Im Centennial der Russischen Revolution wollen wir ein paar unsystematische Erinnerungen aus dem Alltag der Sowjetgesellschaft in der Hochzeit des Kalten Krieges mitteilen. Diese Erinnerungen‚ ›von unten, wo das Leben konkret ist‹ (Hegel), stammen von Dieter Uhlig (*1934 in Chemnitz), der sich als einer der ersten deutschen Philosophie-Studenten nach dem Krieg an der Universität der Blockade-Stadt Leningrad einschreiben durfte. Er lebte zwischen September 1953 und Juni 1958 in dieser für die russische und sowjetische Kultur so besonderen Stadt.

 

(6) Was ist orthodoxes Denken?

Unser Philosophiestudium in Leningrad (zu Hause war das nicht anders) begann mit einer Vorlesung im Fach Dialektischer Materialismus (DiaMat), vorgetragen von Wassili Pawlowitsch Roshin (1908-1986), einem stets sehr ernst dreinblickenden Mann mittleren Alters. Ob er auch über die Gabe des Lachens verfügte, habe ich nie erfahren können. Man musste den Eindruck gewinnen, im DiaMat gäbe es keine Anlässe für irgendwelche Späße. Auch Witze, ein Lebensmedium in der Union, hat der Professor in keiner seiner Vorlesung erzählt. Offenbar kannte er keine – und offenbar kannte er auch nicht den Satz von Karl Marx: »Die wesentliche Form des Geistes ist Heiterkeit.« – Er wurde dann, als wir schon unser Diplom hatten, ab 1959 Dekan der Philosophischen Fakultät in Leningrad (bis 1970).

An seine Stimme konnte man sich nicht gewöhnen. Ihr Klang war blechern. Ein anderes Wort fällt mir nicht ein. Jedenfalls klang es bei ihm immer so, als ob verschiedene Lagen von plattgewalztem Metall aufeinander schlagen. Laut und derb. Ganz sicher aber kann ich sagen: ›Plattgewalzt‹ wurden, ohne Ausnahme, alle in seinen Vorlesungen vorkommenden Gegenstände. Sehr platt und immer platter.

Wir erinnerten uns an zu Hause: In Berlin lag die Deutungshoheit über den DiaMat in den Händen eines anderen ernsten Mannes, Prof. Kurt Hager (1912-1998). Der hatte allerdings nicht die Absicht, wie Kollege Roshin, bis zum Ende seiner Tage am DiaMat-Lehrstuhl festzukleben. Er strebte Höheres an – die Kontrolle aller philosophischen Hörsäle des Landes. Und so wurde er Sekretär des ZK der Partei und ins Politbüro aufgenommen. – Es geschah das, was Brecht einmal diagnostiziert hatte, dass nämlich eine pfäffische Kamarilla die geistige Produktion der DDR in Verwahrung nahm. Das konnte auf zweierlei Weise geschehen: mal zahm, mal scharf. Der Meister des Scharfen war unbestritten unser Leipziger Partei-Bezirksfürst mit dem irreführenden Namen Paul Fröhlich (1913-1970). Deren Methoden wechselten einander ab. Das war das Auf und Ab in der Dramatik »ideologischer Arbeit«. Für dieses Phänomen erfanden die Bürger der DDR die Wortkombination »Mal hager und mal fröhlich«. – Gefragt, welcher von den Beiden der Schlimmere sei, hätte Stalin gewiss geantwortet: ›Oba chushe‹ (Beide sind schlimmer) Davon in einer anderen Geschichte.

Doch zurück zur DiaMat-Vorlesung von Roschin, die er uns einmal in der Woche, ohne einen einzigen Ausfall, vortrug. Er eröffnet sie jedes Mal mit dem gleichen Ritual: Nachdem er das Auditorium begrüßt hatte, nannte er sein Thema und, egal, welches Thema er zu behandeln gedachte, Zufall und Notwendigkeit, den Freiheits- oder den Materiebegriff, er schloss unbeirrt und unverändert mit dem immer gleichen Satz, an den ich mich bis heute erinnere: »Etot wopros klassiki markszisma – leninisma davnym davno reschili.« Dieser Satz war für uns Zuhörer als die abschließende Konklusion aller der eben erörteten Fragen zu verstehen. – Was heißt das? Die Wortgruppe »davnym davno« erlaubt verschiedene Möglichkeiten der Übersetzung: ›Lang, lang ist’s her‹, oder ›in längst vergangener Zeit‹, oder ›vor ewiger Zeit‹.

Ich bevorzuge die letztere Variante. Sie ist knapp und treffend. Unser Satz würde daher im Deutschen lauten: »Diese Frage haben die Klassiker vor ewiger Zeit gelöst.« Da das russische Verb bei Roshin in der vollendeten Form gebraucht wird, schließt der Satz die Bedeutung ein: endgültig, für immer und für alle Zeiten, unwiderruflich. – Sollte nicht ein Professor für Dialektischen (!) Materialismus verpflichtet gewesen sein, das Wort »endgültig« aus seinem Denken zu verbannen? Wie auch immer, das semantische Ritual Roshins wurde von einer entsprechenden Körpersprache des Auditoriums begleitet: wir gähnten und dachten – davnym davno.

Roshin wollte uns klarmachen: Die marxistische Philosophie liege fix und fertig vor, es gebe keine offenen Fragen mehr. Die Klassiker hätten ganze Arbeit geleistet. Natürlich aber bleibe Arbeit. Die marxistischen ›Wahrheiten‹ müssten sortiert, geordnet, systematisiert werden, aufbereitet, in widerspruchsfreien Systemen für eine widerspruchsfreie sozialistische Praxis. Diese Lehrpraxis, exemplarisch bei Roshin, hat sich dann ausgebreitet und verbindlich gemacht als treuester Sachwalter der reinen Lehre. Das war die allgemeine Verkehrsform, die sich zwar gegen alle kritischen Nachfragen als sprach- und argumentationslos erwies, aber eben als polemisch rabiat und dominant.

 

Wird fortgesetzt.

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