Ulrich Schödlbauer

Unzeit ist immer.

In den Verliesen der Angst lagert der Sprengstoff,
bereit, hochzugehen wie eine Bombe
oder eine zur Unzeit gelöschte Ladung,
die ihre Bestimmung verfehlte und seither als Drohung
zwischen den Menschen liegt … unerkannt, wie es heißt.
Doch natürlich ist das nur die halbe Wahrheit, die ganze
nähert sich stark verschwörungstheoretischen Positionen und ist
in der Breite der Bevölkerung
nicht durchsetzbar.

Durchsetzbar hingegen
in der Breite wie in der Höhe
ist das volle Programm der Angst.
Und zwar aus dem einfachsten aller Gründe:
Angst treibt Angst. Die Angst der Zocker
vor dem Absturz ist real. Real ist
die Angst der Nichtzocker vor den Zockern,
die Angst der Gewählten angesichts ihrer Abhängigkeit
von den Zockern und vor den Nichtzockern,
dass sie eines Tages angstfrei erwachen könnten,
was die größte Verschwörung von allen,
pures Dynamit, wie man früher sagte,
und eine Herausforderung ohnegleichen wäre.

Also herausgefordert, dass die Balance
zwischen den verschiedenen Ängsten und ihren Trägern
(denn Angst trägt man allerorts nach der neuesten Mode,
wer seine alte vom Vorjahr aufzutragen versuchte,
wäre rasch aus dem Spiel und nicht mehr zu retten),
die Balance also zwischen dem Begehren
der Vielen, das, was Not tut, und dem der Wenigen,
gleichgültig um die Gesetze des freien Falls
das, was noch drin ist, herauszuschlagen,
die älteren Spiele der Macht praktisch verdrängt hat,

also herausgefordert, dass die eigenen Sprüche vom Vortag
heute das Böse verbreiten, dem nur die vereinten Kräfte aller
Einhalt gebieten, also herausgefordert, die Kräfte aller
unter dem Banner der Kraftlosigkeit zu vereinen, also
herausgefordert, die Kraftlosigkeit zur beherrschenden Kraft zu steigern,

also herausgefordert, vor den Forderungen der Gegenwart
in die Forderungen der Zukunft zurückzuweichen,
die ohne Beispiel sein wird, sichtbar allein der Angst
im Angesicht aller, also in niemandes Angesicht,
zumindest, solange nicht jeder einzeln
in den klapprigen Mühlen der Angst seinen Dienst verrichtet:

beginnt die Katharsis, die Reinigung der Affekte,
dort ihr leises Werk, wo sie niemand vermutet:
ein Vorgang, unerhört in der Geschichte und des Gelächters würdig
aller Beteiligten, denn – beteiligt sind alle. Längst hat
die Balance sich ausbalanciert, so wie eins sagt: diese Fahrt
hat sich erübrigt. Welche Fahrt, fragt ein Argloser da: Quel voyage?
Wissen will es der Fremde und plötzlich wissen es alle.

 

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