Renate Solbach: Sarkophag

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Welt-Sorge

Es existieren auch andere Verlautbarungsformen. Eine davon ist die Petition, die Eingabe an staatliche Stellen, sie mögen nicht länger den Sirenengesängen einer politisch ambitionierten (und gezielt geförderten) Forschung folgen, die, aus exakt diesem Grund, nicht mehr umzusteuern vermag und die Politik sich in teure, unproduktive und gemeinschädliche Sackgassen verrennen lasse.

»Al Presidente della Repubblica
Al Presidente del Senato
Al Presidente della Camera dei Deputati
Al Presidente del Consiglio
PETIZIONE SUL RISCALDAMENTO GLOBALE ANTROPICO
(…) Negli ultimi decenni si è diffusa una tesi secondo la quale il riscaldamento della superficie terrestre di circa 0.9°C osservato a partire dal 1850 sarebbe anomalo e causato esclusivamente dalle attività antropiche, in particolare dalle immissioni in atmosfera di CO2 proveniente dall’utilizzo dei combustibili fossili. Questa è la tesi del riscaldamento globale antropico promossa dall’Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) delle Nazione Unite, le cui conseguenze sarebbero modificazioni ambientali così gravi da paventare enormi danni in un imminente futuro, a meno che drastiche e costose misure di mitigazione non vengano immediatamente adottate. A tale proposito, numerose nazioni del mondo hanno aderito a programmi di riduzione delle emissioni di anidride carbonica e sono pressate, anche da una martellante propaganda, ad adottare programmi sempre più esigenti dalla cui attuazione, che comporta pesanti oneri sulle economie dei singoli Stati aderenti, dipenderebbe il controllo del clima e, quindi, la ›salvezza‹ del pianeta.
L’origine antropica del riscaldamento globale è però una congettura non dimostrata, dedotta solo da alcuni modelli climatici, cioè complessi programmi al computer, chiamati General Circulation Models.
Al contrario, la letteratura scientifica ha messo sempre più in evidenza l’esistenza di una variabilità climatica naturale che i modelli non sono in grado di riprodurre. Tale variabilità naturale spiega una parte consistente del riscaldamento globale osservato dal 1850. La responsabilità antropica del cambiamento climatico osservato nell’ultimo secolo è quindi ingiustificatamente esagerata e le previsioni catastrofiche non sono realistiche.«

»An den Präsidenten der Republik
An den Präsidenten des Senats
An den Präsidenten der Abgeordnetenkammer
An den Präsidenten des Rats
PETITION ZUR GLOBALEN ANTHROPOGENEN ERWÄRMUNG
(…) In den letzten Jahrzehnten wurde die These verbreitet, derzufolge die Erwärmung der Erdoberfläche um rund 0,9°C, welche ab 1850 beobachtet worden ist, anomal und ausschließlich menschlichen Aktivitäten zu verdanken sei, insbesondere dem Ausstoß von CO2 in die Atmosphäre durch den Verbrauch fossiler Brennstoffe. Darin besteht die vom Weltklimarat der Vereinten Nationen (IPCC) geförderte These der anthropogenen globalen Erwärmung. Ihre Konsequenz wären Umweltveränderungen so ernsten Ausmaßes, dass man enormen Schaden in der unmittelbaren Zukunft befürchten müsste, es sei denn, es würden unverzüglich drastische und kostenintensive Abschwächungsmaßnahmen ergriffen. Deshalb sind viele Nationen in der Welt Programmen zur Reduktion von Kohlendioxidemissionen beigetreten und werden, auch durch eine nicht nachlassende Propaganda, unter Druck gesetzt, zunehmend fordernde Programme anzunehmen, deren Umsetzung mit hohen Belastungen für die Wirtschaft der einzelnen Mitgliedsstaaten verbunden ist, um das Klima zu kontrollieren und den Planeten zu ›retten‹.
Der anthropogene Ursprung der globalen Erwärmung ist jedoch eine unbewiesene Hypothese, ausschließlich abgeleitet von einigen Klimamodellen, d.h. komplexen Computerprogrammen, genannt ›General Circulation Models‹.
Auf der anderen Seite hat die wissenschaftliche Literatur zunehmend die Existenz einer naturgegebenen Klimavariabilität herausgearbeitet, welche die Modelle nicht reproduzieren können. Diese natürliche Schwankung erklärt einen beachtlichen Teil der globalen Erwärmung, welche seit 1850 beobachtet wurde. Die menschliche Verantwortung für die im letzten Jahrhundert beobachtete Klimaveränderung wird daher ungerechtfertigt übertrieben und die Katastrophenvorhersagen sind nicht realistisch.«
Clima, una petizione controcorrente, mercoledì 19 giugno 2019

Wie muss man sich eine ›mittlerweile fundierte wissenschaftliche Basis‹ in praxi vorstellen? Öffentlichen Einlassungen von Forschern und Experten, die es nicht hinnehmen wollen, hinter der offenbar ›fabrizierten‹ und immer wieder hervorgeholten Zahl von 97 Prozent bekennender Klima-Alarmisten einfach zu verschwinden, schlägt regelmäßig Wut entgegen – Wut aus einschlägigen Aktivisten-Kreisen, Wut aber auch, man kann es nicht anders benennen, seitens Krethi und Plethi, die sich in Klimadingen auskennen und den Kopf schütteln über soviel Unvernunft in den inneren Zirkeln der Wissenschaft: Die sind doch nicht sauber! – warum auch immer. In diesem Konzert – jeder kann da seine Beispiele einfügen – vermischt sich die Sorge um die Zukunft der einen Welt mit der Unbedingtheit des Glauben-Wollens, das von ›der Wissenschaft‹ Sicherheit und Führung verlangt und sie eben damit heillos überfordert. Natürlich darf darüber spekuliert werden, warum dem so ist und wie es dazu kommen konnte. Doch die Tatsache bleibt bestehen und beschäftigt die Gemüter. Die Schwierigkeiten der Klimaforschung im Umgang mit der von einigen ihrer Vertreter heftig in Anspruch genommenen Wahrheit spiegeln sich in den Schwierigkeiten einer zwischen Mehrheits- und Minderheits-Überzeugungen gespaltenen Öffentlichkeit, Wissenschaft als das zu nehmen, was sie nun einmal ist: ein mühsames Verfolgen konträrer Ansätze mit prinzipiell ungewissem Ausgang.

Soziale Gewissheit

Jeder, der sich mit dem Thema beschäftigt, ist binnen kurzem mit ihr konfrontiert: Die Rede von der ›Klimalüge‹, verwendbar in beide Richtungen, beherrscht den öffentlichen, aber natürlich auch den von ihr bestrichenen Teil des wissenschaftlichen Raumes. Sie fügt dem, ›was wir wissen‹, eine nichtwissenschaftliche Komponente hinzu, die letzten Endes Wissenschaft selbst kontaminiert. Ihre Glaubwürdigkeit steht auf dem Spiel, falls es nicht immer wieder gelingt, Falschmünzer in den eigenen Reihen aufzuspüren und aus dem Spiel zu nehmen. So jedenfalls sieht es in der Theorie aus und in den Augen der Gutgläubigen ohnehin. Und es stimmt: In der Regel gelingt das ›ganz gut‹, wie Pragmatiker meinen (dass für jeden aufgeflogenen Schwindel aller Wahrscheinlichkeit nach ein neuer seinen Umlauf beginnt, gehört zum Gang der Dinge und ist nichts weiter als der Preis der Offenheit wissenschaftlicher Prozesse). Gelangt allerdings der pauschale Vorwurf an eine als Clique markierte Gruppe von Wissenschaftlern, einer heuchlerischen Praxis zu huldigen, ins öffentliche Meinungsbild, dann bekommt auch Wissenschaft zu spüren, dass ihre Verlautbarungen und Profile im allgemeinen Bewusstsein kein Extra-Abteil besetzen, sondern, hineingeworfen in die allgemeine Debatte, Verdächten ausgesetzt sind und Verzerrungen erfahren, denen niemand ungeschoren entkommt. Auch Klimawissen ist eine soziale Größe, ein ›fait social‹. Das begrenzt seinen Wahrheitsanspruch empfindlich.

Das Problem: Man muss nicht lügen, um zu lügen. Es genügt bereits, einer öffentlichen Lüge die Ehre zu geben. Um das zu verstehen, muss man begreifen, wo das öffentliche Lügen beginnt und warum es unabweislich der Fall ist. Es gehört zu den Gemeinplätzen der Sozialwissenschaft, dass es leichter ist, in der Gemeinschaft – und mit ihr – unterzugehen denn als Einzelner gegen sie aufzustehen. Das gilt in existenziellen Lagen, in denen materieller Widerstand angesagt sein kann, es gilt aber auch in Lagen, in denen nichts weiter verlangt wäre als Sicherheit und Persistenz des eigenen Urteils (der Mut, es öffentlich zu bekunden, käme als Komplikation noch hinzu). Man weiß, dass sich gestandene Zeugen eines Verbrechens ihre Erinnerung abschwatzen lassen, wird erst der soziale Preis sichtbar, den sie für ihre Standhaftigkeit entrichten müssten, man weiß, dass, nicht anders als das soziale, selbst das persönliche Gedächtnis eine elastische Komponente besitzt, die sich ungemein leichtfertig den kurrenten Erzählungen anzuschmiegen weiß, gleichgültig, ob es um Prominentenklatsch oder um Fragen von Krieg und Frieden geht, man weiß, dass Abgeordnete einstimmig Gesetzespakete beschließen, deren Auswirkungen sie, einzeln befragt, im Ernstfall ablehnen würden, dass Wissenschaftler, um an Forschungsgelder zu kommen, sich Lehrmeinungen beugen, von deren Nichtigkeit sie insgeheim überzeugt sind – und wären sie es nicht, so genügte es, wenn sie ihre Indifferenz (»Darüber habe ich kein Urteil«) bei passender Gelegenheit als Zustimmung auslegten und sich und anderen als Stand der Wissenschaft andrehten, was bei näherer Betrachtung nur eine Forschungsmeinung unter anderen darstellt.

Man kann die Vorstellung vom selbstreinigenden Prozess der Wissenschaft mögen, sogar von ihm überzeugt ist – welcher Wissenschaftler wäre das nicht? –, ohne auszublenden, dass die Scientific Community zu allererst ›community‹ ist, ein soziales Gebilde, innerhalb dessen Wissenschaft betrieben wird. Auch in ihr gilt, dass niemand lügen muss, um zu lügen. Hypothesen lügen nicht, sie werden widerlegt und zu den Akten gelegt oder auch nicht, insbesondere nicht, solange sie Geld, Ruhm und Einfluss generieren. Manche unter ihnen, so darf man annehmen, sind längst in einem Winkel des wissenschaftlichen Universums widerlegt und werden künstlich am Leben gehalten, solange die Quelle, die das ermöglicht, munter weitersprudelt. Wozu gäbe es schließlich Schulen? Die Community muss sich, schon aus Gründen der Lehrbarkeit von Fächern, in vielerlei Hinsicht einigen können, ohne sich wirklich einig zu sein. Wer mag, kann das ›weitgehenden Konsens‹ nennen oder Leitauffassung oder führende Theorie oder ›Erzählung‹: keine Gesellschaft ohne Prämiensystem, kein Prämiensystem ohne einen Anflug von Schwindel. Verhandelt erst die Diskursgesellschaft ihre Schwierigkeiten im kontroversen Benennen dessen, was ist, unter Etiketten wie ›Lüge‹, ›fake news‹ und dergleichen, dann hält das Wort – und die darin enthaltene Unterstellung – über kurz oder lang auch Einzug in die Wissenschaft und ist auf kaum eine erdenkliche Weise mehr aus ihr zu entfernen.

Fallen und Fallensteller

Ein wenig sibyllinisch befindet im Jahre 2019 die Frontseite des Hamburger Max-Planck-Instituts für Meteorologie noch immer über den dritten IPCC-Sachstandsbericht von 2001:

»Ergebnis des Berichts ist, dass das globale Klima durch menschliche Aktivitäten stärker verändert wird als bisher erwartet. Gegenüber dem Zweiten Sachstandsbericht von 1995 gab es einen deutlichen Fortschritt im wissenschaftlichen Erkenntnisstand. Insbesondere durch eine Verbesserung der Datenlage und der Klimamodelle konnten beweiskräftigere Belege für einen Klimawandel gefunden werden.«

Da stehen zwei trockene Sachaussagen unverbunden nebeneinander, die sich gegenseitig zu stützen scheinen. Danach scheint, aus welchen Gründen auch immer, für die Verfasser der Seite die Zeit stehengeblieben zu sein. Einiges über die Vorgeschichte des Instituts, das sich heute der ›Erdsystemwissenschaft‹ verpflichtet weiß, erfährt der Leser aus dem 2013 erschienenen Buch Die Klimafalle: Die gefährliche Nähe von Politik und Klimaforschung, gemeinsam verfasst von einem Klimatologen (Hans von Storch) und einem Ethnologen (Werner Krauß). Die aktuelle Klimawissenschaft, argumentieren sie, sei als ›postnormale Wissenschaft‹ (Jerry Ravetz) zu begreifen, für welche die Kriterien wissenschaftlicher Falsifikation nicht mehr gelten, die üblicherweise dafür sorgen, dass Wissenschaft ihre Probleme selbst löst – vielmehr sei hier ein unauflösliches Konglomerat aus Forschung, inner- wie außerwissenschaftlichen Interessen und gesellschaftlichen Interventionen entstanden, bei dessen Beschreibung eher auf sozial‑ bzw. kulturwissenschaftliche Konfliktmodelle zurückzugreifen sei als auf tradierte Muster der Wahrheitssuche.

Das Buch lässt sich gut als Studie über die ›Klimalüge‹, soll heißen das einschlägige Versagen von Wissenschaft, Öffentlichkeit und Politik begreifen. Hier ist von ›Lagerfeuern‹ die Rede, an denen die am Prozess der Gewinnung von Wissen und seiner politischen Umsetzung beteiligten ›Stämme‹ ihre Geschichten pflegen und miteinander ›aushandeln‹, wie es weitergeht mit der Wissenschaft und der Welt. Das ethnographische Bild entwickelt seinen eigenen Sog, doch die oben zitierte Petition – wie manches im Buch diskutierte Detail der Klimadebatte – spricht eine andere Sprache. Von Storch und Krauß haben in eine verfahrene Situation einen Vorschlag zur Güte eingebracht, doch die Realität hat sich bisher nicht groß darum geschert. Nach den Gründen muss man vermutlich nicht lange suchen.

Was die beiden Wissenschaftler, weitgehend jedenfalls, außer acht lassen, ist der Machtaspekt aller Wissenschaft: Sie verleiht Macht und steht deshalb im Fokus von Instanzen, die sie zum Zweck der Stärkung oder Gewinnung von Macht unter Kontrolle bringen wollen. Auf dieser Liste stehen der Staat und die nach Einflussnahme gierenden gesellschaftlichen Gruppen obenan. Auch unter machttheoretischen Aspekten betrachtet, verläuft die Klimadebatte, inner‑ wie außerwissenschaftlich (falls sich eine äußere Grenze der Wissenschaft hier überhaupt noch ziehen lässt, ohne Widerspruch zu erregen), im Großen und Ganzen asymmetrisch. Damit erinnert sie an die unter anderem von dem Politikwissenschaftler Herfried Münkler untersuchten ›asymmetrischen Kriege‹ der jüngsten, in die Gegenwart andauernden Vergangenheit mit ihrer radikalen Ungleichheit an Waffen, Ressourcen und menschlichem Potential, die verhindert, dass die Konfliktparteien sich auf gleicher Ebene miteinander messen und ›die Sache‹ auskämpfen könnten.

Die Haupt-Asymmetrien sind schnell benannt. Sie reichen von der Fähigkeit staatlicher Instanzen, der ihnen genehmen Seite praktisch unbegrenzt Forschungsstätten und ‑mittel zur Verfügung zu stellen, bis hin zur prinzipiell ebenso grenzenlosen Öffentlichkeitsarbeit und -beeinflussung durch gesellschaftliche Akteure, unter denen die unmittelbar involvierten Energiekonzerne ebenso hervorstechen wie privat finanzierte Denkfabriken und aktivistische Nichtregierungsorganisationen (NGOs), soweit sie durch Größe und Vernetzungsgrad den Status ernstzunehmender Mitspieler erreicht haben, zugunsten einer ihnen genehmen Lehrmeinung. Gegenüber tummeln sich die Partisanen des laufenden Meinungskampfs im Dschungel der Blogs und YouTube-Kanäle, der Bürgerversammlungen und oppositionellen Clubs, bei deren Zusammenkünften tatsächlich eine Art Lagerfeuer-Mentalität aufblitzt, in der auch der Spott über die sich in ihrer vermeintlichen Überlegenheit wiegende andere Seite sein festes Plätzchen beansprucht.

Der Anblick wiederholt sich, verirrt sich der Blick in die Hallen der Wissenschaftlichkeit, in denen die Schlacht um Drittmittel, Publikationsorte und ‑raum, Beratertätigkeiten, Peer-Pöstchen und Gutachterpositionen ihren Gang geht. Vieles an Forschungsvorhaben verdankt sich Machtprojektionen (und ‑ambitionen), die zu thematisieren höchst unfein – und unklug – wäre, falls man sie nicht ohnehin aus seinem Gesichtsfeld fernhält, ›verdrängt‹, wie der psychologische Terminus lautet, obwohl die Psychologie hier gewöhnlich außen vor bleibt. Den ›rein‹ der Wissenschaft ergebenen Wissenschaftler möchte man sehen: Ergebenheit, welcher Art auch immer, kollidiert rasch mit den Gegebenheiten der Welt, in denen sie laufende Beweise ihrer Tüchtigkeit abliefern muss. So kommt es, dass unter den Zurückgesetzten, den, aus welchen Gründen auch immer, Ausgegrenzten und notorischen Widerspruchsgeistern, Leuten also, die ohnehin nicht zu Schulhäuptern oder ordentlichen Lehrstuhlinhabern taugen, und natürlich unter den nicht mehr aktiven Angehörigen des akademischen Lehrkörpers sich am ehesten Kräfte finden, gewillt, den Kampf für die unterlegene Sache aufzunehmen und sich in ihm einzurichten, komme, was da wolle. Das gilt nicht generell, aber es markiert in etwa die Widerstandslinie.

Zu den Charakteristica asymmetrischer Kriege zählt, dass in ihnen ›Siege‹ und ›Niederlagen‹, soweit reklamierbar, nichts bedeuten, da sie keine sanktionierten Friedensschlüsse nach sich ziehen. So angelegte Konflikte können austrocknen oder aus Überlebensgründen partiell entschärft werden. Sie können aber auch, je nach Interessenlage und investiertem Glaubenseifer, generationenlang weiterschwelen: ein Thema, das, neben der Geschichtsschreibung, auch die Literatur immer wieder beschäftigt hat – wohl deshalb, weil die Konstellation oft genug ungewöhnliche Charaktere ausbrütet und die Menschheit, zumindest aber lokale Traditionseinheiten, mit dem nötigen Vorrat an Widerstandshelden versorgt. Wie das Beispiel ›Greta‹ zeigt, lassen sich innerhalb etablierter Konflikte auch gegenläufige Asymmetrien erzeugen – was der momentan überrumpelten Partei, und nicht nur ihr, zu allerlei Bedenken Anlass gibt und den Verdacht schürt, dass hier etwas nicht stimmt, soll heißen, eine von ungenannter Seite präparierte Inszenierung ihren Lauf nimmt. Richtig ist wohl, dass das Drehbuch, an das die Klimakämpferin sich hielt, als sie ihren Freitagsprotest startete, zwar von der Mutter ausgeplaudert, aber von den berichtenden Medien keines Wortes gewürdigt wurde. Nach Neutralität, selbst wohlwollender, schmeckt das nicht.

Klimaleugner

Erzählt mir jemand von der bevorstehenden Eiszeit, so fröstelt es mich, gleichgültig, ob von der großen oder einer kleinen die Rede ist, auch wenn ich weiß, dass die Unterschiede gewaltig wären. Schwieriger liegen die Dinge bei einem Anstieg der Welt-Durchschnittstemperatur um zwei Grad – das hört sich, vor allem in den kühleren Breiten, gar nicht so schlecht an, auch wenn man die armen Menschen bedauert, die ohnehin schon unter der Äquatorialsonne leiden. Man muss mir ordentlich einheizen, damit ich zu fühlen beginne, wie gefährlich, wie abgründig das alles zu werden verspricht. Dafür gibt es Klima-Projektionen mit beigefügten Wahrscheinlichkeits-Indices, mit denen kein Mensch, wenn er ehrlich sein will, etwas anfangen kann, weil sie, auf ihre Funktion hin befragt, wenig mehr sind als Salvationsformeln für Modellierer, die sich grundsätzlich ihrer Sache nicht sicher sein können. Auch dann bleiben die Bedrohungen seltsam unwirklich, was ihre Macht über das menschliche Gemüt nicht mindert, sondern erhöht: So will es die Ästhetik des Erhabenen, die auf Erschütterung aus ist und in hysterischen Reaktionen sensibler Zeitgenossen ihre ultimativen Triumphe feiert.

Lägen die Dinge umstandslos so, wie Greta Thunberg – und mit ihr die Leute von Extinction Rebellion sowie eine nicht exakt zu bestimmende Anzahl aufgeschreckter Zeitgenossen – zu wissen glaubt, dann hätte sie einfach recht. Das zu konstatieren verlangt schlichte intellektuelle Redlichkeit. Recht hätten die Klimakämpfer in der Unbedingtheit ihres Umkehr-Appells, also in dem, was wohlwollende Zeitgenossen, das ›Machbare‹ fest im Blick, Gretas New Yorker Auftritt als ›überzogen‹ ankreiden. Die Paradoxie des Augenblicks besteht darin, dass gerade diejenigen, die ihr gern glauben wollen (und dabei ebenso viel oder wenig wissen können wie sie selbst), die praktische Uneinlösbarkeit dieses Glaubens weiterhin als Richtschnur ihres Alltagshandelns und, sofern sie Politiker sind, ihrer Entscheidungen benützen, während all diejenigen, die mit ihr glauben, dass angesichts des drohenden Untergangs nur noch die radikale Umwertung aller Werte greift, also die ›wahrhaft Wissenden‹ nolens volens ein Gemeindeleben entfalten, durch das sie sich als Sekte vom Rest der Gesellschaft, die sie doch auf ihre Seite bringen wollen, isolieren – und zwar bereits vor jedem ›Kampf‹.

Hier wie dort kommt damit ein unkontrolliertes und offenbar unkontrollierbares Element ins Spiel, das dem guten Willen partout nicht zur Verfügung stehen möchte – ein schlechtes Element demnach, dem einen eigenen Willen und Daseinszweck zu unterstellen bei gehöriger Motivation nicht schwerfällt, also ein ›böses‹. Zur Logik des »Wer nicht für mich ist, der ist wider mich« gehört unbedingt die Figur des Bösen, des Widersachers, die verbal im Englischen deutlicher noch als im Deutschen zutagetritt: der ›climate denier‹ (deutsch: ›Klimaleugner‹) ist primär Verneiner (und nicht einfach ›Leugner‹, wenngleich auch hier die Parallele zum ›Gottesleugner‹ und, wer weiß, ›Holocaust-Leugner‹ stärkste Assoziationen verspricht). Dies vor Augen, liest sich eine Liste der TOP 10 CLIMATE DENIERS im Netz wie die handverlesene Auflistung hochdekorierter Handpuppen der Macht, die, wie gesagt wurde, stets das Böse will und stets das Böse schafft: Lobbyisten einer Ölindustrie, die das Ende der Menschheit willentlich zu Profitsteigerungszwecken in Kauf nimmt – während man andernorts liest, dass auch sie längst in Klimaprojekte investiert. Allein die Auslassung des ›Wandels‹ (›climate change denier‹), der dem offenkundig unsinnigen Ausdruck eine halbwegs fassbare Bedeutung verleihen würde, deutet an: Mit solchen Leuten diskutiert man nicht (so wie Greta den in New York versammelten Repräsentanten des so oder so dem Untergang geweihten Systems grotesk überspitzte Anklagen ins Gesicht schleudert, statt sich der erwünschten Werbe-Sprache zu befleißigen). Man bekämpft sie mit allen erdenklichen Mitteln, die hier und da auch die Grenzen des Rechtsstaats ›austesten‹ dürfen.

Trial and horror

Seit die These vom menschengemachten Klimawandel die Runde macht, hantieren einige ihrer Verbreiter mit biblisch anmutenden Schreckensszenarien. Das visionäre Angebot reicht von einfachen Hitze/Kälte-Effekten über unfassbare Massenkatastrophen bis zum Untergang der Spezies Mensch und der Auslöschung der Biosphäre auf diesem Planeten. Das ist allein deshalb bemerkenswert, weil die Erstellung computergestützter Welt-Klimamodelle und die allgemeine Propaganda für jene These sowohl zeitlich als auch praktisch miteinander Hand in Hand gehen. Ein nüchterner, Schreckschüssen abholder Zeitgenosse könnte auch ohne die korrumpierende Nachhilfe gewisser Kreise auf den Gedanken kommen, dass die schleichend zum Schulstandard avancierte ›Treibhaus-These‹ des nun einmal konstatierten, wenngleich für Laien nicht ohne weiteres durchsichtigen weltweiten Klimawandels das Geld und Prestige zusammentrommeln musste und muss, das die Wissenschaft benötigt, um einerseits die teure Rechnerleistung für das überwölbende Projekt eines globalen Klimamodells bei den Förderern anfordern und andererseits all die Institute und Forschungsprojekte finanzieren zu können, ohne deren Zuarbeit die schönste Modelliertätigkeit rasch an Aussagekraft verliert. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Das wäre auch gar nicht nötig, gesetzt, man bliebe sich der forschungspragmatischen Implikationen dieser nun einmal bestehenden Interessenverbindung stets hinreichend bewusst – auch wenn just an der Stelle die Trommler und Pfeifer des Weltgewissens einen ohrenbetäubenden Lärm veranstalten, der jede ruhige Gedankentätigkeit zum Erliegen nötigen kann.

Fest steht: Ein Klimamodell, dessen von außen fixierte Aufgabe darin besteht, die These der vom menschlichen CO2-Ausstoß ursächlich bewirkten Erderwärmung mit allen möglichen katastrophalen Folgen auf unverrückbare Füße zu stellen, ist ›vom Ansatz her‹ nicht bloß marginal verschieden von einem, das ohne dogmatische Ausgangsorientierung und Prognoseabsicht, bloß mit dem Anspruch auf Erfassung aller bekannten und noch zu erforschenden (und zu gewichtenden) Komponenten das klimarelevante Geschehen auf dem Planeten abzubilden versucht.

Das bliebe richtig auch dann, wenn – gesetzt, die Alternative existierte in dieser Form – beide eine Zeitlang zu vergleichbaren Ergebnissen kämen oder wenn dem ›gesetzten‹ Klimamodell eine Phase freien Bastelns vorausging, wie das in der Frühzeit des Hamburger Max-Planck-Instituts für Meteorologie offenbar der Fall war. Aus naheliegenden Gründen zeigen Modelle, die auf einer gemeinsamen Ausgangshypothese oder dem gleichen Datensatz beruhen, eine Familienähnlichkeit, die man tunlichst nicht mit Wahrheit oder Verlässlichkeit verwechseln sollte. Der Grund für ihr Bestehen könnte ebenso gut auch exakt die eine Hypothese zuviel sein, die irgendwann zur Berichtigung ansteht. Das gilt unabhängig vom Bemühen, ein ›möglichst realistisches‹ Bild der Klimaverläufe zu erstellen – auch wenn der ›wilde‹ Alarmismus dabei, wie in jüngsten Publikationen, deutlich in die Schranken verwiesen wird. Realismus ist ein schlechter Ratgeber, sobald es um theoretische Grundsatzentscheidungen geht, wie die Liste der wissenschaftlichen Revolutionen von Kopernikus über Newton bis zu Einstein und seinen Nachfolgern eindrucksvoll belegt. Auch Forschung beruht, wie alles menschliche Tun, auf vorgängigen Entscheidungen, dem gern so genannten ›Framing‹: Wer einen anderen Ausschnitt als seine Vorgänger und Konkurrenten ins Zentrum seiner Untersuchungen rückt, der findet in der Regel auch etwas anderes, und sei es das berühmte Haar in der Suppe. Ein Mammutprojekt, alternativlos aufgestellt, mit einer Überlast an Verantwortung gegenüber Geldgebern, in deren Augen interesseloses Forschen noch hinter einem Grippe-Impfprogramm für Polarfüchse rangiert, gestartet mit dem Versprechen, den Entscheidern in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft nichts weniger in die Hand zu geben als den ultimativen ›big stick‹, mit dem sich buchstäblich jede unpopuläre Maßnahme begründen und durchziehen lässt, sofern man sie propagandistisch nur richtig anfasst – ein solches Projekt darf sich, einmal in Gang gesetzt, nicht auf das übliche wissenschaftliche Hypothesenspiel von ›trial and error‹ verlassen. Es benötigt die härtere Gangart: Trial and horror.

Die Festlegung

Es hat eine Weile gedauert, ehe die Politik in Europa und einigen anderen Staaten – mit den USA als weiterhin unsicherem Kandidaten – sich ohne Abstriche zu diesem Instrument bekannte. Schneller scheinen die im Umweltsektor tätigen Nichtregierungsorganisationen erkannt zu haben, welch unschätzbares Druckmittel ihnen damit in die Hände gelegt wurde. Die Rolle des einstigen amerikanischen Präsidentschaftskandidaten und späteren Nobelpreisträgers Al Gore bei der symbolischen Aufladung und Popularisierung des gerichtsnotorischen ›hockey sticks‹ ist allgemein bekannt. Ein Meilenstein auf dem Weg zur staatlichen Hegung der Theorie war die Gründung des IPCC, des Intergovernmental Panel on Climate Change, das seine Aufgabe im Netz wie folgt beschreibt:

»The IPCC was created to provide policymakers with regular scientific assessments on climate change, its implications and potential future risks, as well as to put forward adaptation and mitigation options.«

Seit der Annahme dieses Programms stehen Klimaforschung und Politik in einer symbiotischen Beziehung. Soll heißen: Objektive Wissenschaft im Sinne der Klassiker der Wissenschaftstheorie findet in diesem Segment nicht statt. Wer keinen Fuß im IPCC hat, kann kein führender Klimaforscher sein, und wer ihn drin hat, der kann kein unabhängiger Forscher sein: Er führt einen politischen Auftrag aus. Enttäuscht haben einige Wissenschaftler, die sich vom IPCC abwandten, nachdem sie erst dafür gearbeitet hatten, Zeugnis darüber abgelegt, was das im Einzelfall heißt – teilweise in drastischen Worten.

Mehr als alles andere beflügelt diese Tatsache den Argwohn, eine nicht geringe Anzahl öffentlich CO2-gläubiger Gelehrter könnte genau aus diesem Grund auf dem Boden der gemeinsamen Grundüberzeugungen stehen, für deren Verbreitung und Ausdeutung das IPCC geschaffen wurde. Klar ist mittlerweile, dass die EU und ihre führenden Staaten im Einklang mit globalen Finanz- und Wirtschaftskreisen die ›notwendigen Maßnahmen zur Eindämmung des Klimawandels‹ als machtvolles Steuerungsinstrument zur Erzeugung von Hot Spots der Technologie- und Wirtschaftsentwicklung betrachten, ergänzt um die Hoffnung auf eine ganz neue Planbarkeit globaler Prozesse, die sich dem administrativen Zugriff bis dato zu entziehen wussten. Wie überall scheiden sich auch hier die Gemüter (und selbstredend die Geschäftsmodelle) von Realisten und Utopisten. Letztere träumen von einem asketischen Weltregiment, das maximale Verteilungsgerechtigkeit im Rahmen einer ›klimagerechten‹ nachhaltigen Wirtschaftsordnung garantiert. Bis dahin besorgen sie, frei nach Lenin, die Geschäfte der anderen Seite mit, indem sie Druck ausüben.

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