Wen dieser Engel überwand,
welcher so oft auf Kampf verzichtet,
der geht gerecht und aufgerichtet
und groß aus jener harten Hand,
die sich, wie formend, an ihn schmiegte.
Die Siege laden ihn nicht ein.
Sein Wachstum ist: der Tiefbesiegte
von immer Größerem zu sein.
Rilke

Kürzlich notierte ich: «Was für eine blöde Position: etwas zu verlieren fürchten. Oder zu deformieren fürchten. Wie erleichternd, immer schon verloren zu haben. Dasjenige.«

Keine Frage: vieles lässt sich nicht umkehren. Ein bestimmter Geschmack hat sich präzis einzufinden, selbst oft der Kontakt zum Partner, und es würde größere Verstörungen nach sich ziehen, wenn die Qualität, die als grundlegend schön und wohltuend empfunden wurde, stetig etwas daneben läge. Und doch gibt es Dinge, vielmehr Haltungen, die sich umkehren lassen. Es scheint geradezu zum Sinnvollen und Vernünftigen zu gehören, dies auch zu tun. Sowohl für den Einzelnen wie für ein Kollektiv.

In Rilkes Strophe ist die Rede von jemand, der «oft auf Kampf verzichtet«. Es gibt Situationen, in denen ist zu kämpfen, sonst erhält man schlicht oder unschlicht etwas übergestülpt, was ggf. nun gar nicht vertragen wird. Um die eigene Art zu entwickeln, ist an rechter Stelle zu kämpfen, sonst geht sie wohl eher unter oder verschiebt sich in Dimensionen, die niemandem guttun. Und doch ist es klug, Kampf einzustellen wo immer es geht. Was ebenso nötig dazu gehört, um «die eigene Art entwickeln zu können«. Weil dazu auch gehört, frei zu bleiben von Kontaminationen, die eben die eigene Art gefährden oder gar entmenschen. Ein Blick auf manchen Politiker macht sofort verständlich, was gemeint ist.

«Gerecht und aufgerichtet« kann wohl nur derjenige sein, der an nötiger Stelle kämpft und ansonsten Abstand hält zu den Kämpfen des Biegen-Wollens und der Verbiegungen.

Rilke geht in seinen Zeilen wohl von einer «Form« aus, die jeden Einzelnen übersteigt («. . . der geht gerecht und aufgerichtet / und groß aus jener harten Hand, /die sich, wie formend, an ihn schmiegte«). Die Einführung des Engels bereits im ersten Vers legt das Göttliche nahe, doch ebenso denkbar sind: das Objektivierte, das Kollektive. So oder so: Mächte und Kräfte, denen der Einzelne nicht gewachsen sein kann und, wie man weiß, die er auch wenig und immer wieder gar nicht beeinflussen kann.

Schon von daher wäre es eher dumm, «auf Sieg zu setzen«, womöglich in die «Ego-Falle« zu gehen. Und fast alle wissen es: siegen wollen evoziert und fördert Niederlagen. Und von da aus ist der Schritt nicht weit zu dem, was ich notierte: «Was für eine blöde Position: etwas zu verlieren fürchten. Oder zu deformieren fürchten. Wie erleichternd, immer schon verloren zu haben. Dasjenige.«

Beides: das Siegen wie «etwas zu verlieren fürchten«, enthält das Problem, etwas zu wollen. Und zwar etwas zu wollen, das nicht bis keinesfalls in der Macht desjenigen steht. Wer sich daran abarbeitet, kann das gegebenenfalls ein Leben tun.

Nun ist es unverzichtbar richtig, etwas zu wollen. Wer nichts will, ja was erhält er? Man muss etwas wollen, um überhaupt etwas tun zu können, ja: um die Identität, die benötigt wird, richtungsweise auch zu erreichen.

Das ist vorausgesetzt.

Doch wer darüber hinaus «die Dinge geschehen lassen kann« beziehungsweise: immer tiefer in wirklich sein Leben eintaucht und vordringt, den laden Siege nicht mehr ein. Sie sind nicht nur ethisch verwerfbar, sondern dann auch langweilig, ja störend. Rilke kehrt an dieser Stelle Historie und Geschichtsschreibung um sowie einen, bei Licht betrachtet, nicht sehr intelligenten archaischen Trieb, so kognitiv ausgeklügelt er auch daherkommt. Er kehrt das vordergründige Wollen, eben auch das Siegen-Wollen, diesen ungehörigen Eingriff in andere Leben, um in der «Figur« des Tiefbesiegten.

Von daher ist es nur scheinbar paradox, dass er in einem Feld des Wachstums angesiedelt ist.

Ein «Kunstgriff« dabei ist: Der Tief-Besiegte kann nicht mehr verlieren.

Er «gewinnt« nur noch, er wächst nur noch. Im Verständnis Rilkes ist es keine Figur der Stagnation. Während die Kämpfer und (ja immer) temporären Sieger unvermeidlich den (scheußlichen) Niederlagen entgegenzusehen haben.

Dass es in diesem «Stadium« um wirkliche Besonnenheit und Verbundenheit geht, zeigt bereits die erste Strophe des Gedichts «Der Schauende«:

Ich sehe den Bäumen die Stürme an,
die aus laugewordenen Tagen
an meine ängstlichen Fenster schlagen,
und höre die Fernen Dinge sagen,
die ich nicht ohne Freund ertragen,
nicht ohne Schwester lieben kann.

Es spricht ein Ich – falls es denn ein Ich ist –, das zu seiner Ängstlichkeit steht. Das «Stürme« kommen sieht, die einzubrechen drohen in das Selbst. Es sucht dabei die tiefe Verbindung, um dies zu ertragen; tiefe Verbundenheit wird realisiert in der Selbst-Suche und im Lieben und vor allem dann – eingedenk all dessen – im Schreiben.

 

 

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