Ulrich Schödlbauer

Ich stelle mir vor, Stuttgart 21 hätte in den zurückliegenden Tagen seinen allseits bekannten Verlauf, sagen wir, unter den riesigen Bullaugen des Kanzleramtes genommen, in lärmgängiger Entfernung vom Reichstag… Es hätten sich am Tag nach dem erinnerlichen Polizei-Debakel ein paar verstreute Notizen im Tagesspiegel, im hinteren Teil des Focus und im Neuen Deutschland gefunden, knappe Andeutungen über absurde Ausschreitungen einer Handvoll Fernreiseleugner, Tunnelidioten und Nazi-Esoteriker gegen die gewohnt glücklos operierende Berliner Polizei; ein später vom Netz genommener Polizeibericht hätte die musterhaft gelungene Deeskalation sowie den unheimlichen Stolz der eingesetzten Kolleg*innen darauf herausgestellt, dass es ihnen fast ausnahmslos gelungen sei, die schwächeren Demonstrations­teilnehmer*innen wohlbehalten bei ihren Großmüttern abzuliefern. Tags darauf wäre der Bundesbahnminister, urlaubsgebräunt, vor die Kameras getreten und hätte den Beginn der Arbeiten an der definitiven Untertunnelung Deutschlands noch im Herbst dieses Jahres verkündet: »Die uns vollumfänglich beratende Wissenschaft hat uns dieses Projekt zur Pflicht gemacht und wir werden nicht zögern, es angemessen und nachhaltig zum Wohle der Menschen umzusetzen.«

Nachträglich nicht mehr feststellbare Gründe hätten den Bundespräsidenten veranlasst, aus seiner allseits gerühmten Reserve herauszutreten und während eines unbedeutenden Empfangs im verwunschenen Stadtschlösschen die kläglichen Ereignisse scharf zu kritisieren. Dabei wäre dann auch die später zum geflügelten Wort aufgestiegene Äußerung gefallen, neuerdings träten, wofern er richtig unterrichtet worden sei, landauf landab Personen von beschränkter Auffassungskraft als Verkünder der ketzerischen Irrlehre in Erscheinung, man könne den gemeinsamen Boden unserer Grund- und Werteordnung mit Hilfe von Großdemonstrationen untertunneln: »Lassen Sie sich durch einige wenige von allen guten Geistern verlassenen Menschen und ihre trügerischen viralen Kräfte nicht in Ihrer Rechtgläubigkeit beirren! Unsere Ordnungskräfte werden sich der Angelegenheit in bewährt realistischer Manier annehmen.«

Dieses Statement wiederum hätte die nicht existierende, aber als Schild und Schwert den demokratischen Kräften im Lande unersetzliche Dienste leistende Antifa umgehend zu einer schon länger geplanten Aktion (Ausbeute: zwei Dutzend verletzte Polizisten) genützt und anschließend ihren zivilen Arm zu einer neckischen Anfrage im Berliner Senat veranlasst, ob nicht endlich (fett unterstrichen) die notorische Grausamkeit der Polizei gegen die der Demokratie so effektiv zur Hand gehenden Verteidiger von Menschen animistischen Glaubens – Stichwort: ›gute Geister‹ – hinreichend Anlass zu ihrer Auflösung böte: ein aus dem gerade in Fahrt gekommenen amerikanischen Wahlkampf übernommener Vorschlag, wahrhaft würdig der großen rechtsstaatlichen Tradition des Landes und seiner Parteien. Eine kleine Rückfrage beim Verfassungsschutz – ›rechtsradikale V-Leute bei Verfassungsorganen?‹ – hätte, zur Beruhigung aller Großmütter, den eher rituell gemeinten Vorstoß aber rasch verebben lassen.

Das Ereignis wäre auch fast schon vergessen gewesen, wäre nicht wenig später der oberste Bahnkapazitätsplaner der Republik, kurz BaKaPla genannt, ebenfalls aus der in vollen Zügen genossenen Quarantäne-Freizeit zurückgekehrt und hätte nach kurzer, aber eingehender Abstimmung mit sich selbst, möglicherweise auch mit der Kanzlerin oder ihrer Beraterin oder deren Hilfskraft oder deren Freund, die verpflichtende Einführung des Deutschen Digitalen Tunneltagebuchs (DDT) gefordert, in dem jeder Bürger ab dem kommenden Herbst, nebst allgemeinen Angaben zur Person (Schwindelanfälle, Tinnitus, Stolperneigung) jede Tunnelbegegnung festzuhalten gehabt hätte, und zwar zu Lande, zu Wasser und in der Luft, denn: »Gerade in der Luft lauern Gefahren, von denen wir uns heute noch keine Vorstellung machen können, gegen die wir uns aber rechtzeitig und massiv schützen sollten.« Geworben hätte er bei der Gelegenheit für den zur Zeit als China-Import gut verfügbaren Tunnelblick, mit dem sich manches in den kommenden Wochen, Monaten, vielleicht Jahren Anstehende leichter bewältigen lasse. Aus Anlass dieses wie immer penibel durchdachten Auftritts wäre es dann zur legendären Konfrontation mit dem in der Sache eigentlich zuständigen Ministerpräsidenten des Ländle gekommen, in deren Verlauf letzterer auf seine betont leutselige Art zu mehr Gelassenheit im Umgang mit den unterirdischen Mächten aufgefordert hätte, denn: »Nichts da unten ist so hohl, dass es nicht doch an den Tag kommt, wenn wir nur weiterbohren. Das aber sollten wir dann auch alle gemeinsam tun.«

Die Auguren wären sich nicht ganz sicher (eine ihrer Haupttätigkeiten): Womöglich hätte er die Intervention unterlassen sollen. Jeder politisch halbwegs Gebildete weiß, mit seinem östlichen Nachbarn, Prinz Eisenherz III., ist in puncto Tiefgang nicht gut Kirschen essen. Prinz Eisenherz III. hätte also, den statistischen Hockeystick griffbereit unter der Hemdbrust versteckt, listig die allgemeine Bohrpflicht in die Debatte geworfen, beginnend am Tag X nach seiner Wiederwahl: »Wer nicht bohrt, gehört fort.« Dagegen hätten spontan die Gehörlosen die Stimme erhoben, gegen diese die Bohrfanatiker e.V., gegen diese die Allianz Rundes Bohren, gegen diese die Initiative Ungebohrtes, gegen diese die Freien Renitenzheiler von der Wupper, die bei der Gelegenheit ein monumentales Engels-Bohrmuseum (Standort: Elberfeld) hätten herausschlagen wollen, schon um dem fernen, mit seinem kapitalen China-Marx geschlagenen Trier eins auszuwischen. Während dieser kolossalen Vorgänge hätten im Kanzleramt Fachleute mit dem absoluten Gehör den aus dem behördlichen Nichts aufgetauchten Non-Vorschlag auf rechtliche Hürden abgeklopft, die Stuttgart-21-Protestierer zwangsweise zum Bau des von ihnen so verachteten Bahnhofs-Neubaus heranzuziehen – »vielleicht zum Gießen von Betonköpfen, auf denen dann, wie geplant, der gesamte Verkehr ab Frühjahr eines kommenden Jahres rollen wird.« Das wiederum hätte die Kanzlerin zu der Bemerkung bewogen (mit der sie dann auch vor die Kameras getreten wäre): »Ich kenne keine rechtlichen Hürden, ich kenne nur mentale, und wer mich kennt, der weiß auch, dass ich Ihnen kein großes Geheimnis verrate – wir finden es an der Zeit, mit den perfiden Ritualen der Vergangenheit zu brechen.«

Möglicherweise unbestätigten Berichten zufolge wäre es einmal, ein einziges Mal in diesen unsteten Tagen, zur geschichtsüberschreitenden Begegnung zwischen den so überaus unterschiedlichen Epochen angehörenden und von den Wächtermedien gleichermaßen verhohnepipelten Demonstrationszügen gekommen. Schweigend wären abziehende Bahnhofs- und aufziehende Covid-Regime-Gegner in langer Kolonne aneinander vorbeigelaufen, die Blicke angesichts des Spiegelbildes schamhaft gesenkt (denn das Unbegreifliche erweckt Scham) –: hier die geschlagenen Aufmüpfigen gegen die Gigantomanie der öffentlichen Geldverbuddler, die noch nicht wissen können, welche wirklichen Ausgaben-Volumina in Bälde anstehen werden, dort die mit Gandhi im Gepäck zum Schutz des Grundgesetzes angerückten Lappenverweigerer, gewillt, den freien Boden, auf dem wir bekanntlich stehen, gegen die unheimlichen Wühler im Untergrund zu verteidigen, deren Werk für einen historischen Augenblick fast vollendet scheint. Wohin des Wegs? Hie Vergangenheit, hie Zukunft?

Man wird sehen.

Das wird man immer.

 

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