Steffen Dietzsch
______________

Vom politisch-theologischen Antrieb
in (kommunistischen)  Revolutionen
Fast eine Säkularbetrachtung


Die Geschichte sei, wie Georg Büchner einmal verzweifelnd schrieb, vom lieben Herrgott nicht zu einer Lectüre für junge Frauenzimmer geschaffen worden; man werde nämlich wie zernichtet unter dem gräßlichen Fatalismus der Geschichte zurückgelassen. Immerfort dasselbe: Quälen und töten, töten und quälen, und ich lese es auf tausend Arten immer wieder, immer dasselbe (Elias Canetti).

Das sollte und müsste endlich, endlich einmal vorbei sein! Das, was noch nie guter Wille oder eine entschlossene Idee zustandegebracht hatten, weder mit Gottesfurcht oder aus Rechtsbegriffen, dass Menschen freundlich, frei und satt werden könnten auf Erden, verkündete und begründete in der Neuzeit der Kommunismus. Der versprach – durch Marx – zweierlei: zunächst jede praktische Angelegenheit künftig an der Wurzel zu packen, (a) radikal zu sein, um dann (b) »alle Verhältnisse umzustürzen, in denen der Mensch ein geknechtetes, beleidigtes und erniedrigtes Wesen ist«. Es galt also die Macht zu erringen, um genau das zu tun: alles umzustürzen. Das heißt, abzuschaffen, was offensichtlich den Menschen von seinesgleichen entfremdet (und was diese Entfremdung ideell verklärt), allem voran die Eigentums- und Geldverhältnisse, das damit überkommene Recht, Handel, Administration, Parlamentarismus, natürlich die Kultur dieser ›Alten‹, wie Religion, Kunst, Pädagogik, Philosophie, etc. Hierzu war der zu erwartende Widerstand alles Alten radikal zu brechen, wie Lenin 1920 gefordert hat, »durch nichts eingeschränkte, durch keinerlei Gesetze, absolut durch keinerlei Regeln gehemmte, sich unmittelbar auf die Gewalt stützende Macht«.

Das Nachsichtigste, was man über jene außer Rand und Band geratenen Leute (von Lenin bis Lin Piao, von Molotow bis Mielke, von Berija bis ›Presidente Gonzalo‹), die alle so oder so Söhne des Roten Oktober waren, sagen könnte, war allerdings schon in Dostojewskijs Die Brüder Karamasow nachzulesen: Sie waren nicht gewachsen dem Aufruhr, den sie selber anzettelten. Ein Erschrecken macht sich breit bei der Ahnung, dass es sich dabei nicht bloß um üble und übliche Begleitumstände der Geburt von etwas ›Neuem‹ handelt, um sogenannte ›Kinderkrankheiten‹, sondern dass die Konstruktionsidee, die Idee des Kommunismus selber von Beginn an falsch gewesen sein könnte. Seine Schrecken wären womöglich als Verkehrsform der kommunistischen Lösung der sozialen Frage zu begreifen: als die immerwährende, alltägliche empirische Negation aller herkömmlichen Konventionen im Umgang zwischen Menschen, ohne die es niemals auch nur kurzfristig gelingen könnte, das (markt-unfähige) Gemeineigentum als Lebensform vorzuschreiben. Der Terror des Bolschewismus wäre also die erste, bald ständige, wiederholte Erfahrung des Scheiterns der alten Idee des Politischen als der Kunst des Möglichen und des Scheiterns des modernen Projekts von Gesellschaft als einer formal-rechtlich verfassten Assoziation von austauschenden Individuen. Die Frage bleibt, ob es denn überhaupt nur ein Scheitern war, oder nicht vielmehr in der Absicht lag, genau jenes ›Ganz Andere‹ mit ganz anderen Mitteln zu realisieren. An die Stelle des Politischen (als machbar Gegenwärtigem) trat die Engführung des Blicks aufs allein Künftige (weit über das Morgen hinaus): Das Utopische substituiert das Politische und die Gemeinschaft die Gesellschaft. Dies allerdings ist ein übergreifendes Motiv aller radikalen, revolutionären Kapitalismus-Kritik bis heute.

Übrig bleibt als praktische, massenhafte Erfahrung des Menschengeschlechts eine grauenvolle Bilanz jener Kommunistischen Revolutionen, so dass, mit Immanuel Kants Kritik der Revolution (der Franzosen) gesprochen, »ein wohldenkender Mensch sie, wenn er sie zum zweitenmal unternehmend glücklich auszuführen hoffen könnte, doch das Experiment auf solche Kosten zu machen nie beschließen würde.« Könnte man etwa – wie einst noch Kant von der Französischen Revolution vermutete – auf eine moralische Anlage im Menschengeschlecht abheben? Hier dürfte doch inzwischen jeder ›Dispositionskredit‹ für Diskontinuitätsprojekte überzogen sein. Wenn nach Auschwitz noch nicht einmal mehr Gedichte möglich sein sollten, kann dann nach dem Gulag immer wieder eine Revolution denkbar sein? Das sollte zumindest nicht selbstverständlich sein.

Es bleiben mindestens zwei Fragen:
1. Was war der entscheidende mentale Antrieb in jener ›Diktatur des Proletariats‹?
2. Ist es sinnvoll, Differenzierungen im ›Diktatur‹-Begriff vorzunehmen?

1. Eine der singulären Folgen der russischen Revolution vom Oktober 1917 war ihre globale Dimension. Sie wurde von den Akteuren der Revolution auch sofort als notwendige Bedingung und Konsequenz ihres Erfolges gesehen. »Die ganze Welt hat sich in Weiße und Rote geteilt, nicht nur in Russland, sondern überall«, so definierte Georgi Sinowjew in einer Rede von 1919 die neue Situation. Dass dieser Umsturz nicht nur die im europäischen Mächtevergleich zurückgebliebene russische Gesellschaft modernisieren wollte, sondern vielmehr genuin als der Beginn einer ›Neuen Moderne‹ gelten können sollte, war Antrieb bei Akteuren und Sympathisanten der Revolution wie Albtraum ihrer Gegner. Und so begann im Selbstbehauptungskampf des Roten Russland gegen die Weltkriegsgewinner Europas und Amerika das, was man dann den Weltbürgerkrieg nannte.

Dabei entwickelte sich ganz ursprünglich auf Seiten derer, die mit einem neuen emanzipatorischen Anspruch die geschichtliche Bühne betraten, eine bisher ungekannte Dynamik der Selbsttranszendenz des (mediokren) Menschen. Ihre leitende Idee war kommunistisch und ihre Verkehrsform die Gewalt. Deren unbegreifliche Triumphe, das Unvergessliche Jahr 1919, der Weg durch Zentralasien bis zum Stillen Ozean ließ viele an ein erneutes, hoffnungsvolles Passionsgeschehen denken.

Und sie schreiten majestätisch
Hinten: Hund und Hungerleid;
Aber vorn: mit blutiger Fahne,
Gegen Blick und Blei gefeit;
Um den Kranz aus weißen Rosen
Und voll Sanftheit jeder Schritt,
Schreitet Jesus Christus mit...


So heißt es in Aleksander Bloks Poem Die Zwölf von 1918. Diese neue, (unbewusst) religiös konnotierte Kultur der Selbsttranszendenz, die alle bisherigen Normen und Maße des Politischen und Parlamentarischen hinter sich ließ, hatte unmittelbar die Faszination der Welt für sich. Selbst ihre Widersacher konnten sich ihr kaum entziehen. Ist das, so fragte sich ein junger deutscher Fahnenjunker in den Reihen Admiral Koltschaks, »nicht so alt wie die Menschheit selbst, zum wenigsten so alt wie Christus und seine Lehre?«

Aber: Warum wurde in diesem ›Neuen Russland‹ Dostojewskijs Legende vom Großinquisitor so schnell geschichtliche Realität? Das heißt: warum wurde eine für die Existenz der neuen Räterepublik schlechthin konstitutive Personengruppe (die Macher des Oktober 1917)  staatsförmig totgeschlagen? Denn, wie wir heute längst wissen, die Feind- und Sabotagekennungen namentlich der Dreißiger Jahre bezeichneten und identifizierten gerade das, was nicht ist. Die als ›(Volks)Feinde‹ stigmatisierten Menschen waren ja gerade keine Feinde und Saboteure. Indem man sie als solche markierte, vollzog man ein monströses Herrschaftsspiel. Der Terror war (als physische und geistige Auslöschung) die demonstrativ-öffentliche Vergeltung an den zuvor erzeugten Feinden und Saboteuren. Wozu brauchte man das? – Um sich in einem Endkampf zukunftswärts (himmelwärts) hochzurevolutionieren und sich nicht etwa bloß (irrtum-integrierend) ›nach oben‹ zu parlamentieren. Der Terror war eine Folgelast, die man zu tragen hat, wenn man die Kultur des Politischen aufgibt, ja austreibt. Man sollte sehen, dass jene Schreckenszeit nicht ›bloß‹ eine Verirrung im (rechts)politischen Handeln der KPdSU(B) war (›es gab Verletzungen der sozialistischen Gesetzlichkeit‹), sondern dass sie eine fundamentale politisch-theologische Dimension deutlich macht.

Was meint das? Es hat zu tun mit dem Wollen der Kommunisten jener Zeit, eine qualitativ andere, endgültig befreite Menschenwelt zu organisieren und nicht bloß wieder einen Staat neben anderen. (Nebenbei: Die Hymne der Sowjetunion war auch kein aus der nationalen Tradition Russlands oder einer anderen Sowjetrepublik stammendes Musikstück, sondern die Internationale. Jedenfalls bis sie im ›Heiligen Vaterländischen Krieg‹ 1943 durch ein patriotisches Lied ersetzt wurde). Dies war keine im herkömmlichen Sinne politische Aufgabe (bei der es Fehlerdiskussion, Konsenskultur und Umkehr geben könnte), sondern tatsächlich ein politisch-theologisches Begehren nach Erlösung überhaupt. – Nun klappte aber dieses Begehren nirgends im Alltag jener Umkrempelungen. Das muss erklärt werden. Aber wie? – Die Revolutionäre erlebten etwas, was die frühesten Christen auch erleben mussten: die (zeitliche) Verzögerung des Heilsgeschehens. Das heißt, nicht nur die endgültige Befreiung kommt nicht in Sicht, auch Verbesserungen bleiben aus; in den Worten des späten Bertolt Brecht: Versprochen worden sind Äpfel, ausgeblieben ist Brot.

Also, theologisch gesprochen: Der tendenzielle Fall der ›Parusieerwartung‹ (d.h. die Parusieverzögerung) verlangt in jener Zeit erstmals eine umfassende Kompensationsstrategie, um nicht soteriologisch (d.h. erlösungspraktisch) zu erschlaffen, und um den Bedarf ständig steigender Heilsenergien (für das Herbeiarbeiten des Kommunismus) sicherstellen zu können. Es musste eine neuartige Konditionierung begonnen werden, der neue Terminus dafür war: ideologische Arbeit, um die vorgefundene – zu befreiende – Welt sukzessive durch eine ›zweite – befreite – Natur‹ zu substituieren bzw. als schon substituiert zu erklären. Und man braucht in diesem Prozess, in dieser permanenten Kampagne natürlich auch ›die Anderen‹, die der Befreiung ebenso permanent entgegenwirken (nicht solche, die sich irren, mit denen zu reden wäre, die, im Grunde gleichgesinnt, bloß andere politische Wege versuchen, etc.). So wie die Befreier mit einem absoluten Anspruch, ›das Licht‹, den ›Morgen‹ zu bringen, auftreten, braucht man auf der anderen Seite Leute (je vormals bedeutender um so besser!), die mit einem ebenso absoluten Anspruch die ›Dunkelheit‹, das ›Gestern‹ vertreten.

Der sowjetische Herrschaftsalltag der Dreißiger Jahre – Je näher man dem Sozialismus ist, um so mehr verschärft sich der Klassenkampf –, ist diese theologisch-politische Gnostik. »Russlands Unglück war«, so schrieb in jenen Jahren der schon erwähnte deutsche Fahnenjunker, »dass die Ausführung des Versuchs einer kommunistischen Staatsordnung aus den Händen von Experimentierenden in die Hände von Gläubigen geriet. Wenn der Versuch in der Hand lediglich herzkalt Rechnender geblieben wäre, hätte man ihn nach einem halben Jahr, nach Gewinn der Erkenntnis, dass er keinerlei Lebensmöglichkeit besitzt, sicher wieder abgebrochen. Dadurch jedoch, dass er den Zügeln dieser Rechnenden entglitt und in die starke Hand Lenins und seiner Gläubigen geriet, wurde aus dem wissenschaftlichen Experiment eine Glaubenslehre.« Der polnisch-jüdische Schriftsteller Aleksander Wat erinnert sich einer Episode mit Stalin aus den Vorkriegsjahren, die ihm sein Freund Paustowski erzählt hat und die diese religiöse Dimension deutlich werden lässt: Bei einem Komsomolkongress wird die ›Epiphanie‹ des Väterchens herbeiapplaudiert – nach einer inbrünstigen halben Stunde kommt ER – weitere »zehn Minuten lauscht er nicht nur, er trinkt diesen Schrei: Stalin, Stalin, Stalin, Stalin, der in immer höheren Tonlagen erschallt, die schon ins Hysterische übergehen.«

2. Die schlichte Erklärung: Kommunismus sei eben bloß anders ›gefärbter‹ Nazismus, beides aber totalitäre Gewaltformen, Diktaturen, besagt über beide fast nichts. Hilft also eine ›Totalitarismus‹-Theorie weiter, die sich um einen vereinheitlichbaren Begriff von Diktatur bemüht? Das leisten weder die ›strukturelle‹ (Hannah Arendt) noch die ›historisch-genetische‹ (Ernst Nolte) Variante. Deren Begriffe und Methoden müssen (und wollen) die höchst unterschiedlichen historischen, empirischen und kulturellen Sachverhalte in den totalitären Gesellschaften auf Vergleichbares hin reduzieren. Dabei bleiben häufig nur ein paar augenfällige Übereinstimmungen in der ›Ästhetik‹ und im Gepränge der Macht übrig: Aufmärsche, Propagandageschrei, Gemeinschaftstümelei, lustige Schützenkönig-Uniformen etc. Es wäre ein wenig so, als würde man einen Panje-Wagen und einen Daimler als Fahrzeuge aufeinander reduzieren wollen. Wenn ein Zugewinn an Erkenntnissen über die je unterschiedlichen inneren Formen jener Gewaltherrschaften zu machen wäre, dann wohl nur unter der Vermutung: Jeder Totalitarismus ist singulär.

Gelänge es, die Analyse beider Diktaturen auf das Problem der Selbsterhaltung des Einzelnen zu fokussieren, würden viele Unvergleichbarkeiten deutlich. Der Einzelne hat es im Stalinismus z.B. mit ungleich unverlässlicheren Institutionen (in Verwaltung, Partei, Recht oder Militär) zu tun, als in jeder anderen Diktatur. Gleichgültig, ob parteiloser Arbeiter, General, Bauer, Rückkehrer, Professor, Polarflieger oder Volkskommissar für Inneres, im Stalinismus gab es keine kalkulierbare Lebens- oder Berufsform, mit der man sich vor dem gewaltsamen Tod (verursacht durch die eigenen ›Gleichgesinnten‹) bevorzugt hätte schützen können. Der Staatsterror war spätestens seit Stalins Triumph (1934), dem ›zweiten Bolschewismus‹ (F. Furet), nicht mehr an soziologischen ›Klassen‹-Kriterien orientiert, sondern wütete übergreifend zwischen allen Schichten jener unglücklichen Gesellschaft, in allen Berufen und Regionen, bei Privilegierten wie bei entlegenen sibirischen Ethnien, bei Siegern wie Besiegten im Bürgerkrieg, unter den ›Erbauern des Kommunismus‹ ebenso wie unter Abtrünnigen. Gerade in dieser Zeit des Großen Terrors wurden Unwägbarkeiten, Unsicherheiten, Improvisationen und ein unübersehbares Täuschungschaos offenbar, von dem man nichts verstünde, wenn man auch alles über die Justiz- und Verwaltungsformen in Nazi-Deutschland (besonders vor dem Krieg) wüsste. Das, was beispielsweise Roland Freisler bei seinem offiziellen Besuch des ersten Moskauer Schauprozesses 1936 hätte lernen können, war schlechterdings auf die zeitgleiche Prozesskultur im nationalsozialistischen Deutschland nicht anwendbar. Weniger aus mentalen Gründen, er hatte sicherlich die gleiche kriminelle Energie wie Wyschinskij, als aus Gründen einer völlig anderen, nämlich weitgehend noch – mit Ausnahme des Parlamentarismus – intakten und (von den Deutschen!) mehrheitlich freiwillig und als selbstverständlich akzeptierten autoritär-bürgerlichen Herrschaftsform, eines Lebens (für Deutsche!) in obrigkeitsstaatlicher Normalität und Sekurität. Selbst dort, wo seit der Kaiserzeit die Preußische Gefängnisordnung galt, wurde der (deutsche!) Gefangene – anders als im KZ – als bürgerliche Person behandelt. Der Nazijurist Freisler hätte in Friedenszeiten niemals die staats- und ideologietragende Militär-, Partei- oder Diplomatenelite des ›Dritten Reichs‹ wie tollwütige Hunde erschießen lassen können.

Umgekehrt fänden die Schrecken der rassistischen, xenophobischen Auslöschungs-Exzesse des deutschen Nationalsozialismus (allen voran gegen Juden und Slawen, Sinti und Roma) keine hinreichende Erklärung, wenn man die Gründe und Formen des ›Klassenkampfes‹ (exemplarisch gegen die ›Kulaken‹), die der Stalinismus aufbot, zum Verständnis von Auschwitz heranzöge. Das Konzept des Totalitarismus erlaube zwar, so betonte neulich François Furet zutreffend, zu vergleichen, was vergleichbar ist, aber es reicht nicht aus, weder was die Ursprünge und Verläufe noch was den Alltag beider betrifft. Die Tatsache, dass es dort um den Kampf gegen Rassen, hier um den Kampf gegen Klassen gegangen sei, mache beide Diktaturen nicht schon symmetrisch. Reimereien sind keine Argumente, um Schicksalszusammenhänge zu verstehen. Die Judenfrage als Rassenproblem zu lösen, das hieß schon in der Theorie, die Juden zu exekutieren. Die Kulaken als Klasse zu beseitigen, das hieß nach der Lehre von Lenin und Stalin, die Kulaken zu expropriieren. Der Unterschied ist – theoretisch – immerhin der zwischen Tod und Leben. Die stalinistische Gewalt-Kampagne, die Bauern in kürzester Zeit und massenhaft von ihrem Eigentum zu trennen, hatte allerdings unter Sowjetbedingungen sofort einen Verwaltungs-, Verkehrs- und Ernährungskollaps zur Folge, der von ›oben‹ kaum noch zu beherrschen war (da kam auch Stalins Bremsversuch 1930 mit seinem Appell Vor Erfolgen von Schwindel befallen zu spät). Die grauenhaften Folgen – Millionen von Hungertoten (Anfang der Dreißiger) – hatte das ganze Land zu tragen und nicht etwa ›nur‹ die Zielgruppe der Enteigneten. Dieser Vorgang ist jedoch von den Gründen, Umständen und Ausmaßen her in keiner Weise kopiegleich mit dem gezielten Verhungernlassen jüdischer Ghettos in den von Deutschland besetzten Ostgebieten (zu Beginn der Vierziger). Zumal jene verhängnisvollen politischen Entscheidungen gegen die Bauern in der Sowjetunion von damals das ganze Land (nicht nur in Kriegszeiten) in einen anhaltenden Zustand universeller Mangelversorgung gebracht hat, regional auch immer wieder einmal an die Grenze des Hungers. Diese chronische Unterversorgung hielt an bis zum Ende des Kommunismus und traf auf fast alle kommunistischen Länder zu. Eine hinreichende Erklärung des ›Warum‹ jenes kommunistischen Leviathanismus bleibt aus. Weder Merleau-Pontys geschichtsphilosophischer Hinweis (1946) auf die Vorstellung einer dialektischen Geschichte noch Courtois’ Beschreibung (1997) der typisch russischen Dimension jener formidablen Henker erfasst auch nur annähernd die Gründe dieses Zivilisationsbruchs.