Herbert Ammon
Verfehlungen des Opportunen als Wegzeichen der Revolution:
Amerika vor 1775/1776 und Frankreich bis 1791/1792

Die Betrachtung der neuzeitlichen Revolutionen unterliegt, je nach Perspektive und Intention, gegensätzlichen Deutungen. Die Konterrevolution erkennt seit Joseph de Maistre in der Revolution das Werk des Satans. Das Gegenbild, getragen vom Fortschrittsoptimismus des 19. Jahrhunderts, finden wir in Marxens Metapher von den Revolutionen als den ›Lokomotiven der Weltgeschichte‹. Hannah Arendts Lobpreis der Amerikanischen Revolution als constitutio libertatis, Gegenbild der an der sozialen Frage blutig gescheiterten Französischen Revolution, besticht durch ihr antitotalitäres Freiheitspathos, durch die Idealisierung der antiken Polis sowie die Parteinahme für die revolutionäre Rätedemokratie. Nicht von konservativen Skeptikern, sondern von Protagonisten der Revolution wie Camille Demoulins, Georg Forster und Maximilien de Robespierre selbst stammt das Bild von der Großen Revolution als einer Art unaufhaltsames Naturereignis, ein gewaltiger Strom, der anschwillt und alles mit sich reißt. (Arendt, 59-60)

Ungeachtet der Sichtweise geht es bei der »Anatomie der Revolution« (Crane Brinton) um die Analyse der vorrevolutionären Situation, um die Definition aller aufgestauten Konfliktmomente, die im kritischen historischen Moment zur – in der Regel gewaltsamen – Entladung führen, eine Umwälzung der alten Verhältnisse herbeiführen und in die Errichtung einer neuen Ordnung münden. Eine solche Beschreibung des Revolutionsverlaufs trägt Fragen nach historischer Zwangsläufigkeit oder Vermeidbarkeit, nach Opportunität und/oder Zufall, nach Determinismus und Kontingenz mit sich. Sie konkretisieren sich in Fragen wie: Wann wurde im Hinblick auf den revolutionären Gang der Ereignisse der point of no return überschritten? Wo lagen die entscheidenden Versäumnisse der Akteure, wo die Fehler? Zu welchem Zeitpunkt, durch welche Entscheidungen, mit welchen Maßnahmen hätte der anscheinend unaufhaltsame Lauf der Dinge noch abgewendet werden können?

Hypothetische Fragen (»Was wäre gewesen, wenn?«) gehören zum Werkzeug des Historikers. Im Blick auf Krieg und Revolution im vergangenen Jahrhundert drängen sich derlei Fragen geradezu schmerzlich auf. In der Julikrise 1914 mündeten Fehleinschätzungen des militärisch und politisch Opportunen, Unterlassungen und fehlerhaftes Kalkül in den I. Weltkrieg, die »Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts« (George F. Kennan). Aus den Realitätsverfehlungen im Jahre 1914 resultierten die welthistorischen Umbrüche: Ohne den August 1914 keine Februarrevolution und keine Oktoberrevolution 1917 in Russland; ohne die Fehlkalkulationen der Obersten Heeresleitung 1917 kein Kriegseintritt der USA, kein militärischer Zusammenbruch und keine Novemberrevolution 1918; ohne das Diktat von Versailles 1919 keine emotionale – und materielle – Basis für die ›nationale Revolution‹ 1933; ohne Versailles auch keine ›Bewegung des 4. Mai‹ in Bejing und keine chinesische Revolution 1919-1949.

Im Folgenden geht es um Aspekte der beiden für die moderne Geschichte grundlegenden Revolutionen, um Fragen zur Konfliktspirale im Verlauf der Amerikanischen Revolution und der Französischen Revolution. Die Loslösung der dreizehn Kolonien von England soll bis in die revolutionäre Entscheidungsphase 1775/76 verfolgt werden, die Große Revolution im langen Vorspiel vor 1789 sowie im ersten Akt 1789-1791.

I. Der Weg zur Amerikanischen Revolution

Die Fragen zur American Revolution bedürfen einer Erläuterung der Begriffsproblematik. Der Begriff ›Revolution‹ für den Unabhängigkeitskrieg der USA gegen die britische Krone ist dem amerikanischen Selbstverständnis eingeprägt und entspricht der in der englischsprachigen Historiographie üblichen Terminologie. Sinnfällig wird der Begriff vor dem für das »Zeitalter der demokratischen Revolutionen« (R.R. Palmer) bestimmenden ideellen Hintergrund der Aufklärung sowie angesichts der politischen Verflechtung der epochalen Umbrüche. (Palmer I, 5-26, 239-282; Palmer II; Reynaud) Mit Namen wie Marie-Joseph Marquis de Lafayette, Henri de Saint-Simon, den Brüdern Lameth sowie Thomas Paine, Benjamin Franklin und Thomas Jefferson tritt das verbindende revolutionäre Moment in der Neuen und Alten Welt in Erscheinung.

Das Ausbleiben von Terror – von Gewalttaten und Repressalien gegen die ›Tories‹ abgesehen – zählt zu den Glücksumständen der Amerikanischen Revolution. Immerhin taucht die phrygische Mütze als Freiheitssymbol in Amerika schon knapp zwanzig Jahre vor den Jakobinern in Frankreich auf. Was die vielfach vernachlässigten sozialrevolutionären Aspekte der Revolution anbetrifft, so verweist R. R. Palmer darauf, dass sie eine vergleichsweise weit höhere Quote von Emigranten um ihren Besitz brachte als die Große Revolution der Franzosen. Von den nach Kanada emigrierten loyalistischen ›Tories‹ gelangte nach dem Frieden von Paris (1783) nur eine verschwindende Minderheit in die USA zurück. (Palmer I, 188) Dass die amerikanische Revolution keine kirchenfeindlichen Züge annahm, ist der verbreiteten Religionsfreiheit und der auf schwacher Basis etablierten englischen Staatskirche zu verdanken.

Für den Historiker John C. Miller (Origins of the American Revolution, 1943) lag die Amerikanische Revolution in der Logik einer Entwicklung, die mit der Gründung der englischen Kolonien in der Neuen Welt einsetzte. Ungeachtet ihres im Gründungsstadium unterschiedlichen Rechtsstatus’ – Freibriefkolonien, Eigentümerkolonien, Kronkolonien – genossen die Kolonien bereits zu Beginn des 18. Jahrhunderts religiöse, soziale und politische Freiheiten, welche die Lockerung ihrer Bindungen an die englische Krone nach sich zogen. Aus den Schriften John Lockes und William Blackstones sowie aus der Erinnerung an die ›Glorreiche Revolution‹ in England von 1688/69 schöpften sie zudem ein politisches Selbstbewusstsein, das sich im Konflikt mit König und Parlament im fernen Mutterland revolutionär manifestierte.

Eine historische Alternative zu der von den Schüssen von Lexington und Concord am 19. April 1775 ausgelösten Amerikanischen Revolution erscheint aus dieser Sicht kaum denkbar. Sie übergeht indes gewisse Fakten, die einer Linearität der Entwicklung entgegenstehen. George Washington, der Kommandeur der amerikanischen Kontintentalarmee im Unabhängigkeitskrieg, diente ab 1755 im Siebenjährigen Krieg (French and Indian War) als Offizier der britischen Armee. Zu Zweifeln an der Loyalität der Kolonisten bestand bis zur Stempelsteuerkrise 1765-1766 kein Anlass. Als Gegenbeispiel dient zudem die Tatsache, dass die britische Krone gegenüber dem eroberten Quebec ab 1774 eine konziliante Politik verfolgte, so dass die militärischen Vorstöße der revolutionären Amerikaner 1775/1776 ˗ nicht anders als später im Krieg von 1812 – auf Widerstand der französischen Siedler stießen und scheiterten. Auch die britischen Siedler im nördlich angrenzenden Neuschottland schlossen sich der Sezession der dreizehn Kolonien nicht an. Wo also lagen die Ursachen für den Bruch mit dem Mutterland, wo die möglichen Alternativen auf dem Weg zur Revolution?

Der Konfliktstoff

Der Konfliktstoff war im Ökonomischen angelegt, doch entzündete er sich im Politischen. Es ging um Streitfragen, die aus dem seit dem Frieden von Utrecht 1713 von England betriebenen, ab 1763 forcierten Ausbau des ersten britischen Empire erwuchsen.

Das merkantilkapitalistische System Englands, begründet mit der Navigationsakte (1651) unter Oliver Cromwell, im 18. Jahrhundert durch diverse Acts of Parliament ausgebaut, brachte für die Kolonien an der amerikanischen Atlantikküste keineswegs nur Nachteile. Es sicherte den Plantagenbesitzern im Süden und den Farmern in den mittleren Kolonien einen stabilen Absatzmarkt in England, begünstigte den Export von Fellen, Holz sowie Materialien für den Schiffsbau. Ein Gesetz wie das Molasse Act (1733), das den Import von Molasse und Zucker aus den französischen Kolonien vermittels Strafzoll drosseln sollte, tat der Herstellung (und dem Konsum) von Rum in Neuengland keinen Abbruch. Nicht zuletzt erwies sich der Schmuggel mit den nichtenglischen Kolonien in der Karibik für die Kaufleute von Boston bis Savannah als profitable Einkommensquelle. Der Handel der Kolonien untereinander über die Häfen an der Atlantikküste konnte sich ungestört entfalten, was wiederum die Herausbildung einer politischen Interesseneinheit begünstigte.

Andererseits bot das auf englische Interessen ausgerichtete dirigistische System hinreichend Grund für kolonialen Unmut. Die bereits 1699 beschlossene – gegen Irland und Amerika gerichtete – ›Woll-Akte‹ behinderte den Aufbau einer einheimischen Textilindustrie. Für Ärger mochte die ›Hut-Akte‹ (1732) sorgen, welche die Zahl der – hauptsächlich mit der Herstellung von Bibelfellmützen beschäftigten – Hutmacher in den Kolonien begrenzen sollte. Ein Gesetz wie das Iron Act von 1750, welches Roheisen aus den Kolonien von englischen Importzöllen befreite, gleichzeitig den weiteren Ausbau der kolonialen Eisenindustrie einschränken sollte, illustriert die Zwiespältigkeit – und die geringe Effektivität – der englischen Handelspolitik. Der erste Teil des Gesetzes wirkte zugunsten der kolonialen Produzenten, der zweite Teil wurde ignoriert, in Pennsylvania, New Jersey und Massachusetts mit Prämien für neue Produktionsstätten sogar konterkariert. (Morison-Commager, 111).

Als gravierendster Konfliktpunkt wirkte die merkantilistische Währungspolitik. Das Parlament in Westminster verbot 1751 den Export von Münzgeld in die Kolonien und untersagte die Prägung eigener Münzen aus den über den Handel mit den ausländischen Karibikinseln zufließenden Edelmetallen sowie – in einem weiteren Currency Act von 1764 – die Ausgabe von Papiergeld. Der in einigen Kolonien als Verrechnungseinheit dienende ›spanische Dollar‹ war überbewertet. Als Folge verteuerten sich aus England importierte, in Sterling berechnete Waren. Die Handelsbilanz der Kolonien mit dem Mutterland war somit stets negativ. Andererseits konnten sich Produktion und Handel in und zwischen den Kolonien durch die Einführung von Papiergeld (sog. bills of credit) oder – in einigen Kolonien – von ›Landbanken‹ ausgegebenen Schuldverschreibungen (fiat money) auf Landbesitz – um den Preis steter Inflation – entfalten. (Ibid., 112-114) 1754 ventilierte man in England die Idee einer einheitlichen Landbank, die Geld für alle Kolonien bereitstellen sollte. Als die Kolonien erfuhren, dass alle Leihzinsen an den König in England gehen sollten, wiesen sie das Konzept zurück.

Zehn Jahre später, zu Beginn des Stempelsteuer-Konflikts 1765, machte Benjamin Franklin den Vorschlag einer für alle Kolonien zuständigen Kontinentalbank. Die ständige Weigerung Englands, so stellte er fest, eine einheitliche Währung zuzulassen, lockere die Bindungen der amerikanischen Provinzen an das Mutterland. Noch am Vorabend der Revolution 1775 verbot die englische Regierung jegliche Ausgabe von Papiergeld in den Kolonien. (Newel)

Vorspiel der Revolution: Die Stempelsteuerkrise 1765- 1766

Streitigkeiten der Kolonien an der Atlantikküste mit dem Mutterland brachen unmittelbar nach dem britischen Sieg über Frankreich und dem Frieden von Paris (1763) auf, der mit der Abtretung Kanadas die Siedler von der französischen Gefahr im Norden und Westen befreite. Dankbarkeit zählt indes nicht zu den politischen Tugenden. Als erstes erregte die im Oktober 1763 erlassene königliche Proklamation, welche die Siedlungsgrenze gegenüber den Indianergebieten im Westen auf den Kamm der Appalachen festlegte, den Ärger landhungriger Siedler und Spekulanten. Zum offenen Konflikt führte sodann die Steuerpolitik der englischen Regierung, die das territorial gewachsene Empire durch Ausbau von Flotte und Heer sichern wollte und sich zur Aufbesserung der ausgelaugten Staatsfinanzen genötigt sah.

Abgesehen von der merkantilistischen Zollpolitik waren die amerikanischen Kolonien dem englischen Fiskus entrückt, Steuern erhoben die von den Kolonisten gewählten Assemblies aus eigenem Recht und zu eigenen Zwecken. Das Konzept einer Lastenverteilung zwischen Mutterland und Kolonien, wie es der Whig-Regierung unter Lord Grenville vorschwebte, stieß daher jenseits des Atlantik auf wenig Gegenliebe. Erste Proteste regten sich 1764 gegen die ›Zuckerakte‹, die Importzölle auf Zucker, Kaffee, Wein und Luxusgüter erhob. Die merkantilistisch klingende Maßnahme war ausdrücklich als ›Finanzgesetz‹ (Revenue Act) deklariert und auf die ›Besitzungen Ihrer Majestät in Amerika‹ ausgerichtet. Unmut erregte zudem ein 1765 erlassenes Gesetz, das in den Kolonien Einquartierungen von Militäreinheiten vorsah.

Mit der Verkündung des Stempelsteuergesetzes (Stamp Act), das den Kolonien in Form von Stempelmarken auf Rechtsdokumente, Zeitungen und Druckerzeugnisse jeglicher Art erstmals eine direkte Steuer auferlegte, kam es 1765 zum Eklat. Obgleich die Einkünfte aus der Stempelsteuer – eine in England akzeptierte und auf dem europäischen Kontinent allgemein übliche Finanzquelle – ausdrücklich dem Unterhalt der auf amerikanischem Boden stationierten britischen Truppen dienen sollten, widersetzten sich die Amerikaner mit Vehemenz und auf spektakuläre Weise. Auf dem ›Stempelsteuerkongress‹ in New York (7. Oktober 1765) versammelten sich Vertreter aus neun Kolonien zum ersten Mal zu gemeinsamer Aktion. Der Kongress versicherte seine ›gebührende Unterordnung‹ unter die legislativen Befugnisse des Parlaments, schloss indes das Recht auf Besteuerung der Kolonien aus. Abgelehnt wurde zudem die zur Unterdrückung des Schmuggels eingerichtete Justizbehörde (Vice-Admiralty Courts), welche die Rechtsautonomie der Kolonien bedrohte.

Die berühmte Verweigerungsformel › No taxation without representation!‹ – gerichtet gegen die in London ventilierte Theorie der ›virtuellen Repräsentation‹ – begründete die Protestversammlung mit dem Argument (und dem noch weithin geteilten Selbstverständnis), ihre ›Rechte als Engländer‹ (rights of Englishmen) zu verteidigen. Wenn in den Protestresolutionen von Massachusetts und Pennsylvania bereits die Formel »not merely as Englishmen, but as men« auftauchte und ein Delegierter auf dem Stempelsteuerkongress die Einheit aller Amerikaner auf der ›breiten gemeinsamen Basis natürlicher Rechte‹ beschwor, so bedeutete dies noch keine prinzipielle Absage ans Mutterland. Immerhin kam es in Boston und anderswo bereits zu Gewalttaten gegen die Steuereintreiber und Repräsentanten der Krone wie Thomas Hutchinson, den Obersten Richter und Stellvertretenden Gouverneur von Massachusetts.

Auf die Unruhe in den Kolonien reagierte das Parlament mit dem Widerruf (repeal) der Stempelakte im März 1766. Das Nachgeben in der Sache ging allerdings einher mit der Befestigung des Prinzips. Noch unmittelbar vor Aufhebung des Stempelgesetzes ließ Marquis von Rockingham, der den Old Whigs zugehörige Nachfolger Grenvilles als Premier, eine Deklaration (Declaratory Act) verabschieden, in der das Parlament seine unbegrenzte Autorität über die Kolonien bekräftigte. Auf die Rücknahme der Stempelsteuer reagierten die Kolonisten mit Freudenkundgebungen.

Eskalation und Revolution

Die Stempelsteuerkrise gilt in der amerikanischen Geschichtsschreibung als Vorspiel der Revolution. Dafür sprechen die Formen des Protests wie Versammlungen unter ›Freiheitsbäumen‹, die gewaltsamen Übergriffe sowie der Auftritt von Aktivisten, den ›Sons of Liberty‹, aus deren Reihen alsbald geheimbundartig organisierte Aktionsgruppen hervorgingen. Mit Patrick Henry in Virginia, James Otis und Samuel Adams in Massachusetts an der Spitze traten begabte Rhetoriker als die späteren Revolutionsführer hervor.

Mit Ausnahme einiger Old Whigs wie Edmund Burke, die Verständnis für die Kolonien forderten, fehlte es der großen Mehrheit der im Parlament versammelten Machtcliquen, den Eliten des jungen Empire, nahezu allesamt Whigs, an imperialer Weitsicht. Eröffnete der Rückzug des Parlaments im Streit um die Stempelsteuer den Weg eines Ausgleichs, so schien die Chance ein Jahr später schon wieder vertan. Mit den Townshend-Gesetzen von 1767, benannt nach dem Finanzminister (Chancellor of the Exchequer), die Importzölle auf Glaswaren, Blei, Farben, Papier und Tee erhoben, setzte das Parlament ganz bewusst den alten Kurs fort. Mit den neuen Zolleinkünften sollten die Beamten in den Kolonien besoldet werden, deren Salär bislang von den kolonialen Assemblies bewilligt worden war.

Als Antwort auf die Townshend-Gesetze beschlossen die Kolonien, ausgehend von Boston, den Boykott englischer Importwaren. Radikale ›Patrioten‹ begannen mit Protestaktionen. Samuel Adams, angetan mit der phrygischen Mütze, inszenierte Tanz und Mummenschanz um den Freiheitsbaum in Boston. Im Januar 1770 gab es in New York den ersten Toten, als empörte Bürger mit Knüppeln gegen Soldaten losgingen, die eine Freiheitssäule zerstört hatten. Drei Monate später kam es zu einem blutigen Zwischenfall, der als ›Boston Massacre‹ in die Geschichte eingegangen ist. Als eine Gruppe Bostoner Bürger rotberockte Soldaten mit Schneebällen bewarf, feuerten diese aus ihren Flinten und töteten vier der ›Patrioten‹. (Morison-Commager, 167-170)

Inzwischen zeitigte der Boykott Erfolg. Die neue Regierung unter Lord North nahm am 5. März 1770 – zufällig am Tag des ›Boston Massacre‹ – die Townshend-Zölle wieder zurück. Doch beeindruckt von den rhetorischen Künsten George Grenvilles verknüpfte das Parlament das Einlenken erneut mit der Betonung seiner übergeordneten Autorität, indem es ausdrücklich an dem an sich unbedeutenden Teezoll festhielt.

Mit der Rücknahme der Townshend-Zölle war die Lage für ein paar Jahre beruhigt. Die Kolonien profitierten von Getreideexporten nach Europa und einem allgemeinen Aufschwung des Handels. Die Agitation der ›Sons of Liberty‹, unterstützt von den 1772/1773 zwischen Neu-England und Georgia gegründeten ›Korrespondenzausschüssen‹, fand nur geringen Widerhall. Selbst der symbolische Teezoll erregte kaum Anstoß.

Erst mit der Inszenierung der Boston Tea Party in der Nacht vom 17. Dezember 1773, gelang Samuel Adams und seinen ›Sons of Liberty‹ die erfolgbringende Provokation. Den Anlass lieferte wiederum das Parlament, als es 1773 der East India Company das Monopol auf den Verkauf ihres aus China importierten Tees in den amerikanischen Kolonien gewährte. Die Radikalen konnten jetzt auf die Unterstützung erregter Kaufleute rechnen. Während anderswo die Teeimporte in bewährter Weise boykottiert wurden, schritten die Bostoner ›Freiheitssöhne‹, verkleidet als indianische Krieger, zur Tat und warfen drei Schiffsladungen in den Hafen.

Erst jetzt mündet die Vorgeschichte der Amerikanischen Revolution in das Muster eines unaufhaltsam eskalierenden Konflikts. Auf die Bostoner ›Tea Party‹ reagierte – wie von Samuel Adams, John Hancock und ihren Freunden beabsichtigt – Lord North mit ›Zwangsgesetzen‹ (Coercive Acts). Von März bis Mai 1774 beschloss das Parlament als erstes die Schließung des Hafens von Boston bis zur Restitution des angerichteten Schadens einschließlich der Zahlung des Teezolls, beschnitt die in der Charta von 1691 festgelegten Selbstverwaltungsrechte von Massachusetts, schränkte die Befugnisse der kolonialen Justiz ein und verfügte erneut die Einquartierung von Truppen. Auf das ›Bostoner Hafengesetz‹ antworteten die Bostoner Bürger mit einem allgemeinen Boykottaufruf, was wiederum die Verhängung des Besatzungszustandes über Massachusetts zur Folge hatte. Der zum neuen Gouverneur ernannte General Thomas Gage, der Oberkommandierende der Truppen in den Kolonien, stationierte vier zusätzliche Regimenter in Boston.

In eben diese Phase von Zwangsmaßnahmen fiel das aus politischer Einsicht geborene Gesetz, das die Stabilität in Kanada sichern würde. Da der im Quebec Act angestrebte Ausgleich mit den katholischen Frankokanadiern zugleich die Grenzen der Provinz Quebec nach Süden bis zum Ohio ausdehnte, wurde das Gesetz von den ˗ fast ausnahmslos protestantischen – Amerikanern, die sich um neue Siedlungsgebiete gebracht sahen, sogleich zu den Intolerable Acts hinzugezählt.

Dem Protestaufruf zu einem allgemeinen Kongress folgten vom 5. September bis 16. Oktober 1774 in Philadelphia mehr oder weniger selbstermächtigt 56 Delegierte aus zwölf Kolonien. In der als Erster Kontinentalkongress bekannten Versammlung setzten sich ˗ unter dem Eindruck des zum ›Freistaat‹ erklärten und zum bewaffneten Widerstand entschlossenen Massachusetts – die radikalen Forderungen durch: Ungültigkeit aller Steuergesetze ab 1763, keine Truppenstationierungen in Friedenszeiten, Abbruch der Handelsbeziehungen und Aufhebung der Quebec-Akte. Die Beschlüsse waren abgemildert durch eine ›Erklärung der Rechte und Beschwernisse‹, in der »die unwandelbaren Gesetze der Natur, die Prinzipien der englischen Verfassung und die verschiedenen Charten und Verträge« beschworen wurden. (zit. in: Palmer I, 181). Einig in der Sache, waren die Delegierten in ihrer politischen Theorie noch uneins. Die einen meinten weiterhin, ihre historischen Rechte als Engländer zu verteidigen, für die anderen proklamierte Patrick Henry in aufklärerisch-revolutionärer Diktion: »Die Regierung ist aufgelöst... Wir befinden uns im Naturzustand.« (Zit. ibid.)

Während der englische König Georg III. die Kolonien bereits im ›Zustand der Rebellion‹ sah, drängten besonnene Stimmen im englischen Parlament vergeblich noch auf Ausgleich. Im Oberhaus forderte Lord Chatham den Widerruf der ›Zwangsgesetze‹ und Truppenabzug, im Unterhaus hielt William Burke die erste seiner berühmten Versöhnungsreden. Lord North und der König waren in einem ›Versöhnungsbeschluss‹ (17.2.1775) zu gewissen Konzessionen in Fragen der Besteuerung und Selbstverwaltung bereit. Ob derlei Zugeständnisse die radikaleren Kolonisten noch hätten besänftigen können, steht dahin. Eine Woche zuvor hatte das Parlament für Massachusetts bereits den Zustand der Rebellion erklärt. Am 18. April 1775 fielen bei Lexington und Concord die ersten Schüsse, als der Gouverneur von Massachusetts ein Waffenlager der Miliz ausheben lassen wollte. Beide Seiten zählten ihre ersten Opfer: 9 Tote auf Seiten der Revolutionäre, 247 Tote und Verwundete auf Seiten der Verteidiger der alten imperialen Ordnung.

Der Zweite Kontinentalkongress, der am 10. Mai 1775 in Philadelphia zusammentrat, tagte unter dem Eindruck des de facto eröffneten Krieges. Zu den Befürwortern der Unabhängigkeit zählte jetzt auch der im Mai 1775 eingetroffene Benjamin Franklin, der bis zuletzt in London für einen Kompromiss geworben hatte. Der Kongress erklärte den Verteidigungszustand für die Kolonien und ernannte George Washington zum Oberbefehlshaber der neuen Kontinentalarmee.

Zur Ironie der Geschichte der Amerikanischen Revolution gehört die sog. ›Olivenzweig-Petition‹ an König Georg III., die am 5. Juni 1775 vom Kontinentalkongress angenommen wurde. Von John Dickinson, dem gemäßigten Delegierten von Pennsylvania, und von Thomas Jefferson erarbeitet, verhieß die Resolution ›eine glückliche und dauerhafte Versöhnung‹. Die Antwort des Königs erfolgte am 25. August 1775, als er für die Kolonien den Status der Rebellion erklärte. Doch noch im selben Herbst sprachen sich fünf Kolonien gegen die Unabhängigkeit aus. (Morison-Commager, 186; Crary, 4f.)

Das revolutionäre Feuer in Amerika entfachte im Januar 1776 Thomas Paine mit seinem Pamphlet Common Sense, das in wenigen Monaten eine Auflage von einer halben Million erreichte. Tom Paine, auf Empfehlung Franklins 1774 in die Neue Welt gekommen, beeindruckte die noch zögernden Amerikaner mit einer zündenden Explikation des Naturrechts: »In keinem Falle hat die Natur den Satelliten größer gemacht als seinen primären Planeten...; es ist einleuchtend, dass sie zu verschiedenen Systemen gehören. England zu Europa, Amerika zu sich selbst.« Am 4. Juni 1776 proklamierten die Vereinigten Staaten von Amerika ihre Unabhängigkeit. Einzig John Dickinson enthielt sich der Stimme.

Die verspätete Offerte

Die Wegmarken bis zur amerikanischen Unabhängigkeitserklärung ergeben das typische Bild eines in Revolution mündenden Konflikts: auf Seiten der britischen ruling classes die Mischung aus Machtarroganz und Unverständnis der Konfliktlage, auf Seiten der amerikanischen Kolonisten die Steigerung von politischem Unmut zu revolutionärer Entschlossenheit unter Führung einer militanten Minderheit.

Die Entscheidungen der britischen Krone und ihrer Minister entsprangen dem Unvermögen, die sich rapide zuspitzende Entfremdung der Kolonien vom Mutterland zu erkennen, dem Versäumnis der rechtzeitigen Einsicht in die politischen Notwendigkeiten. Eine Alternative zum Verlust des amerikanischen Herzstücks des Empires hätte vermutlich in einer der Krone unterstellten Föderation der Kolonien gelegen, wie sie Benjamin Franklin in dem »Albany Plan of Union« 1754 vorgeschwebt hatte, eines vereinten politischen Gebildes innerhalb des Empire, wie es im 19. Jahrhundert – erstmals 1867 in Kanada – im Konzept der Dominions verwirklicht wurde. Der Albany Plan wurde 1754 noch von einigen Kolonien selbst zurückgewiesen.

Über Chancen eines vertraglichen Ausgleichs nach der revolutionären Proklamation vom 4. Juli 1776 lässt sich nur spekulieren. Mit der revolutionären Proklamation war an einen vertraglichen Ausgleich, der den Amerikanern den Verzicht auf vollständige Unabhängigkeit auferlegt hätte, kaum noch zu denken. Nach dem ersten eindrucksvollen Sieg der Amerikaner bei Saratoga (7. Oktober 1777) war Lord North bereit, die Kolonien in die Unabhängigkeit zu entlassen, was der König jedoch ablehnte. Daraufhin brachte der Premier im Parlament eine Gesetzesakte ein, die – mit Ausnahme der Aufhebung des Declaratory Act – sämtliche vor 1775 erhobenen Forderungen bis hin zur Bildung eines Staatsverbandes unter der englischen Krone erfüllen sollte. Im November 1777 ernannte Lord North eine Friedenskommission.

»It was a generous offer, though absurdly inopportune«, schreibt R. R. Palmer bezüglich dieses Friedensangebots. (Palmer I, 208) Elf Tage, bevor das Parlament das Friedensangebot billigte, unterzeichnete Benjamin Franklin am 6. Februar 1778 den Bündnisvertrag mit Frankreich, wonach sich ein Kompromissfrieden der USA mit der englischen Krone erübrigte.

II. Wegmarken der Großen Revolution

In der Neuen Welt entsprang die Revolution gegen das englische Mutterland einem längeren Entfremdungsprozess. Sie wurde forciert und getragen von freien, in ihrem sozialen Selbstbewusstsein gleichen Bürgern, über einen längeren Zeitraum hin geeint in ihrer Interessenlage. In einem gänzlich anderen politisch-sozialen Rahmen, im bevölkerungsreichsten Land Europas in einer feudalständisch gegliederten Gesellschaft unter einer absolutistischen Monarchie, spielte sich die Französische Revolution ab.

Gab es je historische Alternativen zur Großen Revolution? Alle Evidenz der Tatsachen, die in so vielen Facetten hervortretende Krise des Ancien Régime scheint der Frage entgegenzustehen. »Die politische Freiheit war in Frankreich seit so langer Zeit vernichtet, daß man ihre Bedingungen und Wirkungen gänzlich vergessen hatte.«, schrieb rückblickend Alexis de Tocqueville. (T., 151) Die Legitimität des Ancien Regime, gegründet auf monarchisches Gottesgnadentum und ständische Ungleichheit, war durch die Kritik der Aufklärung brüchig geworden. Unter König Ludwig XV. (1715-1774), dessen Regierungsstil in dem ihm zugeschriebenen Diktum après nous le déluge geschichtsnotorisch geworden ist, war der monarchische Absolutismus von dem wiedererstarkten Adel zurückgedrängt worden. Zugleich trug die Ständeordnung längst den Charakter einer komplexen, von den ›Privilegierten‹ in Adel und Klerus – und Teilen der Großbourgeoisie ˗ dominierten Klassengesellschaft, deren Antagonismen in der Revolution hervorbrachen.

In dem so ungeordneten wie ineffizienten, Adel und Klerus, aber auch großbürgerliche Grundbesitzer begünstigenden Steuersystem traten die Defekte des Ancien Régimes am deutlichsten hervor. Entgegen allen mit dem Begriff ›Absolutismus‹ verbundenen Vorstellungen zentralisierter monarchischer Herrschaft existierten weder einheitliche Steuergesetze noch ein einheitliches System der Steuererhebung. Der Klerus war real, der Adel, großbürgerliche Grundbesitzer, selbst bürgerliche Großpächter waren faktisch von direkten Steuern (taille, capitation, vingtième) befreit, da sie diese auf ihre Bauern abwälzen konnten. Adel und Klerus waren von den für Wein und Spirituosen zu zahlenden Verbrauchssteuern ausgenommen. Als spezifische Willkür wirkte die in den pays de gabelle wiederum unterschiedlich erhobene Salzsteuer. Indirekte Steuern und Zölle sowie Einkünfte aus Krongut und Domänen wurden von bürgerlichen Steuerpächtern (fermiers) eingetrieben, die eine feste Stumme im Voraus an die Krone entrichteten. (Markow-Soboul, 50-53)

Das reichste Land Europas litt unter wiederkehrenden Finanznöten. Vieles spricht dafür, dass in einem solchen System aufgeklärte Reformen im Sinne einer ›modernen‹, auf staatsbürgerliche Rechtsgleichheit gegründeten Staatsordnung, wie sie zu jener Zeit von aufgeklärten Monarchen angestrebt wurde, nicht zu realisieren waren. Nichtsdestoweniger legen die über Jahrzehnte hin ˗ bis zur Zusammenkunft der Generalstände 1789 – unternommenen Reformversuche Fragen nach den Chancen einer ›Revolutionsabwendung‹ durch eine ›Revolution von oben‹ nahe. Nicht zuletzt tritt im Revolutionsverlauf selbst, von Fall zu Fall verknüpft mit der Persönlichkeit und dem politischem Unvermögen des Königs Ludwig XVI. die Problematik des unbedachten Agierens, des vermeintlich Opportunen, anstelle des nüchtern kalkulierten, im Ergebnis ›richtigen‹ Handelns hervor.

br style="font-style: italic;" class="text" />

Reformansätze unter dem Ancien Régime

Am Ausgangspunkt des Krisenzyklus, der 1789 in die Revolution mündete, steht – wie bei dem Konflikt zwischen England und Amerika – die leere Staatskasse am Ende des Siebenjährigen Krieges. Die Kriegskosten hatten die zuvor dank anhaltender wirtschaftlicher Prosperität geminderten Staatsschulden erneut auf 50 Prozent des defizitären Haushalts hochgetrieben. Die Lösung suchten Ludwig XV. und sein Generalkontrolleur der Finanzen Henri-Léonard Bertin in den 1763 verkündeten Steuerdekreten. Sie sahen die Fortsetzung des in Kriegszeiten eingeführten vingtième, einer alle Stände betreffenden Einkommensteuer, die systematische Erfassung der Realeinkommen sowie die mit einem Prozent äußerst milde Besteuerung von besoldeten Amtsträgern vor.

An dieser ersten ›modernen‹ Steuergesetzgebung in Frankreich entzündete sich der Protest der parlements, der mehrheitlich vom Amtsadel besetzten, zur Überprüfung von Gesetzen befugten Gerichtshöfe, an der Spitze das Parlament von Paris. Hinzu kam ein Streit mit den Provinzialständen in der Bretagne, die, unterstützt vom Parlament in Rennes, ihre Autonomie gegen den königlichen Gouverneur verteidigten. In der Abwehr zentralistischer Reformtendenzen verständigten sich die Parlamente von Paris, Rennes, Grenoble, Rouen, Dijon, Toulouse, Bordeaux und andere zu gemeinsamer Aktion, indem sie sich in ihrer Gesamtheit als Vertretung der ›Nation‹ erklärten. Die Konflikte zogen sich bis 1771 hin, bis der Staatskanzler Nicolas de Maupeou die alten Parlamente auflöste und an ihrer Stelle Obergerichtshöfe errichtete, die er mit vom König ernannten, besoldeten Richtern besetzte.

Mit Vehemenz widersetzte sich der Adel dieser in absolutistischer Manier getroffenen Maßnahme. Im Namen der ›Nation‹, der ›Bürger‹, der ›Freiheit‹, des ›Gesetzes‹ und der ›Verfassung‹ über das ›despotische‹ Regime des alten Königs und seiner Minister empörte sich die ›öffentliche Meinung‹. In der damaligen Publizistik, im Kampf um die Erhaltung adliger Prärogative hat die Rhetorik der Revolution ihren Ursprung. Die meisten Protagonisten des Dritten Standes erkannten – anders als Voltaire – dabei nicht ihre Chance zur Überwindung der Standesbarrieren im Bündnis mit der aufgeklärten Monarchie, sondern gefielen sich in der Parteinahme für die mit Freiheitsparolen agierenden Wortführer des Adels.

Am Ende der ersten politischen Krise der Monarchie – Palmer spricht von einer ›Quasi-Revolution‹ ˗ triumphierte der Adel. Nach dem Tode Ludwigs XV. 1774 wurden Meaupou und Abbé Terray, der Generalkontrolleur der Finanzen, von seinem Enkel und Nachfolger Ludwig XVI. entlassen. Die alten Parlamente wurden wiederhergestellt. ( Palmer I, 86-99, Palmer-Colton 303-306; Ogg, 266-270)

In diesem ersten Akt der Nachgiebigkeit gegenüber dem Adel mag man das Grundmuster des politischen Versagens Ludwigs XVI. sehen, dessen Leben als ›Bürger Louis Capet‹ auf dem Schafott der Revolution endete. Als Kränkung und Provokation für ambitionierte Angehörige des Bürgerstandes, ehedem die Stützen des Staatsabsolutismus, wirkte das im Jahr 1781 verkündete königliche ›Wappendekret‹. Während die Franzosen in der Neuen Welt auf Seiten der Amerikaner für die neuen Ideen der Freiheit und Gleichheit fochten, beschränkte der Erlass den Erwerb des Offizierspatents auf den Nachweis reinblütig adliger Herkunft.

Das Edikt der ›vier Wappenviertel‹ mag als typisch für die politischen Fehlgriffe des Königs gelten. Nicht allein im Umgang mit dem Adel fehlte ihm der realpolitische Sinn, der Blick für das Opportune, das Notwendige oder das Unvermeidliche, und so konnte keines der von seinen Ministern unternommenen Reformprojekte zu Ende gebracht werden. Weder erkannte er die Wurzeln der Krise des Ancien Régime noch ergriff er eine strategische Initiative zu deren Überwindung. Im Sinne des vom ›Sonnenkönig‹ etablierten monarchischen Absolutismus hätte ein Zweckbündnis des Monarchen mit dem Bürgertum gegen den widerspenstigen Adel gelegen. Wann immer reformorientierte Minister in diese Richtung zielten, wich der König vor den Remonstrationen des Adels zurück. Aus der Besorgnis heraus, als ›Despot‹ zu gelten, vermied er den Konflikt und verzichtete auf die Machtchancen des Monarchen.

Die politische Schwäche ist oft genug mit dem Charakterbild Ludwigs XVI. erklärt worden: persönlich integer, aber unsicher und entscheidungsschwach, hochmütig und realitätsfern, befangen in den Begriffen des Gottesgnadentums, der absoluten Monarchie und der Hochschätzung ›seines‹ Adels. Den Intrigen und Rivalitäten am Hofe gegenüber wirkte er hilflos. Nicht minder fatal wirkten die Ratschläge seiner Gattin Marie-Antoinette, der in Versailles isolierten, im Volk unbeliebten ›Österreicherin‹. (Markow-Soboul, 71f.; Furet-Richet, 43-48; Furet, in: Furet-Ouzouf, 427-442)

Mit der Berufung des Physiokraten Anne-Robert Jacques Turgot zum Finanzminister (contrôleur général des finances) 1774 verbanden Geister wie Voltaire, Protagonist des aufgeklärten Absolutismus, wiederum die größten Hoffnungen. Die Produktivität der Wirtschaft sollte mit liberalen Reformen wie der Freigabe des Getreidehandels, der Aufhebung der vornehmlich für Wege- und Brückenbau eingerichteten Frondienste (corvée royale) sowie der Einführung der Gewerbefreiheit samt Einschränkung der Zünfte gesteigert werden. Die Finanzkrise wollte Turgot nach physiokratischer Doktrin mit einer einheitlichen, für alle Stände gültigen Grundsteuer, durch Reform des Steuerpachtsystems sowie mit der Kontrolle der Hofausgaben in den Griff bekommen. Vorgesehen war zudem die Schaffung einer abgestuften Repräsentation, an der alle Grundbesitzer mit einem Steueraufkommen von jährlich 600 livres als Bürger (citoyens) beteiligt werden sollten. (Blé; Lemay II)

Mit seinen Modernisierungskonzepten machte sich der aus dem normannischen Adel stammende philosophe alle zu Feinden, die etwas zu verlieren hatten: Höflinge, staatliche Handelsagenten, Beamte, Grundbesitzer, den Klerus. Die von Turgot ausgearbeiteten ›Sechs Edikte‹ wurden vom Pariser Parlament abgelehnt. Bereits seit Frühjahr 1775 kam es infolge der von der Reform ausgelösten Getreide- und Mehlknappheit in der Provinz zu teilweise organisierten Aufständen (guerre de farine). Obgleich sich die Finanzlage in der kurzen Amtszeit Turgots gebessert hatte, entließ ihn der König unter dem Druck seiner Gegner, darunter sein einstiger Förderer, der Staatskanzler Jean-Frédéric Maurepas, am 12. 5. 1776. (Ogg, 268-273) Zum Nachfolger mit dem Titel eines ›Generaldirektors‹ ernannte er Jacques Necker, den erfolgreichen, aus Genf stammenden protestantischen Bankier, der sich mit einer von der Académie française preisgekrönten Verteidigung der Doktrinen Colberts einen Namen gemacht hatte.

Turgot hatte vor einer Einmischung im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg gewarnt, was ihn in Konflikt mit dem Außenminister Charles Gravier de Vergennes (1774-1787) brachte. (Nürnberger, 62) Vergennes steuerte aus Prestige- und Revanchegründen ˗ Rache für die Niederlage im Siebenjährigen Krieg – den Kriegseintritt auf Seiten der USA an. Die anfangs indirekte Unterstützung mündete 1778 in das von Benjamin Franklin in Paris unterzeichnete Bündnis, das 1779 mit der Entsendung eines Expeditionskorps militärisch besiegelt wurde.

Hinsichtlich der Finanz- und der daraus resultierenden Staatskrise sollte sich der französische Kriegseintritt ˗ eine vermeintlich opportune, machtpolitisch plausible Entscheidung ˗ als Kardinalfehler des Ancien Régime erweisen. Mit günstig platzierten Anleihen für die Kriegsteilnahme erfüllte Necker zunächst die in ihn gesetzten Erwartungen, wenngleich er damit die Staatsschulden in zwei Jahren um 500 Millionen livres vermehrte. Angesichts der Finanzlage arbeitete Necker zugleich auf Reformen hin, die wiederum auf eine Besteuerung der Privilegierten hinausliefen. Damit kam er nicht zum Zuge. Als er 1781 den – in Teilen gefälschten – Rechenschaftsbericht (Compte rendu au roi) drucken ließ, den Zustand der Staatsfinanzen öffentlich machte und dabei die Verschwendung bei Hofe als eine der Ursachen benannte, wurde er entlassen. 1788 kehrte der in der Finanzwelt geschätzte Necker als vermeintlicher Retter in das Amt des Generaldirektors der Finanzen zurück. Im Jahr zuvor hatte er in einer Denkschrift seinen Nachfolger Calonne widerlegt, der wiederum ihm in der Notabelnversammlung die Schuld für die Zerrüttung der Staatsfinanzen zugeschoben hatte. (Blé; Palmer I, 448-453; Ogg, 273f; Furet-Richet, 59; Lemay I, 436-438 )

Fehler und Versäumnisse in der ›Vorrevolution‹

1783 zum Finanzminister berufen, setzte Charles Alexandre de Calonne den Schuldenkurs durch Anleihen fort. 1786 beliefen sich die Staatsschulden auf 4 Milliarden livres. Immerhin erkannte Calonne den drohenden Staatsbankrott und legte am 20. August 1786 seinen ›Plan zur Verbesserung der Finanzen‹ vor. Der Plan bestand außer herkömmlichen Methoden wie Tabakmonopol, Steuer auf Kolonialimporte sowie Stempelsteuer im Rückgriff auf Konzepte Turgots, vorab die Einführung einer alle Stände belastenden Grundsteuer, die Freigabe der Getreidepreise sowie die Beteiligung aller Steuerbürger an Verwaltungsaufgaben. 

span class="text">Um den zu erwartenden Widerstand der Parlamente zu umgehen, hielt es Calonne für opportun, die Steuerpläne von ›Notabeln‹ billigen zu lassen. Seine Fehleinschätzung betraf die Zusammensetzung der vom König im Februar 1787 in Versailles einberufenen Versammlung von 147 Vertretern aus Staat, Kirche und Provinzialständen. Die Notabelnversammlung bestand ausschließlich aus Adligen und geadelten Bürgerlichen, die angesichts drohender Verzichtsleistungen die sonst gepflegten Standesdifferenzen bezüglich Amtsadel und Geburtsadel beiseitelegten. Calonnes Erläuterung der Bilanzen, der Verweis auf das von Jahr zu Jahr angewachsene Defizit sowie insbesondere seine Kritik an ›Missbräuchen‹ und Privilegien, die es zur Abhilfe der Finanznot zu beseitigen galt, reizte die Notabeln zum Widerspruch. Als er seinen Rechenschaftsbericht öffentlich machte, brach ein Sturm der Entrüstung los. Unter dem Einfluss des Hofes und der Königin ließ Ludwig XVI. seinen Minister Calonne (»Monsieur Déficit«) fallen. (Palmer I, 454-456; Markow-Soboul, S.73-76; Furet-Richet, 62-64). Zur Ironie der Revolutionsgeschichte gehört, dass der absolutistische Vorkämpfer gegen ›Privilegien‹ 1789 im Lager der Gegenrevolution an der Seite des Grafen von Artois, des späteren Königs Karl X. (1823-1830) zu finden ist.

Calonnes Nachfolger wurde der Erzbischof von Toulouse Étienne-Charles de Loménie de Brienne, der in der Versammlung als Wortführer gegen Calonne aufgetreten war. Brienne, ein aufgeklärter Absolutist, verdarb es sich mit dem konservativen Klerus, indem er Protestanten zivile Rechte einräumte. Zur Behebung der Finanznöte gedachte er den Vorstellungen seiner Vorgänger zu folgen, was Adel und Klerus gegen ihn aufbrachte. Die Notabeln erklärten, ihre Versammlung sei zu derlei Steuerbeschlüssen nicht befugt. In dieser Situation erkannten weder Brienne noch der König die Chance, den namentlich von Lafayette ausgesprochenen Verweis auf die Generalstände als Ausweg aus der politischen Sackgasse zu nutzen. Stattdessen löste der König am 25. Mai 1787 die Notabelnversammlung auf. (Palmer I, 456; Furet-Richet, 64f.; Guefinney, 415)

Die Führung der Opposition gegen die Reformpläne, gegen die Registrierung der Stempelsteuer sowie gegen die erneut als Notbehelf vorgesehenen Anleihen fiel an die Parlamente zurück. Die wieder vom Pariser Parlament ausgehenden Widerstände mündeten in die als ›Revolution der Privilegierten‹ bekannte Adelsrevolte. Am 16. Juli 1787 forderte das Pariser Parlament die Einberufung der Generalstände – eine offene Kampfansage an die absolutistische Praxis. Im August stellte Brienne erstmals die Einberufung der zuletzt 1614 zusammengetretenen Versammlung für 1793 in Aussicht. Neun Monate später, am 3. Mai 1788, forderte das Parlament unter Berufung auf die ›Grundgesetze des Reiches‹, zu denen es auch die ständischen Rechte in den Provinzen zählte, die periodische Einberufung der Generalstände zur Bewilligung von Steuern. Im Gegenzug ließ die Regierung zwei Räte verhaften und beschnitt mit den ›Mai-Edikten‹ den Parlamenten die Befugnis, königliche Edikte zu registrieren. Das Pariser Parlament wurde suspendiert. (Palmer II, 457f., Markow, Soboul, 76-78; Furet-Richet 65-67)

Vorübergehend ohne richtunggebende Zentralinstanz, ging die Initiative der ›Vorrevolution‹ an die Provinzen über. Im Béarn und in der Provence, sodann in Grenoble, der Hauptstadt der Dauphiné, nahmen die Proteste gewaltsame, offen revolutionäre Züge an. Gegen den Einspruch des königlichen Generalstatthalters in Grenoble traten in dem kleinen Ort Vizilles, im Schloss des reichen Kaufmanns Périer, die Provinzialstände zusammen. In der eigenmächtig zusammengetretenen Versammlung gaben die nicht nur zahlenmäßig überlegenen bürgerlichen Abgeordneten den Ton an. Als Wortführer traten die Anwälte Jean-Joseph Mounier und Antoine Barnave hervor, von denen der eine ein Jahr später in der revolutionären Konstituante zu den gemäßigten ›monarchiens‹, der andere zu den anfangs radikaleren ›Patrioten‹ zählen sollte. (Furet-Richet, 68f.; 115)

Am 8. August 1788 gab der König dem Ruf nach den États généraux nach und kündigte ihre Einberufung für den 1. Mai 1789 an. Im September forderte das wieder eingesetzte Pariser Parlament die Rückkehr zum Modus von vor 1614, wonach die Stände in drei getrennten Kammern tagen sollten. Trat an dieser Forderung klar erkennbar das Interesse des Adels hervor, so löste sie bei den Wortführern des Dritten Standes Empörung aus. (Palmer-Colton, 339f.; Furet-Richet 73f.) Der Ruf nach gemeinsamer Tagung der Generalstände und Abstimmung nach Köpfen mobilisierte das Bürgertum, das seine politischen Ziele mit denen aller Angehörigen des ›Dritten Standes‹ sowie der gesamten ›Nation‹ für identisch erklärte.

Von der Dauphiné ausgehend, erregte die Forderung, für die Generalstände die Zahl der Vertreter des Dritten Standes zu verdoppeln, das Land. Das ehedem Adel und Bürgertum vereinende Freiheitspathos, die ›öffentliche Meinung‹ zerfiel in ständische Interessen- und Klassenlager. Im Januar 1789 schrieb der Publizist Jacques Mallet du Pan im Mercure de France: »Es geht nur noch nebenbei um König, Despotismus und Verfassung; jetzt ist Krieg zwischen dem Tiers und den beiden anderen Ständen.« (Zit. in: Markow-Soboul, 63)

Bei Erscheinen von Sieyès’ Flugschrift ›Was ist der Dritte Stand?‹ im Januar 1789 war der Meinungskampf in aller Schärfe entbrannt. Die revolutionäre Antwort (›Alles!‹) eines geistlichen Protagonisten des Bürgerstandes musste die ›Privilegierten‹ in Adel und Klerus alarmieren. »Diese Klasse [gemeint war der Adel] gehört wegen ihres Müßiggangs ganz gewiß nicht zur Nation«, schrieb Sieyès. (Zit. In. Furet-Richet, 83). Immerhin genoss die bürgerliche ›nationale Partei‹ oder ›Patriotenpartei‹ die Unterstützung mancher aufgeklärt-liberaler Adligen, darunter Lafayette und die Herzöge La Rochefoucauld, Männer, »die die neuen Ideen mit ihren angestammten Interessen zu vereinbaren wußten«. (Markow-Soboul, 83). Aus dem Adel kam der Kardinal Charles-Maurice de Talleyrand, Bischof von Autun, der wie der Graf Mirabeau für den Dritten Stand kandidierte. Sympathien für den Tiers waren vor allem unter dem niederen Klerus verbreitet.

In einer derartigen Konstellation lagen Chancen für eine Art ›Revolution von oben‹. Doch wie schon während der gesamten ›Vorrevolution‹ verharrte der König in Passivität.

br style="font-style: italic;" class="text" />

Realitätsverfehlungen im Jahr 1789

Mit der Ankündigung der Generalstände hatte Ludwig XVI. das Prinzip des monarchischen Absolutismus selbst aufgegeben. Welche Strategie bot sich danach an? Die Chance, als Restaurator der ständischen ›Freiheiten‹ aufzutreten und vermittels der alten Rechtstradition einer regulären Ständeversammlung die Stände gegeneinander auszuspielen, war zu diesem Zeitpunkt bereits verpasst. Auf Zuraten Neckers, den er im August 1788 nach Entlassung Briennes als Premier- und Finanzminister zurückgerufen hatte, gab der König der von einer zweiten Notabelnversammlung im Dezember erhobenen Forderung nach zahlenmäßiger Gleichstellung des Dritten Standes mit den beiden anderen Ständen (doublement du Tièrs) nach. Die Abstimmungsfrage ließ er offen. Der Wahlmodus beförderte das Selbstbewusstsein der bürgerlichen Eliten, trieb die Privilegierten in die Opposition.

span class="text">Die Rolle des Monarchen blieb bei all den Auseinandersetzungen völlig unberührt. Im Gegenteil, als Ludwig XVI. am 24. Januar 1789 die Einberufung der Generalstände und eine neue Wahlordnung verkündete, die allen über 25 Jahre alten Männern das Wahlrecht gab, fielen ihm alle Sympathien des Volkes zu. Der König erschien als »unparteiischer Gewährsmann einer großzügigen Reform an Haupt und Gliedern«. (Markow-Soboul, 85).

Die für das Frühjahr 1789 angesetzten Wahlen, führten in ganz Frankreich zu einer bislang unbekannten politischen Mobilisierung, angefacht durch Flugschriften sowie durch allerorts stattfindende Versammlungen, in denen Beschwerdeschriften (cahiers de doléances) für die Abgeordneten aufgesetzt wurden, nicht zuletzt in den Pariser Clubs. Allgemein ertönte die Forderung nach einer Verfassung oder einer charte nationale als des neuen Gesetzesrahmens für eine freiheitliche, dezentralisierte Monarchie. (Nürnberger, 65 f.) Ein strategisches Konzept hätte nach Prüfung der sehr unterschiedlichen Forderungen in der Ausarbeitung von Reformvorschlägen sowie – in der Konsequenz des doublement du Tiers ˗ in der rechtzeitigen Ankündigung einer gemeinsamen Ständeversammlung samt Abstimmung ›nach Köpfen‹, d.h. nach dem Mehrheitsprinzip, gelegen.

Der Zeitpunkt der Wahlen hätte zwar schlechter nicht gewählt sein können. Sie fanden in einem durch Missernte, Teuerung, Hungerrevolten und Arbeitslosigkeit – mit verursacht durch den 1786 geschlossenen Handelsvertrag mit England ˗ sozial aufgewühlten Land statt. Wenn auf diesem Hintergrund die revolutionäre Explosion am 14. Juli 1789 zwangsläufig erscheint, so ist festzuhalten, dass die sich über mehrere Wochen hinziehenden Wahlen ruhig verliefen. An einen revolutionären Eklat war in dieser Phase noch nicht zu denken. (Ibid., 67) Vor allem steht der Vorstellung von der Naturgewalt der Revolution die These entgegen, dass im Sommer 1789 relativ unvermittelt drei Revolution stattfanden: die politische Revolution in Versailles am 17. Juni, der Bastillesturm am 14. Juli und die Agrarrevolution auf dem Lande in der zweiten Julihälfte (Francois Furet). Zumindest was die beiden ersten Revolutionen betrifft, scheint ein anderer Lauf der Dinge vorstellbar.

Dass die Versammlung der Generalstände binnen weniger Wochen in die Revolution des Dritten Standes – real am 17. Juni, symbolhaft im Ballhausschwur am 20. Juni 1789 – mündete, war der politischen Unbeweglichkeit des Königs geschuldet. Die Zurücksetzung beim Eröffnungszeremoniell kränkte die Vertreter des Dritten Standes. Die Chance, in der Eröffnungsrede an die gemeinsame, gleichrangige Verantwortung der drei Stände zu appellieren und die Debatte über die Zukunft der ›Nation‹ zu steuern, ließ Ludwig XVI. ungenutzt. Das Thema der ›Verfassung‹ blieb unberührt. Der Minister Necker ließ eine lange Rede zur Finanzlage verlesen und machte selbst nur vage Andeutungen bezüglich künftiger Gesamtberatungen der Generalstände. Wochen verstrichen, in denen der Streit um die Abstimmungsfrage zwischen den Ständen wogte, ohne dass der König intervenierte. Der Unmut bei den députés des communes, wie sich die Vertreter des Drittes Stand seit dem 6. Mai nannten, gipfelte schließlich in dem Antrag des Abbé Sieyès und der revolutionären Selbsterhebung des Tiers zur ›Nationalversammlung‹ am 17. Juni.

Realitätsferne, Zögern, Opportunismus beschreiben das Verhalten des Königs in den Tagen und Wochen vor dem Sturm auf die Bastille. Auf die Proklamation des Dritten Standes folgte die Schließung des Sitzungssaales. Auf die revolutionäre Inszenierung im Ballhaus am 20. Juni reagierte der König mit Nichtbeachtung, selbst nachdem sich bereits die Mehrheit des Klerus und einige Adlige dem Dritten Stand angeschlossen hatten. In der für den 23. Juni angeordneten gemeinsamen Sitzung der Stände erklärte er die Nationalversammlung für ungesetzlich, während er zugleich – viel zu spät – die periodische Einberufung der Generalstände, die Einrichtung von Provinzialständen im ganzen Lande sowie eine Steuerreform in Aussicht stellte. In völliger Verkennung der Situation gab er sodann den Befehl auseinanderzugehen und verließ den Saal. Mirabeau, der bis zu diesem Zeitpunkt die Versammlung auf legalem Kurs zu halten versucht hatte, antwortete jetzt mit dem revolutionären Wort, man werde nur der Macht der Bajonette weichen. (Palmer II, 480f.; Griewank, 34-36).

span class="text">Nach weiteren vier Tagen, am 27. Juni, gab der König selbst »seiner getreuen Geistlichkeit und seinem getreuen Adel« den Befehl, sich mit dem Dritten Stand zu vereinigen. (Furet-Richet, 90-97, Zitat 97) Mirabeau fasste die Tragweite der Geschehnisse in die Bemerkung, »auf diese Weise führe man die Könige zum Schafott«. (Nürnberger, 70)

Die Tage bis zum 14. Juli waren erfüllt von Jagdvergnügen und Hofintrigen. Mangels eigener Konzepte folgte Ludwig XVI. den Ratschlägen seiner engsten Umgebung, an der Spitze die Königin und sein jüngster Bruder, der Graf von Artois.
Konterrevolutionäre Absichten standen Ende Juni hinter den Truppenbewegungen um Versailles. Nachgiebigkeit gegenüber seinen Ratgebern führte zur Entlassung Neckers und seiner liberalen Minister am 11. Juli. Die Nachricht fiel in ein seit Wochen erregtes Paris und entzündete die Volksrevolution am 14. Juli.

Die erfolglose Jagdexkursion am 14. Juli, festgehalten im königlichen Tagebuch (›Nichts‹), sowie das vom Abend kolportierte Gespräch erscheinen exemplarisch für die Rolle des Königs während des Revolutionsdramas. Die Nachricht vom Bastillesturm und von der anhaltenden Erregung kommentierte er mit den Worten: »Das ist eine Revolte.« Darauf der Berichterstatter, der liberale Herzog von Liancourt, ein Begleiter: »Nein, Sire, es ist eine Revolution.« (Zit. in: Griewank, 38). Die Verfehlung der Realität seitens des Königs und seines Hofes bleibt kennzeichnend für die gesamte erste Phase der Revolution 1789-1791.

Für den von den Nachrichten aus Versailles und Paris ausgelösten ›Schlössersturm‹, auf die Agrarrevolution in den Provinzen, wird man vergeblich nach retardierenden Momenten suchen. Seit Jahren lastete ein durch die ›feudale Reaktion‹ verschärftes System von Bedrückung – Naturalabgaben, Kirchenzehnt, Steuern, die einsetzende Aufteilung der Allmende, nicht zuletzt Feudalrelikte wie das Jagdrecht – auf dem Lande. Seit langem fand das namentlich von den vielen landlosen Bauern erlittene Elend in lokalen Revolten spontanen Ausdruck. Als Mitte Juli 1789 die Rede vom ›Komplott der Aristokraten‹ umging, entluden sich Not und Wut auf dem platten Land in der großen Bauernrevolution, begleitet von den oft betonten irrationalen Zügen der ›Grande Peur‹.

Die ›dritte Revolution‹ setzte die Nationalversammlung unter Zugzwang. In einem kalkulierten »Wettstreit des Edelmuts unter den Abgeordneten« (Griewank, 40) verzichtete der Adel auf seine ›Privilegien‹, der Klerus auf den Zehnten, die Städte auf ihre wirtschaftlichen und städtischen Sonderrechte. Nahezu einstimmig wurden in der Nachtsitzung vom 4./5. August die rechtlichen und sozialen Grundlagen der alten Ordnung beseitigt. »Die Nationalversammlung zerstört das Feudalregime vollständig«, lautete der erste Satz der erst am 11. August schriftlich fixierten Dekrete. (Furet-Richet, 112). Noch in der Nacht vom 4./5. August weckte eine von der Versammlung geschickte Abordnung den König, um ihm den Titel ›Erneuerer der französischen Freiheiten‹ zu überbringen. (Markow-Soboul, 115)

Der Weg in die Krise der Revolution

Die Chance, sich gleichsam an die Spitze der Revolution zu setzen, blieb ungenutzt. Am selben Tag, am 5. August, schrieb Ludwig XVI. an den Erzbischof von Arles, er werde »nie zugeben, daß meine Geistlichkeit, mein Adel ausgeplündert werden... Ich werde Dekreten zu einer solchen Ausplünderung meine Sanktion nicht geben.« (Zit. in: Furet-Richet, 114). Von Anbeginn stand der König im Lager der Revolutionsfeinde. Im Oktober 1789 teilte er in einem Geheimschreiben dem spanischen Bourbonen-König Karl IV. mit, dass ihm alle Revolutionsbeschlüsse »seit dem 15. Juli dieses Jahres mit Gewalt abgezwungen worden sind« und mit dem »feierlichen Protest ... gegen alle der königlichen Autorität zuwiderlaufenden Handlungen« in »Eure Hände als Haupt der zweiten Linie« lege. (Furet-Richet, 178). Die Chance zu einer frühen Konterrevolution hatte er indes am 14. Juli verpasst, als er dem Drängen Marie Antoinettes und des Grafen von Artois, in den Schutz sicherer Truppen nach Metz zu fliehen, nicht nachgab und in Paris blieb. (Ibid., 104).

Die Autorität des Monarchen selbst ist ungeachtet des Sturzes des Ancien Régime in der Anfangsphase der Revolution noch unbeschädigt. Am 17. Juli, als er sich nach Wiederberufung Neckers in Paris mit der blau-weiß-roten Kokarde zeigt, jubelt ihm die Menge zu. Zweifel an der Rolle des ›guten Königs‹ kommen erst auf, als dieser die Unterzeichnung der Dekrete vom 4./5. August über Wochen verzögert und die Zustimmung zur Menschenrechtserklärung vom 26. August verweigert. In der Verfassungsdebatte, bestimmt vom wochenlangen Streit um das königliche Veto, verschließt er sich erst dem Rat der monarchiens, sodann dem Bündnis mit den Gemäßigten um Barnave, auf deren Seite sich auch Necker stellt.

Währenddessen versetzt die anhaltende Versorgungskrise, der hohe Brotpreis sowie die durch die ›Emigration‹ verschärfte Arbeitslosigkeit Paris in Erregung, geschürt von den Radikalen in den Clubs, von Männern wie Camille Desmoulins und Jean-Paul Marat mit seinem Ami du Peuple. Eine Sonderrolle als Verfassungs- und Volksfreund spielt seit längerem der Herzog von Orleans, Großmeister der Loge ›Großer Orient von Frankreich‹, der anno 1793 als ›Bürger Philippe Égalité‹ seinen Kopf verlieren wird. Die Unruhe mündet am 5. Oktober 1789 in die zweite ›Volksrevolution‹, genauer: in die als ›Zug der Marktweiber nach Versailles‹ bekannte Massenaktion. Die Frauen wollen den ›Bäcker, die Bäckerin und den Bäckerjungen‹ nach Paris holen. Lafayette gelingt es mit Mühe, die Situation zu retten. Zunächst folgt er in einem zweiten Zug an der Spitze der Nationalgarde nach Versailles, um nun seinerseits den König zur ›Rückkehr‹ nach Paris aufzufordern. Am Abend begibt er sich zu Bett, während das Volk im Freien kampiert. Von Schüssen der Leibgarde aus dem Schlaf gerissen, trifft ›General Morpheus‹, wie ihn Antoine Rivarol, satirischer Ahnherr der Reaktion, alsbald betitelt, mit einer Abteilung seiner Nationalgarde im Morgengrauen des 6. Oktobers noch rechtzeitig ein, ehe die Menge ins Schlafgemach der Königin eindringt.

Es folgt die Rede des Königs vom Balkon, in der er den Umzug nach Paris ankündigt und ›seinen guten und getreuen Untertanen‹ die Familie als ›kostbarsten Besitz‹ anvertraut. »Die Menge rast vor Begeisterung: wie im Juli gibt die Niederlage des Königtums dem König seine Beliebtheit wieder.« (Furet-Richet, 122; Gueniffey, 417f.). Noch hat die Revolution keine republikanische Volkswut entfacht.

Die Verlagerung des Schauplatzes bildet fraglos eine tiefe Zäsur im Drama. Durch die erzwungene Übersiedlung der königlichen Familie sowie der Nationalversammlung nach Paris kommen die für den Fortgang der Revolution maßgeblichen Faktoren ins Spiel: die Abhängigkeit der Nationalversammlung von der Pariser Kommune (La Commune de Paris) – ab Mai 1790 von den Sektionen – und den ›Massen‹, die Rolle der Clubs einschließlich der Spaltungen im Jakobinerclub, ursprünglich gegründet von den ›Freunden der Verfassung‹ und deren Vorläufern in den sociétés de pensée. (Brinton, 19)

span class="text"> span class="text">In der Konstituante hatten die ›Monarchisten‹ ihren Einfluss verspielt. Was den ins Pariser Stadtschloss eskortierten König betrifft, so lag ihm nichts ferner, als unter erzwungenen Umständen als volksnaher Herrscher aufzutreten. De facto befand er sich bereits in der Rolle des ›Gefangenen in den Tuilerien‹. Fluchtpläne ventilierte das Königspaar erstmals im Juni 1790. Zu Flucht und königlichem Staatsstreich riet auch Mirabeau, seit Sommer 1790 in konspirativer Beziehung zum Hofe. (Nürnberger, 78; Furet-Richet, 123, 178)

Nichtsdestoweniger folgt laut Furet-Richet auf die revolutionäre Gewalt im Jahre 1789 ein ›glückliches Jahr‹, abgesehen von lokalen Bauernunruhen zur schnelleren Erzwingung der Agrardekrete, von blutigen Attacken royalistischer Katholiken auf Hugenotten im Süden – und Meutereien in Garnisonen wie die in Nancy Anfang August, die von Lafayette niedergeschlagen wird. Symbolischer Höhepunkt einer anscheinend gelungenen neuen Ordnung ist das ›Fest der Föderation‹ am 14. Juli 1790, bei dem Talleyrand am ›Altar des Vaterlandes‹ das Hochamt zelebriert. (Markow-Soboul, 126-130; 135-38; 169f; 441f.; Gueniffey, 419f.) Mit den Gesetzen des Jahres 1790, mit der Abschaffung des Adels (19.6.) und mit der Kirchenverfassung vom (12.7.) schien die Revolution gefestigt.

Knapp zwei

Monate später, am 4. September 1790, signalisierte der Rücktritt Neckers, dass die ›bürgerliche‹ Revolution, hervorgegangen aus der Finanz- und Staatskrise des Ancien Regime, an einem Krisenpunkt angelangt war. Die Finanzfrage, Hauptursache der Revolution, war nach wie vor ungelöst. Ein neues Steuergesetz vom März 1790, das die Erhebung direkter Steuern über die neuen Departements und Gemeinden vorsah, zeitigte aufgrund geringer Neigung seitens der von den alten Steuer- und Feudallasten (wenngleich noch unter Vorbehalt der Entschädigung) soeben befreiten Bürger und Bauern keine Rückflüsse in die Staatskasse. Mehr Erfolg versprach das von Talleyrand eingebrachte Dekret über Konfiskation und Verkauf der Kirchengüter (2.11.1789), gefolgt von dem Gesetz über die Ausgabe von Assignaten (19.12.1789). Durch den Verkauf der „Nationalgüter“ – denen erst am Vorabend des Krieges der Besitz der Emigranten zugeschlagen wurde (Boffa, 550) – , sollte die Revolution ihre treuesten Anhänger unter all jenen Bauern, die bei dem ungeregelten Unternehmen profitierten, gewinnen.

Die Staatskasse blieb nichtsdestoweniger weiterhin leer. Daraufhin vermehrte die Nationalversammlung am 27. August 1790 die Ausgabe von Assignaten von 400 auf 1200 Millionen Francs und erklärte die als Obligationen ausgewiesenen Papiere zu gesetzlichen Zahlungsmitteln. (Markow-Soboul, 159) Die inflationären Folgen wurden erst später, erstmals im Herbst 1791, sodann während des Krieges sichtbar, als sie den Weg der Republik in die Jakobinerdiktatur öffneten. (Brinton, 46-48; Furet-Richet, 166-168) Der Bankier Necker widersetzte sich diesem Finanzkonzept. Ohne Unterstützung seitens des Königs, verzichtete er auf seine Ämter und zog sich auf sein Schloss Coppet am Genfer See zurück. (Lemay I, 439)

Noch bestanden Chancen zur Stabilisierung der Revolution. Doch wenige Monate zuvor einer hatte die Nationalversammlung eine für den gesamten Verlauf der Revolution grundlegende Fehlentscheidung getroffen. Sie betraf die Kirchenfrage. Mit der Zivilverfassung des Klerus vom 12. Juli 1790 als Teil der künftigen Konstitution legte die Konstituante – von den Akteuren unvorhergesehen – den Keim für den Konflikt mit der katholischen Kirche, für das ideologische Schisma von Revolution und Konterrevolution. Zum offenen Bruch führte das Gesetz vom 27. 11. 1790, das allen Priestern als Beamten der neuen Staatskirche den Eid auf die Verfassung (À la nation, à la loi, au Roi) abverlangte. An der Frage des Eides zerfiel im Verlauf des Jahres 1791 das bislang stabile Bündnis von bürgerlicher Revolution und niederem Klerus. Nach der Verdammung der Zivilverfassung, der Exkommunikation der eidleistenden Priester durch Papst Pius VI. (März-Juli 1791) und dem von der Legislative beschlossenen Gesetz gegen die clergés réfractaires (27.11.1791) zerbrach die vielbeschworene Einheit der Nation der Franzosen. Was finanztechnisch und politisch opportun erschienen war, erwies sich historisch als verhängnisvoll. Rückblickend sah Talleyrand, der die erste konstitutionelle Priesterweihe vornahm, in der Verstaatlichung der Kirche den Kardinalfehler der Konstituante.(Brinton, 50-52; Nürnberger, 82-84; Palmer-Colton, 349-351; Furet, in: Furet-Ozouf II, 804-816, 944-956).

Die Spaltung in zwei Lager – Revolution und Konterrevolution, klerikal und antiklerikal, aufgeklärt-progressiv oder katholisch-traditionsgebunden, ›links‹ und ›rechts‹ – prägte Frankreich und Europa bis weit ins 20. Jahrhundert. Anders als der sozialistische Historiker Albert Mathiez (1874-1932), der ˗ stellvertretend für die ältere linke Geschichtsschreibung – den Papst und die darüber beglückten Aristokraten für das blutige Ausufern der Revolution verantwortlich machte, sieht der liberale François Furet die Verantwortung bei den Abgeordneten, die glaubten »sie könnten ungestraft das Beispiel des Kaisers Joseph II. nachahmen. Die zivilrechtliche Konstituierung der Geistlichkeit als eine keinem Konzil unterbreitete und vom Papst verurteilte einseitige Entscheidung des Staates belastete die Gewissen und entzweite die Menschen. Es entstand ein Schisma, nicht nur in der Kirche, sondern auch im Staat. Die Revolution lieferte damit dem Generalstab der Gegenrevolution, die ohne Truppen war, das nötige Fußvolk: die eidverweigernden Priester und ihre Schäflein.« (Furet-Richet, 163)

Die Zuspitzung der Kirchenfrage fällt zusammen mit Ereignissen, die den Charakter der Revolution grundlegend verändern. Häufig wird der Tod des bei den Revolutionären längst in Verdacht geratenen Mirabeau (2. April 1791) als verhängnisvoller Faktor angeführt (e.g. Brinton, 12). Zwei Wochen später, am 18. April, kam es erneut zu Pöbelszenen vor den Tuilerien, als die Menge den König an der Ausfahrt zum Osterfest nach Saint-Cloud hinderte.

Als Schlüsselereignis gilt die missglückte Flucht der Königsfamilie am 20. Juni 1791.

Das klägliche Finale der Flucht in Varennes, wo ein misstrauischer Posthalter den verkleideten König erkennt, die Stadtverwaltung die Brücke über die Aire sperrt und den König gefangen nimmt, signalisiert das Ende monarchischer Autorität. Die von Lafayette ersonnene Mär von der Flucht als ›Entführung‹ durch ›die Feinde der Revolution‹ überzeugte nur noch seine Gesinnungsgenossen unter den moderaten ›Patrioten‹. Die Cordeliers verlangten seit dem 21. Juni die Ausrufung der Republik. Dank der Redekraft Barnaves wählte die Konstituante als Ausweg den Kompromiss. Sie suspendierte den verhafteten König am 25. Juni, bis ein Ausschuss am 15. Juli in seinem Bericht den König für unschuldig erklärte. Im Jakobinerclub spalteten sich die ›Feuillants‹ unter Führung der konstitutionalistischen ›Triumvirn‹ Barnave, Adrien Duport und Alexandre de Lameth ab. (Halévi, 573)

Es folgt der 17. Juli 1791 als nächstes Krisendatum der Revolution. Mobilisiert von den Cordeliers war das Volk ˗ etwa 4000-5000 Handwerker, Gesellen und Arbeiter – auf dem Marsfeld zusammengeströmt, um die Bestrafung des Königs zu fordern. Als ein Schuss fiel, ließ Lafayette die Nationalgarde auf die unter der roten Fahne – ehedem das Zeichen zur Niederwerfung einer émeute, fortan das Zeichen des Klassenkampfes – versammelte Menge feuern. Der Bruch zwischen der ›bürgerlichen‹ und der ›proletarischen‹ oder plebejischen Revolution trat erstmals blutig in Erscheinung. (Brinton, 52; Rudé, 225f.; Markow-Soboul, 176-179; Furet-Richet, 184f.; Furet, in: Furet-Ozouf I, 237; Gueniffey, 422f.)

Das vermeintlich Opportune: der Weg in den Krieg

Wann und wie lief die Revolution aus dem Ruder? Seit der Flucht nach Varennes stand die konstitutionelle Monarchie unter bedenklichen Vorzeichen. Immerhin: »Kurzfristig stärkte dieses Ereignis die gemäßigte und royalistische Strömung.« (Furet, in: Furet-Ouzouf I, 238). Am 14. September leistete der König den Eid auf die Verfassung samt der vom Papst noch ein halbes Jahr zuvor ausdrücklich verdammten Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte. Feierlich verkündete die Konstituante, bevor sie sich auflöste: ›Die Revolution ist zum Abschluss gelangt.‹

In Wirklichkeit war die Revolution mit der Proklamation der Verfassung von 1791 und dem Zusammentritt der neuen Nationalversammlung (Assemblée législative) in ein neues Stadium eingetreten. Als fatale Defekte der Verfassung sollten sich das Einkammer-System sowie der von Robespierre durchgesetzte Modus für die Neuwahlen zur Legislative, in der kein Vertreter der Konstituante sitzen dürfe, erweisen. Als die Legislative am 1. Oktober 1791 ihre Sitzung eröffnete, zählten von den 745 Abgeordneten zwar nur etwa 140 zu den bekennenden Republikanern, mehrheitlich Jakobiner und einige Cordeliers. Durch die Verbindung der Clubisten zu den Sektionen und der politisierten Pariser Stadtbevölkerung – den ›Sansculotten‹ des Jahres 1792 – konnte diese ›Linke‹ auf die Legislative, insbesondere auf die nicht festgelegte Mehrheit von ›Konstitutionellen‹ (oder Indépendents), Druck ausüben.

Als Wortführer der republikanischen Girondisten, wie seine Anhänger, Mitglieder der Jakobinerclubs in den Provinzen, alsbald genannt wurden, trat Jacques-Pierre Brissot, ehedem ein Schützling Lafayettes, hervor. Im Jakobinerclub, der soeben, mit Tribünen ausgestattet, seine Debatten öffentlich auszutragen begann (Nürnberger, 86), eröffnete er am 20. Oktober 1791 die Agitation für den revolutionären Krieg. Am 16. Dezember verkündete Brissot, der Krieg sei eine nationale Notwendigkeit. »Seit sechs Monaten, ja seit Beginn der Revolution habe ich nachgedacht über die Politik, die ich verfolgen wollte. Die Kraft der Überlegung und der Tatsachen hat mich davon überzeugt, daß ein Volk, das nach zehn Jahrhunderten der Sklaverei seine Freiheit errungen hat, des Krieges bedarf. Es braucht den Krieg, um die Freiheit zu befestigen; es braucht ihn, um die Freiheit von den Lastern des Despotismus zu säubern; es braucht ihn, um aus seinem Schoß die Männer zu entfernen, die sie verderben könnten. ... Wäre [Frankreich] nicht entehrt, wenn es Beleidigungen hinnähme, die ein Despot nicht vierzehn Tagelang ertragen hätte. Ein Ludwig XIV. erklärte Spanien den Krieg, weil sein Botschafter durch den Spaniens beleidigt worden war, und wir, die wir frei sind, sollen einen Augenblick schwanken?« (Zit. in: Hartig, 35) Es war die Geburtsstunde des modernen demokratischen Nationalismus. Widerspruch kam von Robespierre. (Rudé, 128f.) Zwei Jahre später, am 31. Oktober 1793, sollte Brissot seinen Kopf verlieren.

Die Kriegspropaganda fiel angesichts der – mehr von innen als von außen – seit langem angespannten Lage auf fruchtbaren Boden. In der Legislative gaben die Brissotins den Ton vor. Auf die Seite der Kriegspartei schlugen sich einige Gemäßigte unter dem Einfluss Lafayettes. Von einem schnellen Sieg über die Österreicher im Bündnis mit den ›patriotisch‹ – demokratisch erregten Niederlanden erhoffte er sich die Annexion Belgiens, die Rettung der konstitutionellen Monarchie sowie die Erneuerung seines eigenen geschwächten Prestiges. Auf Befreiung von der Revolution durch Intervention von außen hoffte das Königspaar, seit langem in konspirativer Korrespondenz mit Emigration und fürstlichen Häuptern, und so zählten auch die wenigen Royalisten zur Kriegspartei. »Gegen seine Ratgeber, gegen Barnave, stürzt Ludwig XVI. sich seit Dezember 1791 in eine verschärfte Kriegstreiberei. Diesen Krieg, den er gewollt hat, wünschen seine Feinde ebenfalls, wenn auch aus entgegengesetzten Gründen; und genau wie sie es vorhergesehen haben , wird er den König in den Abgrund reißen.« (Furet: Ludwig XVI. in : Furet-Ozouf, 440).

span class="text"> span class="text">Inwieweit die Pilnitzer Deklaration von Österreich und Preußen (25. August 1791) als mehr denn als eine bloße Geste, sondern als Vorstufe zu einem auf antirevolutionäre Intervention angelegtes Bündnis zu bewerten sei, ist im Blick auf den Beginn des Revolutionskriegs von geringer Bedeutung. Bis zum Tode Kaiser Leopolds II. (1.4.1792) konnten die Emigranten in Koblenz und Worms keineswegs auf dessen Unterstützung eines Kreuzzugs gegen die Revolution rechnen. Die historische Tatsache bleibt, dass die Nationalversammlung am 20. April 1792 mit überwältigender Mehrheit (711:7 Stimmen), ›Franz II., König von Böhmen und Ungarn‹ – und damit de facto den Fürstenstaaten des Römisch-Deutschen Reiches den Krieg erklärte.

Der Weg in den Krieg scheint im April 1792 allen opportun. Nach Anfangserfolgen der Revolutionstruppen wendet sich das Kriegsglück, die Fürstenheere rücken von Norden und Osten auf französischen Boden vor. In Paris treten die über akute Nöte und permanenten ›Verrat‹ empörten Massen, die Sansculotten, im Bündnis mit den revolutionären Sektionen auf den Plan. ›Die Revolution in Gefahr!‹, dekretiert die Nationalversammlung. Die Androhung eines Strafgerichts durch den Herzog von Braunschweig (26. 7. 1792) an der Spitze der preußischen Truppen wirkt als Zündfunke für die zweite Revolution, den Sturm auf die Tuilerien am 10. August 1792. Mit den ›Septembermorden‹ (2. bis 6. September) mündet die Revolution in eine erste Phase gezielten Terrors. Am 21. September 1792 proklamiert der neugewählte Nationalkonvent die Republik. Am Tag zuvor, am 20. September 1792 kündete – in den Worten Goethes – die Kanonade von Valmy den Anbruch ›einer neuen Epoche der Weltgeschichte‹.

Historiker wie Eberhard Schmitt und Francois Furet sehen den eigentlichen Beginn der Großen Revolution erst im Kriegsjahr 1792. Der Umschlag der Revolution in Krieg und Revolutionsexport, von Patriotismus in revolutionären Nationalismus, von Demokratie in Diktatur, von Menschenrechtspathos in Terror sprechen für diese These. Jedenfalls scheint erst mit dem von allen Seiten betriebenen Entschluss zum Krieg das Ausufern der Revolution vorgezeichnet. Erst der Krieg brachte die Dialektik der Französischen Revolution zum Vorschein.

III. Conclusio

Diese Rekonstruktion der vorrevolutionären sowie frühen revolutionären Ereignisstränge in Amerika und Frankreich, der Kausalität von Handlungssituationen und der Konsequenz von Entscheidungen oder Unterlassungen basiert auf dem Postulat der Offenheit historischer Prozesse – ein Postulat, das der Einschränkung ›relative Offenheit‹ bedarf. Ungeachtet aller Logik der europäischen Weltgeschichte, die im 20. Jahrhundert, beginnend mit dem Kriegsjahr 1917, zu Ende ging, widerstrebt die reale, in kürzeren Zeiträumen empirisch auszulotende Geschichte einer unumstößlichen Logik.

Unter derlei Prämissen bestanden in den von uns behandelten Epochal-Ereignissen des 18. Jahrhunderts in beiden Fällen, vor der Amerikanischen sowie vor und während der Französischen Revolution gewisse Alternativen zum tatsächlichen Verlauf der Dinge. Die von britischer Seite versäumten Lösungschancen des Konflikts mit den amerikanischen Kolonien treten fraglos deutlicher hervor als die mögliche Abwendung und Zügelung der Revolution im Gefolge der französischen Staatskrise.

In Frankreich scheint die Logik der Krise und des von ihr ausgelösten Revolutionszyklus infolge der über einen lange Zeitraum angelagerten Konflikte im politischen und politisch-ideellen Raum sowie aufgrund der in kurzen Zeiträumen ab 1789 sich zuspitzenden revolutionären Dialektik historisch zwingender, die Chancen für ein rechtzeitiges Bremsen oder Ableiten des revolutionären Stroms gering. Nichtsdestoweniger stoßen wir auch hier auf Kreuzwege im revolutionären Prozess.

Gerade weil die Französische Revolution das historische Grundmodell eines gewaltsamen Revolutionszyklus bildet, ist es angebracht, auf die zumindest im ersten Stadium noch offene Entwicklung zu verweisen sowie spezifische Entscheidungen zu benennen, die geeignet scheinen, das Konzept eines revolutionären Determinismus zu relativieren. Dazu gehören die teils aus Starrsinn, teils aus Schwäche getroffenen Entscheidungen des Königs vor und nach dem 14. Juli 1789, der von der Konstituante heraufbeschworene Konflikt mit der Kirche, schließlich der Entschluss zum revolutionären Krieg, der in die zweite Revolution 1792 einmündete. Jedenfalls widerspricht die frühe Phase des epochalen Umbruchs in Frankreich der aus republikanischer Ideologie 1891 entsprungenen These Georges Clemenceaus, die Revolution sei ›ein Block‹ (la révolution est un bloc). (Assemblée nationale: Clemenceau)

Historisch naiv und abwegig wäre ein umgekehrter Determinismus – die Vorstellung einer jederzeit möglichen Revolutionsabwendung. Es ging bei unserer Analyse der Revolutionen in Amerika und in Frankreich um nichts anderes als das Aufspüren denkbarer Alternativen zum realgeschichtlichen Geschehen, um Verfehlungen des ›Opportunen‹. Die Frage nach dem ›richtigen‹ Zeitpunkt einer ›richtigen‹ – somit historisch nicht nur folgenreichen, sondern ›erfolgreichen‹ Entscheidung – und umgekehrt einer ›falschen‹ Entscheidung oder verspäteten Aktion zum ungeeigneten Zeitpunkt stellt sich in der Regel erst im Nachhinein. In diesem Sinne ist aus der Geschichte nichts anderes zu lernen, als einerseits die Warnung vor übertriebenem Optimismus und andererseits vor fatalistischem Pessimismus hinsichtlich des Kommenden. Diese Warnung gilt hinsichtlich der sich in der Welt des 21. Jahrhunderts abzeichnenden Machtkonflikte im globalen Maßstab sowie im Hinblick auf die in den europäischen Gesellschaften hervortretenden kulturell-sozialen Bruchlinien.

Literatur

ADAMS, Willi Paul: Revolution und Nationalstaatsgründung 1763-1815, in: Die Vereinigten Staaten von Amerika, Fischer Weltgeschichte 30, Frankfurt/M. 1977, S. 22-70
AMERICAN CONSERVATISM. An Encyclopedia, hrsg. v. Bruce Frohnen u.a., Washington, Del. 2006
ARENDT, Hannah: Über die Revolution, München 21973
ASSEMBLÉE NATIONALE: Georges Clemenceau, http://www.assemblee-nationale.fr/histoire/Clemenceau_1891.asp
BLÉ, Bernhard: Turgot, Anne Robert Jacques, in: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon, Band XVIII (2001) Spalten 1402-1436, http://www.bautz.de/bbkl/t/turgot_a_r_j.shtml
BOFFA, Massimo: Die Emigranten, in: Furet-Ozouf I, 546-564
BRIINTON, Crane: A Decade of Revolution 1789-1799, New York 1963 (erstm. 1934)
CRARY, Catherine S.: (Hg.): The Price of Loyalty. Tory Writings from the Revolutionary Era, New York etc. 1973
FURET, François: Das revolutionäre Frankreich (1787-1791), in: Das Zeitalter der europäischen Revolutionen 1780-1848, Fischer Weltgeschichte Bd. 26, Frankfurt/M. 1969, S. 31-50
FURET, François, RICHET, Denis: Die Französische Revolution, Frankfurt/ M. 1997
FURET, François, OZOUF, Mona (Hgg.) Kritisches Wörterbuch der Französischen Revolution, 2 Bde., Frankfurt/M. 1966 (frz. Orig. 1988) (= Furet-Ozouf I / II)
GRIEWANK, Karl: Die Französische Revolution 1789-1799, Köln-Wien 71980
GUENIFFEY, Patrice: Lafayette, in: Furet, Ozouf, I, 412-426
HALÉVI, Ran: Die Feuillants, in: Furet, Ozouf, I, 573-584
HARTIG, Paul (Hg.): Die Französische Revolution, Stuttgart 41979
THE HISTORY PLACE. American Revolution, http://www.historyplace.com/unitedstates/revolution/rev-prel.htm
LEMAY, Edna: Necker, Jacques, in: Reinalter (s.u.) 436-439 (= Lemay I)
DIES.: Turgot, Anne-Robert-Jacques, in: Reinalter (s.u.), 616-619 (= Lemay II)
MARKOW, Walter, SOBOUL, Albert: 1789. Die Große Revolution der Franzosen, Köln 31989
MEYERS KONVERSATIONSLEXIKON, Leipzig – Wien, 4. Aufl., 1885-1892, http://www.retrobibliothek.de/retrobib/seite.html?id=111056
MORGAN, Edmund S. & Helen M.: The Stamp Act Crisis. Prologue to Revolution, rev. Ausg. New York 1983
MORISON, Samuel Eliot, COMMAGER, Henry Steele: The Growth of the American Republic, Bd. I, New York 1962
NEWEL, James E.: Currency and Finance in the 18th Century, http://www.continentalline.org/articles/9703/970301.htm
OGG, David: Europe of the Ancien Régime 1715-1783, New York 1966 (erstm. 1965)
PALMER, Robert R.: The Age of Democratic Revolution. A Political History of Europe and America 1760-1800, Princeton, N.J. 1959 (= Palmer I)
DERS.: Der Einfluß der amerikanischen Revolution auf Europa, in: Propyläen Weltgeschichte, hrsg. v. Golo Mann, Bd. VIII, Berlin 1991 (erstm. 1960), S. 29-58 (=Palmer II)
PALMER, R.R – COLTON, Joel: A History of the Modern World, New York 1965
REINALTER, Helmut (Hg.): Lexikon zum Aufgeklärten Absolutismus in Europa. Herrscher – Denker – Sachbegriffe, Wien-Köln-Weimar 2006
REYNAUD, Philippe: Amerikanische Revolution, in: Furet, Ozouf II, 961-978
RUDÉ, George: Revolutionary Europe 1783-1815, New York 1966 (erstm. 1964)
SCHMITT, Eberhard: Einführung in die Geschichte der Französischen Revolution, München 1976
TOCQUEVILLE, Alexis de: Der alte Staat und die Revolution, o.O. 1969