Ulrich Schödlbauer
§ 1 Zeit und Ort
  1. Wer zu schreiben beginnt, kennt nicht sich, sondern seine Lektüren.
  2. Am Anfang des Schreibens steht die Illusion.
  3. Schreiben heißt Abbau von Illusionen und Verfertigung neuer.
  4. Die Verflüssigung des Geschriebenen geschieht im Dialog.
  5. Maßstäbe? Gibt es nicht. Schreiben ist Wunscherfüllung.
  6. Schreiben, so weit man kommt.
  7. Zeit, Ort und Umstände mischen mit. Es gilt die Konstellation.
  8. Schriftsteller sind lernfähig. In Maßen.
§ 2 Vom Ego
  1. Verführung Nr.1: Das krasse Ich.
  2. Stuss bleibt Stuss. Auch mit Ich-Index.
  3. Schreiben stiftet Beziehungen. Bücherschreiben stiftet Fernbeziehungen.
  4. Wenn einer sagt, er besitze das Wissen, dann gehe ich weg. Lächerlichkeit steckt an.
  5. Technik ist Technik. Man erwirbt sie und bildet sie aus.
  6. Manche erfinden etwas Neues oder sie erfinden Vorhandenes zum zweiten Mal. Wer mit dem Erfinden anfangen will, erreicht die Anfänge des Vorhandenen nie.
  7. »Das ist mir passiert!« Durch welches Sieb?
  8. Wieso soll ich einen Text lesen, der mich beeindrucken soll? Ich lehne mich zurück, schließe die Augen und denke: »Nun komm schon, ich will, dass du mich beeindruckst.«
  9. »Ich bin beeindruckt!« Soll heißen: Ich empfinde Neid, oder: Damit kann ich punkten.
  10. Das krasse Ich scheitert an jeder Beziehung: durch »Mein«-Sagen. Mein Text ist Jedermanns Text. Was jeder Esel kennt, darauf scheißt er.
  11. Wer sich als Urheber anpreist, hat sich schon verhoben. Das »Ur« hebt keiner.
§ 3 Vom Schreiben
  1. Man schreibt sich ein. In was? Ins Eigene? Vielleicht. Aber was ist dieses Eigene?
  2. Das krasse Ich spricht: »Was, du willst mich nicht anmachen? Dann treibe es eben mit dir selbst!«
  3. Was ist das Eigene des Eigenen? Ein Tick? Ein Ausfall? Eine Diskrepanz? Ein Popanz? Ein Trick?
  4. Das krasse Ich schreibt, redet, malt, tanzt – und denkt: »Das sieht doch gut aus? Das bringt mich doch weiter?«
  5. Wären die Leser Automaten, so wäre das Studium der Bedienungsanweisungen erschöpfend.
  6. Das krasse Ich kann auch anders. Es kann immer auch anders. Nur unprämiert zeigt es sich stets als dasselbe.
  7. Als Prämiensystem steckt die Literatur voller ausgeklügelter Bosheit: Die Ohrfeige neben dem Gehör.
  8. Das verachtete Sujet ist das dankbare.
  9. Misstraue Behandlungsarten, die der Kritik den Mund verschließen: aus Scheu, eine persönliche Wunde zu berühren oder aus Angst, ideologisch auf der falschen Seite zu stehen.
  10. In Scham vergehen: ein Text-Schicksal, nicht unähnlich dem eines Menschen, für den man sich viele Jahre verwendet hat und den man nun fallen lässt, weil er einem keine andere Möglichkeit lässt.
§ 4 Von der Nachbarschaft
  1. Schreiben ist Glück - fragt sich, für wen.
  2. Fest kalkulierte Effekte setzen ein homogenes Lesepublikum voraus.
  3. Das einzige, worauf ein Autor der großen Zahl zuverlässig rechnen kann, ist die Gefühl gewordene, also heruntergekommene Ideologie. Lustloses Denken, schlechter Geschmack und banale Schreibe bilden den Circulus vitiosus der unreflektierten Schreibwut.
  4. Die Schreiblust der Literaten sucht sich ihre Empfänger im leeren Raum. Das ist eine Fiktion, aber eine notwendige: wer schon in Gesichter starrt, bevor er einen Gedanken gefasst oder einen Satz notiert hat, dem verzerrt sich das Schreiben zur Grimasse.
  5. Wer ankommen will, muss aufbrechen.
  6. Schreiben per Anhalter.
  7. Die Sinnlichkeit fremder Leute (also des Publikums) ist ein Sack voller böser Überraschungen: erst weiß man nicht, womit man sie reizt, und am Ende war es immer dasselbe.
  8. Wer sich rückhaltlos dem Urteil von Lektoren und Agenten ausliefert, sollte drei Dinge bedenken: das Bildungsniveau dieser Leute, ihr Eigeninteresse und ihren Aktionsradius. Außerdem sollte er wissen, womit sie regelmäßig auflaufen. Diese Dinge zusammengenommen erklären fast jeden ihrer Reflexe.
§ 5 Von den Empfindungen
  1. »Ich gebe dir große Gefühle«, sagt zitternd die Maus. »Das will ich meinen«, spricht die Katze und streicht sich die Lefzen.
  2. Gemeinsam schluchzen, vor allem in Lesungen. Der literarische Verstand zeigt sich von hinten.
  3. Man weiß nicht, wie die Geschichte der europäischen Literatur verlaufen wäre, hätte Aristoteles ihr statt der tragischen Erschütterung eine des Zwerchfells verordnet. Die Menschen hätten mehr zu lachen gehabt und weniger geheuchelt – nach dem Theater und darüber.
  4. Gefühle haben, sie ausstellen und sie in anderen erzeugen sind drei unterschiedliche Akte. Ob sie untereinander verträglich sind?
  5. Die starken Affekte sind die groben. Die starken Effekte auch.
  6. Das affektfreie Denken ist eine Schimäre. Das heißt aber auch: Denken schadet dem Affekt nicht. Oder nur dem hirnlosen.
  7. Aus dem Bauch leben, ganzheitlich leben: wunderbar! Den Bauch urteilen lassen, also kopflos urteilen: die sicherste Art, nicht zu urteilen und daneben zu liegen.
  8. Den Voyeursblick bedienen: Pornographie! Ihn unbedient lassen: Lethargie! Irgendwo dazwischen wird sie wohl liegen, die Insel der Anmut.
  9. Torheit rührt an. Aber sie weiß nicht warum. Und schon gar nicht, wie lange.
  10. Die großen Gefühle (nicht die starken) sind das A und O der Kunst. In ihnen geht es um Leben und Tod.

 

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