ich dazu komme?

R

Ja, bitte. Aber nicht zu ausführlich.

A

Ja dann.

R

Was dann?

A

Verhaften Sie mich.

R

Weil Sie in meiner Partei –?

A

Nein. Weil ich es getan habe.

R

Sie haben es getan?

A

Sonst stünde ich doch nicht hier, oder?

R

Das lassen Sie mal meine Sorge sein. Haben Sie etwas gesehen?

A

Ja.

R

Und was, wenn ich bitten darf?

A

Nashörner.

R

Sie meinen, Sie haben Nashörner –?

A

Ich meine gar nichts. Ich meine, ich habe sie einfach gesehen.

R

Und Sie meinen, das gehört jetzt hierher?

A

Unbedingt. Weshalb sonst stünde ich jetzt hier?

R

Das fragen Sie mich?

A

Nein, das frage ich mich. Ich denke, ich bin hier, weil ich Nashörner gesehen habe. Ja, das denke ich.

R

Denken Sie immer soviel? Ich meine jetzt: zusammenhängend?

A

Die Frage kann ich Ihnen nicht beantworten.

R

Erzählen Sie, was Sie über diese Nashörner wissen.

A

Naja, sie haben dieses Horn…

R

Das brauchen Sie mir nicht erzählen. Wie viele waren es. Wo haben Sie sie gesehen?

A

Sie lesen nie?

R

Ich bin informiert, wenn es Sie beruhigt.

A

Dann verstehe ich nicht…

R

Was verstehen Sie nicht?

A

Ihre Frage.

R

Welche Frage?

A

Wie viele Nashörner ich gesehen habe. Täglich werden es mehr, das weiß doch jeder. Ich sitze mit einem Bekannten vor einem Café…

R

Mindestabstand?

A

Nein, Cappuccino. Es war noch früh.

R

Arbeiten Sie nicht?

A

Nein. Jedenfalls nicht, seit diese Nashörner…

R

Waren Sie beim Arzt?

A

Ja. Nein. Ich habe angerufen, er wollte nicht, dass ich komme. Er hat mir gesagt, ich soll es vergessen.

R

Was sollen Sie vergessen?

A

Alles. Die ganze Sache. Das Fieber, die Nashörner…

R

Sie haben Fieber?

A

Schätze, nicht mehr als Sie.

R

Woher wissen Sie –? Halt, schweigen Sie. Das gehört nicht hierher.

A

Was gehört nicht hierher?

R

Alles.

A

Wenn alles nicht hierher gehört, dann gehe ich jetzt nach Hause.

R

Sie gehen nicht nach Hause. Sie gehören hierher.

A

Das entscheiden Sie?

R

Das entscheide ich.

A

Sind Sie befugt?

R

Oh ja, das bin ich.

A

Sind Sie kompetent?

R

Wie meinen Sie das?

A

Ich meine, können Sie die Symptome … deuten?

R

Machen Sie sich da mal keine Sorgen. Ich bin bestens informiert.

A

Das beruhigt mich. Sie wissen also, warum die Nashörner in der Stadt sind?

R

Wir haben alles unter Kontrolle.

A

Warum bringen Sie sie dann nicht hierher?

R

Das geht Sie nichts an. Aber unter uns … Genosse … wir wissen nicht, wohin mit ihnen. Seit diese Quarantäne-Geschichte gescheitert ist…

A

Ach, sie ist gescheitert? Warum erfährt die Öffentlichkeit davon nichts?

R

Weil es nicht für sie bestimmt ist. Wir schaffen das.

A

Aber die Nashörner…

R

… schaffen uns. Ganz recht. Was sollen wir machen?

A

Aber wer sind die Nashörner? Ich frage als einfacher Bürger.

R

Und ich antworte Ihnen als einfacher Beamter: Wir wissen es nicht. Es sind einfach zu viele.

C

Ich müsste seit einer Stunde beim Zahnarzt sein. Darf ich die Herren…?

R

Sie dürfen uns. Nein, Sie dürfen das nicht. Warten Sie, bis Sie drankommen. Was verlangen Sie?

C

Eine Urkunde.

R

Eine Urkunde?

C

Eine Urkunde.

R

Sie sind hier wegen … Moment mal: Urkundenfälschung? Was haben Sie sich eigentlich dabei gedacht?

C

Kurze Gegenfrage: Waren Sie dabei?

R

Wo soll ich dabei gewesen sein? Drücken Sie sich bitte präzise aus.

C

Ich meine, wenn Sie nicht dabei waren, worüber wollen Sie dann urteilen?

R

Keine Sorge, ich bin im Bilde.

C

Kann ich jetzt gehen?

R

Nein, warum?

C

Wenn Sie im Bilde sind, kann ich gehen. Wenn Sie nicht im Bilde sind, kann ich auch gehen, denn Sie wollen nichts wissen.

R

Ich will alles wissen.

C

Sie wissen es also nicht –?

R

Sie machen mich neugierig. Was wissen Sie?

C

Eigentlich nicht mehr als Sie. Also ich meine, wenn Sie nicht informiert sind…

R

Fehlt Ihnen etwas?

C

Nein. Warum?

R

Dann erklären Sie mir, warum Sie…

C

Sehen Sie, da liegt schon der Fehler. Sie müssten informiert sein, stattdessen fragen Sie mich, was ich davon halte.

R

Was halten Sie denn davon?

C

Nichts. Ich habe mich informiert und Sie haben sich nicht informiert. Das ist alles.

R

Ich weiß, was ich wissen muss.

C

Das meine ich.

R

Wissen Sie mehr?

C

Sie wissen, was Sie wissen müssen. Also wissen Sie nur, was Sie wissen müssen. Sie wissen also, dass Sie nur wissen, was Sie wissen müssen. Sie müssen aber wissen, dass Sie nicht wissen müssen, dass Sie nur wissen, was Sie nicht wissen müssen. Sie wissen also mehr…

R

Davon sollten Sie ausgehen.

C

… als Sie wissen müssen. Sie müssten also wissen…

R

Mäßigen Sie sich. Erkenne ich hier einen klitzekleinen Angriff auf die Staatsmacht?

C

… dass es nicht genügt, nur zu wissen, was man wissen muss. Jeder Mensch hat die Pflicht, mehr zu wissen als er wissen muss. Das nennt man Informationspflicht.

R

Informationspflicht bedeutet: Sie müssen wissen, was Sie wissen müssen.

C

Sie drücken es klassisch-vornehm aus. Ich vermute, Sie besitzen eine humanistische Bildung?

R

Gallia est omnis divisa in partes tres. Da staunen Sie. Haben Sie ein Parteibuch?

C

Also jetzt nicht direkt … ich hab’s nicht dabei.

R

Beim nächsten Mal nicht vergessen. Wo soll ich den Stempel…?

B

Dürfte ich meine Anzeige…?

R

Schon wieder?

B

Nein. Noch einmal.

R

Wieso das denn?

B

Ich glaube, meine erste Anzeige wurde nicht ordnungsgemäß aufgenommen.

R

Was Sie nicht sagen. Glauben Sie das oder wissen Sie es?

B

Ich glaube zu wissen, was ich gesehen habe.

R

Was haben Sie denn gesehen?

B

Einen Stapel Anzeigenformulare, auf denen stand: ›Noch ein Irrer‹. Das hat mich verunsichert.

R

Und Sie glauben…?

B

Sie nicht?

R

Immer. Jeden Sonntag.

B

Ich wusste es. Gemeinsam sind wir mehr. Sind Sie Kirchgänger?

R

Beides. Zeigen Sie an, aber beeilen Sie sich.

B

Ich sah den Todesstern…

R

Das erläuterten Sie bereits…

B

… auf den Stufen des Reichstags…

R

Des schwedischen?

B

Sie verwirren mich. Er senkte sich nieder und dann…

R

Sie müssen schon zur Sache kommen.

B

Ich sagte doch: Es geschah etwas.

R

Ich bitte Sie! Aber was?

B

Das will ich ja zur Anzeige bringen. Es geschah etwas anderes.

R

Etwas anderes? Anders als was?

B

Das kann ich nicht sagen. Ich war dabei, aber die anderen waren nicht dabei.

R

Welche anderen denn?

B

Nun, die anderen. Die wissen, was dann geschah.

R

Und Sie wissen es nicht? Ich dachte, Sie waren dort?

B

Dachte ich auch.

R

Waren Sie dort…?

B

Ich weiß nicht. Eigentlich nicht. Ich meine, substanzmäßig nicht. Obwohl wesensmäßig schon. Oder umgekehrt. Ich kenne mich da nicht aus.

R

Was haben Sie gesehen?

B

Nichts.

R

Was wollen Sie zur Anzeige bringen?

B

Alles, was geschah. Es war ungeheuerlich.

R

Sie sagten es. Können Sie mir erzählen, was geschah?

B

Gern. Darauf habe ich gewartet. Ich sah…

R

Halt. Warten Sie! Haben Sie ein Parteibuch?

B

Nein.

R

Sie meinen also, Sie könnten mir erzählen, was dort geschah?

B

Aber gewiss doch. Deshalb bin ich doch hier.

R

Das ist so nicht richtig.

B

Gut, dass man das erfährt.

R

Also erzählen Sie, was Sie unbedingt loswerden wollen.

B

Eigentlich will ich es gern behalten.

R

Sie verschweigen mir doch nicht etwas?

B

Eigentlich nicht. Ich behalte nur schlecht.

R

Soll das heißen, Sie sind sich Ihrer Sache nicht sicher?

B

Eigentlich nicht.

R

Dann reden Sie endlich!

B

Wann?

R

Wir haben Zeit.

B

Das dachte ich mir schon. Sehen Sie…

R

Schweigen Sie.

B

Das dachte ich mir.

R

Sie denken ein bisschen viel.

B

Das meinte der Arzt auch.

R

Welcher Arzt?

B

Mein Hausarzt.

R

Name, Anschrift?

B

Eigentlich der vorige. Dieser war mir zu stressig.

R

Warum?

B

Das frage ich mich auch. Ich wollte doch bloß ein Attest…

R

Sieh an. Sie wollten sich also befreien lassen.

B

Befreien? Von was? Wie kommen Sie darauf?

R

Ich verstehe Sie nicht. Sprechen Sie sich aus.

B

Ich wollte bloß… Ich wollte bloß ein Attest…

R

Weiter!

B

Ich wollte weiter…

R

Aber wohin?

B

Sehen Sie, jetzt kommen wir der Sache schon näher.

R

Ich verstehe nicht.

B

Die Dinge werden schwierig.

R

Das können Sie laut sagen.

B

Habe ich geflüstert? Flüstere ich schon? Ist es schon so weit?

R

Es reicht, dass ich Sie verstehe.

B

Sie verstehen mich? Das macht mich glücklich.

 

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