Ulrich Schödlbauer

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Cioran hätte sie bewundert.

Das Leben Josefines, soweit es öffentlich in Betracht kommt, zerfällt in drei Abschnitte. Der erste Abschnitt gehört in die Rubrik ›fehlende Anerkennung‹ und lässt sich am besten rein zeitlich eingrenzen. Wer dafür Zeit und Muße mitbringt, darf hier bereits alle Züge einer Person, die später einmal wichtig werden, in aller Ruhe studieren: angeborene Pfiffigkeit, einen unauffälligen Humor und die Fähigkeit, im Dunkeln zu pfeifen, so dass niemand außer ihr davon Wind bekommt. Dazu jede Menge Fleiß sowie der unbedingte Wille, ihren Weg zu machen, verbunden mit der Bereitschaft, dafür auch einfache Dienste zu verrichten, zum Beispiel Fußwaschungen an einfachen Mäusebrüdern und ‑schwestern, aber auch das immer neue Auflegen alter Platten bis zum Überdruss: zweifellos eine lange Liste sozialer skills, die für eine Laufbahn im Brennpunkt allgemeiner Aufmerksamkeit entscheidend sein können.

In diesen Lebensabschnitt fallen alle unwesentlichen Ereignisse, an denen sich ein Charakter zu formen, eine Weltanschauung zu bilden und ein Ziel, ein wirkliches Ziel im Leben herauszukristallisieren pflegt. Über Josefines Charakter wurden so viele Bücher geschrieben, dass die durchschnittliche Lebensspanne einer gemeinen Hausmaus für die Lektüre bei weitem nicht ausreicht. Mit einer gewissen Berechtigung ließe sich daher behaupten, er sei überlebensgroß. Ob das als Lob durchgehen kann, bleibe hier außer Betracht. ’t geiht all, blot de Pogg, de hüppt, wie der Friese sagt.

 


Josefines ideologischer Reifungsprozess ist gut dokumentiert, erst bei näherer Betrachtung tun sich Risse auf. Zum Beispiel reißt der wiederholte Aufenthalt im benachbarten Parteikindergarten während der für die Prägung der Mauspersönlichkeit so wichtigen Phase zwischen zweiter und fünfter Woche ein empfindliches Loch in die Rekonstruktion dieser bedeutenden Kindheit. Kein Foto, kein Akteneintrag, kein Erinnerungsvermerk, nichts scheint zu existieren, was den Informationshunger der Biografen auch nur entfernt zu lindern vermöchte – nichts oder … ein Schatten.

Das ist und bleibt ein Handicap. Wettgemacht wird es durch die anekdotische Fülle des aus Lehrer- und Schülerberichten für die Folgezeit zusammengetragenen Materials. Es ist schön, wenn sich alte Freunde erinnern. Hand aufs Herz: Wer sonst könnte der Mitwelt so liebevoll das Bild einer fleißigen, intelligenten, asexuellen und, vom mäuslichen Standpunkt aus gesehen, völlig unergiebigen Person ohne Ecken und Kanten vermitteln? Zugegeben, Ecken und Kanten sind nicht unbedingt das, was die noch immer männlich dominierte Umwelt einer im Entstehen begriffenen Mäusefrau freigiebig attestiert. Entsprechend sollten diese meistenteils von Eitelkeit und Wichtigtuerei diktierten Informationen nicht allzu hoch gehängt werden. Festzuhalten bleibt, dass der damals recht rigide gehandhabte Weltan­schauungs­unterricht in Josefine eine gelehrige und, wie es scheint, willfährige Schülerin fand.

Im Studium – ja sicher, wir befinden uns mit Josefine, ›dieser unglaublich jungen Frau‹, wie einer ihrer Hofbiografen sie nennt, bereits in der Studienphase und steuern zügig dem Abschluss zu –, im Studium scheinen sich bei ihr besonders zwei Fertigkeiten bewährt zu haben: das bereits erwähnte Plattenauflegen und die magische Fähigkeit, zum richtigen Zeitpunkt (sic!) im trauten Kommilitonenkreis Schnittchen zu reichen.

Bekanntlich ist die Fähigkeit, Schnitte zu setzen, wann immer es brenzlig wird, eine Kernkompetenz mäuslichen Lebens und Überlebens. Daher nimmt es nicht Wunder, dass sich schon bald ein Partner einfindet, um mit ›Sefi‹ Bett und Weltanschauung zu teilen. Nicht für lange: dann kommt es auch in dieser Beziehung zum Schnitt. Erstmals zeigt sich hier im Leben der kommenden Herrscherin der nachmals so durchschlagende Zug zur Vergesslichkeit. Erst das Bett, dann das Bewusstsein – nach dem heutzutage gern überhörten Motto jener Tage scheint ihr zunächst das Bett zum Opfer gefallen zu sein. Später, in einem anderen Dasein, folgt die einst unumschränkt herrschende Weltanschauung. Bewusstseinswandel ist die Trapezkunst des Möglichen.


Wir nähern uns der Zeit, in der Josefine, noch als passiv Lauschende, das innere Singen entdeckt. Es müssen berückende Tage – und Nächte – für sie gewesen sein, Stunden des vollendeten Einklangs mit sich selbst. Ihre Umgebung erfährt davon nichts. Selbst die Quellen der gerade damals überall im Einsatz befindlichen Wühlmäuse schweigen. Diese Basen und Vettern der normalen Systemmaus werden gern konsultiert, wenn es gilt, sich ein realistisches Bild jener Tage zu verschaffen. Leider, leider sind ihre Aussagen mit Vorsicht zu genießen, da den meisten von ihnen mit der Machtaffinität auch der Schlüssel zum Verständnis ihrer früheren Operationen abhanden kam. Entsprechend reden sie, wann immer sie sich einer der im Mäusestaat stets zu gewärtigenden roten Linien nähern, seit Jahr und Tag wirres Zeug. In dankenswerter Deutlichkeit schrieb ein Biograf: Man muss sich die Josefine jener Tage als schweigend nach innen gewölbtes Jungwesen vorstellen, mit einem ungebrochenen Sinn für das Kommende und seine Sendboten im Bewusstsein, vor allem im Bereich der hinteren Windungen, denn das Mäusebewusstsein ist, wie man seit langem weiß, ein äußerst gewindereiches, so dass sein relativ kleiner Frontquerschnitt kaum etwas über seine wahre Erstreckung verrät.

Ganz recht! Seine einzigartige Überlegenheit über andere intelligente Lebensformen beweist das schraubenförmige Mäusebewusstsein beim nicht bloß so genannten Bohren dicker Bretter. In diesen gegen das breite Publikum weitgehend abgeschirmten Gefilden sehen wir Josefine, angestiftet durch das innere Stimmengewirr, ein paar Monate lang echte Pionierarbeit leisten. Neider versichern zwar, sie habe sich damals zwischen Kantine und Freizeit an ganz gewöhnlichem Käse zu schaffen gemacht. Aber wie der Gelehrte zu sagen pflegt: Besser als Quark schmeckt er allemal. Auch kommt hier der eherne Mäuse-Grundsatz zum Einsatz: Es gibt keinen Käse, außer man bohrt ihn.

Einig sind sich die rückwärtsgewandten Profeten der Mäusenation in einer Hinsicht, allen sonstigen Zänkereien zum Trotz: Es hat eines mächtigen Impulses bedurft, um aus Tiefbohr-Josefine, so ihr Spitzname, die Sängerin hervorzukitzeln, der wir in ihrem zweiten Lebensabschnitt begegnen. Was mag da vorgefallen sein? Tief ist der Brunnen der Vergangenheit und jeder Pegelstand ungewiss. Was ist Gewissheit? Ein schnell verblassender roter Streif am Abendhimmel, gerade noch sinnlich wahrnehmbar und über jeden Zweifel erhaben, jetzt bereits eine Sage, ein ungläubiges Blinzeln und bald ein schallendes Gelächter.

Sollten der Welt einmal die Archive der Fledermaus-Burschenschaft offenstehen, dieser verschworenen internationalen Brigade, deren natürliche Tageszeit die Nacht und deren Firmament die Welt der Kellergewölbe darstellt, dann allerdings wäre es durchaus vorstellbar, dass Josefines Sängertum in einem anderen, mehr unter‑ als überirdischen Glanz erstrahlt und auch die Unhörbarkeit ihres unfassbar zarten und eingängigen Gepfeifes eine von den uns bekannten erheblich abweichende Erklärung findet. Die familiären Bindungen zwischen Haus‑ und Fledermaus sind seit altersher diffizil. Sie überragen das Dasein des um sein bisschen Leben bangenden Mäusewesens bei weitem und bisweilen bringen sie es zu erdrückender Präsenz.


Der fliegende Robert muss in ihr Leben gelangt sein wie die Schlange ins Paradies: Man weiß nichts Genaues, aber das mit Verve. Denn schließlich: Was wäre das Paradies ohne die Schlange? Was wäre ein Paradies der Werktätigen ohne ihre Beschatter? Was wäre, wenn… Was wäre wenn, flüsterte Robert und schlug sich an die Stirn: »Die Gedanken sind frei!« Dann blickte er sich, benommen ob der ungewohnten Freiheit, vorsichtig um und begann seinen Flug, den Flug der Fledermaus in den Sonnenaufgang, denn einmal sollte es doch Tag werden in seinem Leben wie in dem aller Mausender.

Josefine und Robert … man muss sich die beiden zusammen vorstellen: die junge, beinahe jugendlich wirkende Sängerin auf der Suche nach einer Stimme und den erfahrenen, fast schon gesetzt wirkenden Trapezkünstler mit dem sorgsam am Körper verborgenen, nur für Artenkundler erkennbaren Flügelpaar, von dem er hofft, im Ernstfall werde es ihn schon tragen – eine eitle Hoffnung, wie wir heute wissen, denn seine Enttarnung sollte nur eine Frage von Wochen sein … Wochen voll fiebriger Lust und Schaffensfreude, in denen sie beide … nun, wir wollen nichts übertreiben, es finden sich viele Helfer, willige und schweigsame, auch ahnungslose, alles in allem vielleicht die wichtigsten, weil sie den Prozess der Tagwerdung, den Tagungsprozess der zur Selbstbestimmung gereiften Mäuseschaft ohne falsche Rücksichtnahme vorantreiben. Auch Josefine, nüchtern betrachtet, ist nur eine Helferin, eine von vielen, unauffällig bis in die DNA hinein, wäre da nicht … dieser zauberhafte, scheinbar aus Stille gebildete, mäuse­bewegende Gesang.

Ein Rätsel? Gewiss. Die maßgebliche Studie, Josefines Gesang betreffend, verdankt die literarische Welt einem Autor, der es eigentlich hätte wissen können. Leider übersah auch er den sprichwörtlichen weißen Elefanten im Raum, nämlich Robert und seine den Schatten geschuldeten Künste. Wie jede Fledermaus verfügt Robäär (wie er sich ausspricht) über die Fähigkeit, sich durch Ultraschall-Schreie im Dunkeln zu orientieren. Das wäre, an sich betrachtet, nichts Ungewöhnliches. Bedenkt man jedoch, dass im Helldunkel des beginnenden Tages – Robäärs frisch erobertem Lebensraum – das angeborene Steuerorgan seine alltagspraktische Funktion verliert, dann strömt plötzlich Licht ins Dunkel des emsig gehüteten Geheimnisses. Forschungen belegen, dass Fledermausschreie, im Finstern ausgestoßen, das Mäusegehör auf diffuse Weise affizieren und damit sowohl zukunftsträumerische als auch durch Lethargie gemilderte Panikzustände hervorrufen können. Sie bedienen also, prosaisch gesprochen, just das Gefühlsspektrum, in dem die Sängerin Josefine zu brillieren sich anschickt. Dahinter verbirgt sich, unter Göttern gesprochen, nichts als der reine Zufall. Doch auch wenn der genaue Nachweis noch aussteht (und vielleicht niemals erbracht werden wird): der offenbare Fehlschluss, im gegebenen Fall könnte jenes Organ, seiner ursprünglichen Aufgabe ledig, zu einem beliebig programmierbaren Instrument der Kunst mutiert sein, einsetzbar beispielsweise – sprechen wir’s mutig aus! – zum Zweck verdeckter Massenbeeinflussung, ist, sagen wir … nicht ganz von der Hand zu weisen.


Robäär bleibt nicht die einzige alsbald enttarnte Fledermaus in Josefines engerem Umfeld. Was Josefine vielleicht nur ahnt, was vielleicht nur wenige ahnen, auch wenn sie sich dann letztlich doch zu vielen addieren –, ist das Ausmaß, in dem die fliegenden Roberts sich in diesen Tagen in die Geschäfte der Mäuserepublik drängen. Wie zur Postkutschenzeit, als man Großfeuer noch mit dem Handeimer löschte, scheint eine Kette auffällig positionierter, sorgsam ihr Herkunftsmilieu verbergender Mausflügler die Sängerin an die Spitze durchgereicht zu haben, bis sie endlich, weithin sichtbar, auf jenem Podest steht, von dem aus ihre, wie es heißt, nicht vorhandene Stimme das gesamte Mäuse-Universum bestreicht.

Der Vergleich mit einer Löschaktion ist nicht ganz abwegig. Die Welt der Mäuse steht in Flammen und Josefine, die alsbald vergötterte, legt lethargische Schleifen auf die Gemüter, unter denen das Feuer, seiner natürlichen Nahrung beraubt, folgsam zum Schwelbrand degeneriert, um nach und nach in langsam erkaltender Asche zu verglühen.

Aus dieser Zeit ist ein Dialog überliefert, als einziger übrigens, mit zittriger Hand hingekrakelt von einem der geistigen Brandstifter jener Monate, den man wenig später dazu vergattert, die Akten der Feuerversicherung zu verwalten. (Er soll, wie es in der Amtssprache heißt, sie der Allgemeinheit zugänglich machen, um den Opferdiskurs in Gang zu bringen. Bar aller administrativen Erfahrung, aber motiviert bis zum Bersten, entledigt er sich seiner Aufgabe zur größtmöglichen Zufriedenheit aller Parteien und darf, nach getaner Arbeit, für ein paar Monate als Präsident der Mäuserepublik paradieren, ehe der Wind des Schicksals sich dreht und er ebenso entschlossen weggepackt wird wie die Akten, die er nicht zu Unrecht als das Glück und Unglück seines Lebens betrachten durfte.)

– Kann es sein, dass wir uns von früher kennen?
– Das kann nicht nur nicht so sein, das kann mit aller Entschiedenheit ausgeschlossen werden.
– Was macht Sie da so sicher?
– Ich kenne mich in meiner Vergangenheit aus. In Ihrer übrigens auch, falls Sie das interessieren sollte.
– Da wissen Sie mehr als ich. Respekt.
– Man hat seine Quellen. Wollen Sie für mich arbeiten?
– Wenn es Ihren Quellen Spaß macht: gern.
– Wer redet von Quellen? Setzen wir uns doch einfach Ziele.
– Setzen Sie mich ins Bild, damit ich Ihnen folgen kann.
– Alles zu seiner Zeit. Jetzt gibt’s Frühstück. Später gehen wir in die Kantine.


Wie ein Schläfer irgendwann aufsteht, sich einen Kaffee braut und an die Arbeit geht, so sehen wir Josefine, abseits der Stunden göttlichen Gesangs, Fäden aufnehmen, Kontakte knüpfen, sich durch kleine Gaben unentbehrlich machen, ein Wort einlegen oder auch zwei, empörte Rivalen vorneherum besänftigen und hinterrücks gegeneinander aufstacheln, Konkurrentinnen mit einer Drehung der Hinterpfote ins Nichts befördern, sich beim aschgrauen Herrscher aller Mausklassen unentbehrlich machen (und ihm, zum Gaudium der Vielen, unauffällig Mausdreck ins Gesicht reiben), kurz das übliche Geschäft einer blitzwachen Person betreiben, die noch viel mit sich vorhat und keine Zeit zu verlieren wünscht. Liiert ist sie in diesen entscheidenden Tagen, zur Verwunderung ihrer Entourage, mit einer Spitzmaus, einem auf Draht gezogenen Schweiger, auf dessen Ansprache sie, wie sie sagt, große Stücke hält, worauf alsbald das Gerücht die Runde macht, sie sei Lesbe. Ist das wichtig? Vielleicht, denn es zeigt, dass Mäuse niemanden ertragen, an dem nichts ist: Sie hängen ihm alles Mögliche an und treiben das Spiel umso bunter, je farb‑ und gesichtsloser die Person daherkommt, der sie sich nun einmal mit Haut und Zitterhärchen verschrieben haben.


Wie sie sich ihr verschrieben, wie die Vergöttlichte Zug um Zug die Sprossen der Macht erklimmt, wie sie schließlich als Mäusekönigin im Mäusehermelin vor ihren beidläufig gerührten Untertaninnen und ‑tanen paradiert, wann immer sich eine Gelegenheit auftut, und dabei doch stets ihr unscheinbar bleibendes Stimmchen einbringt, das alles ist schon tausendmal erzählt worden. Vermutlich wird es unzählige weitere Male erzählt werden. Der Reichtum dessen, was zur Erzählung drängt, verlangt nach dem Nadelöhr: Hier ist es. Erzähler, man glaubt es kaum, neigen zur Wiederholung, immer wieder muss auf den Tisch, was schon beim vorigen Mal ungläubiges Erstaunen hervorrief, jeder hofft, diesmal würde man es ihm abnehmen, und dann ist alles wieder wie letztes Mal. Ungeschrieben hingegen blieb die Geschichte von Josefines nicht enden wollendem Abgang, obwohl gerade sie die packenderen Lektionen für angehende Mausforscher bereithält.

Das Mausuniversum teilt sich in zwei Räume: einen Unterhaltsraum und einen Piepsraum. Im Unterhaltsraum wird gefuttert, dass die kleinen Kiefern knacken, im Piepsraum teilt die Mäusenation sich der Welt mit, von der sie annimmt, dass sie mithört, was hier geschrien wird. Überhaupt ist sie besessen vom Mithören. Das geringste Knacken in der Leitung gilt als Beweis, dass ein Unbekannter sich in der Leitung befindet, wo doch jeder weiß, dass die wirkliche Datenprozession längst in aller Stille stattfindet. Es stört die Mäusenation nicht, dass sie in der Vergangenheit lebt. Josefine zum Beispiel bringt so wenig Gegenwart auf die Waage, dass Lästermäuler behaupten, sie habe sich einmal daran verschluckt, ohne es zu bemerken. Man kann das als Spott auf sich beruhen lassen. Doch der Wahrheitsgehalt der Aussage wird durch die Einschränkung nicht berührt. Überhaupt wählen Mäuse den Spott, wann immer sie eine Wahrheit zum Ausdruck zu bringen wünschen; sie lügen, sobald sie behaupten, es sei ihnen ernst. Daraus hat sich im Laufe der Zeit eine Wissenschaft entwickelt, die Wissenschaft von der Wahrheit, in der alle Sätze mit den Worten ›Es war einmal‹ beginnen wie sonst nur im Märchen. Geborene Eristiker wählen als Einstieg die Formel ›Es war alles ganz anders‹, doch am Ende kommt es auch hier aufs Selbe heraus. Josefine zum Beispiel, die keine Zeit hat, sich mit Märchen abzugeben, da sie regieren muss, lässt sich täglich aus einem Märchenbuch vorlesen, das den Titel »Wahrheit« trägt. Da kennt sie sich gleich wieder aus und weiß, was zu tun bleibt.

Die Wahrheit ist, dass Josefine nur wenig Zeit zum Regieren bleibt. Im Herzen ist sie immer noch Sängerin und übt den lieben langen Tag die schwierigsten Opernpartien, mit denen sie nie in die Öffentlichkeit ginge, aus Angst sich zu blamieren. Sie plant aber ihr Comeback für die Zeit, zu der sie die Bürde der Macht von sich geworfen haben wird, und dafür hält sie sich fit. Diesen Zug teilt sie mit ihren Ministern und Ministerialen, die zwar kein Comeback planen, da sie nirgendwoher kommen als aus Mutters guter Stube, aber bereits im Amt damit ausgelastet sind, sich eine schöne Karriere danach zusammenzubasteln. Doch da Josefine kein anderes Herzensbedürfnis zu kennen scheint als ihren Gesang, für den sich seit dem Abgang der fliegenden Roberts im Grunde niemand erwärmt, hält ihre Umgebung sie für weltfremd und verachtet sie dafür – natürlich nur in petto, denn offiziell sind alle, vom unabhängigen Geist bis zum vollendeten Schleimer, voll des Lobes für ihr professionelles Regiment, das so überzeugend mit Aus‑ wie Einfällen geizt.


Die Beinah-Deckungsgleichheit von Lob und Verachtung bietet den Schlüssel zu einem leidenschaftlich diskutierten Zug dieses modernen Monarchiats: während in anderen Regierungen meist die Linke nicht weiß, was die Rechte tut (und umgekehrt), wissen in dieser Linke wie Rechte nicht, was die Mitte, das heißt, die Regentin selbst tut beziehungsweise zu tun beabsichtigt. Auch leutselig unters Volk gestreute Interviews ändern daran nichts. Einer, den’s angeht, kann aus ihnen erfahren, dass sie entschiedene Schritte zu unternehmen gedenkt, um das eine oder andere Weltproblem »in absehbarer Zeit« einer Lösung zuzuführen. Aber worin diese Lösung bestehen wird und ob für das anvisierte Problem überhaupt eine Lösung existiert, vermag er dem Interview ebenso wenig zu entnehmen wie der Zeitung seines Vertrauens, mit der die im Hintergrund wirkende Hausfrau den Schinken eingewickelt hat, von dem die Mäusepopulation seit einigen Monaten lebt. Wenn der Spruch, dass Leidenschaft Leiden schafft, seine Richtigkeit hat, dann hier.

Ein großes Geheimnis stellen die Kabinettssitzungen dar. Auf ihnen werden die meist überraschend auftretenden Themen der Zeit mit der gebührenden Nachsicht behandelt und Dringlichkeitsstufen zugeordnet, die vor der Tür keiner zu kennen scheint. Daneben fasst man Beschlüsse, vor denen die Mehrzahl der Mäuse, darunter die Anhänger der eigenen Partei, sich insgeheim fürchtet, weil sie immer öfter Denkzetteln ähneln, die niemand gern in Empfang nimmt.

Hin und wieder wird Seltsames kolportiert: Verdiente Minister hätten aufrechten Ganges die mit Papier dekorierte Pforte zum gleich hinter der Fußbodenleiste gelegenen Kabinettssaal durchschritten, um nach etlichen Viertelstunden mit verklärtem Blick, auf allen Vieren huschend, wieder zum Vorschein kommen. Dazu muss der Beobachter wissen, dass Josefine, die jungfräuliche Königin, einer Koalitionsregierung präsidiert – ungeachtet der Existenz eines von ihr erkorenen Präsidenten, den sie gelegentlich per SMS verständigt, sobald er in seiner erhabenen Durchlässigkeit vollkommen zu vergessen droht, wem er Amt und Zufluss verdankt. Sie maße, so hat sie einmal in ihrer Frühzeit geäußert, sich nicht an, in die Entscheidungsfindungsprozesse der an der Regierung beteiligten Parteien einzugreifen (»die werden schon wissen, was zu tun ist«). Daraufhin traten die Parteien in komplizierte Verhandlungen teils mit sich selbst, teils mit dem Koalitionspartner ein, die bis zur Stunde andauern und einen historischen Tiefstand der Mitgliederzahlen herbeigeführt haben, weil der gemeinen Hausmaus, deren Durchhaltevermögen hier gefragt ist, bereits nach kurzer Gähnzeit die Kinnlade herunterfällt und irreparable Schäden im Gelenkbereich verursacht.

Wer will, darf also ohne Übertreibung behaupten, unter Josefine habe sich das Problem, das Parteien für die politische Willensbildung eines Landes darstellen, endlich von selbst erledigt. Allerdings wird diese Auffassung nicht von Regierungsseite gestützt. Josefine, angesprochen auf die in diesem Zusammenhang regelmäßig auftretenden Schwierigkeiten – denn auch das Volk der Mäuse strebt von Zeit zu Zeit an die Wahlurnen –, verweist gern auf die Verpflichtung aller Demokraten, in schwierigen Zeiten zusammenzustehen und nicht zuzulassen, dass »dieses Land unregierbar wird« oder mir nichts dir nichts dem politischen Gegner in die Hände fällt. »Mir nichts dir nichts« sagt sie zwar nicht, aber die jungen, mitunter auch nicht mehr so jungen Moderatorinnen lesen es von ihren Lippen ab und lassen es überall, wo es ihnen zu passen scheint, in ihre sanfte Begleitrede einfließen. Überhaupt legt Josefine, seit sie zum ersten Mal den Hermelin übergestreift hat, großen Wert auf gepflegte Begleitung.

Die ungepflegten, schwupps!, frisst der Kater.


Ein von außen kommender Leser könnte auf den Gedanken kommen, Josefine habe sich ein System geschaffen, in dem sie fröhlich und unangefochten regieren könne bis ans Ende ihrer Tage. Der Gedanke wäre nicht falsch, aber auch nicht ganz richtig. Der Fehler steckt, wie meist, im Detail. Abgesehen davon, dass sie keineswegs die Absicht hat, die Schrecken der Regentschaft bis ans Ende ihrer Tage zu schultern – so ein Mäuseherz erschauert bei der kleinsten Gelegenheit und verbraucht sich unter Belastung rasch –, besitzt das System einen Webfehler (Spötter sagen, es sei dieser Webfehler): es ist selbst-reduktiv. Will sagen: mit der Zeit hebt es sich auf.

Über das Sich-Aufheben hat Josefine viele Nächte hindurch gegrübelt. Immerhin galt es seinerzeit als das Herzstück der auch von ihr mit Verve vertretenen Weltanschauung. Heutzutage wird nicht mehr viel Aufhebens darum gemacht – vermutlich, weil die Erfahrung der Selbstaufhebung des Systems seither in allen Mausköpfen brummt. Letztendlich musste sich ein System aus den Angeln heben, damit aus Josefine ein Star werden und mutatis mutandis sie selbst, also Josefine hervorgehen konnte. Ein Angehöriger der einst von ihr bewohnten Akademie könnte daraus den Lehrsatz schmieden: Systeme, die auf dem Gedanken der Selbstaufhebung beruhen, heben sich selbst auf – und käme damit der Wahrheit vermutlich recht nahe. Zu nahe vermutlich, denn die Wahrheit verträgt es nicht, dass ihr einer nahe tritt, und sei es auch nur, um über ihren Rand hinweg die Regentin zu erspähen, die es sich gerade in ihr gemütlich eingerichtet hat.

Wie kann jemand, muss Josefine in diesen Nächten sich überlegt haben, ein System dazu bringen, dass es sich selbst aufhebt? Ganz einfach: Man muss abwarten, bis es von selbst dahin kommt. Das Abwarten ist die eigentliche Tugend des Revolutionärs. Wenn dem aber so ist, dann ist der wirkliche Revolutionär die freieste Maus auf der ganzen Welt, denn er hat frei. Das muss ihr den Gedanken eingegeben haben, ein revolutionärer Geist zu sein – mit allem, was nun einmal dazugehört. »Ich bin doch keins dieser Hühner«, soll sie gemurmelt haben, was sich angesichts ihrer Körpermaße und ihrer angeborenen Physiognomie von selbst verstand, bevor sie die Stufen zum Mäuse-Olymp hinaufzuhaspeln begann. Sie hätte auch murmeln können: »Ich will sensationell sein«, aber das hätte jemand falsch auslegen können – und schwupps! Es hat seinen Vorteil, unhörbar singen zu können.


Josefine, die Mäusekönigin, hat sich aufs Warten verlegt. Mit ihr wartet der Hofstaat, mit ihr warten alle Mäuse, die guten Willens sind, und ebenso warten die Mäuse, in deren Herzen die Arglist kauert und deren Blicke, vor allem, wenn sie sich ungesehen wähnen, einen metallischen Glanz bekommen, sobald sie von den herrschenden Verhältnissen sprechen, als gäbe es darunter oder darüber ganz andere Verhältnisse, ebenso reell und ebenso kompakt, nur eben nicht herrschend, wie der Ausdruck schon sagt. Vor Josefines Dienstantritt, berichten die Älteren, befand sich die Mäusenation in Bewegung. Josefine verwandelte sie im Handumdrehen in eine Wartenation, eine, wie es im dazugehörigen Jargon heißt, ›Nation der Wartenden‹, in der selbst notwendige Wartungsarbeiten einstweilen eingestellt wurden, ganz zu schweigen von all den immer dringlicher werdenden Reparaturen an Stegen und Wegen draußen im Stubenfliegen-Revier.

»Wir können nicht länger warten«: Sobald Josefine, mit wattiertem Gesichtsausdruck, diesen Satz in die bereitgehaltenen Aufnahmebatterien narratiert – »Wir müssen ein Narrativ entwickeln, mit dem Führung wieder möglich wird«, betonen ihre Berater und das hier ist eins –, fällt ihr vor den Bildschirmen versammeltes Volk in einen unerwarteten Tiefschlaf, der dann und wann das ansonsten nicht auszuhaltende Warten unterbricht.

Im Warten ist Josefine ganz eins mit der Nation. Es ist ihr Trick, die revolutionären Kräfte zu binden, die sich an den Rändern der Gesellschaft ballen wie die sprichwörtlichen Gewitterwolken am Horizont. Radikale Kritiker behaupten, sie ballten sich in den Taschen der Mittelschichtler, also der zweiten Garnitur der Besitzenden. Aber die Taschen der Mäuse sind winzig und vertragen nichts Wolkiges. Das einzige, was sich darin zu ballen vermöchte, sind die von findigen Jungmäusen aus veralteten Fallen entwendeten Speckkrümel, und selbst dieser Lebensstoff aller Aufbegehrenden wird langsam rar.

Josefines Lieblingsgericht ist Coq au vin – à la mousse wohlgemerkt, denn etwas anderes würde ihr empfindlicher Magen nicht vertragen. Sie braucht diesen Duft um die Nase, um ihren Regierungsgeschäften nachzugehen – »anders wäre es nicht zum Aushalten« –: das unterscheidet sie von den im Kohlenkeller nächtigenden Koksern ihrer Umgebung und ergäbe schon fast so etwas wie ein Alleinstellungsmerkmal, wären da nicht die vielen Mäusinnen draußen im Lande, die an ihren Lippen hängen und jede ihrer Gesten huschhusch ins eigene Leben zu übertragen versuchen.

»Ich rate nur: Coq au vin!«

Mit solchen Sprüchen, von Zeit zu Zeit beiläufig abgesondert, gewinnt sie die Herzen der Mäusedamen in Grün und Blau, die von ihrem angestammten Masochismus nicht lassen können, stets aufs Neue zurück, sobald es ihr nötig erscheint.


Aufs Warten hat sich auch ihr Gatte verlegt, der auf Draht gezogene Schweiger. Die einzige Unruhe, die ihn beseelt, verdankt sich der Frage, ob es besser sei, zu‑ oder abzuwarten. Als heller Kopf, der er ist, plädiert er fürs Ab‑, als politischer Berater seiner Frau fürs Zuwarten. »Wie kann man nur so zerrissen sein?«, piept sie beim Spaziergang zwischen den Abflussrohren, »ich könnte so nicht leben.« Und sie taucht ihn in einen ihrer schmelzendsten Blicke, so dass er pudelgleich aufspringt und sich schüttelt vor soviel Zuneigung.

Spitzi, wie sie ihn nennt, weiß sich geliebt. Auch ohne das weiß er eine Menge, denn nichts ist ihm wesensfremd.

»Nein, Fini, das siehst du falsch«, belehrt er sie halb kosend, halb dozierend. »Das Dasein der Durchschnittsmaus ist eingespannt zwischen Ab‑ und Zuwarten. Sie ist nur da ganz Maus, wo sie beides darf und beides ganz. Du zum Beispiel hast die Möglichkeit abzuwarten, bis etwas geschieht, und dann zu handeln – zu reagieren, wie deine Kritiker sofort einwenden werden, denn für sie duldet der politische Kampf für eine bessere Mausheit keinen Aufschub. Kampf ist Aktion, nicht Reaktion. Jedenfalls beliebt es ihnen, die Dinge so darzustellen. Währenddessen besteht ihr eigener Kampf aus nicht als Reaktion, aber das steht auf einem anderen Blatt, mit dem sie sich selten beschäftigen. Natürlich kannst du auch, gesetzt, etwas ist passiert, zuwarten, bis sich das eine oder andere daraus ergibt. Dann werfen sie dir zwar Untätigkeit vor, aber besser als das andere ist es allemal. Dem Zuwarter gehört die Welt, denn sie fällt ihm am Ende zu. Dem Abwarter ist sie gleichgültig. Er will bloß verhindern, dass sie sich über ihn hermacht.«
»Dann«, sagt Fini, »will ich weder zu‑ noch abwarten. Ich will gestalten.«
»Das sagst du immer. Ich kann mich noch gut an deinen letzten Gestaltungsschub erinnern. Seitdem wartet alle Welt ab.«
»Da kann sie lange warten«, piept Fini und schnipst mit den Fingern.
Lange Gespräche fallen ihr schwer, solange sie dabei nicht das Sagen hat, und Spitzi ist ein gewiefter Dialektiker.


Darüber, wie die Welt abzuwarten versteht, kursieren verschiedene Geschichten. Drei davon berichten von Josefines Zusammentreffen mit den Mächtigen der für sie erreichbaren Etagen. Die erste handelt von Frettchen Hugo, genannt der Reißwolf, für den sie einst, zusammen mit anderen führenden Vertretern der häuslichen Tierwelt, ein großes Treffen auf dem Küchenschrank am Rande des Spülbeckens arrangierte. Hugo, nicht der Hellste seiner Art, betrank sich heimlich im Hintergrund an einer offen stehenden Flasche Anisschnaps, weil er den Sinn des meetings, zu dem ihm seine Berater geraten hatten, nicht einzusehen vermochte, die Gastgeberin ihm, wie er sich ausdrückte, »mächtig auf den Keks ging« und er sich ohnehin zu den harten Alkoholikern zählte. So ausgiebig betrank er sich, dass er, in den Konferenzraum und ins Licht der Kameras zurückkehrend, ihren breiten Mäuserücken mit was auch immer verwechselte und ihn ebenso orts‑ wie selbstvergessen zu massieren begann. Zwar bewog ihn ein scharfer Seitenblick seiner Staatssekretärin nach einiger Zeit, vom Objekt der abrupt aufgeflammten Begierde abzulassen, doch das Malheur … es war nun einmal passiert.

Dazu muss man wissen, dass Frettchen Mäuse zu ihren natürlichen Fressobjekten zählen. Aber dank einer Darwinschen Laune der Natur verfügen sie nicht – vielmehr nicht mehr – über den dazugehörigen Jagdinstinkt. Josefine, instinktüberlassen, tat, was ihr der Überlebenswille gebot: nichts. Stocksteif und unnatürlich aufgerichtet saß sie auf ihrem Konferenzstuhl und ließ das Unvermeidliche über sich ergehen.

Alle hatten es gesehen und niemand wollte es später gesehen haben. Allgemein galt sie als Siegerin der Veranstaltung. Das merkte sich Josefine und fügte die situative Versteifung dem Arsenal ihrer Tricks & Trance-Spielereien hinzu.


Die zweite Geschichte spielt im Anschluss an eine folgenschwere Konferenz der Häupter aller Mauspopulationen, die zu jener Zeit das gemeinsame Haus der Familie Schulz bewohnten. Die Konferenz war kurzfristig auf dem Dachboden anberaumt worden, weil ein unvorhergesehener Wassereinbruch einen Teil der gemeinsamen Vorräte in den unteren Stockwerken in Gefahr gebracht hatte und die Kellermäuse in heller Aufregung durcheinanderliefen, die eine oder andere Angstbeißerin auch bereits eine Waffe in ihre Gewalt gebracht hatte und wild drauflosballerte. In dieser heiklen Situation schaffte es Josefine, mit dem berühmt gewordenen Satz »Wasser ist Wasser« einen Keil in die Mäusewelt zu treiben, der sie bis auf den heutigen Tag in zwei einander bekriegende Lager spaltet. Es existiert ein historisches Interview, aufgenommen nach dem Scheitern der Konferenz, in dem ein subaltern wirkender Journalist ihr gekonntes Totschweigen des eingetretenen Debakels aufzubrechen versucht. »Und wie geht es nun weiter?« bohrt der Unglückliche. Es soll der letzte Satz seiner Fernsehkarriere gewesen sein. Und Josefine, die feine Josefine, wie sie die Medien damals nannten, antwortet mit blecherner Fistelstimme, während ihre rechte Vorderpfote die bestens bekannte Hockeyschläger-Kurve der Klima-Alarmisten in die Luft zeichnet: »Lernkurven pflegen so zu verlaufen.«

Zweierlei beweist diese Episode: erstens Josefines ungeheures Talent, ihresgleichen zu düpieren und damit Gremien zu unterminieren, die vor ihrer Zeit gegründet wurden, bloß um Gefahrensituationen wie diese gemeinsam zu meistern, zweitens die Fähigkeit, in der Öffentlichkeit kursierende Zwangsvorstellungen an beliebiger Stelle und gegen beliebige Widersacher für eigene Zwecke zu mobilisieren. Wer den Hockeyschläger im Kopf hat, so muss sie bei sich gedacht haben, dem lässt sich leicht auch der nächste Schlag verpassen. Was nicht so falsch ist, wie sich alsbald erweisen sollte. Welche Zwecke ihr auch immer durch den Kopf gegangen sein mögen, dem Endzweck, der Selbstaufhebung des Systems, ist sie an jenem weltgeschichtlichen Abend einen gewaltigen Schritt näher gekommen.


Die dritte Geschichte – wie im Märchen braucht es drei, um die glückliche Lösung herbeizuführen –, die dritte Geschichte handelt vom Herrn der Finsternis, dem Großmeister aller Fledermäuse, deren gerupftes Reich von Seiner Herrlichkeit, Wladimir Prochowow III., mit eiserner, durch plastische Chirurgie dem Leben zurückerstatteter Hand in den dritten Aufbruch dirigiert werden soll. So jedenfalls munkelt man höheren Orts und das ist gut so. Einst begehrte auch Wladimir, nicht ungleich Josefine, die Welt auf den Flügeln des Gesangs zu erlösen und hat sich aus jenen verflossenen Tagen ein Faible für bühnenreife Einlagen bewahrt. Wladimir und Josefine – ein Traumpaar, das, unter einem anderen Himmel, mit gemeinsamen Auftritten die Einnehmer der Opernhäuser zum Jauchzen hätte bringen können.

Hätte, hätte, Fahrradkette: die Geschichte, Amme allen Gewimmeres und Gehusches, sollte nach eigenem Gusto darüber verfügen. Dem einen gab sie ein leicht verdüstertes Reich und der anderen eine Reihe hochproduktiver Staatsanleihen ans Pfötchen, um damit nach Gutdünken Umsätze zu erwirtschaften. Bei soviel Konkurrenz konnte es nicht ausbleiben, dass beide miteinander in ernsthafte Händel gerieten. Letztere wären womöglich weniger rabiat ausgefallen, hätten sich nicht kurz nach dem Abflug des Reißwolfs die Folgewirkungen jener Rückenmassage gemeldet, die Josefine auf so brutale Weise vor Augen geführt hatte, wie verletzlich ihre Position im Grunde sei. Aus diesem Anlass lernt Josefine – sie lernt ununterbrochen, das ist ihr Markenzeichen, und manche Lerneffekte prägen sich besonders innig ein – die tiefe Bedeutung des Ausdrucks ›im Grunde‹ kennen. Seither wendet sie ihn auf alles an, was im Mäuseuniversum nicht niet‑ und nagelfest seinen Platz behauptet.

Josefine liebt internationale Konferenzen. »Im Grunde wollen doch alle dasselbe«, pflegt sie zu jedem Auftakt aufs Neue zu intonieren, »es ist daher grundsätzlich nicht einzusehen, dass einzelne Egoisten und Schwarzmaler immer wieder aus dem bereits erzielten Gemeinsamkeitsfundus ausbrechen. Wir hier und heute an diesem einzigartigen Orte Versammelten sind es unserer Verantwortung für das gemeinsame Haus und darüber hinaus aller Häuser schuldig, sie auf ihre Konsenspflicht anzusprechen und sie niemals, ich sage: niemals davonkommen zu lassen. Ferner müssen wir unverbrüchliche Sorge tragen, damit in unserer Welt nicht das herzlose Alte das letzte Wort behält, sondern das schutzlose Neue seinen wohlverdienten Platz an unserer Seite einnehmen kann. Im Grunde muss doch jeder, der vorwärts strebt, kriegen, wofür … worauf … und niemand soll sich Gedanken machen müssen … darüber machen müssen, aus welcher Richtung die nächste Böe kommt oder wessen Köttel ihm den Weg zur erstbesten Tankstelle versperren.«

Das ist sehr allgemein gesprochen. Die Führer der versammelten Nationen, zur Stellungnahme aufgefordert, pflegen das Haupt zu wiegen und sich unter Verweis auf die anstehenden Verhandlungen in gerade das Schweigen zu hüllen, das ihnen an diesem Tag besonders gut zu Gesicht steht. Jedenfalls bestätigt ihnen das ihre Eitelkeit, die unsichtbar neben den Mikrofonen lungert und die Lautstärke reguliert.

Wie in anderer Hinsicht neigt Wladimir Prochowow III. bei solchen Gelegenheiten dazu, aus dem Rahmen zu fallen.


»Wir können unserer geschätzten Kollegin nur beipflichten, wenn sie uns allen zu verstehen geben will, dass harte und gründliche Arbeit den Schlüssel zum Erfolg bildet, den wir unser aller Völkern schuldig sind. Im Grunde hat sie vollkommen recht mit dem, was sie sagt. Ich habe bereits heute morgen meinem Außenminister Anweisung gegeben, ihren Vorschlag einer umgehenden Prüfung zu unterziehen. Das ist ein guter Mann, auf dessen Urteil wir vertrauen. Bis ins letzte Detail! Nur Detailwissen schafft Vertrauen. Vertrauen wir einander! Vertrauen ist die entscheidende Produktivkraft zwischen den Völkern. Wer sich das Vertrauen der Völker erkämpft hat, der kann im Grunde reden, was er will. Es kommt aber darauf an, dass sich etwas verändert. Das System benachteiligt die Benachteiligten und das muss sich … richtig! Als Führer meines Landes vertraue ich Josefine und sie vertraut mir.«

Mit dieser langen, immer wieder vom rhythmischen Beifall der zugelassenen Medien unterbrochenen Rede hat sich Wladimir Prochowow III., verbleibenden Differenzen zum Trotz, einen sicheren Listenplatz im Herzen Josefines ergattert. Ein paar Hartköpfe, die dabei waren, flüstern, nicht die Rede selbst habe ihr Herz gerührt, sondern ein unhörbares Geschwirr in seiner vielfältig facettierten Stimme, das sie an alte Zeiten und eine entgangene Karriere gemahnte, von der sie in bestimmten Nächten immer noch träumen soll, vor allem bei Vollmond. Aber das ist Unsinn.

Wladimir Prochowow III., aus der Mäuseperspektive betrachtet, darf als ein attraktiver Vertreter seines Geschlechts gelten. Sein muskulöser, im Rücken‑ und Armbereich überaus pelziger Körper hat sich auf mancherlei Ausflügen bewährt. Der letzte allerdings hat ihm das geballte Misstrauen der Frettchen-Nation eingebrockt, die, wie bekannt, sich nur dann in Sicherheit wähnt, wenn ihre Köttel die Ränder der benannten Welt bedecken und sich niemand das Recht herausnimmt, sie aus Lust an der Fliegerei zu überfliegen. Die nationale Sicherheit ist der letzte Zankapfel zwischen den Nationen. Doch die wenigsten können sich eine leisten. Die Habenichtse gehen sich eine ergaunern und landen dann vor dem Schnellgericht derer, die von ihrer nichts abgeben wollen. »Ich bin mir sicher –«, umschreibt Josefine diesen heiklen Komplex. Dann bricht sie ab und verlangt, in der Regel vergeblich, Sicherheiten von denen, die vergeblich nach Sicherheit streben.


Die dritte Geschichte begibt sich, als die Fledermaus-Phobie gerade ihren Siedepunkt erreicht hat und tausende Frettchen frenetisch den Abgang des Nach-Nachfolgers von Reißwolf fordern. (Frettchen fressen ihre Anführer nach einiger Zeit auf.) In dieser aufgeputschten Atmosphäre, in der die CO2-Frage höchste Priorität erlangt, da der Ausstoß der erregten Frettchen-Massen jedes tolerierbare Maß überschreitet, treffen sich Josefine und Wladimir Prochowow III. am Rande einer vom Nach-Nachfolger des Reißwolfs boykottierten Klimakonferenz, um gemeinsam über das Schicksal des größeren gemeinsamen Hauses und ihrer beider Zukunft zu streiten.

Josefine liebt das gemeinsame Streiten. Meist bietet es Gelegenheit, sich von der fordernden Öffentlichkeit zurückzuziehen und im Dunkeln zu munkeln, was das Zeug hält. Dabei sind zwar professionelle Übersetzer anwesend, aber deren Fähigkeit, wie Pharaonengräber zu schweigen, ist über jeden Verdacht erhaben. Zwischen Josefine und Wladimir Prochowow III. bedarf es keines Übersetzers, bestenfalls einer Barcarole. Sie haben die Noten im Kopf und tauschen sie aus, ganz wie und wonach ihnen gerade der Sinn steht. Vor ihrem Rückzug hinter die aufgespannte Wand aus Fledermausträumen und Mäuseillusionen, auf offener Bühne also, kommt es zu einer berückenden Szene. In den Annalen der Mäusegeschichte markiert sie den Höhe‑ und Endpunkt einer langen Geschichte heftiger bilateraler Verwerfungen und geheimer Verbindungen.

Wir sehen Wladimir Prochowow III. im eleganten Fledermaushabit (das auch langgewachsene männliche Mausexemplare, tall boys oder tolle Jungs genannt, bisweilen anlegen, um bei den Mäusinnen, an denen die Arbeit hängenbleibt, Eindruck zu schinden) die Bretter betreten, welche die Welt bedeuten. Wir sehen Wladimir Prochowow III. mit einem Blumenstrauß in der Rechten (und wundern uns, wie eine Fledermaus dazu kommt, so ein Bündel widerstreitend harmonierender Düfte ›in die Hand‹ zu nehmen), wir hören seine Gelenke knacken (leise, sehr leise, eigentlich spüren wir es mehr, als dass wir es hörten), wir sehen ihn elastisch Josefine entgegengleiten und ihr mit großer Geste den Strauß überreichen. Wir sehen auch Josefine, die seinen Slapstick-Auftritt mit gewohnt ausdruckslosem Gesicht zur Kenntnis nimmt, angetan mit einem bunt bestickten Mausjäckchen, das knapp das Nötigste umhüllt und das Wichtigste freilässt, wir sehen sie den Strauß in Empfang nehmen (ja, sie nimmt ihn in Empfang, so wie sie Spitzi in Empfang nimmt, wenn er vom Anisschnaps gesüffelt hat und Gefühl zeigt) und wir gewahren (denn es ist wahr und aufzuheben für alle Zeit), dass unversehens ihr freies Patschhändchen nach vorn schnellt und Wladimir (dem tollen Wladimir) über die zum Präsentieren abgeknickten Flügelspitzen streicht, hin und her, her und –

Es stimmt, dass Fledermäuse, vor allem gut gebaute, Hausmäuse leicht in Trance zu versetzen wissen. Aber das hier… Dabei ist Josefine, wir deuteten es bereits an, keine gemeine Hausmaus, sondern etwas Besseres, zumindest Eigeneres. Also sehen wir mit dem inneren Auge, dem der geringste Fingerzeig genügt, selbst wenn kein Beweis beigebracht werden kann, wie aus Wladimirs schwarzem Fledermausärmel ein Papierchen hervorschwimmt und rasch unter ihrer ruhig weiterstreichelnden Hand verschwindet, als sei es so abgesprochen gewesen, wofür aber jeder Verdacht fehlt.

Während Reißwolfs Nach-Nachfolger öffentlich von seinen Untertanen gejagt wird, weil hinterlistige Kreise ihm irrer‑ und irrigerweise Geheimkontakte zu Wladimir Prochowow III. unterstellen, glättet Josefine, zur Ruhe gekommen, im Kämmerchen gleich neben dem Brotkasten den Zettel und entziffert mit einiger Mühe die hingekritzelten Worte: »Moritzkeller 2.0, Samstag um Mitternacht«.


Im Moritzkeller 2.0 herrscht heißer Betrieb. Josefine, mit dem absoluten Raumgefühl ausgestattet, stockt der Atem: So daheim (und gleichzeitig so fremd) fühlte sie sich früher hier nie. Als Jungtier hat sie an diesen Höhlen mitgebuddelt, sie sind ihr Werk, sozusagen, noch kennt sie jede Nische persönlich. Später hat sie die Stätte gemieden. Heute tanzt ihr alles entgegen: Maske an Maske, Kostüm an Kostüm.

Unverkleidet ist sie gekommen, das schert sie wenig, schließlich ist sie im Dienst, auch wenn die Umstände, alles zusammengenommen, konspirativ anmuten könnten. Der erste prüfende Blick, der sie trifft, verheißt Anerkennung: »Donnerwetter! Das ist aber echt.« Sie blickt an sich herunter und kann nichts Echtes erkennen. Selten fühlte sich sich so unpassend gekleidet. Zwei, drei Augenblicke später umringt sie eine Traube erwartungsvoll an ihren Lippen hängender… Sollte am Ende ich ?

Die Lippenhängerinnen, denen das Mausgrau durch allerlei Schlitze schimmert, sie wollen nur das eine – wissen, woher ihr Kostüm stammt: »Klasse. Das hol ich mir nächstes Mal auch.« Kein Statement zur Weltlage? Kein klitzekleines? Wie seltsam ist das denn? Schon schieben, das erste Dutzend zerteilend, die nächsten nach vorn: Josefininnen da, Josefinitinnen dort, Josefinen, wohin das Auge sich wendet, die Reihen durchsetzt mit (hier wankt ihr, der Ur-Josefine, Raumbewusstsein dann doch) Wladimiren, Wladimiresken, Wladimiroten, Wladimorosen, Wladi‑ … ach Sie wissen schon, die ganze Palette, rauf und runter, Wladimir, Josefine, Wladimir, Josefine, Wladimir, Josefine in sämtlichen Posen der Gesittung und der lasziven Verrenkung, vor allem in den hinteren Höhlungen, in die noch nie ein heller Lichtschein gedrungen ist, dort scheint sich allerlei zu tun. Also sie hätte jetzt nicht gedacht, dass… Ist das eine Falle?

Die Bodyguards geben Entwarnung: Alles in Ordnung. Auf die Jungs ist Verlass.

Mutiger werdend, nimmt sie ein Bad in der Menge. Lobt hier eine Maske, hebt dort einen Kleidzipfel auf, fühlt sich sicher in ihrer perfekten Verkleidung. Darunter die Unruhe: Wo bleibt Wladimir? Was hat er sich dabei eigentlich gedacht? Er wird sie doch angesichts dieser Vexierhölle am Ende nicht versetzt haben? Schwimmt er im Trubel mit? Ist er unter lauter Narren der echte? Wie närrisch ist das denn?

Wenn sie ehrlich, ganz ehrlich ist: als Christin – die sie nebenbei auch ist –, fühlt sie sich in diesem plötzlich aufgesprungenen und sie verschlingenden Spiegelkabinett, wie sie es bei sich nennt, gar nicht unwohl, gar nicht so unwohl… Wie war das nicht gleich? »Was ihr dem geringsten unter meinen Ebenbildern…« Darauf lässt sich doch bauen. Ein feste Burg. Punkt. Zwar kann sie sich nicht erinnern, dass sie Wladimir eine Gabe schuldet. Aber gut, was nicht ist, kann noch werden. »Wladi…« flüstert sie ihrem Idol ins Ohr, das sich vor Schreck fast ins Hemd macht: Es ist der apostolische Nuntius. Überall, wo es Mäuse gibt, ist Rom nicht weit. Beschwörend lüpft er die Klaue: »Finiatur et altera pars.« Das soll wohl heißen: Jeder Sack geht einmal leer aus. Kehrt er auch leer zurück? Er zuckt entschuldigend mit den Schultern. Sie lächelt, Zucker im Blick. »Als Feministin würde ich das bestreiten.«

Da fällt ihm die Maske vom Gesicht und rasch wendet sie sich ab.

»Fini, bist du’s?« brummt es zu ihrer Linken: Da stehen drei Wladis in Reihe. Doch wie sie sich umguckt, da stehen, von wem unter den dreien auch immer gemeint, die Finis zur Rechten und niemand schenkt ihr Beachtung. »Ich möchte, dass dieses Land vorwärts blickt…« – »Aber wohin?« – »Wohin wohl? Ins Tal der Lemminge, Dummkopf.« Hinter den Masken bleiben die Schnäuzchen verborgen, sie kichern und wispern und blubbern und bliffen bedrohlich. Nur weg hier. »Unsere Partner predigen Freiheit und verbreiten Chaos«: Hoppla, das klang seriös, aber nicht ganz reell, ein bisschen aufgesetzt… »Die Feinde der Freiheit«, da kennt sie sich aus, halleluja, lasset uns Hütten bauen im Tale, »… bedrohen, und ich sage das jetzt ganz klar, unsere Zukunft im gemeinsamen Raum, an dem wir alle künftig ver‑ … gemessen werden.« Nein, das war sie jetzt nicht, die erwartete Lautung, doch immerhin. »Wer immer dieses Revier –«, »Lernkurve«, »… das wäre dann nicht mehr…«, »auch sie, sie alle«, »Ich habe einen Traum, verrate ihn aber nicht.« Olala. Es scheint begabte Redenschreiberinnen unter den Masken… Wer weiß. – Vieles bleibt zu erlauschen in dieser Nacht der Nächte, in der die Stützen der Regierung, von einem unbekannten Bangen erfüllt, in ihren Bettchen seufzen.

»Ich möchte meiner Partnerin keinen Rat geben, sie weiß schon allein, was sie tut. Aber wenn ich ihr einen Tipp geben sollte, dann würde ich ihr sagen: spare deine Kräfte, es kommen andere Zeiten, ganz andere…«

Hat er das gesagt? Wer war’s? Wer unter all den … Köttelwichsern –…? Und erneut stürzt sie sich ins Gewühl.

Stunden später … aber was sind Stunden? Was Zeit? Was Maussein? Was Stärke? Sie liegt rücklings auf einer Bahre, es ist mollig warm, das kommt von der Transfusion, lässt sie sich fallen, so fällt es nicht auf, auffallen soll das hier nicht, also lässt sie sich fallen.


»Wir singen vom Blatt. Führen Sie das aus.«

Jeder Stil nützt sich einmal ab, auch dieser. Aus Blattsingern gewinnt man Flachpfeifen, aus Flachpfeifen Pfiffikusse, aus Pfiffikussen Fanatiker, aus Fanatikern Marktschreier, aus Marktschreiern Angstflöten, aus Angstflöten – »Phantasten«, sagt die zerstreute Hebamme, die schon manchen hoffnungsvollen Sprössling ans Licht hob. »Alles Phantasten. Ich frage mich, wie die einmal allein zurechtkommen sollen.« »Sollen sie’s denn?« »Du kannst nicht ewig Mutti bleiben. Vergiss das nie, meine Liebe.« Und sie packt ihr Besteck zusammen, räuspert sich und will aufbrechen.

»Aber wohin?« fragt Josefine. Es klingt nicht hoffnungsvoll, fast ein wenig verbraucht. Das Fingerspiel der Hebamme hat ihr gefallen, so etwas bräuchte sie dringend im Team, schon muss sie telefonieren. Gleich drängt ihr Chefberater herein. Er hat sich zwei Rollen anfertigen lassen, um wendiger auf ihre Wünsche reagieren zu können, er vollführt eine Rückwärtsdrehung und nimmt hart vor ihr Aufstellung.

»Josefine, du begehst einen Fehler –«

»Papperlapapp«, sagt sie, »wer wird sich denn vor Hebammen fürchten. Mein großer Junge…« und sie fährt ihm mit drei Fingern der linken Vorderpfote durchs Haar. Das spart den Span, denkt sie sich, es durchrieselt sie wohlig wie frisches Blut.


Wenn der Mausberg kreißt, stehen die Mäuse im Kreis und zupfen sich an den Schnurrhaaren. Der Mausberg, das wissen sie, veranlasst nichts, was Josefine nicht will, er ist ihr Wille in zweifacher Ausfertigung, die eine ist für ihn selbst, die andere fürs Parteivolk, denn das niedere kümmert ihn nicht. Die Medien machen sich über ihn lustig, aber diskret, so dass aus den Redaktionsstuben nichts nach außen dringt, darum heißen sie In-Medien. Es gibt auch Medien, die sind out, sie machen die guten Geschäfte. Die In-Medien leben alle von der Hand in den Mund. Einige unter ihnen bringen Hand und Mund schon nicht mehr auseinander, so dicht folgt Gabe auf Gabe. Die Maus, die sie austeilt, war einstmals eine gefürchtete Ratte, jedenfalls wird das von bösen Zungen behauptet. Sie hat sich aber einer chirurgischen Operation unterzogen und speist jetzt von goldenen Tellerchen, damit ist alles gut. Josefine liebt sie alle. Sie sind ihre Kinder und sie geht mit den Vorschmeckern essen, wann immer es passt. Von Zeit zu Zeit speist sie auch mit den Rechtshütern, doch selten ohne einen besonderen Grund.

»Mein letzter Wille…« sagt sie und bricht ab.


Es wird Zeit, ein Wort über die bösen Zungen zu verlieren. Sie sind der eigentliche Grund, warum Josefines so sehr auf Dauer angelegte Regentschaft den einfachen Mäusen auf die Dauer langweilig wurde. Im Grunde, um ihr Lieblingswort zu bemühen, – im Grunde besteht sie nur deshalb fort, weil mittlerweile mehr komplizierte Mäuse herumlaufen als jene einfachen, von denen sie allesamt abstammen. Aber da nichts ohne Grund besteht, besteht kein Grund, jedenfalls kein gesteigerter, zu der Annahme, daran werde sich so bald etwas ändern. Es gibt Fanatiker des Regierungshandwerks, die darin, nicht ohne Grund, eine Katastrophe wittern. Zum Beispiel behaupten die bösen Zungen, Josefine regiere gar nicht, sondern pfusche nur von Zeit zu Zeit dem Zufall ins Handwerk, mit fürchterlichen Folgen für Land und Leute. Die ersten Folgen treffen, ganz recht, die Quengelbrut selbst. Josefines Hofwächter, auch Platzfeger genannt, weil sie dafür sorgen, dass die Regentin bei ihren Auftritten stets freie Aussicht genießt, fackeln nicht lange, wenn es gilt, Giftträufler und Spaßverderber aus dem Weg zu räumen. Wie auf dem Kasernenhof schnarrt es: »Rechts-um!« Dort wartet auch schon der Mülleimer – Aufgeregte berichten: die Mistforke, aber das gilt dann wohl mehr für die gesetzten Außenseiter, so links sich einzelne in einem letzten Aufbäumen auch geben mögen.

›Für Land und Leute‹ lautet der Schlachtruf der bösen Zungen. Nach der Wahl der zerstreuten Hebamme zur Generalsekretärin streuten sie das Gerücht, sie dürfe das Amt nur deshalb ausüben, weil es im Grunde entbehrlich geworden sei. Als die Hebamme protestierte, boten sie ihr eine Wette an. Sie dürfe Schneekönigin auf Ibiza werden, wenn es ihr gelänge, Josefine aus der Reserve zu locken und sich als mögliche Nachfolgerin zu profilieren. Eitel, wie Hebammen nun einmal sind, ging sie prompt in die Falle und verstieg sich mit Hilfe einer wirren Statistik zu der Behauptung, binnen 24 Wochen, gerechnet vom Zeitpunkt ihrer Ernennung, werde ihr all das – und noch mehr – in den Schoß fallen, was Josefine sich während der zurückliegenden Monate hart erarbeitet habe. Josefine betraute sie kühl mit der Aufsicht über die Mäusearmee. Fortan sah man quer durch die Medien die Hebamme nur noch in die Hände klatschen und »Alle mal rauskommen!« brüllen, was bei der Zartheit ihres Organs ein geflügelter Anlass für Sarkasmen der niederträchtigsten Art und Sexismen sonder Zahl werden sollte.

Ein Hauptstreich gelang den bösen Zungen, als sie einen von Josefines ältesten Paladinen dazu anstiften konnten, die rote Karte zu ziehen. Auf dem eigens dafür anberaumten kleinen Parteitag brach im gleichen Moment ein abartiger Tumult aus, in dem der Treulose ihr statt der erwarteten Blumen einen Korb überreichte und eine frenetische Aufrührerschar brüllte: »Jo-se-fine in-die La-trine!« Damit war es dann auch vorbei. Inzwischen ist der Paladin, durch einen milden Schlaganfall angezählt, ihr Abstempler Nr. 1. Wann immer im Lande ein kritischer Kopf sich aus dem immergleichen Gang der Geschäfte erhebt, hebt er den Stempel und – Schwamm drüber.


Man kann nicht behaupten, Josefine sehe ihren Untertanen nicht aufs Maul. Es geschieht nur eher nach Art der stillen Post. Als zum Beispiel das Raunen umlief, sie sei blind und taub für die Zustände im Lande, zumindest in der Waschstube, ließ sie verkünden, künftig gedenke sie es wie die Tauben zu halten: Eins links, eins rechts, die Guten ins Töpfchen, die Bösen ins Kröpfchen. Diese Regierungsmethode gefiel ihr so gut, dass sie sofort ein System daraus machte und ihre auswärtigen Gäste nach ihm traktierte. Seither geht das Gerücht um, sie habe etliche aus ihrer Riege gefressen, was die Erwählten gewöhnlich mit der Behauptung quittieren lassen, umgekehrt werde ein Schuh draus und sie seien es, in deren Verdauungstrakt Josefine ihre vergangenen und kommenden Regierungsexzesse ausschlafen dürfe. Jedenfalls scheint Josefine an einigen geknabbert zu haben. Kurz und ungut: Es läuft nicht mehr rund in den auswärtigen Beziehungen des Mäusesektors, vor allem seit Josefine sich mit den Worten »Wir haben noch Klärungsbedarf« zur alleinigen Inhaberin der Torte erklärt hat. »Torte? Was ist das?« fragen, kess geworden, inzwischen die forscheren Aspiranten, und da Familie Schulz, seit sie überraschend das Haus räumen musste, für Auskünfte nicht mehr zur Verfügung steht, ist das Rätselraten in vollem Gange.


Was wurde nicht alles unter der Hand unternommen, um Josefine, wie es im Handbuch für Anwärter heißt, von der Macht zu trennen: am besten unauffällig, denn das Volk in seiner lässigen Gemeinheit liebt die Regentin über alles. Nur was sie den lieben langen Tag so treiben lässt, findet seine Missbilligung. »Sie lässt die Dinge treiben«, seufzen die trüben Tassen, »wo führt uns das hin?« Man könnte sie als Briefmarke anstelle des Regierungsstempels verwenden und alles wäre gut. Man? Eben nicht. Ihre Claqueurinnen zirpen Tag und Nacht: »Männer in die Produktion!« Das holt zwar keinen gestandenen Mausmann hinter dem Ofen vor, aber es nervt auf die Dauer. Unter Josefine konnte die Zahl der Zirpenden sich verzehnfachen, das haben Forscherinnen errechnet und geben sich einen Stern*. Jedenfalls weiß die Herrin, wie man ihresgleichen lauter und leiser dreht, je nach Bedarf.

Den größten Coup konnten die bösen Zungen landen, als ein bekannter Staatsrechtler aufstand und mittels Zahlen und Figuren bewies, das von Josefine errichtete Monarchiat sei wider die Verfassung. Mäuseverfassungen, muss man wissen, sind für die Ewigkeit gedacht. Deshalb wechseln sie auch von Zeit zu Zeit, wenn die Mausgemeinde gerade Vertrauen in sie geschöpft hat und sich nicht weiter vorsieht. Verfassungen kann man ändern, indem man sie umschreibt und das Volk anschließend darüber abstimmen lässt. Das ist die berühmte Via viagra sc.viagrina, der von der Verfassung – wovon sonst? – vorgeschriebene Weg. Leider ist er nicht gangbar, denn das Volk liebt seine Verfassungen und wünscht sich keine anderen. Es kommt also darauf an, dass sich etwas ändert, ohne dass man sie ändert. Dies durchzusetzen bedarf es der Rotmäuse, auch Füchse genannt, weil sie in ihren roten Roben so viel hermachen, dass sie gern als ›Mausgötter in Rot‹ tituliert werden. Zwischen Füchsen und Göttern sehen Mäuse in der Regel, immer in der Regel, keinen gravierenden Unterschied. Die Farbe ist’s, die sie blendet. Sie beginnen zu blinzeln, sobald einer sie aufzieht, in welcher Gestalt auch immer.

Die Rotmäuse verwarfen das Gutachten des externen Kollegen, indem sie bekräftigten, dass alles, was unter Josefines Regiment geschehe, einem guten Zweck diene und daher a priori gerechtfertigt sei. Eine Rossa ging sogar noch weiter, indem sie in einem Minderheitsvotum mit Nachdruck die »Tatsache« notierte, dass »dort draußen« gewissen Tendenzen mit »aller Entschiedenheit« entgegenzutreten sei. Eben dazu dienten die inkriminierten Handlungen: »Zumindest sind sie ein guter Ansatz.« Da ließen die bösen Zungen sich, wenigstens eine Zeitlang, hängen.


Wie geht es weiter im Lande J.? Das fragen sich viele, nicht nur die Hausgeister. Am eifrigsten fragen sich diejenigen, die sich am meisten sorgen, dass keiner Wind davon bekommt: die Karrieristen und Kübelreiter der Republik, welche auch im Monarchiat munter fortbesteht. Denn selbst Josefine kann nicht verhindern, dass von Zeit zu Zeit Wahlen stattfinden, bei denen sie zwar keine Mehrheit mehr findet, aber immer ein paar Fußwärmer, die ihr das Weitermachen ermöglichen. Darauf, aufs Weitermachen, kommt es schließlich an. »Wer, wenn nicht ich?« steht in herrlicher Antiqua quer über dem Porträt ihres großen Vorbildes, der Prinzessin Brambilla, das Wladimir ihr einst schenkte und das, solange sie am Schreibtisch sitzt, die Leere um sie herum ausfüllt, zumindest wenn man sich ihr von vorne nähert und die Audienz ihren geregelten Gang geht. Du natürlich, denkt Josefine und genehmigt sich, eingedenk jener Nacht im Moritzkeller 2.0, ein weiteres Du.

»Wie geht es weiter im Lande Jottchen?« Ein Satiriker hat daraus ein Format geschaffen und spricht seither jeden Abend zum Volk. Das Volk, das, Josefines Schweigen im Gemüt, sich nach nichts mehr als nach Ansprache sehnt, hängt gebannt an seinen Lippen und will sich krummlachen vor Ärger über den laufenden Irrsinn. »Hält sie uns für bescheuert oder ist sie es selbst?« fragt der Satiriker und stets weiß er dabei das Gesetz auf seiner Seite. Es ist sein Helfer in guten und schlechten Tagen geworden, ganz gegen seine ursprüngliche Absicht, die dahin ging, sich einen Teufel um law & order zu scheren. Doch der Teufel steckt, wie bekannt, im Detail und scheißt von dort, hat er sich einmal eingerichtet, auf den großen Haufen.


Und Josefine? Weiß sie noch, was um sie herum vorgeht? Merkt sie, wie es brodelt und wispert und sich vor lauter verordnetem Warten in den Schwanz beißt? Abgebissene Schwänze gibt es inzwischen en gros, sie finden allmählich zur Sprache und werfen sich gegenseitig bissige Bemerkungen zu à la »Karriere verpasst, wa?« oder: »Verpiss dich, du Unterflieger!«

Nichts von alledem entgeht Josefine. Sie steht am Fenster und fragt ihren Chefberater, der ihr davon berichtet: »Und? Soll ich mich deshalb aus dem Fenster lehnen?« Und er schüttelt energisch sein Haupt. »Siehste«, sagt sie, »Demokratie ist, wennste die Leute quatschen lässt und nicht dafür einsperrst. Alles andere wäre dann Anarchie.«

 

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