Renate Solbach: Zeichen

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II Die Freiheit der Intellektuellen

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Wie lässt es sich verstehen, dass Intellektuelle, allen voran die Kulturrevolutionäre der 68er Bewegung, Sympathien für Länder entwickelten, die von einer Partei regiert wurden und teils noch werden, die sämtliche Gewalten ausübt: die regierende, politische, ökonomische, legislative, jurisdiktive, gewerkschaftliche, polizeiliche, militärische und natürlich auch die Informationsgewalt? Wie lässt sich verstehen, dass bedeutende westeuropäische oder amerikanische Dichter und Denker wie Louis Aragon, Henri Barbusse, Simone de Beauvoir, Ernesto Cardenal, Theodore Dreiser, Paul Eluard, Max Frisch, André Gide, Oskar Maria Graf, Graham Greene, Nicolás Guillén, Ernest Hemingway, Abbie Hoffmann, Haldór Laxness, Sinclair Lewis, Gabriel Garcia Márquez, Jan Myrdal, Pablo Neruda, Luise Rinser, Romain Rolland, Jean-Paul Sartre oder Elsa Triolet, um nur ein paar zu nennen, kommunistische Tyrannen und Massenmörder anhimmelten und wie Götter verehrten? Wie lässt sich verstehen, dass schon in den europäischen Wohlstandsstaaten der siebziger Jahre offensichtlicher Grundkonsens unter Jugendlichen und Intellektuellen die Zerstörung des »kapitalistischen Systems« war? Freiheit, Menschenrechte? Alles nur Phrasen, um den wahren Terror, der vom Kapital und dem Eigentum an Produktionsmitteln ausgehe, zu verschleiern! Marx und Lenin lehrten bekanntlich, dass Grundfreiheiten, solange das Kapital herrscht, nur formal existierten. Der um das Jahr 1968 herum dominante Herbert Marcuse, der als Heidegger-Schüler übertrieben weit vom Stamm seriösen Denkens fiel, glaubte hinzufügen zu müssen, dass Toleranz umso ›repressiver‹ sei, je großzügiger sie gehandhabt werde. Zur Rechtfertigung der ›Null-Bock-Generation‹ diente das von ihm vorgegebene Schlagwort von der ›Großen Verweigerung‹. In einem 1967 vor Studenten der Freien Universität Berlin gehaltenen Vortrag bezeichnete er die Negation der bestehenden Gesellschaft als Voraussetzung für die Transformation menschlicher Bedürfnisse. Es bedürfe einer jenseits der judäo-christlichen Moral stehenden neuen Moral, welche die vitalen Bedürfnisse nach Freude und Glück erfülle und ästhetisch-erotische Dimensionen umfasse. In dieser Rede prägte Marcuse auf Hegels Spuren den Begriff vom möglichen ›Ende der Geschichte‹, der nach dem Zusammenbruch des Kommunismus von dem amerikanischen Politologen Francis Fukuyama (geb. 1952) lediglich wieder aufgewärmt wurde.

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Die Freiheit des Denkens, die stets ihre Grenzen durch das Noch-nicht- oder Nicht-mehr-Verstehen gesetzt bekommt, wirft immerhin die Frage auf, was geschieht, wenn utopische Denkspiele die Schranken unserer sich langsam über die Jahrhunderte entwickelten Spanne zwischen Vernunft und Unvernunft ignorieren und damit diskursunfähig werden. Das vom Staat durch Professorengehälter »ausgehaltene«, von der Gesellschaft hingegen kaum noch auszuhaltende Denken feiert die Emanzipation von allem Absoluten. »Damit wird allbeherrschend«, so Röpke, »die Willkür und die Beliebigkeit. Kein Gedanke, keine Möglichkeit ist mehr ausgeschlossen. Keine festen Grenzen, keine unverrückbaren Punkte, kein unnachgiebiges Fundament geben mehr Halt. Wir bewegen uns geradlinig hin auf eine Welt der völligen Willkür, in der alles zu erwarten ist, in der jede Art von Philosophie oder Kunst grundsätzlich zulässig erscheint, in der jede Art von Verhalten der einzelnen und der Regierungen denkbar wird und man auf alles, auch das Absurdeste und Abnormste, gefasst sein muss.«

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Für moderne Denker wie den 1950 geborenen Max Lorenzen hat sich ›die gesellschaftliche Werteskala‹ verschoben:

»Die Tugenden der Befehlsgewalt, bzw. des Gehorsams und der Unterwerfung, der Demut und Opferwilligkeit, auch des Ertragens von Schicksalsschlägen, die früher das Streben nach Lust verdecken sollten, lösen sich entweder auf oder treten in die zweite Reihe, wohingegen in der ersten nun das früher Verpönte: Lustgewinn, ›Spaß‹, Abwechslung, steht. Ich halte diese Entwicklung in mancher Hinsicht für positiv, weil sie eine Demokratisierung und Enthierarchisierung bedeuten kann…«

Hartmut Lange, ein 1965 aus der ›DDR‹ geflohener Schriftsteller, der, obwohl sich damals noch als Marxist verstehend, schon früh die trostlosen Folgen der Aufklärung benannte, widerspricht heute solcher Geschichts- und Traditionsverachtung und verteidigt »die Glaubenssehnsucht des Einzelnen, der etwas sucht, zu dem er gehören kann, etwas, das größer ist als er selbst«. Lange antwortet Lorenzen unmissverständlich:

»Es gibt durchaus eine Struktur des Manselbst, der Spaß am Leben haben will, weil sie sich vor der ›sich selbst gewissen Freiheit zum Tode‹ fürchtet. Aber eine Gesellschaft, die die sinnstiftende, normative Kraft ›der sich selbst gewissen Freiheit zum Tode‹ nicht mehr aufbringen kam, ist verloren. Sie endet in der Freizeitindustrie oder in der Spaßgesellschaft, die das Streben nach der sittlichen Vernunft aufgegeben hat oder einfach nicht mehr kennt.«

Für Lange und andere zumeist diktaturerfahrene Dichter und Denker hat sich die gesellschaftliche Werteskala im Grundsätzlichen nicht verschoben. Da sich jedoch (trotz der weltweiten Ausbreitung der Philosophie Heideggers) in unserer Alltagskultur die ›Seinsvergessenheit‹ ausbreitet, dürften die Spannungen zunehmen, die sich irgendwann und irgendwie wie ein Gewitter entladen wollen. Ist das der Lauf der Dinge? Darf ›man‹ das so verstehen? Das ›Man‹, welches Heidegger so treffend analysierte, darf alles, weil es nichts zu verantworten hat. Es ist die ›Öffentlichkeit‹, die vom Zeitgeist beherrscht wird. Darin ist jeder »der Andere und Keiner er selbst. Das Man, mit dem sich die Frage nach dem Wer des alltäglichen Daseins beantwortet, ist Niemand, dem alles Dasein im Untereinandersein sich je schon ausgeliefert hat.« Hartmut Lange führt an, dass keine Werteskala einer Philosophie der geschlossenen Systeme es vermochte, das »nicht festgesetzte Tier« im Menschen, von dem Nietzsche schrieb, zu domestizieren. Sein Fazit: »Der Kampf zwischen Zivilisationsbestreben und Triebstruktur dauert an.« Das heißt: Das Leben bleibt spannend und unerlöst.

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Der Auflistung derer, die einst tyrannische Ersatzgötter anhimmelten, kann eine noch längere Liste derer entgegengesetzt werden, die als Renegaten, Dissidenten, Verräter, Abtrünnige, Überläufer u.ä. tituliert wurden, weil sie, als ehemalige Marxisten und Kommunisten bis hin zu einst hohen Funktionären wie Günter Schabowski, erkannten, dass die immer gefährdete Welt weder mit einer Utopie, einem Superman, noch mit Gewalt oder einer Einheitspartei zu retten ist:

»In wenigen Monaten waren drei Varianten kommunistischen Machterhalts in die Binsen gegangen. Erst stürzte Erich Honecker. Die Brutusse um Egon Krenz fielen einer Abräumung zum Opfer, an der noch Markus Wolf, Gregor Gysi und Hans Modrow beteiligt waren. Dann sagte das Volk in der ersten freien Wahl am 18. März 1990, nun ist es genug. Auch die KGB-Sondierungen hatten so im Kleinen nur einen weiteren Beweis dafür erbracht, was im Großen längst offenbar war: Sozialistische Prophetie und kommunistischer Machbarkeitswahn hatten ihr Ende gefunden. Sie liefen, wo sie noch zuckten, ins Leere.«

Und nach einer Besinnungspause fügte Schabowski gedämpft hinzu: »Ins Leere? Frag ich mich heute. In ihrer damaligen Fassungslosigkeit ahnten die roten Bankrotteure wohl nicht, dass sie nicht in den Orkus, sondern ins Gehege der Demokratie geraten waren. Bald sollten sich für sie neue Weideplätze finden.« Wie wahr! Sie kamen als rational denkende Physikerin und als grüne Weltenretter daher – und schon kuschten die verweiblichten Männer der sogenannten Altparteien.

Wolf Biermann, der einst Philosophie und Mathematik studierte, wurde der bedeutendste Liedermacher, den die ›DDR‹ je hatte und 1976 des Landes verwies. Er kam nach langem Festhalten an der Grundauffassung seines Vaters, der als Kommunist und Jude in Auschwitz ermordet wurde, ebenfalls zu neuen Erkenntnissen: »Ich bin inzwischen der Ansicht, dass die Leute, die eine kommunistische Gesellschaft anstreben, ein Paradies, in dem es keine Klassengegensätze, in dem es keine antagonistischen Konflikte gibt, ein Narrenparadies suchen, in dem der Löwe Gras frisst.« Auf die Frage, warum eigentlich den intellektuellen Profiteuren der ›Diktatur des Proletariats‹ der volkseigene Staat samt ›Volkskammer‹, in der er ebenfalls saß, abhanden kam, wusste der oberste »›DDR‹-Schriftstellerfunktionär und inoffizielle Stasi-Mitarbeiter Hermann Kant nur gewunden zu antworten: »Wir hätten – das hört sich komisch an, wenn ich das 2006 sage, aber ich habe es ja vorher auch gesagt – wir hätten auf die Überredungskraft, die wir in Vorzeiten hatten, weiter vertrauen müssen…« Ah, ja! Überredungskunst.

Hier wären Filme von Zeitzeugen einzublenden, die zeigen, was Kommunisten unter Überredungskunst in ihrer urwüchsigen Form verstanden haben. Heinz Schwollius aus Potsdam war 16 Jahre alt, als er 1946 wegen angeblicher Werwolftätigkeit völlig unschuldig mit anderen Jugendlichen von einem sowjetischen Militärtribunal zum Tode verurteilt und später begnadigt wurde, während man die anderen erschoss. Er erinnert sich:

»Die Anzahl meiner Vernehmungen vermag ich nicht genau zu sagen, denn nach der 50. war ich nicht mehr in der Lage, diese zu zählen. Die Vernehmungen zogen sich wochenlang hin, nur mit dem Ziel, völlig absurde Geständnisse zu erpressen. Als besonders brutal, ja, sadistisch habe ich weibliche Dolmetscherinnen in Erinnerung. Irgendwann unterschrieb jeder alles, was man ihm nur vorlegte, dazu in einer Sprache, die keiner verstand. Wir fühlten uns mehr als Tiere, denn als Menschen, obwohl sie ihre Hunde besser als uns behandelten. Besonders wenn sie betrunken waren, was öfters vorkam, kam es zu wilden Prügelorgien. Als ich vom Vernehmer gefragt wurde, wer mich so zugerichtet habe, sagte ich wahrheitsgemäß aus. Die Folge war, dass ich sowohl von ihm als vom Dolmetscher und dem anwesenden Posten brutal zusammengeschlagen wurde. Danach zündete sich der Vernehmer genüsslich eine Machorka an, während der Dolmetscher schrie: ›Warum lügst Du? Ein russischer Soldat tut so etwas nicht!‹«

Dazu kamen die Verhältnisse, unter denen die Überredungskünste ausprobiert wurden: »Ohne Reinigungsmöglichkeiten und medizinische Versorgung vegetierten wir wie Aussätzige dahin. Krätze und Läusefraß, von Wanzen fast aufgefressen verfaulten wir am ganzen Körper buchstäblich bei lebendigem Leibe. Die Wunden eiterten so stark, dass uns der Eiter am Körper hinunterlief, sobald wir uns nur bewegten.«

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Freilich, die Verhältnisse, in denen am Ende die Überredungskünste nichts mehr nützten, hatten sich im Lauf der Jahre verändert. Anstelle des massenhaften Einsperrens und brutalen Folterns ging man bald weicher, ›psychologischer‹ vor. Die ›Zersetzung‹ – so der Fachausdruck – von Familien, Freundeskreisen und Personen hinterließ kaum Spuren der Täter, aber genauso brutale Folgen. Die ›DDR‹ war neben Ungarn Weltmeister in der Selbstmordquote. Die geheime Staatspolizei, offiziell ›Ministerium für Staatssicherheit (MfS)‹, umgangssprachlich ›Stasi‹ genannt, wurde zur größten Netzwerk-Firma dieser Sowjet-Kolonie ausgebaut. Die allgegenwärtige Bespitzelung kam erst nach dem Zusammenbruch ans Licht, denn kaum ein Wissenschaftler im Westen hatte sich mit diesem Thema beschäftigt. Der einzige Stasi-Experte im Westen war der Journalist Karl-Wilhelm Fricke, der selber vier Jahre in Bautzen saß. Er schätzte, dass es hauptamtlich 17 000 Stasi-Mitarbeiter gab. Nach dem Zusammenbruch stellte sich jedoch heraus, dass etwa 91 000 Personen hauptamtlich beschäftigt waren und weit über 180 000 inoffiziell spitzelten. Damit arbeitete also jeder 50. ›DDR‹-Bewohner für dieses geheim operierende Organ zum Schutze dieses Unrechtsstaates. Die nichtmilitärischen Außenposten der Stasi, wie Kaderleitungen, Parteisekretäre und andere Kontroll- und Zensurorgane sind hier gar nicht einbezogen. Sechs Millionen personenbezogene Akten wurden vom MfS in vierzig Jahren zusammengetragen, Briefe massenhaft geöffnet und gelesen, Telefongespräche abgehört, mitgeschnitten. Sogar Geruchsproben von Oppositionellen sammelte die Stasi, um sie bei Bedarf mit Spürhunden verfolgen zu können. Zur Praxis der Einschüchterung gegen Uneinsichtige oder Unbestechliche gehörten auch Morddrohungen und Entführungen. Mordende Terroristen aus dem Westen erhielten in der ›DDR‹ Unterschlupf sowie eine neue Identität. Es stellte sich heraus, dass die Methoden des ›DDR‹-Regimes noch grausamer waren, als von den meisten Opfern und Kritikern vermutet, obwohl Akten, die ihre Mordanweisungen und Terrorkonzepte bargen, bis auf winzige Ausnahmen vernichtet werden konnten.

Vieles ließe sich nun mühsam auflisten und bezeugen, aber philosophisch bleibt zu fragen, was steckt hinter dieser Erscheinung, was macht ihr Wesen aus? Das Globalisierungsdenken, hinter dem sich kollektivistische Ambitionen verbergen, zielt auf ein Ende der Nationalisierung des Menschen. Die bis ins Perverse reichenden Emanzipationsbestrebungen, aus denen hervorsickert, dass einem nicht nur das angeborene Geschlecht, die Zeugung und Erziehung eigener Kinder, manchem Architekten gar die Schwerkraft oder einigen Philosophen – ja, sogar Politikern! – die Muttersprache lästig wird, entwurzeln den Menschen, befreien ihn angeblich von allen Fesseln und aus Zwingburgen. So revoltiert er, oft schon auf der kriminellen Schiene und zudem vom Staate sozial subventioniert, gegen die ›Launen der Natur‹, führt mit Lenin unter der Frage ›Was tun?‹ einen ›Kampf gegen die Spontaneität‹, andererseits gegen alle gesellschaftlichen Ordnungsstrukturen, die nicht seiner Utopie von einer freien, gleichen und zudem brüderlichen Weltordnung entsprechen.

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Wie und womit verteidigt sich die Gesellschaft? Indem sie sich, wie Günter Rohrmoser erkennt, »an der Gegenwart festkrallt, gegen die Zukunft schlechthin und den Glauben an eine sinnvolle lebenswerte Zukunft. Ich bin überzeugt, dass diese katastrophale Geburtenentwicklung mit diesem Verlust an Zukunft, Zukunftsglaube und -zuversicht zutiefst zusammenhängt. Ein Volk, das für sich keine bessere, wenn auch vielleicht andere Zukunft mehr sieht, hat keinen Grund, mehr als das zu tun, was die Deutschen tun, nämlich zu verteidigen, was sie haben und das um fast jeden Preis.« Die christliche Trias ›Glaube, Liebe, Hoffnung‹ wurde längst durch die von allem Anfang blutgetränkte Propagandaformel ›Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit‹ der französischen Revolutionäre verdrängt. In einer Rede über die Organisation der Nationalgarden sprach sich der ›Blutrichter der Französischen Revolution‹, Maximilien de Robespierre, im Dezember 1790 dafür aus, die Worte ›liberté, égalité, fraternité‹ auf alle Uniformen und Flaggen zu schreiben. Obwohl das Vorhaben nicht angenommen wurde, dürften diese drei abstrakten Ideen dennoch mit zu den bekanntesten der Welt geworden sein. Doch anstelle des erwarteten Weihnachtsmanns und seiner Heinzelmännchen ritten die Apokalyptischen Reiter heran.

Ist es wirklich nur Entartung, dass jene Marxisten, die sich am heftigsten auf die Wertetrias ›Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit‹ beriefen, solche und andere Werte im Blut ertränkten? Tatsache ist: Die bestialischen Züge der Französischen Revolution kehrten in den bisher noch nicht überbotenen Massenmorden nationaler oder internationaler Sozialisten wieder, die nicht nur die individuelle Freiheit abzuschaffen trachteten und den Staat zu einem totalitärem, militanten und streng isolierten Feudalsystem herabwürdigten, sondern auch jede Brüderlichkeit durch Misstrauen, Spitzelwesen, Angst und Schrecken vereitelten. Die Französische Revolution darf daher mit Fug und Recht als Geburtsstunde des europäischen Totalitarismus bezeichnet werden. Aus dem Kontext der religionspolitischen Kämpfe in Frankreich stammt auch der Begriff ›Dechristianisierung‹, der in seiner Urform die gewalttätigen Aktionen kleinbürgerlicher Kreise gegen Kirche und Klerus, tödliche Angriffe auf Priester, Vergewaltigungen von Nonnen, Verwüstungen der Gotteshäuser und Raub an kirchlichen Schätzen einschloss. »Anhänger der Revolution«, so der Theologe Friedrich Wilhelm Graf, »verwendeten den Begriff zudem zur Beschreibung des Abbruchs kirchlicher Tradition und Sitte, etwa mit Blick auf die Pensionierung oder die Heirat von Priestern. Déchristianisation diente ihnen schließlich auch dazu, die Etablierung des neuen Vernunftkultes der Revolution zu rechtfertigen.«

Haben der Marquis de Sade und Auschwitz wirklich nur wenig gemeinsam, wie die amerikanische Philosophin Susan Neiman in ihrem etwas anderen Philosophie-Geschichtsbuch Das Böse denken meinte? De Sades Biografie verrät viel von dem Urmuster vieler Revolutionäre, die vorgaben, der Befreiung der Menschheit dienen zu wollen, während sie sich hauptsächlich von ihren sadistischen Veranlagungen rein zu waschen suchten. Der Begriff ›Sadist‹ leitet sich nicht zufällig von seinem Namen ab. Vor dem so genannten Sturm auf die Bastille 1789 schrie er der vor der Bastille demonstrierenden Menge zu: »Sie töten die Gefangenen hier drinnen!« Wahrscheinlich war dieses verlogene Geschrei einer der Gründe, die die Bevölkerung dazu bewegten, die Bastille zu stürmen, die ja eigentlich nur ein Gefängnis vornehmer Leute war. Man konnte sich dort, wie de Sade selber, außerhalb bekochen lassen und seine Zelle nach Belieben möblieren.

Kommt uns das nicht bekannt vor? Verhielten sich die RAF-Terroristen im Westen und die herrschenden Staatsterroristen im Osten wesentlich anders? Und auf welcher Seite standen der angebliche Freiheitsphilosoph Jean-Paul Sartre, die protestantischen Pfarrer und Anwälte des Rechtsstaates? De Sade wurde 1790 infolge der Französischen Revolution vorübergehend entlassen. Trotz seiner aristokratischen Herkunft schloss er sich den extremistischen Jakobinern an und vertrat eine utopische Variante des Sozialismus, verweigerte dabei allerdings die Aufgabe seines Familienschlosses und die Herausgabe seines Familienvermögens. Unzählige ›Salon-Kommunisten‹ taten und tun es ihm nach.

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Wie konnte es gelingen, dass die von bedeutenden Denkern entwickelte Totalitarismus-Theorie unter den fadenscheinigsten Argumenten zur Seite geschoben werden konnte? Wie durfte es passieren, dass die Erfahrungsberichte und Bücher Tausender Zeitzeugen, die den totalitären Diktaturen entflohen waren, im angeblich ›herrschaftsfreien Diskurs‹ der westeuropäischen Intelligenzija kaum eine Rolle spielten? Warum wollte oder konnte das Verstehen nicht mehr im Sinne Diltheys »in die fremden Lebensäußerungen« mittels einer »Transposition« in die Fülle eigener Erlebnisse und Erkenntnisse durchdringen? Es gibt Fragen, die einen nicht mehr nach Antwort suchen lassen, weil das Ergebnis einem die Neugier abgewöhnt. Doch das Fragen kann auch als eine Kunst verstanden werden, die das Weiterfragen befördert. Der Horizont des Fragenden hebt sich vom Horizont, von dem aus das Gefragte verstanden wurde, selbstverständlich ab. Die Zusammenkunft dieser beiden Horizonte, also die Bildung eines neuen, bezeichnete Gadamer als ›Horizontverschmelzung‹. Fragen bedeutet also nicht das bloße Verstehen einer fremden Meinung, sondern das Offenlegen von Sinnmöglichkeiten. Von mit Steuergeldern subventionierten Intellektuellen, gar mit Machtmandaten versehenen, ist wenig zu erwarten. Sie sind zumeist nur Bedenkenträger ohne Mut und Demut, um es äußerst gutmütig auszudrücken. Ihr Verständnis gründet in der Angst vor dem Verhängnis, das sie wieder in die Anonymität zurückholen könnte.

Dabei sind die großen Bewegungen der jüngsten Geschichte in Europa hauptsächlich von Unbekannten ausgegangen, von denen, bis auf wenige Ausnahmen, kaum jemand berühmt wurde und einige sogar hingerichtet wurden, ohne als Märtyrer ins Bewusstsein ihres Volkes eingegangen zu sein. »Von den niedergeschlagenen Revolten«, so André Glucksmann, »in Berlin 1953 über Posen und Budapest 1956 bis zum Prager Frühling, vom Sieg von Solidarność in Polen bis zum Fall der Berliner Mauer, haben ohnmächtige Rebellen den Kontinent geeint.« Kein Wunder, dass die Profiteure dieser Einigung, die in der Diktatur nie durch Mut auffielen, sich aber plötzlich zum Regieren berufen fühlten, nun gern die jämmerliche Rolle vergessen machen wollten, die sie dabei spielten. Ähnliches wäre über die französischen und englischen Staatsoberhäupter oder die vielen westdeutschen politischen Entspannungskrakeeler zu sagen, die bis zuletzt gegen die deutsche Einheit Gift und Galle spuckten, sich dann aber nicht scheuten, mit Macht und Wichtigtuerei das ganze Volk regieren zu wollen, als wäre nichts geschehen gewesen.

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Land ist nicht in Sicht, aber es geht laut und fröhlich zu auf der Titanic. Und jeden Tag gehen die Besten über Bord, während Meinungsmacher darin ein Gleichnis sehen:

»Dialektisch gesehen ist es mit Marx und dem Kapitalismus so, dass es den einen nicht ohne das andere geben kann. Weil das System, so lange es existiert, immer diese lebendigen Fragen aufwirft, wird der Kopf, der darauf Antworten gefunden hat, immer wieder auferstehen, immer wieder für tot erklärt werden, immer wieder beerdigt werden, immer wieder auferstehen.« (Der Spiegel, 34/2005, S.45)

Das hieße: Dummheit und Bosheit sind so unausrottbar wie der Irrtum. Damit ließen sich alle Philosophie- und Theologie-Lehrbücher genüsslich zuschlagen, denn ohne Gott regiert der Mensch sich ohnehin nur zum Tode hin.

 

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