Ulrich Schödlbauer

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Die auseinandergelogene, die zusammengelogene und die zurechtgelogene Welt

Die auseinandergelogene, die zusammengelogene und die zurechtgelogene Welt üben den gemeinsamen Brückenschlag. Dem militärischen Laien mag das als eine leichte Übung erscheinen. Doch die beteiligten Streitkräfte wissen, vom Befehlshaber bis herunter zum letzten Rekruten, um das diffizile, unendlich abstimmungsbedürftige Zusammenspiel der dabei zum Einsatz kommenden Waffensysteme und sind gewarnt. Was für den Einzelnen gilt, das gilt auch für Armeen und die Welten, die sie entsenden. Wer sich eine Welt zusammenlügt, versteht leicht die Welt nicht mehr, sobald sie von einem anderen auseinandergelogen wurde. Da stimmt kein Anschluss, die Munition passt nicht zueinander, die Befehle widersprechen einander, selbst die Feindbilder stimmen nicht: eine vollkommene Konfusion, die leicht den Exitus im Felde nach sich ziehen kann, sobald der Feind von ihr Wind bekommt. Wer selbst dort, wo er nichts weiß, weiß, wie alles mit allem zusammenhängt, der weiß aus dem Grunde seines Herzens, dass derjenige lügt, der bestreitet, dass etwas mit etwas zusammenhängt, auch wenn dafür die eindeutigsten Belege auf dem Tisch liegen. »Belege sind keine Beweise«, schreit der Auseinanderlügende, sobald er des Zusammenlügenden ansichtig wird. »Das sind Hirngespinste, jawohl!« Der Zusammenlügende, bereits erhitzt, lässt ihn kaum ausreden: »Wer leugnet, was wir wissen, der leugnet die Wissenschaft, und wer die Wissenschaft leugnet, der leugnet die Welt, und wer die Welt leugnet, der leugnet sich selbst, und wer sich selbst verleugnet, was ist der? Gibt es ihn überhaupt? Nein, es gibt ihn nicht. Wenn es ihn aber nicht gibt, dann gibt es nur mich und meinesgleichen. Alles andere sind Verschwörungstheorien.«

Wer nun glaubt, der Zurechtlügende träte als Vermittler zwischen die beiden, auf dass alles gut würde, der versteht die zurechtgelogene Welt schlecht. Weit davon entfernt zusammenzubiegen, was als Lüge auseinanderklafft, verteilt er Fleißkärtchen an die beiden und bittet sie, die Ergebnisse ihrer Recherchen an einem vorbestimmten Platz abzulegen, auf dass er zur vorbestimmten Stunde davon einen vorbestimmten Gebrauch machen kann. Stolz darauf, dem Zurechtlügenden, den er insgeheim bewundert, zu Diensten sein zu können, rafft der Auseinanderlügende seine Belege, aus denen eindeutig hervorgeht, dass nichts auseinander hervorgeht, jedenfalls nichts von Bedeutung, und schichtet sie zu einem Haufen zusammen. »Das ist fein«, ruft der Zurechtlügende, »das hilft uns sehr«, und er tritt mitten in den Haufen, dass alles auseinanderfällt. Der Zusammenlügende, gewitzt ob dieser Art der aneignenden Beweisführung, gedenkt es besser anzustellen und sucht das Ohr des Zurechtlügenden. »Wisse«, flüstert er kaum vernehmlich, »ich weiß, dass du die Macht bist, ich weiß aber auch, dass hinter dir andere Mächte stehen, ganz andere, hinter denen wieder andere und so fort: du weißt, wovon ich rede. Wenn wir uns hier auf einen Deal einlassen, dann muss es ein richtiger sein, an dem wir beide unsere Freude haben. Wie wäre es, wenn ich dir meine Beweise erspare, die ohnehin alle auf einen Punkt hinauslaufen, und wir beide zusammenlegten, ganz ohne Hintergedanken und falsche Ausgänge?« – »Meine Rede!« freut sich der Zurechtlügende, »aber wie soll das gehen? Ich behaupte, dass alles miteinander zusammenhängt, und schlage jedem aufs Maul, der von sich behauptet, die Zusammenhänge zu kennen. Was ein Zusammenhang ist, bestimme ich, und zwar von Fall zu Fall, so wie es mir nützt. Was soll mir da deine Gefolgschaft?«

»Sehr einfach. Solange ich hingehe und behaupte, du wüsstest um die Zusammenhänge, hättest aber Grund, dich in der Praxis naiv zu stellen, bewundert dich alle Welt. Aus der Bewunderung fließt Furcht und aus Furcht Gehorsam. Das weiß doch jeder. Wenn ich aber behaupte, und zwar aus gutem Grund, du hättest keine Ahnung, wovon du redest, wenn du redest, du seiest in Wahrheit eine Marionette in fremden Händen, ins Spiel gebracht, um das Werk der Menschen von Grund auf zu zerstören, dann kann dir das im ersten Moment schnurzegal sein, weil nur ein Häufchen Aufgeregter und Gleichtickender auf meine Linie einschwenken wird, auf lange Sicht jedoch… Warum hörst du mir nicht zu? War dieser Satz zu lang für dich? Fürchtest du dich vor langen Sätzen? Langweilen sie dich, bloß weil du nichts davon verstehst? Verwirrt sich bereits dein Geist? Dann solltest du mir umso genauer zuhören. Du verfügst über die Macht und ich verfüge über die Macht, sie zu zerstören. Verstehst du das? Der Deal, den ich dir anbiete, besteht in Folgendem: »Ich gehe hin und behaupte, hinter dem Auseinanderlügenden stünde der Feind. Welcher Feind, wirst du fragen, zu Recht, und ich werde antworten: der unsichtbare Feind. Der unsichtbare Feind ist nicht unsichtbar, weil er sich hinter den sieben Bergen versteckt, sondern weil er jederzeit aus jedem von uns hervorbrechen kann. Du verstehst, was ich damit ausdrücken möchte? Wir alle sind Gefährdete und Gefährder. Wir beide, du und ich, wissen das und können uns und jeden, der sich unserem Schutz unterstellt, schützen. Der Auseinanderlügende hingegen … er darf nicht zugeben, dass hinter allem der Feind steht. Er hat also keinen Schutz zu bieten und wird dadurch zum Gefährder. Was trennt den Gefährder vom Feind? Wenig? Was trennt uns vom Gefährder? Unser Bündnis, was sonst? Ich werde hingehen und dich in der beschriebenen Weise denunzieren, und du wirst hingehen und den Auseinanderlügenden der Lüge bezichtigen. Ist das nicht einfach?«

Der Auseinanderlügende weiß nicht, was die beiden so lange munkeln, er fühlt sich nicht wohl in seiner Haut und wittert Zusammenhänge. Welche könnten das sein? Legen sie etwa zusammen? »Ich hab’s«, schließt er messerscharf, »sie sprechen miteinander, weil alle in der entstandenen Lage miteinander sprechen müssen. Warum sprechen sie nicht mit mir? Bin ich ihnen so überlegen? Der Zurechtlügende will meine Argumente nicht hören und der Zusammenlügende will nichts von ihnen wissen. Zwischen Hören und Wissen beziehungsweise Nichthören und Nichtwissen besteht ein alter Zusammenhang. Man nennt ihn Vernunft beziehungsweise Unvernunft. Sollten sie mich also in den nächsten fünf Minuten hinzuziehen, so ist das, was sich hier anbahnt, ein Pakt der Vernunft zwischen Unvernünftigen. Sollten sie mich allerdings nicht hinzuziehen, dann wäre es ein Pakt der Unvernunft zwischen Vernünftigen. Es wäre klug von ihnen, mich auszuschließen, aber nicht klug genug, um mich draußen zu halten. Wie gesagt: Nichts kann sie zusammenhalten als ein Pakt zwischen Lügnern, der eine Lüge ist.« Er steht ein wenig abseits, der Auseinanderlügende, aber der Zurechtlügende sieht die Gefahr und schlägt vor, ihn ins Boot zu holen. »Es ist wichtig, jemanden dabei zu haben, der Stein und Bein schwört, diese Dinge hätten nichts miteinander zu tun. Er ist brauchbar

Man sieht, so ein Bund macht sich leicht. Nur die Militärs haben die Scherereien. Wie sie damit umgehen, wird über das Schicksal der besten aller Welten entscheiden. Manche von ihnen meinen, diese Welt liege noch vor uns, sie asphaltieren Pisten in die letzten Dschungelgebiete des Planeten, um von dort Projektile direkt in die Zukunft starten zu lassen, andere hegen im Prinzip dieselbe Meinung, aber bevorzugen den Landweg und setzen auf schweres Gerät. Nicht dass sie den Lügen ihrer Vorgesetzten Wort für Wort Glauben schenkten, sie schlucken sie nur und nehmen anschließend Mittel gegen Magenbeschwerden. Zeige mir einen Militär mit intaktem Verdauungstrakt und ich beweise dir im Handumdrehen, dass du dich täuschst. Nur mit einem Feind, der jederzeit aus jedermann hervorbrechen und uns alle vernichten will, können sie nichts anfangen. Militär wird, wer jederzeit und unter allen Umständen für sich bürgen kann. Das ist sogar das Mindeste, denn ein Militär muss jederzeit und unter allen Umständen für seine Untergebenen bürgen, sogar für seine Vorgesetzten, auch wenn er für sie nichts kann. Die freie Wirtschaft hat es da leichter, sie kombiniert die Freiheit, am Markt krepieren zu können, mit der Freiheit, die Täuscher zu täuschen, selbst auf die Gefahr hin, unter den Opfern zu sein.

 

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