Ulrich Schödlbauer

Es ist Dreck, plärrt die kleine, zittrige Stimme, es ist Dreck, der die Maschine am Laufen hält, aber das täuscht bloß, auf mittlere Sicht brrringt er sie zuverlässig zum Stehen, ich verrrstähe Sie nicht … bis dahin, was ist bis dahin, was soll sein? Ganz rrrächt, bis dahin bewirkt er das Gegenteil, er hälllt sie am Laufen, das, das ist ein hohes Gut, Menschen legen immen-s viel Geld auf den Tisch, damit jemand ihre Maschinen am Laufen hält, sind ganz verrrrückt danach, ganz verrr-, denn wenn die Maschine erst einmal steht, erst einmal steht, dann, weiß Gott … es ist ja nicht so, dass einer nicht die Behauptung wagen könnte, es lagere nicht genügend Maschinenschrott in diesen zur Unübersichtlichkeit tendierenden Räumen, ganz im Gegenteil, ganz-im-Gegenteil, die Räumbrrrigaden kommen ja kaum ihrem Auftrag nach, sie prrroduzieren mehr Schrott, als ihnen fortzuräumen gelingt – vielleicht wollen sie’s nicht anders, vielleicht können sie’s nicht anders, vielleicht dürfen sie bloß nicht anders, vielleicht … puhhh, die Skala der Möglichkeiten ist lang, fast so lang wie der Arm des Gesetzes, länger jedenfalls als die Befehlsleitung zwischen Hirn und Button, die in dieser Halle das Sagen hat … sehen Sie sich um! Sehen Sie sich um! Die Kommmpetenz der Brrrigaden ist unbestrrritttten, niemand, ich wiederhole, niemand tritt ihnen ohne Not in den Weg, und selbst dann … hören Sie, es hätten ja Leute versucht, verstehen Sie, versucht hätten sie es, hörte ich, gute Leute, noble Leute, gewiefte Leute, alles hätten sie versucht und dann das Handtuch geworfen, alle nacheinander, irgendwann hätten sie sich sagen müssen: L* m***, sich einen Job gesucht, der sie ausgefüllt habe: wenn ihr denkt, dass es so läuft und immerzu weiterlaufen wird, wer bin ich, es nicht laufen zu lassen, so oder so ähnlich hätten sie wohl, der inneren Stimme folgend, denken müssen, die Retter-, die Lichtgestalten, die, alles in allem, eben niemanden und nichts gerettet, ja ausgeleuchtet hätten als, sagen wir, ihre Unfähigkeit, sich an die Nase zu fassen, was wiederum unsern bewährten Gaffern auch nicht so sehr imponiert hätte, dass wenigstens ein paar von ihnen ins Grübeln geraten wären … nachdenklich, richtig nachdenklich gemacht hat es wohl ein paar Pengsionäre, deren Zeit eigentlich abgelaufen schien, aber aus unbekanntem Grund nicht abzulaufen wünschte, stattdessen, ein Wollknäuel fast, einfach bei ihnen liegen blieb … diese Pengsionäre, die vielleicht gar keine waren, sondern kluge Köpfe unbedeutender Provenienz, sie hätten, so geht das Gemunkel, präzedenzlos frech eine Zeitlang den Brrriganten auf die Finger geschaut und aus dem Geschauten den Schluss gezogen, die Zeit sei zu ihnen gekommen, damit sie aus ihr etwas machten, etwas Richtiges, nicht dieses Bruchwerk, für das man sie bisher bezahlt hatte, im Grunde aber hätten sie damit doch nur ihre bisherige Leistung annulliert oder genullt, also auch ihre in lebenslanger Aufbauarbeit erworbene Kompetenz, also die Berechtigung, ihre Stimme zu erheben und zuzufassen – allein dieser Auffassung wird von Seiten ihrer spät gewonnenen Anhänger energisch widersprochen – … es hätte sie aber, bei allem gezeigten Einsatz, letztlich doch niemand an die Maschinen herangelassen, im Gegenteil, die Maschinen hätten sich inniger um die Hauptmaschine gedrängt … nunnun, zwischen Haupt- und Nebenmaschinen wird bei uns vielleicht nicht so stark unterschieden wie in anderen Kulturen, unsere Unterschisse, Unterschiede fallen an anderer Stelle an, werden auch in der Regel rascher beseitigt, in der einen wie der anderen, selbst Regeln, da staunen Sie, lassen sich in der Regel beseitigen oder außer Kraft setzen, die oberste Regel selbst … was ich damit zum Ausdruck bringen möchte: unser mechanisches Regiment funktioniert eher horizontal als vertikal, die Übergänge zwischen den einzelnen Maschinen werden seltener und dann in der Regel unauffällig markiert, so dass alles, vor allem, wenn man nicht so genau hinschaut, mehr wie ein einziger großer Organismus daherkommt, das nenne ich die Große Täuschung, die uns alle gefangen hält und an die niemand rühren kann, ohne einen deutlichen Schlag zu riskieren, es sei denn, er dächte bereits ans Auswandern und schaffte sich auf diese Weise seine persönliche Iso-Immunität, denn das Wandern, das Aus-Wandern beginnt bekanntlich im Kopf, außerhalb des Kopfes wird es relativ selten in Angriff genommen, auch wenn sich die Fälle dann doch wieder summieren, aber Hand aufs Herz, wer denkt schon ans Auswandern, solange er mit ausgelastetem Kopf zwischen den Maschinen umher huscht wie … wie … ein unziemlicher Vergleichsansatz, ich ziehe das Wortspiel zurück, es kam mir gerade so, es winkt aus alten Zeiten herüber, in die niemand zurück will, bei uns muss niemand huschen, hier hat sich’s ausgehuscht … früher, ja früher gab’s hier noch einen Huschmeister… Was mit dem Posten geschah? Das kann ich Ihnen sagen, er wurde gestrichen, nach dem letzten Wechsel an der Spitze einfach gestrichen, gerade zu jenem Zeitpunkt erweckte der amtierende Huschmeister einen recht frischen Eindruck, wäre sicher gern auf dem Posten geblieben, doch, wie gesagt, es hatte sich ausgehuscht und Huschen auf eigene Faust ist wie bereits unter früheren Regierungen streng verboten … Vieles erinnert heute an Früher, einige, die es wissen müssten, sagen: gespenstisch, aber das war früher auch schon so und noch früher … wer will das wissen … wo war ich stehen geblieben? Ach so, der Huschmeister, seines Zeichens muss auch er ans Auswandern gedacht haben, vielleicht hatte er von seiner Abfindung schon die Tickets in der Tasche … in die Antarktis, sagten Sie? Welche Antarktis? Ich kenne keine Antarktis, die Antarktis, wie wir sie betrachten, ist ein Mythos, ein Geschwurbel, Sie kennen den Ausdruck nicht? Nun, Fremder, wovon reden Sie dann? Sie unterscheiden zu stark, Fremder, das ist ein Fehler, den unsere Kultur nicht zulässt, ganz anders übrigens unsere Sprache, die grundsätzlich für jede Anspielung zu haben ist … Sie wissen ja, wo der Redner noch unterwegs ist, ist die Anspielung schon am Ziel, daher kommt es darauf an, die Anspielung im Ansatz zu unterbinden, notfalls durch Angst – ein heikles, mancher würde sagen, schlüpfriges Gebiet, das Feld der Angstmache, dort drüben, in der Angstmacherei, brennt immer ein Licht, wenn hier alle längst das Feld geräumt haben, da kann einem schon angst und bange werden, vor allem letzteres, denn, wie mein vorletzter Vorgesetzter nach dem dritten Glas Bier hervorsprudelte: mit der Angst ließe sich umgehen … sie wechseln rasch, meine Vorgesetzten, bange machen gilt bekanntlich nicht, deshalb lässt sich so unheimlich schwer etwas dagegen … unternehmen (heißt es wirklich ›unter‹-nehmen? warum ›unter‹, das befremdet mich jetzt); nur ein Wort unter vielen: ›Antarktis‹ zum Beispiel macht uns bange, es ist zu stark, hören Sie, es ist zu stark, Sie finden hier junge Menschen, die bei seiner Erwähnung zu röcheln beginnen, entsetzlich zu röcheln beginnen, es triggert sie, weshalb wir es zu meiden gelernt haben, nicht das Wort allein, sondern jeden Gedanken daran, denn es kann nur böse sein, wie Sie sich leicht vorstellen werden, dem bösen Wort folgt die böse Sache auf dem Fuß, auf dem Schleppfuß, wie damals der Entlassung des Huschmeisters seine von allen erwartete Ausreise, über die übrigens seither nie wieder geredet wurde, vermutlich steht auch das Wort ›Huschmeister‹ auf einer roten Liste und gerade jetzt lade ich Schuld auf mich … wie gesagt, er trug vielleicht schon die Tickets in der Tasche, bekanntlich trägt man sie links, direkt über dem Herzen, doch dann muss er sich anders entschieden haben, denn noch immer sieht man ihn seine alten Strecken abgehen, jedenfalls hin und wieder, die Uhr in der Hand und Vergleiche anstellend … er stellt Vergleiche an, das ist sehr auffällig, sicher fällt es auch denen auf, deren Aufgabe darin besteht, Auffälligkeiten zu registrieren, und nicht nur das … nicht nur das … es ist auffällig, was der Mensch zu registrieren beginnt, sobald er erst einmal weiß, was alles registriert wird, Hautfarben zum Beispiel, sie haben irgendwann angefangen, Hautfarben zu registrieren, das ist auffällig, vor allem für mich, zu meiner Zeit gab’s keine Hautfarben, dergleichen zu registrieren galt als furchtbar unfein, es sei denn, es hätte sich um die Sommerbräune der Frau des Kollegen Y gehandelt, dieses Schweins, dem man gern eins ausgewischt hätte, heute hingegen registrieren sie Hautfarben, als hätten sie alle einen Wie-werde-ich-Nazi-Grundkurs absolviert, sie erfinden ohne Unterlass neue Wörter, und wer mit einem erwischt wird, das gestern noch en vogue war, aber heute irgendwie verboten klingt, der ist *** dran, wollte ich sagen, nun, ich stehe zu meinem Wort, ich habe immer zu meinem Wort gestanden, mit allem DRUM und DRAN, was wäre denn dran an den Wörtern, stünde man nicht zu ihnen, vor allem zu den eigenen, sie werden einem ja ohnehin im Mund herumgedreht, so dass sie gleich wieder hineinzischen, in die Tiefenregionen der Seele, dorthin, wo es weh tut, ihnen erneut in die Quere zu kommen, oh nein, das ist kein Getändel, kein Spiel um Sommerbräune, die Dummbolzen, farbenblind, wie sie sind, haben Wörter an die Stelle der Farben gesetzt, bloße Wörter, Bloßwörter, um die Sache auf den Punkt zu bringen, die einzige Farbe, mit der sie unbegrenzt hausieren gehen, heißt Dreck… Ist das eine Farbe? Ich bitte Sie, ist Dreck eine Farbe? Und dann noch die einzige, die unbegrenzt gilt, ich bitte Sie, wo führt uns das hin? Wohin soll es führen?

Letzthin traf ich unsern alten Huschmeister wieder, quer über der Stirn trägt er jetzt eine grellrote Narbe, aber wie es aussieht, lehnt er es ab, einen properen Verband anzulegen, der in diesem Fall sicher etwas von einem Turban hätte … das könnte seiner mageren Erscheinung ein bisschen Flair einblasen, das bekäme ihr gut, auf jeden Fall … sagte ich Flair? ›Der Mensch lebt nicht vom Flair allein‹ – ginge es nach mir, prangte der Satz quer über der Stirnwand unserer Maschinenhalle, erwähnte ich schon, dass es nicht nach mir geht? Nehmen Sie das mit, schreiben Sie es in Ihr schlaues Buch: Ich bin der Mensch, nach dem es nicht geht. Sie haben mich gefunden unter Tausenden, dafür gebühren Ihnen … was eigentlich? Eine Geranie … eine Geranie und ein Tischfeuerzeug, die überflüssigsten Accessoires der Welt, ich habe sie einmal als Preis für den ausgesetzt, der mich finden würde, heute kommen wir endlich der Sache näher … sagen wollte ich damit bloß: Keiner kann wissen, ob es sich lohnt, von der Substanz zu leben, und dann … und dann … und dann … allein … allein leben, allein sterben, allein denken, das sind so Stationen eines Heldenlebens im Schatten der Großen Maschine, der Hauptmaschine, um die sich unser Maschinenpark drängt… Keiner muss allein sein, hieß gestern die Parole, keiner weiß, wer sie ausgab und wer sie kassierte, wie viel er dafür kassierte, ob er nicht selbst bereits kassiert wurde, Tatsache ist, dass es heute genügt, sie zu wiederholen oder ›herauszuholen‹, und schon passiert etwas … etwas … Furchtbares, nie Gesehenes, Unbeschreibliches … ich meine, etwas wirklich Unbeschreibliches, denn um es zu beschreiben, um es beschreiben zu können, müsste ja einer das Unbeschreibliche wagen und daran ist gar nicht zu denken. Denn selbstverständlich … selbstverständlich ist das Unbeschreibliche auch das Undenkbare, undundund … das Undenkbare denken, sehen Sie, da kommen wir jetzt an einen Punkt, an dem sind mächtigere Denker als du und ich gescheitert, für meine Person möchte ich niemandem zumuten, just an dieser Front tätig zu werden… Ja, es ist eine Front, machen wir uns nichts vor, es ist eine Front und keiner geht hin … warum? Fragen Sie meinen Mitarbeiter und er hustet Ihnen ins Gesicht, dass es dort gefährlich zugeht, das ist der Punkt, er meint damit wirklich gefährlich, er redet üblen Quatsch, mein Mitarbeiter, er wird uns alle noch in Bedrängnis bringen, nein, es hat keinerlei Gefahr, natürlich nicht, um das festzuhalten … diesen Punkt, diesen angeblich so gefährlichen Punkt hat noch keiner von uns gesehen, wir alle leben in einer rundum verständigten Welt – undenkbar, dass in ihr etwas Undenkbares existierte, an das ja mindestens einer, ein einziger, rühren müsste, um es in seiner dann bereits in Nichts aufgelösten Undenkbarkeit vor die anderen hinzustellen … das, ich sagte es bereits, ist ganz undenkbar, ich meine, alle sind verständigt, viele da drinnen sind dermaßen verständigt, dass sie frech den anderen ins Gesicht hinein die Existenz dieses Punktes leugnen, sie stehen sozusagen auf ihm und leugnen ihn, abgefeimte Charaktere sind das, aber letztlich suchen auch sie nur ein Stückchen Gemeinsamkeit und glauben es auf diese Weise gefunden zu haben. Das ist natürlich blühender Unsinn, sie verschlingt das Alleinsein wie alle anderen, vielleicht sogar vor allen anderen, und das in zeitlicher wie räumlicher Hinsicht, aber, wie schon erwähnt, sie bilden sich ein, sie hätten, was den anderen abgeht, und darauf gründet sich ihre Stärke… Sind sie stark? Nun, es handelt sich um eine weithin verborgene Stärke, eigentlich sind sie die Gemiedenen, ihre Versammlungen sind schlecht besucht, in den meisten Fällen lohnt es sich gar nicht mehr, sie Versammlungen zu nennen, das sind bloß Wörter aus der Vergangenheit, in die Gegenwart herübergeschleppt wie ein Satz alter Möbel, die beziehungslos in der neuen Wohnung herumstehen, obwohl jeder sieht, dass sie nicht hierher gehören und man etwas Neues an ihrer Stelle braucht, man scheut eben die Ausgabe … noch scheut man sie, obschon alles teurer wird, und zwar von Tag zu Tag –: Man muss sich das vorstellen, von Tag zu Tag, der helle Wahnsinn, man sagt auch, die Dinge verändern sich, nichts ist, was es gestern war, das sind so Stimmungen, die, wenn sie sich einmal verbreiten, alles verändern, nur in welcher Form, das weiß noch keiner, vielleicht besitzt das alles auch gar keine Form, gut möglich, gut … möglich… Wissen Sie, wenn an einer Maschine Öl austritt, so nennt Hans das ein Leck, jedenfalls nannte er das gestern noch so, wie es heute heißt, entzieht sich, ehrlich gesagt, jetzt meiner Kenntnis, mag sein, morgen weiß ich es wieder, weil das Codewort gewechselt hat und eine andere Sprachregel gilt … Sie lachen ja, ja da lachen Sie, lachen Sie ruhig, lachen Sie, solange Sie noch ein Zwerchfell besitzen, wer weiß, ob es hält, wer weiß, ob es durchhält … aber wenn durch ein Leck – so beruhigen Sie sich doch, beruhigen Sie sich –, wenn durch ein Leck, das vielleicht gar kein Leck mehr ist, weil es jetzt anders heißt, aber vielleicht doch noch eins ist, obwohl es jetzt anders heißt, also wenn durch dieses Leck Dreck austritt, dann, ja dann … sind Sie geliefert. Sie kennen den Ausdruck nicht? Wer sagt ihnen denn, dass es sich um einen Ausdruck handelt? Ein Ausdruck, wissen Sie, ein Ausdruck entsteht nicht nebenher, er entsteht unter Druck, jemand drückt etwas aus, indem er sich eindrückt, wenigstens ein Stück von sich, aber natürlich verlangt er etwas dafür, ihn treibt ein Verlangen, ein doppeltes Verlangen, genau besehen, denn auch die Gegenseite soll bekommen, wonach es sie verlangt, da ist wechselseitiges Verlangen im Spiel, ein Geben, das ein Nehmen, und ein Nehmen, das ein Geben einschließt, geliefert wie verlangt, da haben Sie es, geliefert… Sie bekommen Ihren Ausdruck, aber nicht gleich, nicht gleich, Sie haben so einen Ausdruck im Gesicht, der mir sagt, es sei im Augenblick nicht dringlich, nicht wirklich dringlich, wäre es dringlich, so sähe ich an seiner Stelle einen anderen Ausdruck, ich kann ihn jetzt nicht beschreiben, aber ich würde ihn mit hoher Wahrscheinlichkeit erkennen … sehen Sie, diese Personengruppe, von der ich soeben sprach, diese Einzelnen, die ihresgleichen für eine große Gemeinschaft halten – oder für Gemeinschaften, man kann nie vorsichtig genug sein, irgendein Schisma steht immer im Raum –, diese falschen Fuffziger des Alleinseins, längst schon zeigen sie kein Gesicht mehr, sie verbergen es hinter der Maske, früher hätte man gesagt: des Hochmuts, aber dieser Mut ist ihnen längst gesunken und heute könnte man sie ohne Übertreibung die Maske des Verschwindens nennen, selbst dahinter verschwinden sie ein weiteres Mal. Und auch die Maske verschwindet mehr und mehr, sie ist schon sehr undeutlich geworden, man könnte denken, mehr Undeutlichkeit geht nicht, irgendwo bleibt auch die blasseste Kontur Kontur, aber sobald man hinschaut, hat sie sich wieder ein Stückchen mehr verloren… Das Schwinden des Schwindens des Schwindens, ein faszinierendes Spiel, wenn Sie mich fragen, wirklich faszinierend, aber wer behauptet denn, es handle sich um ein Spiel? Niemand, ganz recht, zur faden Maske gehört die freche Stirn, und diese Stirn, diese Niemands-Stirn … kennen Sie diese Stirn? Die Klassiker behaupteten ja, die Intelligenz eines Menschen sei an seiner Stirn angeschrieben, der eine oder andere pflegt dort seine Schulden zu notieren, spiegelverkehrt, sofern er klug ist, damit er allein sie lesen kann, es sei denn, einer blickt ihm über die Schulter, das ist schon auch frech … Es ist frech, sage ich, geradezu schamlos, sein Nichtwissen so … derb auszustellen, wie diese Kreise es seit langem zu tun pflegen, sie finden nichts dabei, kein Korn, keinen Quell, keinen einzigen grünen Zweig, höchstens ein Auskommen, manche auch, unversteuert, zwei … Sie merken, ich spreche von Kreisen, ich könnte genauso gut von Ellipsen oder Parabeln oder Hyperbeln sprechen, im Grunde könnte ich jede beliebige geometrische Form bemühen, es wäre ohnehin alles eins, bloß eine nicht: die Gerade … nichts geht bei diesen Menschen gerade, alles geht nur eben so, sollte heute einer von ihnen wagen, den geraden Gang zu üben, dann kippten sie ihn vom Brett und erklärten die Übung für beendet … sagte ich Übung? Ja gewiss, sie üben noch, diese Personen haben die Welt in einen Übungsplatz verwandelt, sie wissen noch nicht, was danach kommt, ehrlich gesagt, interessiert es sie auch nicht, ganz ehrlich gesagt, würden sie jeden vom Brett werfen, der die Frage aufwürfe, was danach kommt, allerdings … hier kommt ein großes Allerdings ins Spiel, man kann es gar nicht groß genug schreiben: ALLERDINGS verbreiten sie sich über das große Danach, als hätten sie, gerade sie, es bereits in der Tasche, weil es nun einmal so und nicht anders angesagt sei… Merke: eine Ansage ist eine Parole, eine Parole ist ein Erkennungswort, ein Erkennungswort ist ein bedeutungsloser Laut, dessen Sinn im Wiedererkennungswert liegt, in der Kenntlichkeit, ein kenntlicher Laut ist ein Geschehnis, ein Geschehnis ist alles andere als eine Aussage, das schiere Gegenteil einer Aussage … und Sie? Sie bemerken von alledem nichts. Wozu auch? Es brächte doch nichts. Merken Sie etwas? Ich beginne schon ihre Sprache zu verwenden, sicher liegt das daran, dass ihre leeren Ausdrücke überall herumliegen und niemand da ist, der sie wegräumen würde, das Danach, wie sie es im Munde führen, ist eine Kippfigur, ja eine Kippfigur: Je nachdem, wie man sie anschaut, schaut man das absolute Grauen oder das absolute Verzücken, man schaut sie beide, sie teilen sich sozusagen in ein Gesicht … jetzt mag Ihnen das noch praktisch vorkommen, aber wir sprechen uns wieder … wir sprechen uns wieder… Dieses Gesicht, ich deutete es bereits an, ist beileibe kein Gesicht, eher ein Affekthalter, ein Bannschläger, es soll jeden in den Bann schlagen, der ihm begegnet, sie tragen es auch durch alle Straßen der Stadt und reißen den Menschen, die den Blick davon wenden, die Kiefer empor, jedenfalls kursieren Videos von solchen Auftritten in bestimmten Medien, denn wir kommen hier aus unserem Maschinenpark schon seit längerem nicht mehr heraus, die Oberen behaupten, sie könnten die Ausgänge nicht freigeben, weil noch daran gearbeitet werde und sie nicht ›safe‹ seien, aber wir anderen glauben ihnen nicht, jedenfalls nicht der Einzelne in uns, denn sobald wir zusammenkommen, glauben wir ihnen ja alles, gemeinsam glauben wir ihnen alles, gemeinsam sind wir … gemeinsam, was wäre Gemeinsamkeit wert, wenn sie uns nicht vor Unglauben schützte, ganz recht, einen Dreck wäre sie wert, und ich glaube nicht, dass einem von uns eine solche Sprache … durchgehen würde, wollte ich sagen, doch da fällt mir etwas ein, was ich schon öfter loswerden wollte, mir fällt nämlich ein, dass das so nicht stimmt.

Sie erschrecken?

Nun, ich wusste gleich, dass mit Ihnen etwas nicht ganz in Ordnung ist, warum sonst würde ich so ausgiebig über diese Dinge mit Ihnen reden? Anders wäre es ja Zeitverschwendung und unsere Zeit ist kostbar, so kostbar, dass wir immer ein bisschen zu wenig von ihr in der Tasche tragen und uns scheuen, sie herauszuholen und einzulösen … das macht aber nichts, weil wir, selbst wenn wir wollten, sie nicht einlösen können, es gibt einfach nichts, wofür man sie einlösen könnte, obwohl sie doch, nach unserer unverbrüchlichen Überzeugung, so kostbar ist, ›das Kostbarste überhaupt‹, wie einige sich hier herum ausdrücken, ziemliche Narren, wenn Sie mich fragen, keine professionellen, so eine Ausbildung kann sich bislang keiner leisten, eher Ad-hoc-Narren, keine Herrenreiter, nur Pferdenarren, die immer auf den gleichen Punkten herumreiten und deren Narrentum eigentlich darin besteht, von den anderen für Narren gehalten zu werden, deshalb musste ich jetzt auch an sie denken, denn so närrisch bin ich auch wieder nicht, ihnen ihr Anliegen abzusprechen, auch wenn ich ganz genau weiß, dass nichts anliegt … da zuckt es in Ihnen, nicht wahr? Eine Welt ohne Anliegen … ist wie ein Apfel ohne Grips. Doch diese Anspielung versteht heutzutage eh keiner, ich wäre mir nicht einmal sicher, dass jemand sie gestern … mag sein, dass morgen Grips angesagt ist, ganz viel Grips, eine kollektive Sehnsucht nach Grips, auszuschließen ist so etwas nicht, die Gripsforscher treten sich ja förmlich gegenseitig auf den Schlips, und sei es nur, weil sie beim Auftritt ihrer Sprecherin nicht in der zweiten Reihe landen möchten… Lachen Sie nicht! Es schickt sich nicht, auch der Grips der Gripsforscher ist kontingentiert, ohnehin grenzt es an ein Wunder, dass unter dem Diktat des allgemeinen Zeitmangels noch Gripsforschung betrieben wird … haben Sie Zeit? Ich meine, haben Sie Zeit? Haben Sie wirklich Zeit? Ich merke, Sie werden gleich unruhig, ich möchte sie Ihnen nicht stehlen, ich möchte auch nicht mit Ihnen tauschen, ich möchte Ihnen nichts wegnehmen, höchstens möchte ich mit Ihnen … ganz ruhig … dasitzen und ein wenig diskutieren, nichts Weltbewegendes, nicht Welterschütterndes, nicht einmal die Frage ›Was ist Zeit?‹ möchte ich mit Ihnen diskutieren, ich möchte Sie einfach fragen: Sind Sie sicher, dass das, was Sie da haben, auch Zeit ist? Ich merke schon, dass Sie mich nicht verstehen, lassen Sie mich ausholen, lassen Sie mich ausholen… Gripsforscher zum Beispiel – ich meine, jeder weiß, was Gripsforscher sind, fast jeder kennt ein paar von ihnen –, Gripsforscher wissen, dass sie genau deshalb so viel Zeit für ihre Forschungen haben, weil sie keine haben: wissen Sie warum? Ich könnte jetzt flapsig werden und antworten: weil sie Grips haben, aber das würde dem Ernst unserer Zusammenkunft nicht gerecht. Sie wissen ja noch nicht, wo der Grips sitzt und wo sie ihn suchen sollen, sie blockieren ihre Forschung durch ihre Forschung, sie blockieren sich selbst, warum? Ich kann Ihnen sagen warum. Weil sie ganz genau wissen, wo sie suchen müssten. Von wem ich das weiß? Sprechen Sie unter vier Augen mit einem von ihnen und Sie wissen Bescheid. Sie müssten den Grips bei der Arbeit aufsuchen, statt diese graue Masse, diesen Funkbrei zu durchwühlen, mit dessen Erforschung sie ihr Auskommen sichern, doch das Wissen gilt nicht, es ist nichts wert und verschwimmt ihnen daher vor den Augen, sie haben einfach keine Zeit, ihm nachzugehen, und deshalb … Glauben Sie nicht, es beträfe allein die Gripsforscher, das wäre ein schlimmer Fehler, es betrifft alle Forscher, soweit sie in unserem Maschinenraum gelandet sind, Endstation Sehnsucht, ich sage nur: Dreck. Wir betreten hier die tiefere Sphäre des Glaubens, der einen solchen Maschinenraum beseelt, eigentlich dürfte ich von ›einem solchen‹ nicht sprechen, denn in Wahrheit kenne ich doch nur diesen und dieser kennt keine Wahrheit, jedenfalls keine ausgesprochene … alle Personen, die ich kenne, sind von ihrer Wahrheit beseelt und heißen die der anderen Lügen, jeden Tag tüfteln sie neue Schlachtordnungen aus und schreien »Lüge!«, das sieht putzig aus und fördert die Erregung, sogar über das gesundheitlich förderliche Maß hinaus… Je höher die Erregung steigt, desto einleuchtender erscheint den Kämpen ihre Wahrheit und desto grauenvoller die der anderen … einfach grauenhaft. Aber das kennen Sie ja, Sie sind ja nicht eben erst vom Mars auf die Erde gefallen. Es wäre auch keinerlei Aufhebens wert, wären die Karten nicht doch gezinkt… Warum gezinkt, werden Sie fragen, warum gerade diese? Sind die Karten nicht immer gezinkt? Damit haben Sie natürlich recht. Aber erlauben Sie mir, auf den Punkt hinzuweisen, dass, was nicht verwunderlich ist, angesichts des austretenden … Drecks, in den nicht zu treten schon so gut wie unmöglich geworden ist, nicht wenige das Verlangen auszutreten gepackt hat, das geht jetzt schon fast bis ins Kirchliche hinein, wie man mir hinterträgt, denn von Haus aus kümmere ich mich nicht um diese Dinge, verstehen Sie, alles Kirchliche ist mir von Haus aus fremd, es geht mich nichts an, es tangiert mich nicht, obwohl ich mich gern an schönen Kirchenfenstern erfreue, aber das Verlangen, das Verlangen verändert den Menschenschlag, und nicht allein das Verlangen, auch die Versagung, ist sie erst einmal eingetreten, wir sind hier jetzt alle ein wenig vor den Kopf geschlagen, wir könnten einen Schwindelarzt brauchen und kennen keinen, jedenfalls die meisten von uns, denn ein paar Privilegierte scheinen einen gefunden zu haben, jedenfalls hört man erstaunlich frische Laute aus dieser Ecke, ich will das nicht kommentieren… Vom Glauben zum Schwindel, das geht, wenn Sie mir glauben, direkt ums Eck, durch die Hecken, der Schwindel heilt Sie vom Glauben und der Glauben vom Schwindel, erst glauben Sie alles Mögliche, am Ende glauben Sie an sich selbst… Eigentlich beunruhigt mich mehr der Verbleib der Freunde, ich will nicht glauben, dass zur Stunde alle der Fremdbeatmung unterliegen, aber ihr Ausbleiben wirft einen Schatten auf meine Existenz, noch kann ich mir keinen Reim darauf machen, es bleibt ungereimt, einer, der selbst gern Reime verfasst, schrieb mir Nach Corona! – das las sich wie Nächstes Jahr in Jerusalem! und das, Sie wissen schon, dauerte…

Unter der Hand, aber das ist nur eine Redensart, welche Hand sollte das wohl sein, – unter der Hand hat der Maschinensaal sich zum Wartesaal gemausert … wir kennen den Vorgang aus früheren Epochen, ich persönlich erinnere mich ausgezeichnet an eine Zeit, da mir auf offener Straße ein Mann, dessen Alter ich auf höchstens fünfundzwanzig schätzte, mit glänzendem Gesicht zurief: Darauf haben wir dreißig Jahre gewartet! Und umgekehrt: als die Mauer, die berühmte Mauer, von einem Tag zum anderen zwischen den Häusern und Straßen der nunmehr geteilten Stadt emporwuchs, da fehlte … was? Das Zeitgefühl der Getrennten … das Zeitgefühl wächst mit der Zeit, auch die Urchristen mussten erst lernen, mit der ganz allmählich dämmernden Erkenntnis zurechtzukommen, dass die Wiederkunft Christi sich ein wenig verzögert, wir alle kennen solche gedehnten Momente, schon witzig, sollten wir jetzt in unserem vertrauten Maschinenpark in eine solche Schleife hineingeraten sein, noch scheint alles offen, ohnehin halten die meisten unser Häuflein der Aufrechten, das sich Gedanken macht, für übergeschnappt, und auch bei uns hegen viele die Hoffnung, mit der Wahl der nächsten Maschinenmeisterin sei alles abgetan. Aber sie könnten sich täuschen, sie könnten sich täuschen … in den letzten Jahren ist die Perspektivlosigkeit enorm gewachsen, die Krise hat sich gemausert, sie ist zum Alltag geworden, sie beherrscht unser Leben und das unserer Kinder, die kein anderes kennen und auch kein anderes wollen, es sei denn, ein ganz anderes, das ihnen vage versprochen wurde, ein Leben aus Wortgirlanden, die überall herumliegen, vielleicht um den Dreck… Die Maschinenmeisterin hat ihre Kreaturen geschickt platziert, das muss man ihr lassen, ich für meine Person könnte natürlich behaupten, ich hätte mir die Hoffnung abgeschminkt, aber ehrlich gesagt, ich hatte sie mir nie aufgeschminkt, und jetzt, da es Mode geworden ist, sie sich abzuschminken, bin ich erneut der Gelackmeierte, denn natürlich … natürlich geht die Hoffnung nicht aus, sie geht als letzte und es bleibt ein Geheimnis, worauf sie sich richtet … sie ist ja nicht ganz von dieser Welt, sie will sich nur nicht aus ihr vertreiben lassen, jedenfalls nicht unzeitig, denn irgendwann nimmt sie doch Kurs auf ein anderes Gestirn. Was ich damit sagen will, ist Folgendes: Man hat uns hier inmitten eines wachsenden Gebirges aus Maschinentrümmern in Menschentrümmer verwandelt, wer auch immer, ich persönlich bin geneigt, die allzu naheliegende Frage ›Wer?‹ zu streichen, doch hauptsächlich deshalb, weil ich weiß, dass sie so, hinter Gittern, einigermaßen sicher über die Runden gerettet werden kann, um bei passender Gelegenheit wieder hervorgeholt zu werden… Ein paar Unerschütterliche richten im Hintergrund, wie ich höre, auf eigene Faust Untersuchungsausschüsse ein, vieles läuft unterm Radar der Mächtigen … ja gewiss, es gibt Mächtige über und unter uns, gerade hier, in der Maschinenhalle, hin und wieder läuft man einem von ihnen über den Weg, ich selbst könnte von Begegnungen berichten … Schwamm drüber! Vermeide es, die Wege derer zu kreuzen, die sich für ihresgleichen halten. Ich gebe zu, das ist nicht so einfach, denn ihre Wege sind unerforschlich, unerforschlicher als der Gang der Wissenschaft, von dem einige sagen, er ähnele einem Watschelgang, unerforschlicher als die Wege des Geldes, soweit sie es in die Hand nehmen, um das Glück und Unglück der Menschen gerechter, wie sie sagen, zu verteilen, zu wessen Nutzen, das zu beurteilen muss ich Kompetenteren überlassen, denn … nun, ich muss es ja doch verraten, es drängt mit Macht über die Zunge und hinaus, hinaus in Freie: ich bin farbenblind – politisch farbenblind, wenn Sie so wollen, doch das wäre dann bereits Ihre Rede und ich verstünde sie nicht, ich verstünde sie einfach nicht, obwohl sie so einfach daherkommt, dass jedes Schulkind sie verstehen soll… sollte, wollte ich gerade schreiben, sehen Sie, so drängt die Sprache weiter, sie drängt und schiebt über die Ränder und schüttet ihre eigenen Inhalte hinter sich zu … aber diesen Unterschied, bloß diesen einen, möchte ich denn doch festgehalten wissen, bloß diesen an dieser Stelle: Sie sollen so vieles verstehen, die Schulkinder, das Verstehen wird ihnen von allen Seiten leicht gemacht, keines soll schließlich aus Verständnisgründen zurückbleiben, das wäre zu ärgerlich und brächte das Erziehungssystem in Verruf, doch andererseits wird es ihnen auch wieder schwer gemacht, weil vieles von dem, was sie doch unbedingt verstehen sollen, ihren Widerspruchsgeist herausfordert, das Kostbarste im Kinde, wie ich letzte Woche noch auf einem Pädagogik-Kanal hörte, öffnet doch erst der Widerspruch die Pforten des tieferen Verstehens – und beim ersten Widerspruch springt das Türchen auf, heraus springt der Kuckuck und schnarrt sein furchtbares ›sollte‹: Er sollte verstanden haben, der Tropf, es ist sein Fehler, nicht verstanden zu haben, und nicht nur das, es ist sein Versäumnis, getrödelt hat er, säumig ist er gewesen, die ihm zugeteilte Zeit hat er fremden Göttern geopfert, er ist ein … Tropf, belassen wir es bei diesem Ausdruck, wir kommen später noch einmal darauf zurück. Persönlich höre ich hier bereits den Vorwurf der Farbenblindheit heraus, der im übrigen nie erhoben wird, hier nicht und drüben auch nicht, auf der anderen Seite, ganz im Gegenteil, Farbenblindheit wird stets wohlwollend aufgenommen, selbst gewürdigt, als handle es sich um ein besonderes Gewürz, zu dem man beglückwünscht gehört, jedermann versichert, farbenblind sein sei schön, niemand habe die Absicht, Einwände gegen Farbenblindheit oder einen ihrer Träger zu erheben, ganz im Gegenteil, persönlich allerdings – hier senkt sich regelmäßig die Stimme – rein persönlich bedaure man einen sehr: Ist es schlimm? Ist es denn schlimm? Ich weiß nicht, ob es schlimm ist, ich weiß auch nicht, wie farbenblind ich, im Verhältnis zu anderen Farbenblinden, genannt werden sollte, ich habe den Unterschied nie erfahren, erst müsste ich die Skala der Farberfahrungen studieren, aber dieses Studium wird meines Wissens nirgends angeboten, also müsste ich … was denn … wo denn … sehen Sie, da … nein, Sie verstehen mich nicht, Sie meinen, ich hätte den Faden verloren und da laufe er hin … Sie selbst mögen sich nicht bücken, dazu sind Sie zu bequem, Sie haben ein wenig Fett angesetzt und wenn ein Blinder Ihren Weg kreuzt, was fällt Ihnen schon anderes ein, als die Straßenseite zu wechseln … aber ich bin nicht blind, noch nicht, auch führt keine Straße aus unserem Maschinensaal heraus, so riesig er Sie auch anmutet, Sie entkommen mir also nicht, wenngleich Ihr süffisantes Lächeln verrät, dass Sie sich schon halb draußen wähnen – halb draußen und halb drinnen, so wähnen Sie sich, nicht wahr, das ist Ihr Wahn, Ihr Irrsinn, er verrät mir, dass Sie einer von denen sind, die ihre Lektion gelernt haben, nachdem sie einmal verstanden haben sollten, ein Zweimalgeborener im Farbrausch, der das Einmaleins der Farben von der Pike auf beherrscht, und ich frage mich – wissen Sie, was ich mich frage? –, ich frage mich: Was wissen Sie da? Was zum Teufel wissen Sie da? Nichts wissen Sie da, Sie kennen sich einfach nur aus und das ist … weniger als nichts, wenn Sie mich fragen, das alles ist gar nichts, es bewegt sich auf dem Niveau der einfachsten Hilfsarbeiten, wie sie nun einmal im Maschinenraum anfallen und von Leiharbeitern erledigt werden, insofern geht es auch hier um Politik, nicht dass einer am Ende die Parteien verwechselt und nicht mehr weiß, wo er hingehört, schließlich steht, wer erst einmal den falschen Knopf gedrückt hat, unter Beobachtung, und beim zweiten Mal –… Apropos, was passiert eigentlich beim zweiten Mal? Ich meine, was passiert da im Delinquenten? Er hat sich ja eigentlich nichts zuschulden kommen lassen, das Wort ›Delinquent‹ wirkt ganz unpassend, dennoch drängt es sich auf, verfolgt man, wie so einer vorgeladen wird, um sich vor dem Präsidium oder einem förmlichen Parteigericht zu verteidigen … sie haben eigene Gerichte dafür, dass einer den falschen Knopf gedrückt hat, Knopfdrücker-Gerichte, das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen, der einfache Arbeiter hat dafür in der Regel natürlich kein Verständnis, es sei denn, man hetzt ihn auf, aber wird er gefragt? Ich frage Sie: Wird er gefragt? Natürlich nicht, das wissen Sie ganz genau, warum also schweigen Sie? Rede ich Ihnen zu viel?

Das ist schlimm, nehme ich an, schlimm für einen wie Sie, der alles weiß, was er wissen sollte, von der Pike auf, ohne eine einzige … mir fällt das Wort nicht ein, das passiert mir relativ selten, in Wörtern bin ich gewöhnlich gut, ich frage mich, warum sich mir dieses eine verweigert, ist es verständigt? Mit wem? Habe ich Feinde? Ja, ich gebe zu, hin und wieder habe ich mich drastisch geäußert, allein, mit oder vor Zeugen, zu jenen Zeitpunkten wusste ich nicht einmal, dass es sich um Zeugen handelte, gewissermaßen sind sie heute meine Zeugen, dass ich nichts davon wusste, vielleicht waren sie damals auch keine und heute, auf Grund von Entwicklungen, die ich nicht weiter verfolgt habe, sind sie … nicht etwa Zeitzeugen, bewahre, sondern Zeugen meiner Verfehlungen… Habe ich denn gefehlt? Habe ich gefehlt? Worin habe ich gefehlt? Was sagen Sie dazu? Ist der Gedanke, ich könne gefehlt haben, nicht absurd? Sind wir hier nicht in Sicherheit? Ist dieser Maschinensaal nicht wohltemperiert, während draußen, außerhalb seiner Mauern, die Klimahölle tobt, sind die Maschinen nicht wohl gewartet, blitzt nicht sogar der Schrott, als könne er mit Leichtigkeit die nächsten Jahrhunderte überdauern, und der Dreck, das bisschen Dreck … hören Sie mal, hat nicht jede Zeit ihren Dreck? Dort stehen Schaufel und Besen, gehen Sie voran, gehen Sie voran… Nein, ich bin nicht farbenblind, nicht in Ihrem Sinne oder dem Ihrer Hintermänner und -frauen (haben Sie Hinterfrauen?), ich bin … wissen Sie, was ich bin? Ich bin dezisionsfaul. Da staunen Sie und fragen sich, woher ich das habe, aber ich verrate es Ihnen nicht, ich verrat’s nicht, Verrat bleibt Verrat und ich habe mich nun einmal entschlossen, nichts zu verraten, es sei denn, ich will Ihnen einmal was verraten, nur im Augenblick, im Augenblick steht mir der Sinn nicht danach, nicht jetzt… Ehrlich gesagt, was könnte ich Ihnen schon verraten, was Sie nicht bereits wüssten? Jeder, der hier hereinschneit und sich umschaut, weiß doch nach einer Weile Bescheid, wenn’s nach mir ginge, könnte er sich gleich wieder davonmachen, doch das ist leider nicht so einfach, nicht so einfach … wir nennen das, was dann folgt, ›langsame Eingewöhnung‹, aber eigentlich trifft es der Ausdruck nicht, das es, das Eigentliche, den Kern, der nicht Kern sein darf, aber auch nicht die faule Stelle, die man herausschneiden kann … das alles trifft es nicht wirklich, vielleicht, weil es so unwirklich daherkommt, so unwahrscheinlich … unwirklich, ja, das wird es sein, es ist unwirklich, was hier geschieht, nicht wirklich wirklich, zum Beispiel werden hier dauernd Leute entlassen und man weiß nicht wohin, das ist doch auffällig, oder wie sehen Sie das? Ich meine, diese Leute, sie verschwinden ja nicht, sie tun weiterhin, was man ihnen aufträgt, vielleicht sogar eine Spur gewissenhafter als vor ihrer Entlassung, aber Fakt ist, sie wurden entlassen, und offenbar aus keinem anderen Grund als dem, dass sie verstanden haben, warum sie hier sind … oftmals bemühen sie die Gerichte und daraufhin werden sie wieder eingestellt, die meisten geben sich mit Abfindungen zufrieden, besonders hartnäckige Fälle zwingt man, den Instanzenweg bis zum Ende zu gehen, man sieht sie im Kreis ihrer juristischen Berater auf der Galerie wandeln, wenn Sie einmal den Blick heben möchten … wir blicken zu ihnen hinauf und denken uns: Ihr seid jemand, ihr habt es gut… Haben sie es gut? Sie haben ›Füllung‹, ich weiß es nicht besser auszudrücken, ich will damit nicht zum Ausdruck bringen, dass wir anderen hohl wären, aber diese Art Füllung, sie fehlt uns doch, man merkt ganz einfach den Unterschied … sehen Sie, das ist auch eine Frage des Neides, wir anderen, die wir noch keinen Grund bekommen haben, den Instanzenweg bis ans Ende zu gehen, dorthin, wo die wirklichen Rechte verhandelt werden, die man nicht ohne Grund Grundrechte nennt, um damit anzudeuten, dass alles einen Grund hat, auch das Recht, und dass dort, wo das Recht seinen Grund hat, nicht der Abgrund lauert oder die Systemlüge oder das Märchenkrokodil, sondern das allerwirklichste Recht von allen, das Recht, da zu sein, einfach da zu sein, so wie man ist, wie man einfach ist, denn schließlich sind wir alle, wie wir nun einmal geworden sind, Produkte der Evolution und stammen nicht aus einem Bio-Labor, mit dem Vermerk ›bei Unverträglichkeit absetzen‹ im Kleingedruckten … wir haben doch, streng genommen, etwas versäumt in unserem Leben, wir sind den Weg nicht zu Ende gegangen, wir bummeln auf halbem Wege, nicht tot, nicht lebendig, nicht frei, nicht unfrei, frei in unserer Unfreiheit, unfrei in unserer Freiheit, das haben andere schneller begriffen als wir, sie sind in diese Sache hinein gesprintet, bevor wir wussten, dass sie überhaupt existiert, geschweige denn, dass es sich um eine zu füllende Lücke handelt … wir waren einfach zu langsam, zu gutgläubig, zu gutmütig, vor allem letzteres, jetzt bleibt uns nichts anderes übrig, als uns in Langmut zu üben … wer sind wir? Die Corona der Neidlinge? Das ist alles … nicht so einfach … nein, nicht so einfach, nicht so … mit diesem Satz klinke ich mich endgültig in das umfassende Narrativ der Maschinenwelt ein – nicht Ihrer, nicht meiner, nicht unserer, sondern der Welt, die ich an dieser Stelle als die Unentrinnbare bezeichnen möchte, bevölkert mit Unentrinnbaren, denen nur zweimal zu begegnen Glück bedeutet, das Glück der durch Gnade gefestigten Distanz … mein letztes Wort … Distanz … es ist eine Hatz, so ein letztes Wort, es erinnert mich gleich an den Herrn Kammerjäger, dessen Instruktionen stündlich im Maschinenraum über die Bildschirme laufen, er ist in der letzten Zeit eine Art Kassandra für uns geworden, eine Kassandra der submikroskopischen Bedrohung, um es einmal ein wenig kryptisch auszudrücken, denn vieles wirkt kryptisch an dieser Erscheinung, obwohl es auch wieder erhebt, so einen in unserer Mitte zu wissen, ein wenig abgehoben, ein wenig desolat in Auftritt, ein wenig neben der Kapp’, wie der Pfälzer raunzt, aber bedenkt man, dass niemand ihn in dieses Amt gewählt hat, dass er sich nicht nur ganz allein hinein gewählt, sondern es überhaupt erst für sich geschaffen hat, nur um das Füllhorn denkbarer, möglicher, wünsch-, fühl-, mach-, schaffbarer Maßnahmen über uns auszubreiten, und das im Stundentakt, also das ist eine Leistung, vor der der Maschinist schon den Hut zieht, obwohl das Tragen von Hüten eigentlich in Anbetracht der damit verbundenen Unfallgefahr seit langem verboten ist … der Herr Kammerjäger … ein nobler Herr, wir wissen nicht, aus welcher Tasche er die Sümmchen für sein schwungvolles Wirken zieht, wir wollen es, ehrlich gesagt, genauso wenig wissen wie Kinder, die nicht mehr so recht an den Weihnachtsmann glauben, dafür umso mehr an seine Geschenke … inzwischen haben wir uns so an seine Durchsagen gewöhnt, dass sie den einzigen verlässlichen Schutz vor der tiefen Depression bieten, die uns unweigerlich befallen würde, sollte seine Stimme eines Tages verstummen oder auch nur verstellt klingen, wir können unsere Hände nicht mehr waschen, ohne dass er uns prüfend auf die Finger guckte, und wenn unsere Rotzfahnen im Winde flattern, wessen Konterfei … da frage ich doch gleich Sie: wessen Konterfei tragen sie? ›Hie Welf, hie Waibling‹, so hieß immer meine Devise, und dieser hier ist so eindeutig Waibling, dass mein Herz einen Sprung macht, sobald es seiner ansichtig wird … sie ist ja keineswegs eindeutig, die Devise ›Sagen, was ist‹, es tut schon gut, wenn da einer steht, der sagt, was ist, und dann ist es so, besser jedenfalls, als wenn einer sich dabei verhaspelte und anschließend ausgewechselt werden müsste … wissen Sie, angesichts all des Schrotts, der sich hier angesammelt hat, sind die Reserven deutlich heruntergegangen, vor jeder Auswechslung muss jetzt ein Antrag gestellt werden, und zwar schriftlich, mit ausführlicher Begründung, das klingt zwar dramatischer, als es sich vor Ort darstellt, weil die Verantwortlichen über ausreichend Textbausteine verfügen, aber wenn es sich um Menschen handelt, hören Sie, Menschen, dann hört der Baustein auf und es beginnt … das Schweigen der Sirenen, möchten Sie sagen, ich habe Sie durchschaut, Sie sind ein durchtriebener Bildungsmensch, doch daraus wird nichts, Ihre Sirenen können Sie sich abschminken, bitte achten Sie darauf, wohin Sie treten, wir dürfen Ihre Reinigungskosten nicht übernehmen, dafür gibt’s keinen Etatposten, das sollten Sie eigentlich wissen.

 

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