von Photo: Ketari (http://ketari.nirudia.com) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons

Die Nach-Klassengesellschaft wird von unhistorisch
denkenden Soziologen zwar herbeigeredet, ist aber bisher
nicht empirisch nachgewiesen worden
(Hans-Ulrich Wehler)

In seinem 1991 erschienen Buch Der Niedergang der bürgerlichen Denk- und Lebensform (im Folgenden ›Niedergang‹ oder Niedergangsbuch) analysiert Panajotis Kondylis zutreffend den Untergang des klassischen bürgerlichen Denkens und seine Abdankung zugunsten einer postmodernen Beliebigkeit, die sich vom (bürgerlichen) Objektivitäts- und Wahrheitsbegriff verabschiedet hat. Wie Kondylis haben auch wir uns nicht von einer objektiven Erkenntnis zugunsten bloßer Perspektiven verabschiedet und setzen im Folgenden voraus, dass Erkenntnis objektiv ist (ansonsten, wenn alles bloße Perspektive wäre, gäbe es nichts zu streiten!)

Er untersucht den historisch bemerkenswerten Vorgang, dass ein gesellschaftliches Kollektiv (das Bürgertum) den Niedergang seiner Weltanschauung erleben muss, mit deren Hilfe es (erfolgreich) um die Macht gekämpft hatte. Ob für Kondylis dieser Vorgang gleichbedeutend ist mit der sozialen und politischen Abdankung des Bürgertums als herrschender Klasse (und nur in diesem Sinne reden wir im Folgenden von Bürgertum, meinen also etwa den Staatsbürger oder gar Bürgerlichkeit – ein Begriff, der bei der Untersuchung des Bürgertums als Klasse nur insofern hilfreich ist, als die Diffusion von Bürgerlichkeit in nicht-bürgerliche Schichten lediglich zeigt, wie gut es um die bürgerliche Vorherrschaft gestellt ist – da es sonst nichts gäbe, was diffundieren könnte), bleibt bei ihm unentschieden. Die meisten seiner Aussagen legen es nahe – andere das Gegenteil. Verständlich ist dies insoweit, als seine Hauptfragestellung darin liegt, die postmoderne von der modernen Denkfigur klar abzugrenzen und ihren Siegeszug insbesondere im Bereich der Kultur aufzuzeigen (und das sehr gewinnbringend für den informierten Leser). Ob nun das Bürgertum unter postmoderner Flagge weitermarschiert oder aber anderen Klassen oder Schichten Platz gemacht hat, überschreitet den geistesgeschichtlichen Rahmen seiner Studie – die eben nicht auch noch eine Soziologie der postmodernen Massendemokratie liefert: aber eben doch einige Stichworte dazu.

Zu diesen Stichworten bezüglich der sozialen Zusammensetzung der Massendemokratie zwingt geradezu seine Eingangsfeststellung: Ideologieträger der synthetisch-harmonischen Denkfigur ist das Bürgertum, wie es spätestens ab 1789 überall vermehrt nach der politischen und sozialen Macht griff und die kapitalistische Gesellschaft schuf (in der wir bis heute leben). Bezieht Kondylis sich auf den sozialen Träger der einen Denkweise, dann ist es naheliegend, wenigstens Hinweise zu dem oder den sozialen Trägern der anderen, postmodernen, analytisch-kombinatorischen Denkweise zu liefern. Und genau das tut Kondylis auch, ohne aber zu einem wirklich überzeugenden bzw. präzisen und belastbaren Ergebnis zu gelangen (die Erweiterung der Fragestellung hätte ein weiteres Buch erfordert, etwa ›Eine neue Form der kapitalistischen Gesellschaft. Zur Soziologie der Massendemokratie‹).

Das mag daran liegen, dass er die Untersuchungen der Klassenstruktur des (massendemokratischen) Kapitalismus nach 1945 zur Kenntnis genommen hat – die fast durchweg unter dem Vorzeichen des ›vergessenen Bürgertums‹ stehen (so R. Rilling zu Recht in einem Vortrag 1982). Andererseits war Kondylis aber zu sehr an Marx geschult, um sich nicht zu fragen, wie eine immer noch kapitalistische Massendemokratie (so auch der von Kondylis beeinflusste Forscher Stefan Breuer in einem Interview zu Kondylis) mit Privatbesitz an Produktionsmitteln (ein wesentliches Kennzeichen der bürgerlichen Gesellschaft, das gleichzeitig unpräzises Gerede über ›die Massendemokratie‹ unterbindet weil diese eben immer noch eine kapitalistische Gesellschaft ist) ohne Bürgertum denn denkbar wäre.

Von A. Meusel stammt der Satz, dass »eine der wirksamsten Verteidigungswaffen des Bürgertums in der Mimikry besteht, d.h. in der Behauptung, dass das Bürgertum eigentlich nicht da sei.« (Meusel 1931,90f) Eine Klasse, die ihren Herrschaftsanspruch aufgrund (zeitweise) starker Gegner in einer Weise tarnt, die dem naiven Beobachter nahelegt, es gäbe sie eigentlich nicht mehr als machtbeanspruchendes Kollektiv – das war für Kondylis zwar sicher denkbar, aber er hat es als Möglichkeit für das Bürgertum in der Massendemokratie vielleicht nicht in Betracht bezogen.

Logischerweise legt er auch das bereits erfolgte oder doch baldige Ende des bürgerlichen Zeitalters nahe – weil er annimmt, das klassische bürgerliche Denken sei die einzige Weltanschauung, mit dem diese Klasse ihre Herrschaftsinteressen begründen könne. Wir werden zeigen, dass bürgerliche Herrschaft auch mit postmodernem Denken insofern ausreichend gesichert ist, als dieses Denken jede Infragestellung bürgerlicher Herrschaft (und überhaupt jeder Herrschaft) unmöglich macht.

Um den Niedergang des Bürgertums als herrschender Klasse zu belegen, wäre von Seiten Kondylis mehr zu tun gewesen, als Ideologieanalyse betreiben: er hätte den Untergang der bürgerlichen Klasse als sozial nennenswerte und politisch einflussreiche Größe nachweisen müssen. Sicher ist das nicht die Hauptfragestellung seines Buches – aber Kondylis war sich dieser Frage durchaus bewusst und hat sie andeutungsweise zu beantworten versucht.

Wie schon erwähnt, war diese Andeutung von Antworten bezüglich des sozialen Subjekts, dessen Untergang als herrschende Klasse er postulierte, auch seiner Prägung durch Karl Marx zu verdanken. Hier hatte er gelernt, dass soziologische Fakten eine wichtige Rolle bei der Lageanalyse spielen. Denn ein ›Was wird gedacht?‹ reicht nicht, es muss beantwortet werden, wer gegen wen denkt – denn Denken ist Ausdruck einer aktuellen Konfliktlage. Die Antwort auf die Frage ›Wer denkt gegen wen?‹ bleibt aber im Niedergangsbuch auffällig unkonkret.

Zuerst einmal wollen wir den ›Niedergang‹ befragen, was es zum Charakter der Massendemokratie im Hinblick auf die Lage des Bürgertums darin zu sagen hat. Der soziologische Befund findet sich aus Kondylis’ Sicht dabei auch des Öfteren in Nebensätzen und nicht nur in zusammenhängenden Ausführungen.

Kondylis’ Schwanken in Sachen ›Untergang des Bürgertums‹

Wie sieht nun Kondylis die Situation des Bürgertums in der Massendemokratie? Gibt es dort überhaupt noch ein Bürgertum?

Kondylis konstatiert und analysiert die Massendemokratie. Aber fragt man danach, ob hier etwas Neues vorliege, also kein Kapitalismus mehr, so sagt er sehr wohl, es handle sich um Kapitalismus, der in einer »neuen Phase« (Niedergang, 184) sei, seit sich die Massengesellschaft und -demokratie immer mehr durchsetze. Ganz selbstverständlich spricht er von »Bürgertum« (Niedergang, 184), auch wenn dieses in der neuen Phase des Kapitalismus seinen bisherigen Typus von ›Bürgerlichkeit‹ (ein Begriff, der gerne auch anderswo bemüht wird – etwa von Conze –, um die Frage nach der Weiterexistenz des Bürgertums weder stellen, geschweige denn beantworten zu müssen) verliert. Und der Kapitalismus wäre auch gar nicht denkbar ohne eine (einflussreiche) bürgerliche Klasse – auch nicht in einer »neuen Phase« (Niedergang, 184), denn sonst wäre er etwas anderes, und wir hätten die erste gewaltfreie und nahezu unsichtbare soziale Revolution der Geschichte erlebt.

Soziologisch klar ist auch seine Aussage »›Das‹ Bürgertum war ja selbst eine höchst heterogene Schicht, deren Grenzen nach oben und nach unten immer schwer definierbar blieben« (Niedergang, 134). Das entspricht ganz und gar jahrzehntelangen Aussagen und Ergebnissen bürgerlicher Forschung und marxistischer Analyse, die beide sahen, dass Groß- und Kleinbürgertum längst nicht immer dieselben Interessen hatten; dass das Bürgertum auch neue Schichten in seine Reihen aufnimmt; dass profitmaximierende Wirtschaftsbürger und humanistische Bildungsbürger oft Welten trennten. Und so gilt auch für Kondylis, dass der »Terminus ›Bürgertum‹ bei aller inneren Vielfalt, ja Widersprüchlichkeit seines soziologischen Gehalts« (Niedergang, 135) unentbehrlich sei. Außerdem ist die »Stellung im Produktions- und Distributionssystem« (Niedergang, 37) wichtig, wie er im Hinblick auf die ›Kleinbürger‹ (und an dieser Stelle sogar einer rein ökonomischen Definition von Bürgertum zuneigt) sagt:

»Die hier getroffene Unterscheidung zwischen faktischem und idealem Handeln … hängt … mit der soziologisch gleichermaßen notwendigen Unterscheidung zwischen Bürgertum und Bürgerlichkeit zusammen, welche besagt, daß nicht alle Menschen, die von ihrer materiellen Lage und ihrem Beruf her als Bürger zu bezeichnen waren, dem bürgerlichen Lebensstil folgten und sich der bürgerlichen Symbolsysteme bedienten. Umgekehrt konnte es sich freilich auch verhalten: dank der Wirkung der sogenannten ›Kultursenkung‹ bemühten sich solche Schichten um die Übernahme der genannten Symbolsysteme und Lebensformen, die auf Grund ihrer Stellung im Produktions- und Distributionssystem keine Bürger, höchstens ›Kleinbürger‹ waren.« (Niedergang, 37)

Zu Bürgertum gehören folglich bestimmte soziale Merkmale: vor allem Verfügungsmacht über Produktionsmittel, Einkommen aus selbständiger Arbeit, Zugang zu exklusiven Bildungsgütern. Logisch schlüssig kann er deshalb auch davon sprechen, dass zumindest der Typus Unternehmer das Bürgertum verkörpert: »Wir sind in die Phase eingetreten, in der das Bürgertum bzw. die Unternehmerklasse, wie alle anderen Schichten und Gruppen auch, auf die Maßnahmen … des Staates angewiesen ist …« (Niedergang, 188) (Hier muss man sich allerdings fragen: wann ist das jemals nicht der Fall gewesen? Die Beschreibung passt jedenfalls auch auf die Lage des Bürgertums im absolutistischen Staat. Diese Fehldeutung zeigt sich bereits im Konservativismus-Buch [46ff]) Und zudem macht er darauf aufmerksam, dass Bürgerlichkeit schon von Anfang nicht notgedrungen mit der sozialen Zugehörigkeit zum Bürgertum korrespondierte:

»Die bürgerliche ökonomische, politische, ethische und kulturelle Praxis wurde nicht immer direkt und bewußt aus der bürgerlichen Weltanschauung abgeleitet, wie sie im Vorigen geschildert wurde; die handelnden bürgerlichen Subjekte mußten sich also nicht über bestimmte Deutungen der Natur, des Menschen oder der Geschichte im Klaren sein, um in einer Art und Weise tätig sein zu können, die als bürgerlich bezeichnet werden darf.« (Niedergang, 37)

Und das gilt natürlich auch für die bürgerliche Gesellschaft in der Phase der kapitalistischen Massendemokratie.

Weiten wir unser Untersuchung aus auf Äußerungen vor und nach dem Erscheinen von ›Niedergang‹, so gibt es auch hier Ausführungen von Kondylis, die die Weiterexistenz des Bürgertums nahelegen. So spricht er 1998 in einen Interview davon, dass die Hierarchisierung durch Reichtum auch in der Massendemokratie weiter existiere – was schwer vorstellbar ist ohne die Weiterexistenz einer bürgerlichen Klasse, ohne die wir die Wirtschaftsform des Kapitalismus eben nicht kennen. Und er spricht von einem »vorläufig kapitalistischen Liberalismus« (Interview 1, Seite 21) – und selbst wenn wir ihm zugestehen, dass er das Schillernde des Liberalismus-Begriffs gut heraus gearbeitet hat, so ist allen diesen Liberalismen doch das Bekenntnis zur kapitalistischen Markt- und Profitwirtschaft gemeinsam.

In Das Politische und der Mensch zeigen seine eigenen Untersuchungen, dass die ökonomistischen Theorien in der Soziologie so viele Anleihen beim Altliberalismus des aufsteigenden und siegreichen Bürgertums machen (Das Politische, 31f, 69ff, 75f, 139ff, Kapitel II,2.C.a), dass es schwierig wird, Neoliberale noch eindeutig von ihren altliberalen Vordenkern zu trennen. Im Konservativismus Buch nennt er sie in einem Atemzug »Neo- bzw. Altliberale« (Konservativismus, 50 – zu unterscheiden natürlich schon!) – schon weil der Wegfall der ›ausgleichenden‹ Elemente des homo oeconomicus – begründet im synthetisch-harmonischen Streben der klassischen bürgerlichen Weltanschauung – auch leicht so zu deuten wäre, dass nun keine Rücksicht mehr auf weltanschauliche Gegner sozialistischer oder adeliger Herkunft genommen werden müsse. Man kann die Dinge klarer beim Namen nennen: innerhalb der postmodernen Beliebigkeit ist der Nutzenmaximierer nur noch schwer moralisch zu verdammen. Andererseits heißt das aber auch, dass der neoliberale »Versuch einer Rückkehr zum klassischen, sich gegen demokratische und ›jacobinische‹ Tendenzen abgrenzenden Liberalismus« (Das Politische, 142) nur scheitern kann, da eben ein ›Ausgleich‹ nun auch nicht mehr nötig ist bzw. nur zu haben wäre unter Zurückweisung der ansonsten sehr nützlichen postmodernen Sicht.

Fassen wir noch einmal stichwortartig zusammen, welche Kriterien von Kondylis die Weiterexistenz des Bürgertums nahelegen:

  • Massendemokratie ist Kapitalismus in einer »neuen Phase«. (Niedergang, 184)
  • »Bürgertum« ist soziologisch und sozialhistorisch klar definierbar. (Niedergang, 135)
  • Die »Stellung im Produktions- und Distributionssystem« (Niedergang, 37) ist das entscheidende Merkmal für Zugehörigkeit zum Bürgertum der Typus des Unternehmers verkörpert weiterhin das Bürgertum bzw. gehört zum Bürgertum. (Niedergang, 188)
  • Eine bestimmte Form der Bürgerlichkeit war in keiner Epoche der bürgerlichen Gesellschaft notwendiges Kennzeichen von Menschen, die sozial eindeutig zum Bürgertum zählen. (Niedergang, 37)
  • Eine weiter andauernde Hierarchisierung mittels Reichtum diagnostiziert er auch innerhalb der Massendemokratie. (Interview 1, 12)
  • Der moderne Neo-Liberalismus bzw. soziologische Ökonomismus teilt so viele Prämissen und Argumente mit der wirtschaftlichen Ideologie bürgerlicher Altliberaler, dass eine strikte Trennung nur schwer begründbar ist. (Konservativismus, 50)

Diese Auffassung von der Notwendigkeit klarer Kriterien beim Betreiben von Ideengeschichte bekräftigt Kondylis in einem Interview aus dem Jahre 1998 mit der Zeitschrift Diavazo (deutsch, in Etappe 22. Mai 2015), wenn er feststellt, dass ihm Ideengeschichte unverständlich erscheint, »wenn sie keine historisch und soziologisch klare Auffassung ihrer bestimmten und subjektiven Träger innerhalb bestimmter objektiver Zustände hat« und für »die historisch und soziologisch fundierte Ideengeschichte« (Interview 2) plädiert.

Die uns bisher bekannten Kriterien für ›Bürgertum‹ legen nahe, dass Kondylis keineswegs einen Untergang des Bürgertums in der kapitalistischen Massendemokratie sieht. Aber es gibt auch andere Diagnosen, die er angibt, die das Gegenteil nahelegen. Und vor allem gibt es explizite Aussagen von Kondylis, in denen er vom Untergang des Bürgertums als sozialer Klasse spricht. Das, was er in Bezug auf den Adel ›sozialen Tod‹ nennt, sei also auch dem Bürgertum gar nicht lange nach seinem historischen Sieg widerfahren.

Wenn wir uns nun im Folgenden diese weiteren Kriterien ansehen, verbinden wir dies bereits mit einer Kritik an der Schlüssigkeit und Belastbarkeit dieser Merkmale.

In der Massendemokratie sieht Kondylis etwa eine »Abschwächung der sozialen Stellung des Bürgertums« (Niedergang, 183) – besser wäre wohl ›Veränderung‹: da nicht einzusehen ist, wie die Veränderung der Art und Weise bürgerlichen Eigentums zugunsten anderen bürgerlichen Eigentums die Stellung des Bürgertums als Klasse ›schwächen‹ kann – was an dem Aufkommen von Konzernen, Trusts oder Banken liege und der bleibenden Präsenz von ›Spezialisten, Technikern und Verwaltern‹ darin. Was an diesen Berufsgruppen nichtbürgerlich sei, wird nicht näher spezifiziert – vermutlich fehlt es ihnen aus seiner Sicht an (Bildungs)›Bürgerlichkeit‹; aber diese kommt dem Bürgertum als Klasse so oder so im 20. Jahrhundert zunehmend abhanden; und sie war Teilen dieser Klasse auch nach Kondylis Einschätzung sowieso nicht zueigen.

Auch wenn Unternehmen vielleicht heute weniger die Form von Familienunternehmen annehmen (Niedergang, 183), ändert das nichts am Besitzstand des Unternehmer- bzw. Wirtschaftsbürgers. Er verdient sein Einkommen aus selbständiger Arbeit oder indem er über fremde Arbeitskraft verfügt oder eben indem er sein Geld für sich ›arbeiten‹ lässt – was aber letztlich auch auf die Verfügung über fremde Arbeitskraft hinausläuft – oder indem er besondere (Bildungs)Qualifikationen zu Geld macht. Wir sehen: die »Stellung im Produktions- und Distributionssystem« (Niedergang, 37) ist das entscheidende – und diese verändert sich zwar, bleibt aber eine hohe und eine bürgerliche. Kondylis spricht selbst vom »vorläufig kapitalistischen Liberalismus« (Interview 1, 21)

Kondylis identifiziert das Bürgertum in der Massendemokratie (weitgehend?) mit der Unternehmerklasse (Niedergang, 188), sieht aber wenige Seiten zuvor noch einen Gegensatz von Bürger und Unternehmer, wenn er eine Wandlung von jenem zu diesem behauptet (Niedergang, 184); dabei konstruiert er außerdem einen weiteren Gegensatz zwischen Wirtschaftsbürger einerseits und Ingenieur, Manager und Unternehmer andererseits (...» – ebenso wie der Wirtschaftsbürger, der sich seinerseits immer mehr an den Typ des Ingenieurs oder des Managers anlehnt, kurzum vom Bürger zum Unternehmer wird« [Niedergang, 184]), so als kämen nicht auch diese Berufsgruppen entweder aus bürgerlichen Schichten oder würden nicht kraft ihres Berufs in diese aufsteigen. Wenn er vom »Wirtschaftsbürger« (ebd.) spricht (»Der Wirtschaftsbürger des 20.Jh.s hat immer weniger Zeit und Muße, um sich zum Träger der Bürgerlichkeit in allen ihren Aspekten zu machen …«) und ihn abgrenzt vom Bildungsbürger (wie auch in der Soziologie und Sozialgeschichtsschreibung üblich), liefert er eine soziologische Definition des Bürgertums, in Form einer Bestimmung über die Art und Weise, wie Einkommen erworben wird (etwa auch über Bildungsgüter, über die andere soziale Gruppen nicht verfügen). Wie wir schon weiter oben gesehen haben, neigt er stark dazu, dem ›Kleinbürger‹ die Zugehörigkeit zum Bürgertum abzusprechen – eben aufgrund dessen »Stellung im Produktions- und Distributionssystem« (Niedergang, 37). Allerdings müsste man dann auch Teilen des Bildungsbürgertums aufgrund dieser ökonomischen Stellung die Zugehörigkeit zum Bürgertum absprechen – was man aber eben aus guten Gründen nicht tut. Die Definition von Bürgertum als sozialer Klasse ist keine einfache Angelegenheit – aber die Unsicherheiten dabei dürfen nicht vergessen lassen, dass wir schon wissen, wer auf jeden Fall dazu gehört.

Wie auch immer: Kondylis sieht also für die Gegenwart einen Wechsel »vom Bürger zum Unternehmer« (Niedergang, 184), aber es wird nicht klar, worin soziologisch der Unterschied liegt. Unter Bildungs- und Lebensstilgesichtspunkten kann er zu Recht anmerken, dieser Wirtschaftsbürger sei nicht mehr im selben Maße wie noch im 19. Jahrhundert Träger der klassischen Bürgerlichkeit und von bürgerlicher Bildung. Sozial bleibt aber von Bedeutung: auch Unternehmer jeder Größenordnung repräsentieren das Bürgertum als soziale Klasse. Sie können auch keiner anderen Klasse angehören. ›Reiche‹ sind keine Klasse, sondern spätestens im 20. Jahrhundert zumindest in Westeuropa eine Schicht des Bürgertums – was auch für Adelige gilt, die ihre soziale Position nun nicht mehr ihrem ›blauen Blut‹ verdanken, sondern ihrem wirtschaftlichen Geschick als Schloss-, Wald- oder Landbesitzer – oder natürlich anderen ökonomischen Betätigungen

Gegen diese eigentlich klare Diagnose stehen Aussagen wie „die massiven [sozialen] Subjekte … (z.B. das Bürgertum oder das Proletariat) haben sich nun aufgelöst, und an ihrer Stellen melden sich nun kleinere Gruppen oder Einzelne“ (Niedergang, 222); „der Bürger ist längst tot“ (Niedergang, 208). Also doch wieder das Ende des Bürgertums als sozialer Klasse? Ja, denn auch an anderer Stelle spricht er vom „Sieg … der Massengesellschaft über den Bürger“ (Niedergang, 66). Hier ist nun das Bürgertum (oder doch nur die Bürgerlichkeit in Sachen Kunstgenuß?) besiegt und nicht mal mehr als bürgerliche Unternehmerklasse weiterhin präsent. Anderswo spricht er von einem „Bürgertum, das inzwischen kein Bürgertum im vollen historischen und soziologischen Sinne des Wortes mehr ist, sondern im großen ganzen ebensoviel wie die Unternehmerklasse bedeutet“ (Niedergang,187f) Es nehme Einfluss auf einen Staat, der kein bürgerlicher mehr sei, weil dessen Mittel und Möglichkeiten nun nicht mehr durchgängig und ausschließlich für bürgerliche Zwecke eingesetzt werde (Niedergang,187f). Allerdings wäre dann zu fragen, ob diese Ausschließlichkeit bürgerlicher Herrschaft jemals der Fall war - und Kondylis selbst verneint dies interessanterweise auch selbst:

»Solange der bürgerliche Liberalismus seine oligarchischen Züge mehr oder weniger intakt bewahrte, konnte oder wenigstens wollte er den Staat für die eigenen Zwecke einsetzen, obwohl man andererseits unterstreichen muß, daß ihm dies nie auf der ganzen Linie gelungen ist, da er die politische Herrschaft bald mit dem Adel, bald mit einem starken Bauerntum, bald mit militärischen Bürokratien hat teilen müssen« (Niedergang, 187)

Und liegt ein bürgerlicher Staat nicht auch dann vor, wenn er weiterhin auch und umfangreich für die Zwecke und den Vorteil der bürgerlichen Klasse eingesetzt wird (sowie es historisch nach seiner eigenen Beschreibung der Fall war).

Kondylis besteht darauf, man dürfe nicht der Täuschung zum Opfer fallen, dass Angehörige des untergegangenen Bürgertums auch danach noch »ihren höheren sozialen und wirtschaftlichen Status behaupten« (Niedergang, 184) – dies hätten sie nicht getan »als Träger der Bürgerlichkeit und der bürgerlichen Lebenshaltung und Wertskala« (Niedergang, 184), sondern weil ihre Fähigkeiten ihnen ermöglichten, auch in der Massendemokratie »Rollen und Funktionen« (184) zu übernehmen. Damit zeigt er auch an dieser Stelle, dass er altliberale ›Bürgerlichkeit‹ im Sinne von Werten, Lebenshaltungen und Bildung für ein sehr wesentliches Kennzeichen des Bürgertums hält. Ein Wandel dieser Bürgerlichkeit scheint für ihn nicht denkbar.

Aber ist das alles schlüssig? Bürger im soziologischen Sinne bleiben Angehörige ihrer Klasse, auch wenn sie sich von bürgerlicher Bildung oder »Selbstüberwindungsethik« (Niedergang, 221) verabschieden. Und sie bleiben Besitzende – wenn sie es denn sind. In gewisser Weise wird das Bürgertum als Unternehmerklasse sogar schärfer akzentuiert, wenn ihm das Bildungsbürgertum als Zweig seiner Klasse immer mehr abhandengekommen wäre; und genau das scheint aus der Sicht von Kondylis in der Massendemokratie der Fall zu sein. Der postmoderne Bildungstyp ist ein anderer – eben weil er das klassisch-bürgerliche Denken hinter sich gelassen hat.

Das Bürgertum existiert also weiter, auch wenn es seinen bildungsbürgerlichen Zweig mehr oder minder vollständig verloren haben sollte oder endgültig verlieren wird. Aber die soziale und politische Macht der Unternehmer- bzw. vormals Besitzbürger war auch während der Phasen, in denen der bildungsbürgerliche Zweig noch eine weit größere Rolle spielte, sowieso die weitaus entscheidendere im Spiel der politischen Kräfte.

Fassen wir den zweiten Teil seiner Kriterien zusammen (dieses Mal ohne inhaltliche Kritik), sehen wir:

  • Der Wirtschaftsbürger wird zum Unternehmer und hört dadurch auf, Bürger zu sein.
  • Die Unternehmerklasse tritt an die Stelle der bürgerlichen Klasse.
  • Neue gehobene Berufsgruppen (Ingenieure, Manager, Techniker u.a. ) ordnet Kondylis als nicht-bürgerlich ein.
  • Der Staat ist kein bürgerlicher mehr, weil er nicht mehr ausschließlich zum Vorteil der bürgerlichen Klasse handelt.
  • Bürgerlichkeit ist ein unentbehrliches Merkmal der bürgerlichen Klasse »im vollen historischen und soziologischen Sinne des Wortes«. (Niedergang, 187)
  • Angehörige und Nachkommen ehemaliger Mitglieder der bürgerlichen Klasse sind nicht mehr dem Bürgertum zugehörig, weil ihnen das Merkmal der ›Bürgerlichkeit‹ fehlt.
  • Der »Sieg … der Massengesellschaft über den Bürger« (Niedergang, 66) ist Fakt.

Wir sehen also: von einem Schwanken seitens Kondylis in der Frage ›Untergang des Bürgertums – ja oder nein‹ zu reden, ist nicht kleinlich oder überzogen, sondern der Textbefund selbst gibt das her. Explizit redet er von einem besiegten Bürgertum, das nun keines mehr sei – und das wird von aufmerksamen Lesern auch so verstanden (»…die Massendemokratie ist als Resultat des Kampfes der Systeme ein neues Drittes, eine neue Gesellschaftsformation, mit Kapitalismus, aber ohne Bourgeoisie und ohne Proletariat – in Kondylis’ ironischer Sicht so etwas wie die Karikatur des kommunistischen Ideals der klassenlosen Gesellschaft« [Furth]) – und das obwohl er selbst ausreichend Kriterien liefert, nach denen genau das nicht der Fall sein kann. Ziehen wir ein vorläufiges Fazit: Kondylis redet einerseits so, als sei das Bürgertum noch da – und legt andererseits nahe, es sei bereits verschwunden oder nahe daran. Sein Reden ist hier nicht klar (was bei ihm äußerst selten ist), es bleibt unentschieden und schwankend. Der zweite Teil seiner Kriterien könnte ohne großen Aufwand auch im Sinne einer Weiterexistenz des Bürgertums gedeutet werden.

Sehen wir nun für ein vollständigeres Bild der Sache, wie es aus seiner Sicht um die Bürgerlichkeit im Sinne der synthetisch-harmonischen Denkfigur und des dazu gehörigen Lebensstils steht; denn diese Bürgerlichkeit ist aus seiner Sicht ein wesentliches Kriterium für das Bürgertum »im vollen historischen und soziologischen Sinne des Wortes« (Niedergang, 187).

Bürgerlichkeit statt Bürgertum?

Ist klassisch-liberale ›Bürgerlichkeit‹ ein unverzichtbares Merkmal der bürgerlichen Klasse? Kondylis selbst sieht die altliberal-klassische Bürgerlichkeit als unentbehrliches Kennzeichen des Bürgertums. Wir schreibt:

»Die historische und soziologische Analyse darf nicht der optischen Täuschung zum Opfer fallen, die aus der Verwechslung des Schicksals von physischen Personen mit dem Schicksal von geschichtlich-sozialen Typen und Kategorien entsteht. Zweifelsohne haben viele bürgerliche Familien über Generationen hinweg ihren höheren sozialen und wirtschaftlichen Status behaupten können, das haben sie aber in der Regel nicht als Träger der Bürgerlichkeit und der bürgerlichen Lebenshaltung und Wertskala getan, sondern ganz im Gegenteil nur insofern, als sie die Rollen und Funktionen haben übernehmen und bewältigen können, die in der neuen Lage den Ausschlag gaben; die Tatsache, daß sie bereits der oberen Sicht angehörten, gab ihnen allerdings gute Anfangschancen …« (Niedergang, 184)

An anderen Stellen ist (altliberale) Bürgerlichkeit für Kondylis kein Kriterium für Bürgertum, da sie zu einer bestimmten historischen Phase der Entwicklung dieses Bürgertums gehöre und schon in dieser Phase kein unverzichtbares Merkmal dieser Klasse sei. Bürgerlichkeit wurde etwa schon da gefährdet, wo das siegreiche Bürgertum adelige Lebensformen übernahm (Niedergang, 45). Wenn das Bürgertum auf die Vergnügungen der Massen oder der einfachen Menschen schielte und dort Anregungen für die eigene Freizeitgestaltung jenseits von Lektüre und Kunstgenuss fand (Niedergang, 66), mag dies zwar zu Abstrichen bei der Bürgerlichkeit führen, nicht aber bezüglich der »Stellung [des Bürgertums] im Produktions- und Distributionssystem« (Niedergang, 37). Dieses Kriterium der ›Stellung im Produktions- und Distributionssystem‹ siegt auch in der Logik von Kondylis über alle Wandlungen der Bürgerlichkeit.

Der Kleinbürger kann aufgrund seiner ökonomischen Stellung nicht das volle Maß der Bürgerlichkeit in finanziell besser gestellten bürgerlichen Schichten realisieren – der Wirtschaftsbürger oder Unternehmer aufgrund von Zeitmangel bzw. Überbeanspruchung durch den Arbeitsprozess: »Der Wirtschaftsbürger des 20.Jh.s hat immer weniger Zeit und Muße, um sich zum Träger der Bürgerlichkeit in allen ihren Aspekten zu machen, er begrenzt seine Interessen, um der komplexen Lage Herr zu bleiben …« (Niedergang,184). Schon zu Zeiten des Aufstiegs und ungeteilten Sieges des Bürgertums wurde ›Bürgerlichkeit‹ längst nicht von allen Angehörigen des Bürgertums gelebt (Niedergang, 37) – und daran hat sich bis heute nichts geändert. Auch die zunehmende Bürokratisierung des Wirtschaftsleben lässt bestimmt Eigenschaften der Bürgerlichkeit zurück-, andere dagegen hervortreten (Niedergang, 184).

Angehörige der unteren Schichten, die Bildungschancen nutzen, können sehr wohl Träger von Bürgerlichkeit sein – gehören aber sozial eindeutig nicht zum Bürgertum, sehen es teilweise noch nicht einmal als Lebensstil-Vorbildan – schon wegen begrenzter materieller Mittel. Marxistische Intellektuelle, die des Öfteren aus dem Bürgertum kamen, kann man zwar als ›bürgerlich‹ bezeichnen – in einigen Fällen sogar weiterhin als Angehörige des Bürgertums – aber ihr Beispiel zeigt, dass Bürgerlichkeit gar nichts mit Zugehörigkeit zum Bürgertum zu tun haben muss, was wiederum heißt, dass uns Bürgerlichkeit kein sicheres Kriterium für die Frage nach der Weiterexistenz des Bürgertums in der Massendemokratie liefert. Entscheidend ist – um es noch einmal zu wiederholen – das von Kondylis ebenfalls postulierte Kriterium der ›Stellung im Produktions- und Distributionssystem‹.

Exkurs: Ohne Schwanken – der Untergang des Adels und seiner Ideologie

Vergleichen wir dieses Schwanken in Sachen ›Bürgertum als untergegangene Klasse‹ kurz mit der Klarheit in Sachen ›Adel als untergegangene Klasse‹: In seinem Buch über Konservativismus (und auch an anderer Stelle immer wieder) besteht Kondylis darauf, dass eine bestimmte Klasse sozial und ideologisch klar erfassbar sein muss. Er leistet dies in vorbildlicher Weise für den Konservativismus als Weltanschauung des Adels als sozialer Klasse (was ihm sogar von marxistischer Seite Beifall eingebracht hat). Hier ist der soziale Befund eindeutig: der Adel als sozial und politische relevante Klasse ist untergegangen (bzw. Teil des Bürgertums geworden). Kondylis behauptet nicht, die adelige Ideologie sei untergegangen und also auch der Adel als soziale Klasse, sondern der soziale und historische Befund ist genau umgekehrt: Kondylis zeigt, dass Konservativismus als sinnvoller Begriff nur dann verwendet werden kann, wenn man ihn mit der Weltanschauung einer sozialen Klasse identifizieren kann, er feste Inhalte hat und diese Klasse als sozial relevante Größe noch existiert. Aber nach dem »sozialen Tod« (Niedergang, 45) des Adels als Klasse ist das eben nicht mehr gegeben – gleichgültig wie viele Angehörige des Adels es noch geben mag (die auch ökonomisch verbürgerlichen – unter Beibehaltung einiger Lebensstil-Elemente und natürlich des Namens).

Das Ende der bürgerlichen (Vor)Herrschaft?

Unter welchen Bedingungen herrschte das Bürgertum? Und herrscht es immer noch? Schauen wir nun, welche Ursachen Kondylis herausarbeitet, die das siegreiche Bürgertum gleichzeitig als gefährdete Klasse erscheinen lassen.

Schon auf dem Weg zur Macht war es gezwungen, sich den herrschenden Verhältnissen anzupassen:

»Das Bürgertum besaß soziale (vor allem wirtschaftliche) Macht viel früher als es zur ausschließlichen oder (sehr oft) geteilten politischen Herrschaft gelangen konnte. Der Widerspruch zwischen dem Besitz von (begrenzter) Macht und dem (weitgehenden) Fehlen von Herrschaft zwang zu ideologischen Kompromissen, die psychologisch gesehen den ambivalenten Zustand einer Klasse widerspiegelten, welche die traditionelle Weltanschauung der societas civilis herausfordern, gleichzeitig aber feststellen mußte, daß sich die Herrschaftsinstrumente in fremden Händen befanden, und daher (gern oder ungern) dazu neigte, ihre Herausforderung inhaltlich zu mäßigen, teils in die Sprache des Gegners zu übersetzen, also formal abzuschwächen« (Niedergang, 24).

Der bürgerliche Liberalismus trägt »klare oligarchische Züge«, ist »von seinem Wesen her oligarchisch« (Niedergang, 170) und scheut sich nach seinem politischen Sieg nicht, so lange als möglich, das Wahlrecht auf die Besitzenden einzuschränken. Diese Zeit bürgerlicher ›oligarchischer Politik‹ sei inzwischen vorbei. Gemeint ist damit die historisch kurze Phase, in der das Bürgertum zumindest in einigen Ländern allein über die nationalen Geschicke entschied. Nun muss es seine Macht mit anderen sozialen Gruppen (zumindest nominell) teilen.

»Solange der bürgerliche Liberalismus seine oligarchischen Züge mehr oder weniger intakt bewahrte, konnte oder wenigstens wollte er den Staat für die eigenen Zwecke einsetzen, obwohl man andererseits unterstreichen muß, daß ihm dies nie auf der ganzen Linie gelungen ist, da er die politische Herrschaft bald mit dem Adel, bald mit einem starken Bauerntum, bald mit militärischen Bürokratien hat teilen müssen« (Niedergang, 187).

Das siegreiche Bürgertum hat seine Idealvorstellung vom Staat – und weiß, wann er nicht-bürgerliche Ziele verfolgt:

»Ein starker und effektiver Staat wird dann verlangt, wenn es um den Schutz bürgerlicher Eigentumsrechte und um die Verteidigung jener sozialen Ordnung geht, in der derartige Rechte gedeihen; solches Verlangen kann manchmal im Verzicht auf den politischen Liberalismus zur Rettung des wirtschaftlichen gipfeln. Den demokratischen Forderungen nach politischer Lenkung der Wirtschaft und insbesondere dem Ausbau des Versorgungs- und Sozialstaates wird im Gegenteil die Losung ›weniger Staat!‹ gegenübergestellt.« (Niedergang, 187)

Kondylis erklärt auch, warum die bürgerliche Herrschaft schon kurz nach ihrer Etablierung ersten Gefährdungen ausgesetzt war.

»Das Bürgertum war die erste Klasse in der Geschichte, die den eigenen Herrschaftsanspruch mit der grundsätzlichen Forderung nach Öffnung der Gesellschaft und nach freier Entfaltung der in ihr miteinander konkurrierenden Kräfte verbunden hat. Die scheinbare Paradoxie bestand also darin, daß bürgerliche Herrschaft nur im Rahmen einer ökonomisch, sozial und ideologisch pluralistischen Gesellschaft möglich war. Natürlich bemühte sich das Bürgertum nach Kräften, diesen Pluralismus in den Grenzen zu halten, die für das Funktionieren des Systems unbedingt erforderlich waren, dies konnte indes nur teilweise und nur vorläufig gelingen. Die freie Konkurrenz innerhalb einer prinzipiell offenen Gesellschaft, die ständische Schranken nicht mehr kannte, entwickelte die eigene Dynamik und Logik, so daß aus dem Schoß dieses selben Pluralismus, der für die Entfaltung der sozialen und politischen Tätigkeit des Bürgertums unentbehrlich war, die Feinde von Bürgertum und Bürgerlichkeit hervorgehen mußten.« (Niedergang, 51)

Ihre eigene Herrschaftslegitimation enthält also die grundsätzliche Toleranz gegenüber politischen Bewegungen, die ihr den Garaus machen könnten (und in einigen geographischen Räumen auch gemacht haben – etwa gut 70 Jahre lang in der ehemaligen Sowjetunion).

Zudem musste sich die bürgerliche Klasse schon früh und häufig die politische Macht entweder mit den Resten des alten Adels, mit Fraktionen der aufkommenden Arbeiterbewegung oder manchmal sogar mit Vertretern eines politisch potenten Bauerntums teilen (Niedergang, 51). Das hing davon ab, wie die politischen und sozialen Konstellationen in den einzelnen Ländern jeweils aussehen.

»Die soziale Vorherrschaft des Bürgertums dauerte nicht lange, wenn man universalgeschichtliche Maßstäbe anlegt; außerdem mußte sie sehr oft mit anderen Klassen oder Schichten geteilt werden – in manchen Ländern mit den noch immer mächtigen Überbleibseln des Adels, in anderen mit einem selbstbewußten Bauerntum und schließlich in zunehmendem Maße mit der organisierten Arbeiterbewegung innerhalb der sich formierenden Massengesellschaft und –demokratie« (Niedergang, 51).

Kondylis macht nun aus der Tatsache, dass die soziale Vorherrschaft des Bürgertums schon früh angefochten war, die Behauptung, dies beweise das Ende der bürgerlichen Vorherrschaft. »Die soziale Vorherrschaft des Bürgertums dauerte nicht lange« (Niedergang, 51). Hätte er präziser formuliert (aber damit gegen eine seiner Grundthesen), hätte er das Wort ›unangefochtene‹ eingefügt. Das Fehlen dieses Wortes ist in der irrigen Annahme begründet, die soziale Vorherrschaft des Bürgertums sei in ihrer ›Reinheit‹ begründet – also nur dann vorhanden, wenn sie ungeteilt sei. Nach seinen eigenen Worten (51) war das Bürgertum sehr rasch damit konfrontiert, seine Macht zu teilen – und tat das über lange Jahre recht erfolgreich. Kondylis liefert keinen Grund dafür, dass diese bürgerliche Fähigkeit, die schon auf ihrem Weg zur Macht wichtig gewesen war, plötzlich nicht mehr funktioniert hätte.

Fragt man etwa nach der ungeteilten ›Reinheit‹ einer adeligen Herrschaft, so zeigt sich nach Kondylis eigenen Untersuchungen, dass der Feudalismus noch lange nicht zu Ende war, bloß weil seine Herrschaft zunehmend vom absolutistischen Staat beschnitten wurde. Und im wilhelminischen Deutschland gelang sogar eine Fortsetzung adelig-feudaler Herrschaft unter Einbeziehung des Bürgertums.

Sich die Macht mit anderen Gruppen teilen zu müssen, ist für eine herrschende Klasse natürlich nicht wünschenswert. Wenn sie aber durch die Einbindung der Vertreter anderer Klassen ihre Herrschaft aufrecht erhalten kann, ohne dass ihre ökonomischen und politischen Interessen grundsätzlich gefährdet sind, wird sie dies akzeptieren, wenn die Alternative eben im Ende dieser Herrschaft läge. Dazu ein längeres Zitat aus dem Konservativismus-Buch von 1986:

»Im Spannungsfeld des Dilemmas eines Staates zu bedürfen, der nicht mehr (ganz) bürgerlich ist, und diesen Staat zu bekämpfen, weil er nicht mehr der bürgerliche sein kann, gestaltet sich die zeitgenössische ›konservative‹ [gemeint ist hier: bürgerliche] Einstellung dem modernen Staat gegenüber. Sie spiegelt zunächst die Tatsache wider, daß das Bürgertum nicht nur nicht allein herrscht, sondern auch die Zuversicht des Herrschers verloren hat und auf Gnade des Staates, zumal seiner Wirtschafts- und Finanzpolitik lebt. Dieser Verlust von Zuversicht, der gleichzeitig ein Verlust von Lebensfähigkeit bedeutet, macht sich z.B. daran bemerkbar, daß sich das Bürgertum und seine ›konservative‹ politische Vertretung mit gemischten privat-staatlichen Eigentumsformen in der Industrie oder mit der Idee und der Tatsache der Staatskontrolle versöhnt, wenn dies eine ungefährdete Gewächshausexistenz verspricht und gestattet.« (Konservatismus, 48)

Die Unterstellung, das Bürgertum leide unter Minderung von Herrschaftszuversicht und Lebensfähigkeit verwechselt die lange Tradition vorübergehender bürgerlicher Anpassung mit einer grundsätzlichen Kapitulation dieser Klasse. Und der Verlauf der neoliberalen Renaissance seit den 1970er Jahren zeigt, dass die bürgerliche Klasse längst nicht klein beigegeben hat.

In gewisser Weise traut Kondylis der bürgerlichen Klasse wenig zu, obwohl er indirekt zugibt, dass die bürgerliche Klasse eine jahrzehnte-, ja jahrhundertelange Übung darin habe, ihre Macht mit anderen gesellschaftlichen Gruppen zu teilen. Er nimmt auch nicht in seine Überlegungen auf, was der klassische Marxismus (Lenin, Luxemburg, Trotzki u.a.) schon frühzeitig analysiert hatte:

  • Die Umwandlung der sozialdemokratischen Parteien in Stützen der bürgerlichen Herrschaftsordnung (spätestens ab dem 1. Weltkrieg) und des zugehörigen Parlamentarismus (Ablehnung der Rätedemokratie).
  • Die Verteidigung der kapitalistischen Wirtschaftsordnung und deren Eigentumsverhältnisse durch diese Sozialdemokratien (seitens des Gewerkschaftsflügels etwa der deutschen SPD schon lange vor dem 1. Weltkrieg).
  • Die Mechanismen des sozialen Interessenausgleiches, der bei Aufrechterhaltung der besitzbürgerlichen Profite die Ruhigstellung der Arbeiterklasse ermöglichte (was auch Kondylis beschreibt).
  • Der Rückgriff auf den Faschismus und (Militär)Diktatur, wenn gegen die marxistische Bedrohung kein anderes Mittel zu greifen scheint.

Kondylis’ Das Politische und der Mensch ist – einige Jahre nach dem Niedergangsbuch – zudem voll von Nachweisen, wie sehr der ökonomische Neo-Liberalismus an den bürgerlichen Alt-Liberalismus anknüpft. Unverkennbar ist dort auch, dass es um diesen Neo-Liberalismus nicht schlecht gestellt ist und er im soziologischen Diskurs einen prominenten Platz einnimmt – was er kaum täte, wenn er nicht bestimmten sozialen, wirtschaftlichen und politischen Interessen zugute käme; und das sind eben Interessen, die wir mühelos im Bürgertum als sozial weiter existenter Klasse verorten können.

Kurz gesagt: Die Massendemokratie ist (nur) eine neue Variante der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft, wie sie spätestens 1789 die historische Bühne betreten (und bisher nicht verlassen) hat. Nimmt man hier noch die gelungenen Ausführungen Joachim Fischers über »eine kreative Verbürgerlichung der Massenkultur« (Fischer, 105), die Lenkung des Sozialstaats in Richtung Vermögensförderung und Schaffung einer »Gesellschaft der kleinen Eigentümer« (Fischer, 105) sowie »das neugestaltete, verwandelte Verhältnis zur Avantgarde-Kultur« (Fischer, 104) und die Benutzung dieser Kultur als Unterscheidungsmerkmal hinzu, dann behält zwar vieles von Kondylis Ideologieanalyse seine Berechtigung, kann aber nicht mehr als Beleg für eine nachbürgerliche, postmoderne Massendemokratie gelten.

Die mangelnde soziologische Fundierung der Untergangsthese

Der ›Niedergang‹ behandelt folglich eigentlich den Untergang einer Form der bürgerlichen Weltanschauung und schließt zumindest teilweise aus der ideologischen Analyse entweder auf den Untergang der dahinter stehenden Klasse (des Bürgertums) als herrschender Klasse oder setzt diesen Untergang bereits sozialhistorisch voraus. Für diese Schlussfolgerung oder Voraussetzung fehlt aber eine überzeugende soziologische Untermauerung, also belastbare Aussagen über die soziale Zusammensetzung der Massendemokratie – abgesehen von den eher verstreuten und impressionistischen Aussagen, die weiter oben angeführt wurden.

Kondylis hat des Öfteren gezeigt, dass er der marxistischen Klassenanalyse durchaus zustimmt. Sein Konservativismusbuch beruht auf den üblichen Definitionen von Adel, Bürgertum und Arbeiterklasse. Nun mag es sein, dass sich aus seiner Sicht an den Klassen Bürgertum und Arbeiter seit 1950 irgendetwas verändert hat. Diesen Wandel begründet er aber nirgendwo. Wann ist das Bürgertum als Klasse verschwunden? Und warum? Wer herrscht an seiner Stelle? Wie ist die immer noch kapitalistische Massendemokratie ohne Bürgertum denkbar?

Sein eigener Begriff des Bürgertums beschränkt sich ganz klar nicht auf ein Bildungsbürgertum. Er weiß, dass das Bürgertum »die Hebel von Wirtschaft und Politik« (Niedergang, 52) bedient(e). Es umfasste also schon immer mehr als villenbewohnende, über Personal verfügende Konsumenten klassischer Kunstprodukte.

Sein Begriff der Massendemokratie beinhaltet keine belastbaren Aussagen über die soziale Schichtung dieser Gesellschaft (von einigen Andeutungen abgesehen). Es fehlen auch klare Aussagen darüber, aus wem die herrschende Schicht oder Klasse dieser Gesellschaft bestehen soll. Angeblich soll es nicht mehr das Bürgertum sein, denn für ihn leben wir nach »dem Ende des bürgerlichen Zeitalters« (Niedergang, 5). Aber Massenproduktion und -konsum sprechen nicht gegen bürgerliche Besitzverhältnisse. Und sind denn die Besitzverhältnisse in der Massendemokratie andere als die vom Marxismus wie auch von der Sozialhistorie für den Kapitalismus analysierten?

»Die massiven Subjekte … (z.B. das Bürgertum oder das Proletariat) haben sich nun aufgelöst, und an ihrer Stellen melden sich nun kleinere Gruppen oder Einzelne« (Niedergang, 222) stellt Kondylis bezüglich des »Markt[s] der Werte« fest. Aber betrifft das nicht vielmehr die Organisiertheit dieser »massiven Subjekte« (Niedergang, 222)? Das ›Proletariat‹ etwa wandte sich immer mehr von seinen angeblichen Vertretern ab – eben weil es sich nicht mehr vertreten fühlte. Die Militanz beim organisierten Kampf um seine Interessen schwächte sich ab, weil es die postmoderne (und eigentlich sehr altliberale) Botschaft von der Leistung glaubte. Das Bürgertum muss sich nur als kleinerer Partner an Regierungen beteiligen (oder gar nicht), damit seine Interessen politisch durchgesetzt werden. Viele kleinere Initiativen, Stiftungen, Institute und Denkfabriken bringen die Argumente in die interessierte Öffentlichkeit, die bürgerliches Gewinnstreben begünstigen.

Aber auch (Besitz)Bürger in Polohemden und mit Turnschuhen an den Füßen, deutlich hedonistischer Lebensweise (die sich also von der synthetisch-harmonischen Selbstvervollkommnungsethik abgewendet haben) und zwanghaft jugendlicher Ausstrahlung bleiben Bürger. Ähnlich wie das Bürgertum auch dann bürgerlich blieb, als es im 19. Jahrhundert adelige Lebensweisen übernahm.

Zu kurz greift auch die Behauptung einer »Ablösung der Klassenherrschaft durch die Herrschaft von Eliten« (Niedergang, 198). Auch wenn die Mitglieder dieser Eliten keine sozialen Voraussetzungen erfüllen müssen, so ist es naheliegend, dass sie durch ihren sozialen Aufstieg in ihrer politischen Orientierung auf der Seite des bürgerlich-massendemokratischen Kapitalismus stehen. Ihr Aufstieg ist nicht denkbar ohne den Segen der Besitzenden und der gerade Herrschenden. Und die Beispiele des plötzlichen Abstiegs von Elitemitgliedern, wenn sie aus der Reihe tanzen, sind zahlreich.

Politiker mögen »dem Selbstgefühl der Massen schmeicheln« (Niedergang, 199), wenn sie sich um die Gunst des Wählers bemühen, aber das bedeutet nicht, dass sie ihren Worten immer Taten folgen lassen, wenn sie diese Gunst erlangt haben. Und es bedeutet noch lange nicht, dass ihre erste Loyalität den Massen gilt, auf deren Stimmen sie angewiesen sind. In einem Fußballstadium mögen eine Menge Menschen versammelt sein , sie haben aber in der Regel weit weniger Macht als etwa die exklusive Versammlung einer Handvoll Menschen in einem holzgetäfelten Saal.

Kondylis bietet nicht genug Belege für den sozialen und politischen Untergang des Bürgertums als Klasse (vermutlich weil er sie nicht erbringen kann, da die soziale Realität sie bis heute verweigert). Der Niedergang der klassischen bürgerlichen Weltanschauung dagegen und ihre Ablösung durch die Beliebigkeit der Postmoderne sind nachvollziehbar und schlüssig beschrieben. Vorschnell war aber sein Rückschluss: Niedergang der bürgerlichen Ideologie = Untergang der bürgerlichen (als herrschender) Klasse. Für Kondylis schien es schlichtweg nicht vorstellbar, dass die bürgerliche Klasse ihre alte Ideologie beiseite legt und sich weltanschaulich neu bewaffnet: nämlich mit postmoderner Beliebigkeit. Das überrascht bei einem Denker dieses Formats – ist aber erklärbar. Was leistet die Postmoderne für das Bürgertum?

Aus dem oben Gesagten folgt, dass Kondylis sich nicht die Frage gestellt hat, was die Postmoderne für den Fortbestand der bürgerlichen Vorherrschaft in der kapitalistischen Gesellschaft (in ihrer massendemokratischen Phase) leistet. Hier zumindest einige Hinweise, die sich teilweise auch bei Kondylis finden:

Abschaffung der Objektivität: Wer Machtansprüche stellt, kann dies nicht im Namen der Beliebigkeit tun. Er muss sagen können: ›Das ist ungerecht‹. Er muss sagen können, wer jetzt an der Macht ist und wer an die Macht soll. In postmoderner Nacht, in der alle Katzen grau sind, ist dies nicht möglich. Die Zerstörung des objektiven Denkens und objektiver Wissenschaft ist eine Folge dieses Ideologiewechsels (eine Folge, der sich Kondylis persönlich in seiner wissenschaftlichen Arbeit immer verweigert hat). Das Bürgertum muss keine Machtansprüche stellen, da es an den Schaltstellen der Macht sitzt. Beliebigkeit sichert bestehende Herrschaft – und verringert Gefährdungen bestehender Herrschaft. Die Herren bleiben Herren, schon weil die Knechte die Herren immer weniger sehen können.

Abschaffung des Fortschrittsgedankens: »Die bürgerlich-liberale Denkfigur, die sich an der Vorstellung des stufenweisen Fortschrittes in der geschichtlichen Zeit orientierte, wurde im massendemokratischen Zeitalter durch eine Denkfigur abgelöst, in der die räumliche Wahrnehmung der Dinge überwiegt.« (Das Politische, 135) Das war möglich, weil das Bürgertum inzwischen gewonnen hatte. Es ist nicht mehr nötig, es als Ergebnis eines historischen Fortschritts zu deuten – schon weil diese Deutung zwangsläufig auch die irgendwann erfolgende ›Abschaffung der bürgerlichen Herrschaft‹ in Folge dieses Fortschrittsprozesses beinhaltet. Da Marx und Konsorten die bürgerliche Geschichtsphilosophie beerbten, war somit die davon ausgehende Gefahr zumindest auf den ersten Blick gebannt, aber in den postmodernen Soziologien findet sich die Geschichtsphilosophie wieder – siehe Das Politische und der Mensch. Im Grunde konnte das Bürgertum der künstlerischen Avantgarde nur dankbar sein, dass sie den Fortschrittsgedanken lächerlich machte. Kondylis selbst spricht von der »antisozialistische[n] Spitze der Dekadenzphilosophie« (Niedergang, 60).

Formale Bejahung und Entschärfung des Gleichheitsgedankens: Gleichheit ist im postmodernen Denken keine Folge mehr (gewonnener!) sozialer Konflikte (etwa Streiks), Revolutionen und sozialer Umwälzungen (mit massiven Gefährdungen von Profit und Gewinnstreben), sondern persönlicher Leistungen: alle sozialen Positionen sind (angeblich) für alle erreichbar – was übrigens im klassischen bürgerlichen Denken auch so war: jeder konnte (Besitz)Bürger werden (»… alle sozialen Rollen stehen grundsätzlich allen Individuen offen. Gegen diese letztere Formulierung hätte auch ein Liberaler nichts einzuwenden …« (Niedergang, 175)). Seine Herkunft spielt dabei keine Rolle mehr (anders als im Feudalismus). Tatsächlich ist aber die Ungleichheit nicht verschwunden, »der Gegensatz zwischen dem Grundsatz der allgemeinen Gleichheit und der (vorläufigen) Herrschaft einer Elite« (Niedergang,199) besteht weiter; die »Gleichheit des Herrschens« ist »ebensowenig verwirklicht wie die Gleichheit des Konsumierens« (Niedergang, 198). Die Umdeutung des »bürgerlich-liberalen … Invididualismus« in »ein materielles Gleichheitsideal« (Niedergang, 175) mag vereinzelt noch existieren, ist aber seit Erscheinen von ›Niedergang‹ 1991 erheblich in seiner Bedeutung zurückgegangen.

Die Absegnung des Bestehenden: Die bestehende Gesellschaftsordnung (mit einem gut getarnten Bürgertum als weiterhin herrschender Klasse) wird übermächtig, wenn es keinen objektiven Fortschrittsprozess mehr gibt, in dessen Namen man sie in Frage stellen könnte. Denn wirkliche Kritik und (soziale) Veränderung sind nur auf der Basis eines (vermeintlich oder tatsächlich) objektiven Weltbildes möglich. Die Situation der Unterschichten ist wieder unabwendbar geworden: sie ist Ausdruck undurchschaubarer Mechanismen (so als hätte Marx nie etwas Zutreffendes über den Kapitalismus herausgearbeitet), über deren Natur das postmoderne Denken nichts verlässliches mehr sagen kann (auch wenn es die Ergebnisse dieser Mechanismen weiter kritisieren mag)

Desorientierung der potentiellen Gegner und Verschleierung der bürgerlichen Herrschaft: Nur im Namen der Wahrheit kann man eine Veränderung des Bestehenden anstreben. Man muss sagen können, warum eine bestimmte soziale Formation nicht mehr sein soll und eine neue eingeführt werden soll. Unter postmodernen Denkvorgaben ist es aber unmöglich, zu sagen, was sein soll und nicht mehr sein soll. Gerade das Nicht-Mehr-Sein-Sollen gilt als Kennzeichen der totalitären ›Großen Erzählungen‹. Die Perspektive der Nicht-Besitzenden und Nicht-Mächtigen konzentriert sich immer mehr auf Verbesserungen im Rahmen des Bestehenden und nicht mehr auf eine Ablösung des Bestehenden. Das liegt auch daran, dass die Mächtigen nur noch schwer zu fassen sind und die Abwahl ihres politischen Personals oftmals nur zu Neuauflagen der bisherigen Politik führt (wenn auch mit anderen Gesichtern).

Entlastung von der klassischen (Bildungs)Bürgerlichkeit: wenn das Bürgertum immer weniger Zeit und Muße (und vielleicht auch Motivation) hat, sich der klassischen Bildungsbürgerlichkeit und einem klassisch-bürgerlichen Lebensstil mit Lektüre, Kulturgenuss (oder –zwang?) u. a. hinzugeben, so bot ihm das postmoderne Denken eine gute Begründung dafür. Bildungsgüter und Versatzstücke bürgerlichen Lebens können nun ohne schlechtes Gewissen selektiv ausgewählt werden – ganz wie es dem Hedonismus der Massengesellschaft entspricht. Vollständigkeit im bildungsbürgerlichen Ideal wird und muss nicht angestrebt werden.

Beendigung der humanistischen Bildung für alle: Dem Bürgertum wurde zunehmend bewusst, dass die Ausdehnung des humanistischen Bildungsgedankens auf immer weitere Schichten, insbesondere auf die arbeitende Klasse, die geistige Bewaffnung ihrer sozialen Gegner betrieb. Der Marxismus und die Arbeiterbewegung knüpften dort an, wo das bürgerliche Selbstverständnis enden musste: auch die bürgerliche Gesellschaft war Folge einer historischen Entwicklung – und mit welchem Recht konnte sie sich als letzte Stufe der Entwicklung sehen? Sie war geworden und musste deshalb untergehen. Statt also weiterhin umfassende Bildung zu vermitteln, baut man diese in immer wieder neuen ›Reformen‹ ab und vermittelt mehr und mehr Funktionswissen schon in der Schule. Ein gegliedertes Schulsystem kann zusätzlich noch für eine frühe soziale Platzanweisung sorgen.

Akzeptanz und Propagierung des wirtschaftlich notwendigen Massenkonsums: Auch das Bürgertum sieht ein, dass es die Überproduktionskrisen seines Wirtschaftssystems besser in den Griff bekommt, wenn es sich von seiner »Selbstüberwindungsethik« (Niedergang, 221) verabschiedet und dem Hedonismus das Wort redet. Damit können die Massen in der Massendemokratie zum Konsumieren angehalten werden (»Hingegen benötigt die Massendemokratie, deren Wirtschaft ohne den Massenkonsum und deren Gesellschaft ohne ein entsprechendes Selbstverständnis ihrer Mitglieder nicht auskommen kann, hedonistische Einstellungen und Ideologien als Leitlinien sozialen Handelns.« Niedergang, 190). Natürlich hat diese Propagierung auch Folgen für die bürgerliche Lebensführung – Folgen, die den einen oder anderen Beobachter auch schon verwirrt haben (und nicht nur Kondylis).

Freieres ökonomisches Handeln: wo die klassische Aufrichtigkeit als bürgerliche Tugend keinen Wert mehr hat (Niedergang, 212), blüht die Authentizität, in deren Namen auch Börsenspekulanten, Drogenhändler und Waffenschieber auf Verständnis hoffen können (wenn sie nur ›ehrlich‹ sind). Das verwerfliche Tun ist mit postmodernen Kriterien kaum noch zu tadeln und kann allein am erzielten Profit bewertet werden.

Bürgerliche Deutung der Avantgarde-Kunst und Steuerung der Massenkultur: Joachim Fischer konstatiert die »Rekonstitution der bürgerlichen Gesellschaft unter der Bedingung der Massengesellschaft bei gleichzeitiger Bezugnahme auf die Avantgardekulturen« (Fischer, 104) für den (west)deutschen Fall. Außerdem beschreibt er zutreffend die Steuerung der Massenkultur im bürgerlichen Sinne (Fischer, 110ff). Die Mitglieder des massendemokratischen Bürgertums starren also schon längst nicht mehr schockiert auf die Produkte der Massenkultur, sondern haben sie vielmehr längst in Dienst genommen.

Es gibt also gute Gründe dafür, anzunehmen, dass weitblickendere Wirtschafts- und Bildungsbürger den kulturellen und geistigen Produkten ihrer außer Rand und Band geratenen Klassengenossen mehr Aufmerksamkeit geschenkt haben und schnell ihre soziale Nützlichkeit entdeckten (und vielleicht sogar eine persönliche Entlastung von manchen klassisch-bürgerlichen, als einengend empfundenen Elementen des eigenen Lebensstils). Den Bürger in der »Rolle des Mäzens« (Niedergang, 52) thematisiert auch Kondylis, allerdings als ein ›Kokettieren‹ (was es sicher oft genug auch war) und nicht als ein beabsichtigtes, zielgerichtetes Handeln:

»Wie schon der Adel, so verlor auch das Bürgertum bereits die Kontrolle über den Bereich der Kultur, als es die Hebel von Wirtschaft und Politik noch mehr oder weniger in der Hand hatte; und wie Teile des Adels vor dessen sozialem Untergang damit kokettierten, daß sie kulturelle Produkte förderten, die sich gegen die adelige Welt wandten, so spielte auch mancher Bürgerliche, der auf der Höhe des Zeitgeistes bleiben wollte, die Rolle des Mäzens gegenüber Künstlern, die mit der bürgerlichen Wertskala und Ästhetik nichts im Sinn hatten« (Niedergang, 52).

Natürlich stand diese Offenheit im Gegensatz zur Reaktion anderer Teile des Bürgertums auf diese avantgardistischen Zumutungen (die sich logisch bis hin zum Vorwurf ›entarteter Kunst‹ bewegten). Diese Reaktion erwies sich durch entsprechende Rückendeckung ihrer Klassengenossen für das Treiben von Futuristen, Literaten, Künstler etc. aber als durchsetzungsschwach, auch wenn sie bis heute noch vereinzelt Anhänger hat.

Zwischen Klarheit und Vernebelung

Bei aller Klarheit, die Kondylis bezüglich der inhaltlichen Unterschiede zwischen der klassischen bürgerlichen Weltanschauung und der Beliebigkeit der Postmoderne herausarbeitet, so betätigt sich der sonst so kühl sezierende Beschreiber doch umgekehrt in ungewohnter (und sicher unbeabsichtigter) Weise als Nebelwerfer, wenn es um die Soziologie der (immer noch bürgerlich dominierten) Massendemokratie geht, deren aktuelle Weltanschauung (inklusive ihrer Entstehung und Durchsetzung) er so treffend beschreibt.

Alles in allem bleibt die Feststellung: Kondylis analysiert (objektiv gesehen) keinen Untergang der bürgerlichen Klasse als herrschender Klasse, sondern vielmehr einen Wechsel in der bürgerlichen Weltanschauung zwecks besserer Begründung eben dieser Herrschaft.

Alle seine richtigen Beobachtungen werden dadurch nicht hinfällig. Er kann zeigen, wie gut der neue bürgerliche ›Postmodernismus‹ (in einigen Teilen) zu den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklungen passt.

Richtige Beobachtungen im Untergangsbuch sind etwa:

  • Die klassische bürgerliche Weltsicht verliert zunehmend an Einfluss (auch innerhalb der bürgerlichen Klasse).
  • Eine neue Denkfigur (die postmoderne) macht sich breit.
  • Ihr Siegeszug in der und durch die kulturelle Produktion wird zutreffend beschrieben.
  • Die 68er verhelfen dem massendemokratischen Konsumismus zum Durchbruch – eben durch ihre postmodern-hedonistische Orientierung.
  • Die prinzipielle Beliebigkeit der analytisch-kombinatorischen Denkfigur passt zur (vermeintlich oder tatsächlich) größeren sozialen Durchlässigkeit der Massendemokratie.
  • Die Gleichheitsforderung wird durch ihre Formalisierung entschärft und bedeutet oftmals nicht mehr soziale Gleichheit.

All diese Beobachtungen haben in einem anderen Kontext eine bessere Erklärungsreichweite, da sie auch ohne den fiktiven Untergang des Bürgertums und das angebliche Ende der bürgerlich-kapitalistischen Klassengesellschaft auskommen.

Kondylis beschreibt korrekt den Untergang des klassischen bürgerlichen Denkens. Aber er schließt daraus, dass damit auch die bürgerliche Klasse als Träger dieses Denkens untergegangen sein müsse – oder kurz davor sei. Dafür gibt es aber keinen Anlass. Denn auch das analytisch-kombinatorische Denken eignet sich als ein bürgerliches Denken.

Es nimmt die Gleichheitsforderung in sich auf, ohne die Gefährlichkeit, die diese Forderung in einem klassisch marxistischen oder selbst noch sozialdemokratischen Kontext bekommt.

Es täuscht Gleichheit vor, indem es gesellschaftliche Funktionen als beliebig besetzbar erscheinen lässt.

Es beseitigt vermeintlich Objektivität, gibt die ›Großen Erzählungen‹ (insbesondere die so bedrohliche marxistische) der Lächerlichkeit preis und entwaffnet damit potentielle soziale und politische Gegner (altertümlich Proletariat genannt), deren Militanz immer weiter abnimmt.

Arbeitervertreter werden erfolgreich verbürgerlicht und frustrieren die von ihnen Vertretenen immer wieder aufs Neue, da sie auf Kompromiss und nicht auf Konfrontation und volle Durchsetzung von Interessen aus sind.

Dies wiederum senkt den Organisationsgrad am unteren Ende der sozialen Pyramide weiter und damit auch die Gefährlichkeit einer ihrer Schlagkraft beraubten Arbeiterbewegung

Die vermeintliche Abdankung des Bürgertums wäre der erste Verzicht einer Klasse auf soziale Vorherrschaft ohne Revolution oder Krieg, ohne Gewalt.

Wechsel der Herrschaftsideologie – warum?

Wenn wir nach historischen Beispielen suchen, dass eine herrschende Klasse ihre Ideologie ausgetauscht hat, um ihren Herrschaftsanspruch anders zu begründen, werden wir nur wenige Beispiele finden:

  • Die Konstantinische Wende: statt heidnischer nun eine christliche Legitimation des römischen Imperiums.
  • Die stalinistische Nomenklatura in China: deren ideologischer Kurswechsel Ende der 1970er Kapitalismus gutheißt und fördert und deren ›Marxismus‹ bis zur Unkenntlichkeit entstellt worden ist

Interessanter ist aber, warum die bürgerliche Klasse diesen Ideologiewechsel vollzogen hat. Dabei steht außer Frage, dass einige Mitglieder dieser Klasse diesen Wechsel nicht mitgemacht haben. Aber für die breite Masse htrifft es zu.

Es gibt wesentlich zwei Ursachen, die Kondylis selbst benennt (Das Politische im 20. Jahrhundert, 18f):

Die Bedrohung durch den Marxismus spätestens seit Ende des 19. Jahrhunderts, die ›Drohung einer roten Revolution‹: »Diese implizite Absage an die ursprünglichen bürgerlichen Klasseninhalte des Liberalismus (von den Wahlrechtsbeschränkungen bis zur Ablehnung des Wohlfahrtsstaates) signalisierte an sich sowohl die Wendung zur Massendemokratie als auch – da sie als Antwort auf die kommunistische Kapitalismuskritik gedacht war – den Einfluß, den die Drohung einer roten Revolution auf jene Wendung genommen hat«. (Planetarische Politik, 19)

Der ›sicherere‹ Umgang mit der sozialen Gleichheitsforderung (durch ihre Individualisierung), der auch von außerhalb des klassischen Marxismus dauerhaft erhoben wurde – »Mindestens ebensosehr wie diese Drohung wirkte aber die allmähliche Durchdringung des kollektiven Bewußtseins oder Unbewußten mit dem Ideal der materiellen Gleichheit, welches von Anfang an allen Strömungen des sozialistischen Denkens, am nachdrücklichsten aber von den Marxisten, gegen das bürgerlich-liberale Beharren auf der bloßen formell-rechtlichen Gleichheit als Garantie der Freiheit aufgeboten wurde.« (Planetarische Politik, 19) Kondylis spricht in diesem Zusammenhang meist von »Demokraten« oder »sozialer Demokratie«. (etwa Niedergang, 24)

Dass hier die vermeintlich durchgängig antibürgerliche Avantgarde bürgerliche Bedürfnisse bedient, bestätigt Kondylis selbst. Die Ideen, die sie in die Welt setzt, erweisen sich plötzlich in einer veränderten Situation als brauchbar – in diesem Fall die Kritik an der (bürgerlichen) Fortschrittsidee:

»Die Parole von der Dekadenz kam bereits bei den Vorläufern der Moderne, also zu einer Zeit auf, als sich das Bürgertum auf dem Höhepunkt seines Selbstgefühls als Macher der Geschichte befand, und sie wandte sich gegen die bürgerliche Fortschrittsidee, von der sich der Ästhet in seinem elitären Bewußtsein aus zwei Gründen absetzen wollte: einerseits weil er das philisterhafte Bedürfnis nach Sicherheit überhaupt verabscheute und daher im Glauben an den Fortschritt einen schlauen Kunstgriff des Bürgers erblickte, der zusätzliche Geborgenheit in angeblichen Gewißheiten über den Geschichtsablauf suchte; und andererseits weil die Fortschrittsidee bei allen ad hoc Modifizierungen und Abwandlungen von Bürgerlichen, Demokraten und Sozialisten gleichermaßen geteilt wurde, was ihre Vulgarität zu bestätigen schien. Gerade diese antisozialistische Spitze der Dekadenzideologie und Stimmung machte in einer späteren Phase, als der Feind von unten übermächtig wurde, Teile des Bürgertums für sie empfänglich, was wiederum auf der linken Seite des politisch-literarischen Spektrums die propagandistisch nützliche optische Täuschung entstehen ließ, die ›dekadenten‹ Ästheten hätten ursprünglich ›bürgerlich-reaktionäre‹ Idee artikuliert« (Niedergang, 60)

Die marxistische Arbeiterbewegung stellte spätestens mit der russischen Oktoberrevolution von 1917 eine für das (Besitz)Bürgertum beängstigende Größe dar. Sie hatte gezeigt, dass sie zur Machtergreifung fähig war (also auch eine kompetente Führung hervorbrachte), den bürgerlichen Besitz an Produktionsmitteln erfolgreich enteignen und diese Enteignung auch verteidigen konnte, da sie sich auf eine Massenbasis stützte. (Hätte sie ihre rätedemokratische Komponente weiterhin ernst genommen, wäre sie auf Dauer ebenfalls eine ›Massendemokratie‹ geworden – aber mit einer anderen, eben sozialistischen Wirtschaftsordnung)

Zudem hatte sich diese Bewegung an vielen Punkten die bürgerlichen Bildungsgüter erfolgreich zu eigen gemacht und trat im Namen der gleichen Wahrheit und Objektivität an, auf die sich auch das klassische bürgerliche Denken berief. Die aufkommende Postmoderne mit ihrer Abschaffung von Wahrheit und Objektivität schien somit kulturell und geistig ein hervorragendes Gegenmittel gegen den vom Marxismus teilweise schon monopolisierten Wahrheits- und Objektivitätsbegriff zu sein. Und tatsächlich schuf die Postmoderne die Art geistiger Verwirrtheit, die Kondylis sowohl im ›Niedergang‹ wie auch in der Das Politische und der Mensch immer wieder genüsslich und zutreffend entlarvt – und gegen die der klassische Marxismus in seinem Bestehen auf Objektivität bis heute vehement Stellung nimmt.

Die Forderung nach sozialer Gleichheit beschränkte sich nicht auf den klassischen Marxismus, der sie durch eine politische und soziale Revolution herbeiführen wollte. Auch das mehr oder minder bürgerliche Reformlager (wozu auch Arbeitervertreter zählen, insoweit sie die bürgerlich-kapitalistische Ordnung reformieren und nicht abschaffen wollen) will der bürgerlichen Ordnung Legitimität verschaffen, in dem sie zumindest ein Mindestmaß an sozialer Gleichheit herbeiführen wollen. Das umso mehr, als nach dem 2. Weltkrieg das westliche Lager sich durch die Früchte seiner Sozial- und Ausgleichspolitik gegenüber dem stalinistischen Osten legitimieren musste.

In welche Widersprüche sich diese reformistischen Gleichheitsforderungen und -ideale verwickelt haben und verwickeln mussten, hat Kondylis im ›Niedergang‹ zutreffend untersucht (Niedergang, 195ff). Er verweist auf die Verdrängung des Hierachie-Gedankens durch den der sozialen Rolle, »… obwohl offenbar nicht alle Rollen [im Arbeitsprozess] gleich sind, tröstet sich die egalitäre Grundeinstellung durch die prinzipielle Austauschbarkeit der Personen über Statusunterschied … hinweg«. (Niedergang, 196) »Die Realität der Gleichheit ist … für das Funktionieren der Massendemokratie viel weniger wichtig als die Potenzialität der Gleichheit«. (Niedergang, 197).

Gründe für Kondylis’ unpräzise soziologische Analyse?

Wie kommt es zu den (für den Autor untypischen) soziologischen Unschärfen in Kondylis’ Analyse der Massendemokratie? Kann man dafür Gründe angeben?

Erstmals in seiner wissenschaftlichen Arbeit nimmt er ideologische Aussagen – nämlich die der Postmoderne – in gewisser Weise für bare Münze: als halte er das postmoderne Denken mehr oder minder für eine recht genaue Widerspiegelung der gesellschaftlichen (also massendemokratischen) Wirklichkeit: »… die innere Heterogenität der Angriffe gegen die bürgerliche Denkfigur entspricht – immer in der retrospektiven Gesamtbetrachtung – der inneren Heterogenität der massendemokratischen Gedanken- und Lebenswelt« (Niedergang, 57). Marxistisch gesprochen entspricht der postmoderne Überbau laut Kondylis den gesellschaftlichen Realitäten der massendemokratischen Basis. Dieses postmoderne Bewusstsein deckt sich aber natürlich wie jede Ideologie nicht vollständig mit der massendemokratisch-kapitalistischen Wirklichkeit – was Kondylis selbst an einigen Stellen aufzeigt.

Angedeutet hat sich diese Verselbständigung des Ideologisch-Weltanschaulichen vielleicht schon in seinem Aufklärungsbuch, als Kondylis nicht bereit war, die Aufklärung als eine vornehmlich bürgerliche philosophische Strömung zu bezeichnen:

»Was die Identifizierung von Aufklärung und Bürgertum betrifft, so berücksichtigt sie die Tatsache nicht, daß ganz unabhängig davon, ob erst der Aufstieg des Bürgertums und die dadurch … bedingte Verdrängung der sozialen Macht von Kirche und Theologie die Voraussetzungen für das Erscheinen von Materialismus und Atheismus schufen, doch das Bürgertum sich insgesamt immer mißtrauisch und ablehnend solchen Ansätzen gegenüber verhielt; es empfand sie als schädlich bzw. kompromittierend und gab eher schwankenden dualistischen Positionen den Vorzug.« (Aufklärung, 28)

Und natürlich gab es innerhalb der Aufklärung vereinzelte (adelige) Aufklärungsdenker, die keineswegs nur die geistige Bewaffnung bürgerlichen Machtstrebens betrieben, sondern mit denen quasi das Objektivitätsstreben durchging (ähnlich wie mit Kondylis). Aber selbst die Französische Revolution will er nicht als bürgerliche Revolution anerkennen (Aufklärung, 30) und beruft sich dabei natürlich nicht auf ihr Ergebnis (die ein bürgerlicher Sieg ist), sondern auf andere Strömungen innerhalb der Revolution (Bauern, Unterschicht) – was immerhin ein sozialhistorisches Argument ist. Es spricht aber weiterhin sehr viel dafür, in der Aufklärung eine vor allem bürgerliche Geistesbewegung zu sehen, deren soziale Loyalität ihrer nach der Macht greifenden Klasse gehört. Denn ohne die sozialen und politischen Wirkungen, die das aufsteigende Bürgertum entfaltet hat, hätte es auch kaum Möglichkeiten gegeben, Ideen und Strömungen der vornehmlich bürgerlichen Aufklärung als geistige Waffen in konkreten historischen Situationen einzusetzen.

Hätte Kondylis im Konservativismus-Buch mit solchen Überdifferenzierungen gearbeitet, wie wäre dann wohl das Ergebnis seiner Studie ausgefallen? Bezeichnenderweise hätte der Titel Der Niedergang der adeligen Denk- und Lebensform den Inhalt nicht adäquat wiedergegeben – umgekehrt heißt der ›Niedergang‹ auch nicht ›Alt-Liberalismus. Geschichtlicher Gehalt und Untergang‹ – obwohl einiges dafür spricht, dass dies seine eigentliche Grundthese sein will.

Ideologie- oder Weltanschauungsanalyse und -kritik sind nie ein Ersatz für eine präzise soziologische Untersuchung der Gesellschaft – wie Kondylis zu Recht betont – in der die untersuchten Ideologien und ›Ideen‹ Wirkung entfalten (Aufklärung, 32ff). Ein Ergebnis sozialhistorischer Untersuchungen ist das Argument im Aufklärungsbuch, dass man weder die Aufklärung noch die Französische Revolution als ›bürgerlich‹ bezeichnen könne. Dies ist im ›Niedergang‹ nur noch eine Andeutung. Die erwähnten sozialen Subjekte (nach seiner Ansicht keine Klassen mehr – auch wenn er dann doch wieder von ›Unternehmerklasse‹ spricht) bleiben nebulöse Kollektive, über deren soziale Zusammensetzung und inhaltliche Forderungen man nichts präzises sagen kann. Und wer ausgerechnet der Französischen Revolution ihren vornehmlich bürgerlichen Charakter absprechen will (wie Kondylis es tut), dem fällt es natürlich noch leichter, in der immer noch kapitalistischen Massendemokratie keine Form der bürgerlichen Gesellschaft mehr zu sehen.

Ist Kondylis zudem durch das Phänomen getäuscht worden, dass die bürgerliche Klasse einen Ideologiewechsel vorgenommen hat? Oder ist die Fähigkeit, weltanschauliche Gebilde zutreffend zu durchdringen, mit ihm durchgegangen? Sein partielles Irren ist zwar sehr menschlich – und schmälert weder seine wissenschaftliche Arbeit im ›Niedergang‹ noch in den anderen seiner Werke – aber für ihn doch untypisch.

In jedem Falle muss man Kondylis zugutehalten, dass er selbst nur Position bezogen hat in dem Streit innerhalb von Sozialgeschichte und Soziologie, ob man vom Ende des Bürgertums reden könne oder ob diese soziale Klasse weiterhin existiere und sogar weiterhin von einer bürgerlich beherrschten Gesellschaft geredet werden könne. Wie die Forschungslage zu dieser Frage Ende der 1980er Jahre war, können wir leider nicht beantworten. Der Aufsatz von R. Rilling könnte aber zutreffend die Forschungslage schildern, die auch Kondylis auf seinen Forschungsexpeditionen durch die universitären Heidelberger Bibliotheken vorgefunden und rezipiert hat.

Worin liegen weitere mögliche Gründe?

Weil er eine bestimmte historische und vorübergehende Form der Bürgerlichkeit zu sehr mit der bürgerlichen Klasse identifiziert?

Weil er die klassische bürgerliche Weltanschauung so sehr mit dem Bürgertum gleichsetzt, dass für ihn deren Niedergang (abgesehen vom wirtschaftsliberalen Teil) auch den Niedergang der sie vertretenden Klasse bedeuten muss?

Vor allem weil er (und in seinem Falle muss man sagen: erstaunlicherweise) nicht merkt, dass sich bürgerliche Interessen (sozialer und politischer Art) postmodern mindestens ebenso gut begründen und vertreten lassen wie auf klassisch-liberale Weise?

Weil die sozialpolitischen Rücksichtnahmen auf den weltanschaulichen Gegner im Osten sich 1991 noch so stark (sozialer Interessenausgleich, gebändigter Kapitalismus) auswirkten, dass man sich leichter irren konnte über die wahre Natur des westlichen Systems. Die folgenden 20 Jahre mit ihrer Demontage des Versorgungs- und Sozialstaates sahen schon anders aus.

Weil die ersten Siege des Neoliberalismus den westlichen Sozial- und Fürsorgestaat in seinen Grundzügen noch nicht angetastet hatten und er damit noch nicht als radikale Infragestellung des staatlich garantierten Massenkonsums in Erscheinung getreten war?

Weil in der soziologischen und sozialhistorischen Forschung zu diesem Zeitpunkt nur noch vereinzelte Stimmen erklangen, die nach wie vor auf der Weiterexistenz der bürgerlichen Gesellschaft und folglich auf der sozialen und politischen Vorherrschaft des Bürgertums bestanden? Das hat sich inzwischen geändert – prominentester Fürsprecher im deutschsprachigen Raum für eine weiterhin existierende bürgerliche Gesellschaft ist wohl Hans-Ulrich Wehler.

Resultat und Ausblick

Nach dem zu Recht postulierten Ende des Konservativismus (da dessen adelige Vertreter bestenfalls noch als Besitzende ins bürgerliche Lager wechseln können, um sozial relevant zu bleiben – aber als Bürgerliche!) wollte Kondylis nun in seinem ›Niedergang‹ – zumindest weitgehend? – die nächste soziale Klasse zu Grabe tragen (da das Bürgertum seine Herrschaft nicht mehr mit dem klassischen Liberalismus zu begründen vermag oder begründen will); oder doch zumindest ihr baldiges Sterben untersuchend begleiten. Diese Grablegung erfolgte aber aus unserer Sicht deutlich zu früh; und sie wäre eine Grablegung, die erstmals ohne Gewalt oder Krieg und vor allem ohne soziale und politische Revolution erfolgt wäre – etwas, was wir für den Adel als Klasse sofort als absurd erkennen würden.

Kondylis selbst traut seiner These vom Ende des bürgerlichen Zeitalters, die er vermutlich der soziologischen und sozialhistorischen Literatur seiner Zeit entnahm, nicht ganz über den Weg. Das Ende des Bürgertums als Klasse hat er zwar expliziert postuliert, um dann doch wieder zurückhaltender von einem Ende der Bürgerlichkeit und des klassischen bürgerlichen Denkens zu reden, die nur ein Merkmal der sozialen Klasse Bürgertum ausmacht. Dennoch drängt sich dem Leser dieser Eindruck auf, da Kondylis auch nicht das Gegenteil behauptet. Kennt man dazu noch das »vergessene Bürgertum« (Rilling) als zeitweise dominierendes Phänomen in der Soziologie, so ist der Eindruck vom Ende des Bürgertums nach der Lektüre von Der Niedergang der bürgerlichen Denk- und Lebensform schwer abzuwehren und vermutlich vom Autor auch so intendiert gewesen (obwohl er durchaus in einer ganzen Reihe von Textabschnitten des ›Niedergangs‹ anderes schreibt).

Aus dem Niedergang der klassischen bürgerlichen Denk- und Lebensform auf das Ende der bürgerlichen Klasse und der bürgerlichen Vorherrschaft in der kapitalistischen Gesellschaft zu schließen, war voreilig. Diese These konnte Kondylis unmöglich nur ideengeschichtlich begründen, wie ihm – als an Marx und Engels geschulter Denker und Forscher – klar war, deshalb unterfüttert er sie in unzureichender und widersprüchlicher Weise mit verstreuten und letztlich nicht überzeugenden Versuchen soziologischer und sozialhistorischer Argumentation. Es fehlen die Klarheit und Entschiedenheit, die wir von Kondylis aus anderen Fragestellungen kennen.

Stattdessen kann man im analytisch-kombinatorischen Denken eine neue Spielart bürgerlicher Herrschaftsideologie sehen. Es ist bedauerlich, dass Kondylis zwar die Vorteile postmodernen Denkens für die Ausübung von Macht gesehen, diese Macht aber nicht länger der bürgerlichen Klasse zugeordnet hat. Es handelt sich nach unserer Überzeugung bei der Ideologie der Postmoderne um eine Denkweise, die die bürgerliche soziale, wirtschaftliche und politische Vorherrschaft verschleiert und begünstigt. Diese Verschleierung hat auch Kondylis begünstigt, als er die Postmoderne mit etwas Nicht-bürgerlichem, Nachbürgerlichem gleichsetzte, weil er ihr ihre eigenen Äußerungen ein wenig zu sehr glaubte (so einfach ist die Beziehung zwischen Basis und Überbau nicht). Aber die Postmoderne als Denkform wurde von Bürgern geschaffen und von Bürgern gefördert – so ›antibürgerlich‹ kann sie im sozialen Sinne nie gewesen sein (vielmehr war sie wohl eine ›Anti-Bürgerlichkeit‹). Sie eignet sich als Überbau der Massendemokratie offensichtlich hervorragend – aber diese Massendemokratie ist keine postmoderne Erscheinung, sondern noch immer eine moderne. Erst das Ende des Kapitalismus und damit auch des Bürgertums wird uns eine neue, nicht-bürgerliche Gesellschaftsform geben (erste Versuche gab es schon, die sich als nicht dauerhaft erwiesen) – aber sie kann niemals mit dem postmodernen Denkstil erreicht werden, der nur das Bestehende bejaht und sich so niemals als eine Ideologie erweisen wird, mit der man eine neue Gesellschaftsform denken, geschweige denn die alte abschaffen kann (Revolutionen macht man im Namen der Wahrheit, nicht im Namen von ›man weiß es nicht so genau‹).

All dies erklärt vielleicht auch, dass der ›Niedergang‹ oft als das populärste innerhalb der Werke von Kondylis erscheint: es leistet (bei allem Erkenntnisgewinn!) genau das, was auch Teile von Soziologie und Geschichtsschreibung leisten – die Verschleierung bürgerlicher Herrschaft und die Bestätigung vermeintlich alternativloser Ausweglosigkeit. So wird es auch ganz konsequent von fernsehtauglichen Philosophen einem interessierten Massenpublikum an den Bildschirmen empfohlen. Ganz anders argumentieren dagegen etwa Wehler 2001 oder Fischer 2004, beide mit guten Beobachtungen, die bestätigen, was Fischer selbst schreibt: »Die Kategorie ›Bürgerliche Gesellschaft‹ kann analytisch nur fruchtbar sein als eine bis in die Gegenwart dynamisch fortlaufende, historisch-soziologisch angereicherte Kategorie«. (114)

Diese Verschleierungsleistung des Bürgertums ist wohl ein historisches Novum. Bisherige herrschende Klassen haben sich ihrer Herrschaft nicht geschämt, sondern fanden Gefallen daran, sie offen zu vertreten. Die Gleichheitsforderung und die Bedrohung durch den Marxismus und seiner diversen verbürgerlichten Ableger (›Demokraten‹) machten und machen diese offene Herrschaftsausübung aber offensichtlich seit Jahrzehnten unmöglich. Ob die massiven Erfolge des (bürgerlichen) Neoliberalismus bei der Gestaltung von Politik, Gesellschaft und Wirtschaft daran etwas ändern, wird sich noch zeigen müssen.

Zitatsammlung

Um dem Leser die Überprüfung der Grundthese dieses Aufsatzes zu erleichtern, hier einige Zitate aus dem Niedergangsbuch und anderen Werken.

»Der neuen Phase in der Geschichte des Kapitalismus entspricht eine neue Phase in der Geschichte des Bürgers und des Bürgertums« (Niedergang, 184)

»Trotz dieser Zusammenwirkung von mehreren heterogenen Faktoren in einem fast unentwirrbaren Geflecht dürfen wir legitimerweise von bürgerlicher Philosophie genauso reden wir auch den Terminus ›Bürgertum‹ bei aller inneren Vielfalt, ja Widersprüchlichkeit seines soziologischen Gehalt nicht entbehren können« (Niedergang, 134f)

»›Das‹ Bürgertum war ja selbst eine höchst heterogene Schicht, deren Grenzen nach oben und nach unten immer schwer definierbar blieben« (Niedergang, 134)

»Die hier getroffene Unterscheidung zwischen faktischem und idealem Handeln … hängt … mit der soziologisch gleichermaßen notwendigen Unterscheidung zwischen Bürgertum und Bürgerlichkeit zusammen, welche besagt, daß nicht alle Menschen, die von ihrer materiellen Lage und ihrem Beruf her als Bürger zu bezeichnen waren, dem bürgerlichen Lebensstil folgten und sich der bürgerlichen Symbolsysteme bedienten. Umgekehrt konnte es sich freilich auch verhalten: dank der Wirkung der sogenannten ›Kultursenkung‹ bemühten sich solche Schichten um die Übernahme der genannten Symbolsysteme und Lebensformen, die auf Grund ihrer Stellung im Produktions- und Distributionssystem keine Bürger, höchstens ›Kleinbürger‹ waren.« (Niedergang, 37)

»Die bürgerliche ökonomische, politische, ethische und kulturelle Praxis wurde nicht immer direkt und bewußt aus der bürgerlichen Weltanschauung abgeleitet, wie sie im Vorigen geschildert wurde; die handelnden bürgerlichen Subjekte mußten sich also nicht über bestimmte Deutungen der Natur, des Menschen oder der Geschichte im Klaren sein, um in einer Art und Weise tätig sein zu können, die als bürgerlich bezeichnet werden darf.« (Niedergang, 37)

»Auch in diesem Falle hing die Verschiebung auf der Ebene der Theorie mit einer Abschwächung der sozialen Stellung des Bürgertums zusammen … so konnte er sich als solcher von dem Augenblick an nicht mehr behaupten oder entfalten, in dem an die Stelle des Familienunternehmens Konzerne, Trusts oder Banken traten, deren Funktionieren auf eine eigenständige und bleibende Schicht von Spezialisten, Technikern und Verwaltern angewiesen war« (Niedergang, 183)

»Wir sind in die Phase eingetreten, in der das Bürgertum bzw. die Unternehmerklasse, wie alle anderen Schichten und Gruppen auch, auf die Maßnahmen … des Staates angewiesen ist …« (188)

»… der Bürger ist längst tot, und der Unternehmer oder Manager, die an seine Stelle getreten sind …« (Niedergang, 208)

»Die frühe und rasche Verbreitung sowie die zunehmende Salonfähigkeit von Kulturgut, das ursprünglich in den unteren sozialen Schichten beheimatet war (Tango, Jazz etc.) bildet ein zusätzliches Zeichen für den Sieg des Bohemiens, der Halbwelt - und der Massengesellschaft über den Bürger« (Niedergang, 66)

»Das Bürgertum, das inzwischen kein Bürgertum im vollen historischen und soziologischen Sinne des Wortes mehr ist, sondern im großen ganzen ebensoviel wie die Unternehmerklasse bedeutet, weiß, daß es den Einfluß über den Staat mit demokratischen Kräften teilen muß; da Wirklichkeit und Macht dieses Staates ohnehin unübersehbar sind, so ist es gezwungen, um solchen Einfluß zu kämpfen – und dieser Kampf ist Kampf um den Einsatz eines Staates, der nicht mehr der bürgerliche sein kann, für bürgerliche Zwecke« (Niedergang, 187f)

»Solange der bürgerliche Liberalismus seine oligarchischen Züge mehr oder weniger intakt bewahrte, konnte oder wenigstens wollte er den Staat für die eigenen Zwecke einsetzen, obwohl man andererseits unterstreichen muß, daß ihm dies nie auf der ganzen Linie gelungen ist, da er die politische Herrschaft bald mit dem Adel, bald mit einem starken Bauerntum, bald mit militärischen Bürokratien hat teilen müssen« (Niedergang, 187)

»Ein starker und effektiver Staat wird dann verlangt, wenn es um den Schutz bürgerlicher Eigentumsrechte und um die Verteidigung jener sozialen Ordnung geht, in der derartige Rechte gedeihen; solches Verlangen kann manchmal im Verzicht auf den politischen Liberalismus zur Rettung des wirtschaftlichen gipflen. Den demokratischen Forderungen nach politischer Lenkung der Wirtschaft und insbesondere dem Ausbau des Versorgungs- und Sozialstaates wird im Gegenteil die Losung ›weniger Staat!‹ gegenübergestellt.« (Niedergang, 187)

»Die historische und soziologische Analyse darf nicht der optischen Täuschung zum Opfer fallen, die aus der Verwechslung des Schicksals von physischen Personen mit dem Schicksal von geschichtlich-sozialen Typen und Kategorien entsteht. Zweifelsohne haben viele bürgerliche Familien über Generationen hinweg ihren höheren sozialen und wirtschaftlichen Status behaupten können, das haben sie aber in der Regel nicht als Träger der Bürgerlichkeit und der bürgerlichen Lebenshaltung und Wertskala getan, sondern ganz im Gegenteil nur insofern, als sie die Rollen und Funktionen haben übernehmen und bewältigen können, die in der neuen Lage den Ausschlag gaben; die Tatsache, daß sie bereits der oberen Sicht angehörten, gab ihnen allerdings gute Anfangschancen …« (Niedergang, 184)

»… der Begriff der Kultur … wurde selbst dann im allgemeinen für spezifisch bürgerlich gehalten, als das Bürgertum anfing, adelige Kultur- und Lebensformen zu übernehmen. Denn diese Übernahme erfolgte zu einer Zeit, in der sich das Bürgertum im Aufstieg befand, oder sogar erst nach seiner (wirtschaftlichen, wenn auch nicht politischen) Durchsetzung, als es der früheren polemischen Symbolik der Abgrenzung im Sinne des puritanischen Geistes oder des schlichten Klassizismus nicht mehr bedurfte, der Adel hingegen nur Prunk und Repräsentation anzubieten hatte. Bei aller Rede von der ›Feudalisierung des (Groß)Bürgertums‹ darf nicht vergessen werden, daß diese ›Feudalisierung‹ erst nach dem sozialen Tod des Feudalismus bzw. des Adels und dann wieder in beschränktem Umfang eintrat.« (Niedergang, 45)

»Die Durchsetzung der bürokratischen Organisation auf der Ebene des Großunternehmens und der Wirtschaft im allgemeinen bedeutete, daß manche spezifisch bürgerliche Eigenschaft oder Tugend überflüssig, wenn nicht schädlich wurde. Die speziellen technischen Kenntnisse werden nun wichtiger als die allgemeinen, die Kluft zwischen Arbeit oder Technik und Kultur vertieft sich« (Niedergang, 184)

»Das Bürgertum besaß soziale (vor allem wirtschaftliche) Macht viel früher als es zur ausschließlichen oder (sehr oft) geteilten politischen Herrschaft gelangen konnte. Der Widerspruch zwischen dem Besitz von (begrenzter) Macht und dem (weitgehenden) Fehlen von Herrschaft zwang zu ideologischen Kompromissen, die psychologisch gesehen den ambivalenten Zustand einer Klasse widerspiegelten, welche die traditionelle Weltanschauung der societas civilis herausfordern, gleichzeitig aber feststellen mußte, daß sich die Herrschaftsinstrumente in fremden Händen befanden, und daher (gern oder ungern) dazu neigte, ihre Herausforderung inhaltlich zu mäßigen, teils in die Sprache des Gegners zu übersetzen, also formal abzuschwächen« (Niedergang, 24)

»Die soziale Vorherrschaft des Bürgertums dauerte nicht lange, wenn man universalgeschichtliche Maßstäbe anlegt; außerdem mußte sie sehr oft mit anderen Klassen oder Schichten geteilt werden – in manchen Ländern mit den noch immer mächtigen Überbleibseln des Adels, in anderen mit einem selbstbewußten Bauerntum und schließlich in zunehmendem Maße mit der organisierten Arbeiterbewegung innerhalb der sich formierenden Massengesellschaft und -demokratie« (Niedergang, 51)

»Das Bürgertum war die erste Klasse in der Geschichte, die den eigenen Herrschaftsanspruch mit der grundsätzlichen Forderung nach Öffnung der Gesellschaft und nach freier Entfaltung der in ihr miteinander konkurrierenden Kräfte verbunden hat. Die scheinbare Paradoxie bestand also darin, daß bürgerliche Herrschaft nur im Rahmen einer ökonomisch, sozial und ideologisch pluralistischen Gesellschaft möglich war. Natürlich bemühte sich das Bürgertum nach Kräften, diesen Pluralismus in den Grenzen zu halten, die für das Funktionieren des Systems unbedingt erforderlich waren, dies konnte indes nur teilweise und nur vorläufig gelingen. Die freie Konkurrenz innerhalb einer prinzipiell offenen Gesellschaft, die ständische Schranken nicht mehr kannte, entwickelte die eigene Dynamik und Logik, so daß aus dem Schoß dieses selben Pluralismus, der für die Entfaltung der sozialen und politischen Tätigkeit des Bürgertums unentbehrlich war, die Feinde von Bürgertum und Bürgerlichkeit hervorgehen mußten.« (Niedergang, 51)

»Die Parole von der Dekadenz kam bereits bei den Vorläufern der Moderne, also zu einer Zeit auf, als sich das Bürgertum auf dem Höhepunkt seines Selbstgefühls als Macher der Geschichte befand, und sie wandte sich gegen die bürgerliche Fortschrittsidee, von der sich der Ästhet in seinem elitären Bewußtsein aus zwei Gründen absetzen wollte: einerseits weil er das philisterhafte Bedürfnis nach Sicherheit überhaupt verabscheute und daher im Glauben an den Fortschritt einen schlauen Kunstgriff des Bürgers erblickte, der zusätzliche Geborgenheit in angeblichen Gewißheiten über den Geschichtsablauf suchte; und andererseits weil die Fortschrittsidee bei allen ad hoc Modifizierungen und Abwandlungen von Bürgerlichen, Demokraten und Sozialisten gleichermaßen geteilt wurde, was ihre Vulgarität zu bestätigen schien. Gerade diese antisozialistische Spitze der Dekadenzideologie und Stimmung machte in einer späteren Phase, als der Feind von unten übermächtig wurde, Teile des Bürgertums für sie empfänglich, was wiederum auf der linken Seite des politisch-literarischen Spektrums die propagandistisch nützliche optische Täuschung entstehen ließ, die ›dekadenten‹ Ästheten hätten ursprünglich ›bürgerlich-reaktionäre‹ Idee artikuliert« (Niedergang, 60)

»Populismus ist demnach die Art und Weise, wie der Gegensatz zwischen dem Grundsatz der allgemeinen Gleichheit und der (vorläufigen) faktischen Herrschaft einer Elite unter den Bedingungen massendemokratischer Politik (vorläufig) überbrückt wird« (Niedergang, 199)

»Dennoch hat die Massendemokratie die Gleichheit des Herrschens ebensowenig verwirklicht wie die Gleichheit des Konsumierens« (Niedergang, 198)

»Dieser Aspekt des Problems deutet schon auf das Bemühen der Demokraten hin, den bürgerlich-liberalen Topos vom Individualismus derart umzudeuten, daß sich aus dem individualistischen Grundsatz ein materielles Gleichheitsideal ergeben müßte« (Niedergang, 175)

»Aber auch nach dem gänzlichen oder teilweisen politischen Sieg des Bürgertums zeichnete sich die Hauptströmung bürgerlicher Ideologie durch die Suche nach dem juste milieu aus – diesmal … im Hinblick auf die Gefahr von unten, zumal sich die Ideologen der sozialen Demokratie ursprünglich bürgerliche Parolen zu eigen machten, um ihnen neuen Inhalt zu geben. Dadurch wurde das Bürgertum in die Enge getrieben, und es sah sich gezwungen, sich von der radikalen Uminterpretation der eigenen Schlagworte zunehmend zu distanzieren …« (Niedergang, 24)

»Im Spannungsfeld des Dilemmas eines Staates zu bedürfen, der nicht mehr (ganz) bürgerlich ist, und diesen Staat zu bekämpfen, weil er nicht mehr der bürgerliche sein kann, gestaltet sich die zeitgenössische ›konservative‹ [gemeint ist hier: bürgerliche] Einstellung dem modernen Staat gegenüber. Sie spiegelt zunächst die Tatsache wider, daß das Bürgertum nicht nur nicht allein herrscht, sondern auch die Zuversicht des Herrschers verloren hat und auf Gnade des Staates, zumal seiner Wirtschafts- und Finanzpolitik lebt. Dieser Verlust von Zuversicht, der gleichzeitig ein Verlust von Lebensfähigkeit bedeutet, macht sich z.B. daran bemerkbar, daß sich das Bürgertum und seine ›konservative‹ politische Vertretung mit gemischten privat-staatlichen Eigentumsformen in der Industrie oder mit der Idee und der Tatsache der Staatskontrolle versöhnt, wenn dies eine ungefährdete Gewächshausexistenz verspricht und gestattet.« (Konservatismus, 48)

»Die zeitgenössische weltweite soziale Wirklichkeit, in der der Trichter der Massendemokratie jede andere Hierarchie außer derjenigen des Reichtums nivelliert hat, wird andererseits auf ein ebenso flaches Weltbild projiziert, auf dem die säkularen Entsprechungen der waagerechten und senkrechten sozialen Mobilität herrschen, das heißt die stete Herstellung und Auflösung der vielfältigsten Kombinationen.« (Seite 12 der Online-Fassung unter http://kondylis.net/Interview2,2.pdf abgedruckt in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie, 60.Jahrgang, 2012, Heft 3, Seite 397-418)

»Das Prickelnde ist, dass die Anhänger des vorläufig kapitalistischen Liberalismus von fast derselben Geschichtsphilosophie ausgehen wie früher die Marxisten: Sie reden, als durchlaufe die Geschichte, wenn auch nach vorläufigen Umwegen, eine geradlinige Fahrstrecke, an deren Ende zwangsläufig eine einheitliche und friedliche Welt stehe. Ebenso meinen die Anhänger des Liberalismus wie die Marxisten, dass die ökonomischen Faktoren, das heißt die Entfaltung der produktiven Kräfte und die Verschachtelung der Wirtschaften, die bewegenden Kräfte des historischen Fortschritts darstellen, die den Krieg durch den Handel ersetzen werden. In verschiedenen Texten habe ich die gemeinsamen Voraussetzungen der marxistischen und der liberalen Utopie aus der Sicht der Ideengeschichte analysiert. Wie die Marxisten den Schiffbruch ihrer Utopie erlebt haben, so werden die Liberalen in Kürze vor den Ruinen ihrer eigenen Utopie stehen, welche die fürchterlichen Kämpfe der Güterverteilung im 21. Jahrhundert zerstören werden.« (Seite 21 der Online-Ausgabe unter http://kondylis.net/Interview2,2.pdf, abgedruckt in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie, 60.Jahrgang, 2012, Heft 3, Seite 397-418)

»Der interessenorientierte und kalkulierende homo oeconomicus war gewiß ein Konstrukt bürgerlich-liberalen Ursprungs, dieses Konstrukt umspannte aber nicht das ganze Spektrum bürgerlich-liberalen Denkens, sondern es bestand und wirkte neben heterogenen oder gar entgegengesetzten ethischen und anthropologischen Motiven.« (Das Politische und der Mensch , I.2. Seite 32)

»Hayek spricht sich ja nicht für den Individualismus schlechthin aus, sondern für den ›echten‹, der sich von Tradition, Konvention, Familie etc. nicht lösen will . Es handelt sich hier um die bekannten Thesen des vornehmlich mit Röpkes Namen verbundenen ›Neoliberalismus‹, welcher in Wirklichkeit den Versuch einer Rückkehr zum klassischen, sich gegen demokratische und ›jacobinische‹ Tendenzen abgrenzenden Liberalismus bildete. Der liberale Individualismus wird in diesem Denkschema vorbehaltlos gegen den ›totalitären‹ Kollektivismus sowie gegen einschneidende Eingriffe des (westlichen) Staates in Wirtschaft und Privateigentum gutgeheißen; er wird hingegen sehr mißtrauisch angesehen, sobald er sich im Bündnis mit dem Militarismus und dem Eudämonismus in einen planenden Rationalismus verwandelt und eine wohlfahrtsstaatliche Massendemokratie schafft; ein solcher Rationalismus, mag er sich im Namen von Schutz und Wohlstand des Individuums betätigen, führe den Kollektivismus durch die Hintertür ein.« (Das Politische und der Mensch II.,2.C.a., Seite 142)

Literatur

STEFAN BREUER: Interview mit Harald Dietz (http://kondylis.net/InterviewBreuer.pdf), 2015
JOACHIM FISCHER: Bürgerliche Gesellschaft. Zur historischen Soziologie der Gegenwartsgesellschaft; in: Albrecht, Clemens (Hg.), Die bürgerliche Kultur und ihre Avantgarden, Würzburg 2004, S. 97-119 http://fischer-joachim.org/B%FCrgerliche%20Gesellschaft%202004.pdf
P. Furth: Über Massendemokratie. Ihre Lage bei Panajotis Kondylis, in: Merkur 2/2009, online unter http://www.eurozine.com/articles/2009-02-09-furth-de.html (zitiert als ›Furth‹)
PANAJOTIS KONDYLIS: Der Niedergang der bürgerlichen Denk- und Lebensform, Weinheim 1991 (zitiert als ›Niedergang‹)
DERSELBE: Planetarische Politik nach dem Kalten Krieg, Berlin 1992 (zitiert als ›Planetarische Politik‹)
DERSELBE: Das Politische und der Mensch, Oldenbourg 1999 (zitiert als ›Das Politische‹)
DERSELBE: Das Politische im 20.Jahrhundert, Heidelberg 2001 (zitiert als ›Das Politische im 20. Jahrhundert‹)
DERSELBE: Die Aufklärung im Rahmen des neuzeitlichen Rationalismus, Stuttgart 1981 (zitiert als ›Aufklärung‹)
DERSELBE: Konservativismus. Geschichtlicher Gehalt und Untergang, Stuttgart 1986 (zitiert als ›Konservativismus‹)
DERSELBE: Die Geschichte lauert. Sozialontologie, Macht und die Zukunft des Griechentums (Interview von 1998 mit Spyros Koutroulis), online unter http://kondylis.net/Interview2,2.pdf, abgedruckt in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie, 60.Jahrgang, 2012, Heft 3, Seite 397-418 (zitiert als ›Interview 1‹)
DERSELBE: Interview mit D. Tsaknias, erstmals erschienen in »Diavazo«, 1998; übersetzt von Anastasia Daskarolis, in: Etappe 22, Mai 2015 (zitiert als ›Interview 2‹)
ALFRED MEUSEL: (Art.) Bürgertum, in: A. Vierkandt (Hg.): Handwörterbuch der Soziologie, Stuttgart 1931, S.90f. (zitiert als ›Meusel‹)
RAINER RILLING: Das vergessene Bürgertum. Über eine Unterlassung der Politischen Soziologie, in: Das Argument 131 (1982) S.34-47 http://www.rainer-rilling.de/texte/buergertum.htm (zitiert als ›Rilling‹)
HANS ULRICH WEHLER: Deutsches Bürgertum nach 1945: Exitus oder Phönix aus der Asche, Geschichte und Gesellschaft 27 (2001), S.617-634 http://www.jstor.org/stable/40185871?seq=1#page_scan_tab_contents (zitiert als ›Wehler‹)

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