Ulrich Schödlbauer

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Die Beinah-Deckungsgleichheit von Lob und Verachtung bietet den Schlüssel zu einem leidenschaftlich diskutierten Zug dieses modernen Monarchiats: während in anderen Regierungen meist die Linke nicht weiß, was die Rechte tut (und umgekehrt), wissen in dieser Linke wie Rechte nicht, was die Mitte, das heißt, die Regentin selbst tut beziehungsweise zu tun beabsichtigt. Auch leutselig unters Volk gestreute Interviews ändern daran nichts. Einer, den’s angeht, kann aus ihnen erfahren, dass sie entschiedene Schritte zu unternehmen gedenkt, um das eine oder andere Weltproblem »in absehbarer Zeit« einer Lösung zuzuführen. Aber worin diese Lösung bestehen wird und ob für das anvisierte Problem überhaupt eine Lösung existiert, vermag er dem Interview ebenso wenig zu entnehmen wie der Zeitung seines Vertrauens, mit der die im Hintergrund wirkende Hausfrau den Schinken eingewickelt hat, von dem die Mäusepopulation seit einigen Monaten lebt. Wenn der Spruch, dass Leidenschaft Leiden schafft, seine Richtigkeit hat, dann hier.

Ein großes Geheimnis stellen die Kabinettssitzungen dar. Auf ihnen werden die meist überraschend auftretenden Themen der Zeit mit der gebührenden Nachsicht behandelt und Dringlichkeitsstufen zugeordnet, die vor der Tür keiner zu kennen scheint. Daneben fasst man Beschlüsse, vor denen die Mehrzahl der Mäuse, darunter die Anhänger der eigenen Partei, sich insgeheim fürchtet, weil sie immer öfter Denkzetteln ähneln, die niemand gern in Empfang nimmt.

Hin und wieder wird Seltsames kolportiert: Verdiente Minister hätten aufrechten Ganges die mit Papier dekorierte Pforte zum gleich hinter der Fußbodenleiste gelegenen Kabinettssaal durchschritten, um nach etlichen Viertelstunden mit verklärtem Blick, auf allen Vieren huschend, wieder zum Vorschein kommen. Dazu muss der Beobachter wissen, dass Josefine, die jungfräuliche Königin, einer Koalitionsregierung präsidiert – ungeachtet der Existenz eines von ihr erkorenen Präsidenten, den sie gelegentlich per SMS verständigt, sobald er in seiner erhabenen Durchlässigkeit vollkommen zu vergessen droht, wem er Amt und Zufluss verdankt. Sie maße, so hat sie einmal in ihrer Frühzeit geäußert, sich nicht an, in die Entscheidungsfindungsprozesse der an der Regierung beteiligten Parteien einzugreifen (»die werden schon wissen, was zu tun ist«). Daraufhin traten die Parteien in komplizierte Verhandlungen teils mit sich selbst, teils mit dem Koalitionspartner ein, die bis zur Stunde andauern und einen historischen Tiefstand der Mitgliederzahlen herbeigeführt haben, weil der gemeinen Hausmaus, deren Durchhaltevermögen hier gefragt ist, bereits nach kurzer Gähnzeit die Kinnlade herunterfällt und irreparable Schäden im Gelenkbereich verursacht.

Wer will, darf also ohne Übertreibung behaupten, unter Josefine habe sich das Problem, das Parteien für die politische Willensbildung eines Landes darstellen, endlich von selbst erledigt. Allerdings wird diese Auffassung nicht von Regierungsseite gestützt. Josefine, angesprochen auf die in diesem Zusammenhang regelmäßig auftretenden Schwierigkeiten – denn auch das Volk der Mäuse strebt von Zeit zu Zeit an die Wahlurnen –, verweist gern auf die Verpflichtung aller Demokraten, in schwierigen Zeiten zusammenzustehen und nicht zuzulassen, dass »dieses Land unregierbar wird« oder mir nichts dir nichts dem politischen Gegner in die Hände fällt. »Mir nichts dir nichts« sagt sie zwar nicht, aber die jungen, mitunter auch nicht mehr so jungen Moderatorinnen lesen es von ihren Lippen ab und lassen es überall, wo es ihnen zu passen scheint, in ihre sanfte Begleitrede einfließen. Überhaupt legt Josefine, seit sie zum ersten Mal den Hermelin übergestreift hat, großen Wert auf gepflegte Begleitung.

Die ungepflegten, schwupps!, frisst der Kater.

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