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Berlin, den 19. 3. 2010

 

Lieber Herr Schödlbauer,

das Ungeschriebene hat in Ihrer Analyse, obgleich Sie ihm nichts von seinen Gefährdungen schenken, den Charme des Voraus und des Jenseits gegenüber allen vollführten Schreibleistungen behalten. Das Ungesagte oder auch »Tabu« in seiner fatalen Verquickung mit dem, was allenthalben geredet, geschwafelt, behauptet und versichert, vertröstet, affirmiert, unterstellt oder laut verschwiegen wird – zu einem beträchtlichen Teil auch schriftlich –, führt Sie, also uns auf ein weniger erfreuliches Gelände. Ich für meinen Part sehe zwar lieber von dem ab, was ringsum derart aufdringlich schallt und säuselt, dass sowieso kein Mensch alles wahrnehmen kann, geschweige denn darauf reagieren. Allenfalls suche ich ihm etwas abzugewinnen, was der konstatierten Trendförmigkeit seinerseits widerspricht, oder bemühe mich, noch hinter dem Trend die Defekte des Vorausgegangenen aufzuspüren, worauf der Trend in seinen piratenhaften Anfängen einmal eine Antwort bilden sollte. Die Konzentration auf das bisschen, was unsereiner mit einigermaßen kooperativen Gesprächspartnern noch bewegen kann – ob vorwärts, zeigt sich erst im Lauf dieser Kinetik –, ist mühsam genug. Ich muss aber zugeben, dass man allenfalls vom Quantum dessen, was den öffentlichen Diskurs ausmacht, absehen, seinen viel wichtigeren Wirkungen aber nicht entrinnen kann. Sowie wir den Mund aufmachen, sitzt es auf unserer Zunge. Und hätten wir selbst unsere Rede, bis in den Ausdruck hinein, von diesen massiven sowie subkutanen Einflüssen frei gehalten, wie könnten wir denkbare Hörer dazu bringen, das, was »nicht vermittelt« ist (mit den kuranten Denk- und Ausdrucksmoden nämlich), auch nur aufzufassen? Es sähe demnach so aus, als ob das öffentliche Gerede, das das Schweigen wie das Beschwiegene, die Lücke, die Unterbrechung längst in sich aufgesogen hat – ich würde noch, mit starkem Bedauern, die Überraschung, die Bestürzung, das Entsetzen hinzufügen –, in seiner Ratlosigkeit und Nichtswürdigkeit auf ganzer Linie triumphierte. Als ob die Welt wie in dem Schreckbild zweier emigrierter Frankfurter vor über 60 Jahren »in vollendetem Unheil strahlte«. Wie Sie die Relikte und die weiter betriebenen Mühlen auf einen Haufen werfen, welche »die Moderne« (nur »als zerstörte« lebbar / ?) über uns gebracht hat, von ihrem Egalitarismus bis zu ihrem Soziologismus, Kollektivismus und Utopismus nicht zu vergessen, das ist ebenso eindrucksvoll wie niederschmetternd. Aus also, und dass die Katastrophe im Weiterbetreiben des Gewohnten besteht, sollte uns seit Benjamin, oder seit Czesław Miłoszs »Liedchen vom Ende der Welt«, auch schon geläufig sein.

»Aber ist das eine Antwort?« fragt schon 100 Jahre vor jenen Frankfurtern ein nach Paris verschlagener Düsseldorfer am Schluss einer noch nicht ganz so flächendeckenden Philippika. Sollte das alles gewesen sein? Hätte das famoseste Talent des Primaten Mensch, seine »Gabe« zu sprechen und überdies, dabei, darunter noch ein wenig ungesagt zu lassen, zu nichts anderem geführt, als dass er sich in seinem globalen, von sogenannten Intellektuellen angeführten Kollektiv um Kopf und Kragen redet? Sie tun so, als könnten Sie den anderen Hinter-Grund des Ungeschriebenen, das Ungedachte, beiseite lassen. Sie begnügen sich damit, dass es gerade noch als letzte Perspektive, in einer poetisch klingenden Zuspitzung zum »Unvordenklichen«, so verlockend wie ungerührt strahlt oder schimmert. Wenn andere sich »klügere Gedanken« wünschen, welche das bisher schief Gelaufene noch irgendwie richten könnten, eine Sportart, an der ich mich lieber beteilige als an vielen anderen, dann behandeln Sie das als deren Sorge, vielleicht eine falsche Spule ihres Denkens (und es mag ja sein, dass die meisten Produkte dieser Sucht nicht gerade kreditwürdig aussehen). Eine Diskrepanz aber bleibt in dieser Ihrer ersten Antwort unverkennbar. Selbst wenn Sie sich (so klingt es wenigstens am Schluss) auf das Gerede mit seinen tauben Stellen und seiner konstitutiven Taubheit nur eingelassen haben, um sich wieder in Ihre faszinierende Werkstatt des Schreibens zurückzuziehen – solange Sie sich einlassen, tun Sie es rhetorisch, mit Argumenten, gestützt auf die Kraft der Rede sowie deren Rückhalt im unentbehrlichen, wie sehr auch immer verbrauchten ungesagt Vorausliegenden. Wie könnten Sie das, wenn Sie da nicht einiges unausgedacht fänden, was gedacht zu werden verdient? Und würden Sie es tun, wenn alles Hin- und Hergeredete, ausnahmslos, so rettungslos verfehlt wäre, wie der Duktus Ihrer Polemik es erscheinen lässt? Dort wo Sie auf das »Hässliche« und »Gehässige« zu sprechen kommen, das in dieser unserer Gesellschaft nicht zu Wort kommt, aber doch irgendwie darauf lauert, wo Sie das in diesem Modus zu Sagende »es« nennen, das man »so« nicht sagen könne, wo Sie, wie nur an dieser einen Stelle, emphatisch werden und die drängende Frage anschließen, »wie« man es denn (sonst?) sagen könnte, da finden Sie im Bezirk des unendlichen Redens eben doch noch etwas, was anders als bisher gedacht und deshalb auch gesagt werden sollte. Die Austragung, die der »Journalismus« dafür bietet, westliche Aufklärung gegen den Rest der Welt, lenkt da eher wieder ab. Selbst wenn man aus dem Hass und dem Schlendrian der an die Peripherie verbannten Weltteile eine scharfe Frage an das westliche Subjekt (und sein System) heraushört, an der Antwort müssten notwendig beide (d. h. faktisch viele) Seiten zusammen arbeiten. Und da stehen die entscheidenden Einsichten, ebenso wie die Organisationsformen dieser Gedankenkooperation, gerade noch aus.

Es ist ein Genuss, Ihrem weiträumigen Gedankenspiel mit dem Ungeschriebenen und jetzt dem Ungesagten zu folgen. Sein Ertrag aber, ich kann mir nicht helfen, er führt mich auf jedem Wege weiter auf das, was in unserer Situation wie im Haushalt unserer Gedankenvermögen darauf wartet, gedacht zu werden.

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