Forum Stadt

Deutsch von Adelheid Zöfel

Der Titel meiner Rede heute Abend lautet »Afrikanische Literatur gibt es nicht« – aber Sie wissen ja vielleicht, ich lebe in Rom, und deshalb beginne ich, wie wir das so gern tun, mit einer Beichte. Beichte Nummer eins: Ich bin Akademikerin, wovon ich mich, ein Jahrzehnt nach meiner Zeit in Oxford, zwar langsam erhole, aber ich gebe trotzdem immer noch gern provozierende Statements ab, egal ob ich sie konsequent vertreten kann oder nicht. Beichte Nummer zwei: Garantiert bereue ich es, dass ich diese Rede gehalten habe, wenn sich dann die Literaturwissenschaftler darauf stürzen, aber im Moment bin ich noch jung und tollkühn genug, um das Risiko einer Niederlage genüsslich auszukosten.

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»Wenn die Sekunden der fremden Erfahrung verstrichen sind, muß die Maske energisch wieder abgezogen werden. Dahinter erscheint ein lachendes Gesicht, und lachen muß, wer immer den Vorgang sieht. Es ist das Lachen einer Freiheit, die sich selber wieder etwas besser kennt.«
Peter von Matt: [Essay über Elias Canetti]

 

Bei meinen früheren Aufenthalten in Kairo habe ich die Altstadt vorzugsweise spätabends und nachts durchstreift. Dies geschah vor allem deshalb, weil mein Freund und Führer, verschwiegener Kenner aller Gassen und Winkel, tagsüber beschäftigt war, aber ein leidenschaftlicher Nachtgänger ist. Mir war es recht, ich bin’s auch, und wie ich später erkennen sollte, hatte es sein Gutes: Es vermied einen möglichen Schock, denn die Nacht mildert die Züge des Verfalls, des Ruinösen, schützt Armut und Elend vor dem zudringlichen Blick.

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»Die von früher schaffen uns doch nicht. Außerdem ist ja die Welt noch da, also können Sie vom Untergang auch nicht viel mehr verstehen als wir.«
Ernest Hemingway
 

Ich bewege mich gemessenen Schrittes die Fasanenstrasse entlang, passiere die Villa Griesebach und trete nach dem Literaturhaus aus dem gedämpften Gelb der diskreten Straßenlaternen auf den Kurfürstendamm. Das Kino auf der anderen Straßenseite ist einem Tommy Hilfiger Flagshipstore gewichen und leuchtet grell den Fußgängerübergang aus, als ich die dreispurige Fahrbahn erreiche. Der Verkehrsstrom nötigt mir Aufmerksamkeit ab, ich verlangsame meinen Bewegungsablauf, überquere die Breite und tauche in die Berliner Prachtmeile ein. Am Kempinski vorbeigehend, der Portier in seiner Livree grüßt mit einer Zuckung der rechten Augenbraue, erreiche ich die Kunsthandlung Gunti, vis à vis der jüdischen Gemeinde in ihrem 60er Jahre Zweckbau. Ich betrachte die afrikanische Maske in ihrem roten Ambiente im kleinen Schaufenster – eine stille Ehrwürdigkeit in Holz auf ihrer cognacfarbenen Stele ruhend. Bei Springer gibt es Farbe auf Leinwand, der Avantgarde des Aufbruchs längst entleibt. Im Weitergehen erscheint das Delphi-Lichtspieltheater formatfüllend im Ausschnitt, während ich in die Kantstrasse abbiege. Der jäh einsetzende Luftzug zwingt mich, den Mantelkragen hochzustellen, ich beschleunige meinen Schritt. Das Rotgrün der Paris Bar gegenüber spiegelt sich im Pflaster. Eine seltsame Gereiztheit nimmt Besitz von mir: kein Ort zum Wohlfühlen, denke ich die Tür öffnend.

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