Manfred Riedel: Geheimes Deutschland.
Stefan George und die Brüder Stauffenberg
Köln Weimar Wien (Böhlau) 2006, 267 S.


Vom Geist Georges zur Tat Stauffenbergs – Manfred Riedels Rettung des Reiches

Dank einem postmodernen Satyrspiel ist die deutsche Tragödie unversehens ins Bewusstsein gerückt. Dem Streit um den Scientology-Anhänger Tom Cruise als Stauffenberg-Darsteller in einem Hollywood-Filmprojekt ist es zu verdanken, dass das Gedenken an Claus Graf Schenk von Stauffenberg, dessen 100. Geburtstag am 15. November 2007 ansteht, zum öffentlich-medialen Thema geworden ist. Kommt man an Gedenkveranstaltungen nicht vorbei, so ist Sorge zu tragen, dass der Hitler-Attentäter aus dem ›nationalistischen‹ Kontext deutscher Geschichte in den übernationalen europäischen Rahmen gestellt wird. Denn die Erinnerung an den Mann, der, dem Zeugenbericht zufolge, nach dem Scheitern seiner Befreiungstat dem Erschießungspeleton »Es lebe das heilige Deutschland!« entgegenrief, passt nicht in die ideologische Landschaft der Bundesrepublik.

Selbst die Chiffre ›heimliches Deutschland‹, dem sein Ausruf vermutlich galt, taugt nicht zur Sensibilisierung der überwiegend anational eingestellten ›Eliten‹, schon gar nicht der von Stauffenberg angeregte Schwur, am Vorabend des Attentats von Rudolf Fahrner und Berthold Stauffenberg im elitären Geist Stefan Georges verfasst, in dem es heißt: »Wir glauben an die Zukunft der Deutschen. Wir wissen im Deutschen die Kräfte, die ihn berufen, die Gemeinschaft der abendländischen Völker zu schönerem Leben zu führen. [...] Wir wollen eine Neue Ordnung, die alle Deutschen zu Trägern des Staates macht und ihnen Recht und Gerechtigkeit verbürgt, verachten aber die Gleichheitslüge und beugen uns vor den naturgegebenen Rängen.« Der »Schwur« sollte den inneren Zirkel der Verschwörung  nach der »deutschen Erhebung«, wie sie dem Gneisenau-Urenkel Stauffenberg vorschwebte, binden, selbst im Falle einer Besetzung zusammenzustehen und gegenüber der Fremdherrschaft »die Erneuerungsgedanken« in Deutschland zu verwirklichen.

Von derlei »vaterländischen Gefühlen«, zu denen sich  der Stauffenberg-Vetter Peter Yorck von Wartenburg vor Freislers »Volksgerichtshof« bekannte, will die politische Klasse in Deutschland nichts wissen. Noch vor wenigen Jahren konnte die FDP-Politikerin Hildegard Hamm-Brücher kundtun, der Fehlschlag des 20. Juli 1944 sei historisch zu begrüßen, da er das Aufkommen einer Dolchstoßlegende verhindert habe. Keine Reflexion über die Beendigung der NS-Mordpraxis, über die von den Verschwörern angestrebte Selbstreinigung, kein Wort der Trauer über die unzähligen Opfer (auf beiden Seiten) des letzten Kriegsjahres, über die Zertrümmerung der deutschen Städte, über den Verlust der alten deutschen Kulturlandschaften im Osten...

Bezüge zur deutschen Nation und ihrer Geschichte finden – nach einer kurzen Phase der Unbefangenheit in den ersten Jahren nach dem Mauerfall – ungeachtet allerlei verkrampfter Bekenntnisse zu »fröhlichem Patriotismus« (Bundestagspräsident Norbert Lammert, CDU) grundsätzlich nur ex negativo statt. Als Staatsideologie dienen europäische und/oder universalistische Bekenntnisse sowie, in der Diktion des Schulabbrechers und Ex-Außenministers Joseph Fischer, der »Gründungsmythos Auschwitz«. Die bis dato errichteten Geschichtssymbole der ›Berliner Republik‹ dienen augenfällig dessen Befestigung. Der rituelle Bezug auf die NS-Verbrechen impliziert zudem kaum verhüllt den Begriff einer deutschen Kollektivschuld. Mehr noch: In der radikal säkularen Gegenwart, genauer: in der vollendeten »abendländischen Gottlosigkeit« (Dietrich Bonhoeffer), dient die Phrase von den Deutschen als ›Tätervolk‹ als Sinnsurrogat, nicht zuletzt der Externalisierung der irritierenden Frage nach der Realität des Bösen. In scheinbarer Paradoxie korrespondiert der instrumentelle Umgang mit den NS-Verbrechen den hedonistischen Bedürfnissen der liberalen Gesellschaft.

In solcher Atmosphäre erscheint Manfred Riedels Buch  mit dem Titel Geheimes Deutschland auf den ersten Blick wie ein geistiger Befreiungsschlag. Wer sich von dem expressionistischen Gemälde Erich Heckels – der Meister mit drei Jünglingen in Nietzscheanischer Gebirgswelt – auf dem Umschlagbild nicht unmittelbar angesprochen fühlt, der liest auf der Rückseite folgende Sätze: »Was wir von der absonderlichen theologischen Erfindung einer deutschen Kollektivschuld – wann hätte es in 5000 Jahren Weltgeschichte dergleichen gegeben – zu denken haben, darauf geben die Blutzeugen der deutschen Erhebung eine Antwort. Darum sind nicht hunderte der edelsten Deutschen für die Freiheit ihrer Heimat und Europas ungebrochen in einen grauenhaften Tod gegangen, damit wir uns in flagellantenhafter Selbstbezichtigung ergehen. Als Deutsche tragen wir mit an der Kriegsschuld und dem Blute, das eine verbrecherische deutsche Regierung mit tausenden ihrer Satelliten sehr gegen unseren Willen auf sich geladen hat. Und wir tragen die Folgen, einem Gesetze der Geschichte gemäß, wie es von jeher gegolten hat.« Die Worte entstammen einer 1948 gehaltenen Gedenkrede von Alexander Stauffenberg, dem Überlebenden der drei Brüder.

Derlei Zitate wirken als heilsame Provokation. Riedels Buch ist einerseits getragen von der Verehrung der Protagonisten des 20. Juli und dem Schmerz über die sich in ihrem Scheitern vollendenden deutschen Tragödie, andererseits vom Bekenntnis zu Stefan George als Künders eines »europäischen Deutschland«, dessen Dichtung, wegen ihres »hohen Tones« von der Germanistenzunft  zu Unrecht außer Kurs gesetzt, längst der Aktualisierung offen stehe. Unter diesem Doppelaspekt zerfällt das Buch in zwei Teile: in vier historische Kapitel über die Beziehung der drei Stauffenbergs zu Stefan George und dem George-Kreis sowie vier Kapitel mit Interpretationen von Schlüsselgedichten als Zugang zur Ideenwelt des ›Geheimen Deutschland‹. Prolog (»Sage und Ruf von einem geheimen Deutschland«) und Epilog (»Nur durch die Klage wird das rühmen wahr...«) umschließen die aus Vorträgen über das zentrale Gedicht Geheimes Deutschland sowie der Abschiedsvorlesung an der Universität Halle-Wittenberg hervorgegangenen Essays.

Die Rahmenkapitel fesseln durch einprägsame biographische Details. Nach seiner Befreiung erfuhr Alexander Stauffenberg vom Tode seiner – einer deutsch-jüdischen Emigrantenfamilie aus Russland entstammenden – Frau Melitta. Als Versuchspilotin der Luftwaffe aus Gestapo-Haft entlassen und für den Dienst reaktiviert, nutzte sie ihre »kriegswichtige« Funktion, um die über das ganze Reich in »Sippenhaft« zerstreute Stauffenberg-Familie ausfindig zu machen. Bei dem Versuch, ihren Mann aus dem KZ Schönberg im Bayerischen Wald zu befreien, wurde sie Anfang April von einem amerikanischen Jagdflugzeug abgeschossen. Im Juni 1945 hielten die Amerikaner Alexander für Monate zu Vernehmungen im Frankfurter Hauptquartier in fest, wo sie ihn am gleichen Tisch mit einem Generalfeldmarschall (Gerd von Rundstedt), der als Vorsitzender von Hitlers »Ehrengerichtshof« seine Brüder als »ehrunwürdig« aus dem Heer ausgestoßen hatte, platzieren wollten. Seiner Professur als Althistoriker beraubt, fand er sich mit Georgeanern um den Germanisten Rudolf Fahrner in Überlingen am Bodensee zusammen. Sowohl Alexander (Offa) als auch Fahrner litten in jenen Jahren unter Depressionen, was sie hinderte, selbst ein historisches Werk über den 20. Juli zu verfassen. Auf Bitten Alexanders übernahm der seit 1944 befreundete Mediziner Eberhard Zeller, wie die Stauffenbergs Absolvent des Stuttgarter Eberhard-Ludwig-Gymnasiums, diese Aufgabe.

Aus der mühseligen Überlinger Existenz heraus suchte Alexander die Freundschaftsbande mit den in alle Welt versprengten jüdischen Gefährten zu erneuern. Nach zwei unbeantworteten Briefen mit beigelegten Gedichten antwortete Ende 1947 Ernst Kantorowicz (Eka) aus Berkeley, Kalifornien: »Alexander, mein Lieber...«. Kantorowicz, der sich im Exil aus der georgeanischen Gedankenwelt seiner Staufer-Biographie Friedrich II. (1927) gelöst hatte, ermutigte den Freund zur dichterischen Verarbeitung der »epischen« und »mythischen« Tat des 20. Juli. Aus Auckland im noch ferneren Neuseeland antwortete der erblindete Karl Wolfskehl, ungeachtet einer unbedachten Kränkung durch Zeilen in Alexanders George-Nachruf (»Der Tod des Meisters«, 1943), mit einem Gedicht Zu Schand und Ehr, in dem die Bitternis über die zerbrochene deutsch-jüdische Symbiose sich der Achtung vor der Befreiungstat nicht verschließt, sondern in Georgescher Diktion in einen Hymnus mündet:

       […]
       Dass Edle waren, nicht bloß Fugversessne,
       Hell-Hellasäugige, nicht nur Wahnbesessne-
       Wenige? Scharen? Zählt nicht! Ehrfurcht beugt
       Mein Knie, wenn nur mit Blut fürs Ewige gezeugt.

       Vom Berg der Stauffer leuchtender Zwillingsturm,
       Im Dichter ragst, trotz Mobs und Moiras Murrn,
       Ja, trotz kurzgriffiger Eifrer Überschwang,
       Die nichts sehn als was eignem Beet entsprang,
.......Durch dich ist Geist und Reich und Zeit geweiht,
.......Vom Rhein bis Mittmeer atmen wir befreit.
.......Ein Lorbeerforst von Ruhm und Weh gedeiht
.......Um dich Harmodios, dich Aristogeit.

Gegenüber seiner Frau Nina äußerte Claus Stauffenberg einmal, er betrachte es als die Gnade seines Lebens, »den besten Freund in meinem Bruder (Berthold) gefunden zu haben und dem größten Mann meiner Zeit (George) verbunden zu sein.« Die Bedeutung Stefan Georges im Leben der Brüder Stauffenberg wird von Riedel anhand manch neuer Dokumente eindringlich herausgearbeitet. Bei den bündischen »Neupfadfindern« wurde die Begeisterung für den von der Jugendbewegung zum Propheten erkorenen Dichter des Stern des Bundes (1914) erweckt. Der 15jährige Claus sandte George seine Gedichtversuche (in denen er sich als Nachfahre der Ottonen und Staufer apostrophierte). Wenig später wurden die Brüder in Heidelberg und Marburg in den George-Kreis, in den von Platon inspirierten »Staat« des Dichters aufgenommen. Um Ostern 1924 legten Freunde aus dem George-Umkreis darunter Berthold Stauffenberg, auf einer Italienreise am Sarkophag Friedrich II. im Dom zu Palermo einen Kranz mit der Inschrift nieder: SEINEN KAISERN UND HELDEN / DAS GEHEIME DEUTSCHLAND. Wie alle Georgeaner pflegten die Brüder den Schreibstil des »Meisters« mit Kleinschreibung sowie idiosynkratischer Orthographie und Interpunktion. Den letzten Gedichtband Das Neue Reich (1928) mit dem bereits 1922 entstandenen Geheimes Deutschland widmete George Berthold Stauffenberg, dem Zwillingsbruder Alexanders.

Über alle Trennungen und Spaltungen des George-Zirkel gehörten die Stauffenbergs zum inneren Kreis der Jünger. Neben Robert Boehringer, der 1939 die Schweizer Staatsbürgerschaft annahm, wurden Berthold und – nach dem Soldatentod des Freundes Frank Mehnert 1943 – Claus als Erbverwalter eingesetzt. Mit der Rezitation von George-Gedichten, nicht zuletzt Der Widerchrist (»Der Fürst des Geziefers verbreitet sein reich·«), bewegte Stauffenberg, seit Herbst 1943 Motor der Verschwörung, Offizierskameraden zum Handeln gegen den Verderber Deutschlands. Noch in den Julitagen vor dem Attentat nahmen Claus und Berthold in langen nächtlichen Lesungen (in der Wohnung Tristanstraße 8, Berlin-Wannsee) die Endredaktion des von Alexander verfassten Poems Tod des Meisters vor.

Eingebettet in die biographischen Kapitel präsentiert der Philosoph Riedel sein leidenschaftliches Plädoyer für die Geisteswelt Georges. Seine Hoffnung, so die einleitende Erläuterung, sei, dass der Leser in den als Geschichtsbuch zu lesenden Gedichten die Grundvision des »geheimen europäischen Deutschland«, sich selbst »als deutscher Europäer und europäischer Deutscher« wiedererkenne, »dass er erfahre, warum Europa ›mehr‹ ist als ›der Westen‹ und dass seine geistige Urstiftung auf Kapitalien einer Geschichte von langer Dauer beruht, die der westliche Kapitalismus aufzulösen in Gefahr steht.«

Das Bemühen, George und die Helden des 20. Juli vor dümmlichen ›Nationalismus‹-Attacken zu bewahren, ist verständlich und berechtigt. Warum dann die Einfügung des Attributs ›europäisch‹ in die Formel des ›geheimen Deutschland‹? Der Leser spürt, dass der Autor seine George-Exegese vor Angriffen zu schützen bedacht ist.

Riedel verweist auf die poetische Nähe zum französischen Symbolismus, den sich George im Kreis um Stéphane Mallarmé in den 1890er Jahren aneignete. Die Pariser Lehrjahre weckten im Rheinländer George die Wertschätzung für das geistesverwandte Nachbar- und Schwesterland (»Franken«), immunisierten ihn gegen engstirnigen Nationalismus und begründeten seine Distanz zur preußischen Reichsgründung, zum »öffentlichen« Deutschland.

Georges Denken stand im Banne Nietzsches, des Preußen-Verächters und Zertrümmerers der Hegelschen Metaphysik. Über Nietzsche zurück zu Hölderlin – ihn feierte er im Neuen Reich in der 1914 entstandenen Trias (»Hyperion I · II · III«) – gelangte George zu einer »katholischen« Synthese von Heidentum und Christentum, von Hellas und Germanien. Riedel betont zudem die Bedeutung der alttestamentarischen Propheten für Georges Dichtergestus. Georges Ideenwelt, befestigt durch Platons Metaphysik und Gegenbild des idealen Staates, mündete in die Vision des ›Neuen Reiches‹. In Riedels Interpretation handelte es sich um einen spezifisch deutschen, aber unverfänglichen Begriff von Europa, um »Hesperien«, um das erstmals von Hölderlin dichterisch beschworene Abendland aus hellenischem, christlichen und deutschen Geist.

Bis dahin gibt es an der Explikation der Georgeschen Gedankenwelt wenig zu deuteln. Von dem Philosophen Riedel hätte man sich, über die bloße Apologie des Dichters und Sehers hinaus, eine schärfere Analyse der philosophischen Kategorien des Georgeschen Geistes erhofft. Wie steht es nach der Antimetaphysik Nietzsches mit Georges platonischem Gottesbegriff, wie nach den antichristlichen Invektiven ›Zarathustras‹ mit dem christlichen und den heidnischen Elementen in Georges Bewusstsein? Dem Schüler Edgar Salin zufolge war George »nicht deutscher Katholik, sondern...der erste katholische Nicht-Christ.« Wie stand es um das Verhältnis von Athen und Jerusalem bei dem – nach Riedel – »reinen Nietzscheaner« George, der indes »vor dem Abgrund«, dem Sturz in atheistischen Nihilismus zurückschreckte? Welche Art von Metaphysik – nach Nietzsche und Heidegger – hält Riedel für tragfähig? Welche Substanz lag dem im »Schwur« beschworenen »Göttlichen« zugrunde?

Als Dichter war der Nietzscheaner George ein Eklektiker, kein eigenständiger Philosoph. Widersprüche ragen in  Georges Denken hervor – er changierte zwischen Bekenntnis und Ablehnung der Aufklärung, er zeigte anfangs gewisse Sympathien für die Oktober-Revolution, ursprünglich genährt von Wertschätzung für Alexander Herzen, den vom russischen »Westler« zum »Volkstümler« gewandelten Revolutionär. Nicht zufällig erkoren elitär (und sozialromantisch) gestimmte Revolutionäre der Münchner Räterepublik – Riedel verrät uns nicht, ob es sich um Gustav Landauer und Erich Mühsam handelte –, Georges Gedicht Einzug (»Voll ist die zeit · / Weckt das gefeit / schlief mit gegrolle«) ohne sein Wissen zum Marschlied.

Eine Auseinandersetzung mit Stefan Breuer, der Stefan George als Protagonisten des »ästhetischen Fundamentalismus« und des »deutschen Antimodernismus« abgewertet hat, wäre wünschenswert gewesen. Es hätte Gelegenheit geboten, die Kategorien des Soziologen Breuer als der Thematik des Sinnverlusts in der Moderne nicht minder unangemessenen ›psychologischen Fundamentalismus‹ abzuweisen. Riedels Ausführungen über die Beziehungen Georges zu Wilhelm Dilthey, insbesondere zu Max Weber, dessen Protestantismus-Thesen samt Kapitalismus- und Amerikakritik unmittelbar in Georges Dichtung einflossen, widerlegen das Bild eines simplen Antimodernismus. Die Heidelberger Jahre im Austausch mit Max Weber hätten George, so Riedel, vor »Romantik« bewahrt. Dem steht ein Bericht Edgar Salins über Georges Aversion gegen Modernisierungstechniken des Industriezeitalters – wie den Ausbau des Neckar oder die Verwendung von Kunstdünger in der Landwirtschaft – entgegen. Georges Seele war gespalten wie im Gefolge Rousseaus  bei so manchem Intellektuellen: angezogen von der pulsierenden Modernität der Großstadt – Berlin bildete einen jährlich aufgesuchten Schwerpunkt seines »Staates« – und verlangend nach der Anschauung von unverbrauchter Natur und bäuerlicher Kultur.

Dass Riedel im Anschluss an den – nicht erwähnten – Eric Voegelin die von George aus seiner Sicht eindeutig abgewiesenen totalitären Ideologien – Nazismus und Bolschewismus – als gnostische Verirrungen charakterisiert, gehört nicht zu den Stärken seiner Argumentation. Im Gegenteil: Stecken im Georgeschen Gestus des Sehers eines ›Neuen Reiches‹ nicht allein vom Begriff her ›gnostische‹ Elemente? (Die Frage ist im Hinblick auf das heilsgeschichtliche Grundmotiv des ›Dritten Reiches‹, dem Ursprung nach das »Reich des Geistes« bei Joachim von Fiore, auch an Eric Voegelin zu richten, der noch 1944 im amerikanischen Exil sich zu George als beispielhaftem platonischen Nietzscheaner bekannte.) Last but not least: Bei Hölderlin wie bei George wären Reflexionen über die Legitimität – oder den Fluchtcharakter – dichterischer (»romantischer«) Imagination gegenüber der eindimensionalen Aufklärung angebracht.

Kritik verdient Riedel dort, wo er, aus Verehrung für den Dichter, der Interpretation des ›Geheimen Deutschland‹ zuliebe die historischen Fakten glättet. Das beginnt mit dem Begriff. Als Urheber des ›geheimen Deutschland‹ – Gegenbild des George-Kreises zur deutschen politischen Realität – nennt er Karl Wolfskehl, der ihn 1910 in den Jahrbüchern für die geistige Bewegung einführte. Die Assoziation mit der Nationalromantik eines Paul de Lagarde und dessen »verborgenem Deutschland« weist Riedel (S.252, F.n. 436) unter Bezug auf die George-Schülerin Edith Landmann (»Gespräche mit Stefan George«, 1916) ab. Der Stauffenberg-Biograph Peter Hoffmann sieht die Vorgeschichte des Begriffs durchaus anders: von Hölderlin über Heine und Lagarde zu George.

Riedel will den ›europäischen‹ Dichter von allem ›nationalistischen‹ Verdacht befreien, insbesondere von dem Vorwurf, zu den Wegbereitern des ›Dritten Reiches‹ zu gehören. Anders als manche Georgeaner und die Vielzahl von deutschen Intellektuellen, erlag George nicht der Kriegsbegeisterung von 1914. Zu Recht zitiert Riedel aus dem im Epochenjahr 1917 verfassten, nüchtern-visionären Gedicht Der Krieg (»Am streit wie ihr ihn fühlt nehm ich nicht teil.«). Dass George nach dem Versailler Vertrag sich zu bösen Ausfällen gegen die Franzosen hinreißen ließ, findet keine Erwähnung, ebenso wenig Hassausbrüche gegen die USA als »Feinde aller Kultur«.

Lässt sich die im George-Kreis gepflegte Symbolik des Hakenkreuzes nicht umgehen, so versucht Riedel, Passagen, in denen völkisch-nationales Pathos den Dichter inspiriert, interpretatorisch zu neutralisieren. Ein Hinweis auf ein von Stauffenberg zur Inspiration des Widerstands rezitiertes Gedicht, im Kontext seiner Entstehung (1928) eindeutig als Aufruf gegen die Demütigung von Versailles zu lesen, (»Wenn einst dies geschlecht gereinigt von schand / Vom nacken geschleudert die fessel des fröners /...« ) fehlt. Das 1921 publizierte Poem Der Dichter in Zeiten der Wirren wurde 1928 in den Zyklus des Neuen Reiches aufgenommen. Georges Führervision von der Zeit, die »Den Einzigen der hilft den Mann gebiert ...« und »das völkische Banner« auf dem Weg in »das Neue Reich« erheben lässt, interpretiert Riedel als eine der Tagespolitik abholde Jeremiade, ein Klagelied mit der Hoffnung auf Rettung. Er verteidigt das Gedicht ungeachtet des »missbrauchbaren Vokabulars« gegen »jene 68er Generation..., die selber statt des Dichterischen nur Politisches gelten ließ und im Gefolge ihrer Anpassung an jeweils Korrektes (»antifaschistisch« oder anti- oder proamerikanisch) verspießertes Spaßgehabe hinterließ, das dem Technowahn immer neu erzeugbarer Lust ohne Pein huldigt.«

In derlei Vehemenz übersieht Riedel den jugendbewegten Strang in der 68er-Bewegung. In der Art und Weise, wie er jegliche Kritik an George abweist, die edle Geisteswelt des »Meisters« vom »Proto-Nazismus« der Münchner »Kosmiker« um Alfred Schuler und Ludwig Klages – denen George und Karl Wolfskehl zugehört hatten – scheidet, macht es sich Riedel zu leicht. Die anfänglichen Sympathien des jungen Claus Stauffenberg – schon 1932 erklärte er sich im Offizierskreis für Hitler – für die »nationale Erhebung«, der Übergang einer bemerkenswerten Anzahl von Freunden zur siegreichen NS-Bewegung, darunter Ernst Bertram, Ludwig Thormaehlen, der Stauffenberg-Vetter Woldemar Graf von Üxküll-Gyllenband und Rudolf Fahrner, bedürften der Erklärung statt eines einfachen Scheidemessers. Der Freund Frank Mehnert (Viktor Frank) schuf außer einer Stauffenberg-Büste mit Zustimmung des Meisters Hitler-Büsten, die sich als durchaus lukrativ erwiesen. (Die Stauffenberg-Büste ist zu sehen im Deutschen Historischen Museum im Berliner Zeughaus. Dort wird sie – ohne Bezug auf den George-Kreis – dem »russischen Künstler Viktor Frank« zugeschrieben.) Der am 5. Februar 1933 in die SA (bei den »braunen Knechten«) eingetretene Fahrner bereute dies alsbald und trat bereits 1935 als Hitler-Gegner hervor. Für die Mehrzahl der vom »Neuen Reich« angezogenen George-Jünger kam der Bruch mit ihren Illusionen erst durch das November-Pogrom 1938. Thormaehlen und Mehnert zerschlugen ihre regimefrommen Werke.

Unerwähnt lässt Riedel Georges mehrfach geäußerte Hochschätzung Mussolinis. Die Haltung des Meisters im Jahre 1933, der die Figur Hitlers wohl durchschaute, aber das neue Regime keineswegs vorbehaltlos ablehnte, rückt er in reines Licht. Richtig ist, dass George sich dem Ansinnen der Nationalsozialisten, in die ›gesäuberte‹ Preußische Dichterakademie einzutreten, versperrte. Über seinen jüdischen Jünger Ernst Morwitz ließ er eine abschlägige Antwort an den NS-Bildungsminister Bernhard Rust übermitteln. In dem Brief an Morwitz verknüpfte George die Ablehnung der späten Berufung mit einem zweideutigen Bekenntnis: »die ahnherrschaft der neuen nationalen Bewegung leugne ich durchaus nicht ab und schieb auch meine geistige mitwirkung nicht beiseite. Was ich dafür tun konnte habe ich getan die jugend die sich heut um mich schart ist mit mir gleicher meinung... das märchen vom abseitsstehn hat mich das ganze leben begleitet – es gilt nur für das unbewaffnete auge. [...] Ich kann den herrn der regierung nicht in den mund legen was sie über mein werk denken und wie sie seine bedeutung für sie einschätzen. Es läge mir daran · lieber Ernst · dass dies wortgetreu der betreffenden stelle mitgeteilt werde · es ist durchaus überlegt.«

Nach Georges Tod (4. Dezember 1933) ordnete Claus Stauffenberg in der Friedhofskapelle von Minusio die Totenwache unter den Freunden, darunter Kantorowicz, Wolfskehl und Ernst Morwitz. Als die Jünger vom Bahnhof aus Locarno abfuhren, grüßten drei der fünfundzwanzig mit dem Faschistengruß. Die Affinität mancher George-Jünger zum Nationalsozialismus ist unübersehbar. Sie resultierte einerseits aus der Zerrissenheit der Weimarer Republik, andererseits aus der von George geweckten Sehnsucht nach dem »Neuen Reich«.

Eine Vorstellung von der ideologischen Brisanz des »Geheimen Deutschland« vermittelt der Brief des einstigen Freikorpskämpfers Ernst Kantorowicz an George, in dem er bedauerte, vom »nationalen Aufbruch« im »allein rassisch fundierten Staat ausgeschlossen« zu sein, sowie der Auszug aus seiner im Dezember 1933 wegen Pressionen der Nationalsozialisten abgebrochenen (letzten) Frankfurter Vorlesung: »Das ›geheime Deutschland‹ ist gleich einem Jüngsten Gericht und Aufstand der Toten stets unmittelbar nahe ja gegenwärtig...« Der Kommentar Riedels, damit habe »sich Kantorowicz im Spektrum messianischer Sprechweisen der neueren deutschen Geistesgeschichte und ihrer politischen Aktualisierung während der Weimarer Republik (verfangen)«, setzt ein Werturteil anstelle der Analyse des affektiv aufgeladenen »Geistes« des »Geheimen Deutschland«. Was unterschied im Kern in jenen Jahren die beiden Leitfiguren der Jugendbewegung, den Nietzscheaner George und den Nietzscheaner Ernst Jünger?

Riedels Lobpreis auf ›Hesperien‹ unterschätzt – aus übertriebener Rücksicht auf die post-nationalen Kritiker – das deutsche Element in Georges Reich des Geistes. In dem Maße, wie das ›Reich‹ zum Leitmotiv einer Generation wurde, träumten die Jünger Georges – in unzweifelhaft europäisch-humanistischen Begriffen – von der Führungsrolle der Deutschen in Europa. Zu erinnern ist an den eingangs zitierten »Schwur«. Riedel scheut sich, die tragische Verfehlung des vom George-Kreis auf das ›Dritte Reich‹ ausstrahlenden nationalen Selbstbildes zu benennen.

Die absonderlichen Riten des George-Kreises – Max Weber klassifizierte ihn als »Sekte« – sind für Riedel kein Stein des Anstoßes, ebensowenig die Verachtung des »Meisters« für unbotmäßige und ausgestoßene Jünger wie Stauffenbergs Mentor Max Kommerell (»die Kröte«). Anzumerken sind einige interpretatorische und historische Ungenauigkeiten: Jeremiahs Warnungen und Klage über den Untergang Jerusalems galten den (Neu-)Babyloniern, nicht den Assyrern. Das »Heilige Römische Reich«, die gegenüber dem populären Barbarossa-Mythos des 19. Jahrhunderts abzugrenzende, von Nietzsche inspirierte »europäische« Geschichtsvision des Stauferreichs Friedrichs II. entbehrte – entgegen dem von den Georgeanern gepflegten Idealbild – des Zusatzes »Deutscher Nation«. Der Stauffenberg-Verwandte  und George-Schüler Bernhard Victor von Üxküll-Gyllenband erschoss sich im Juli 1918 nicht »aus Gram über den Wahnsinn der ›Materialschlachten‹«, sondern aus unglücklicher Zuneigung zu seinem durch Medikamentenmissbrauch zerrütteten Freund Adalbert Cohrs, der nach Urlaubsüberschreitung Selbstmord begangen hatte. Im Juli 1944 stand die sowjetische Armee an den Grenzen Ostpreußens, noch nicht an der Weichselmündung. Churchills Würdigung des deutschen Widerstands erfolgte erst nach Ende des Krieges und entsprang somit keineswegs reinem Edelmut. Nach dem Scheitern des 20. Juli waren aus London andere Worte zu vernehmen. Als formales Monitum sei die unübersichtliche Anordnung des Anmerkungsapparats vermerkt.

Conclusio: Manfred Riedels George-Buch bietet Angriffsflächen für alle, die im ›deutschen Geist‹ nur Verstiegenheit und Fragwürdigkeiten wittern. Georges Vision des »Reiches« eignet sich schwerlich zur Überhöhung der heutigen EU-Realität. Andere, die wie der Autor selbst, am Unglück der deutschen Geschichte leiden, werden mit Genugtuung Sätze wie die folgenden aus einem Brief Alexander Stauffenbergs an Kantorowicz lesen: »Wir haben nicht für eine deutsche ›Eschatologie‹ gekämpft, ich und die Meinen (oder höchstens in dem Sinne, in dem jede hohe Opfertat in den Grenzen zwischen Rhein und Oder zwischen Nordmeer und Alpen seit 700 Jahren nicht für die recht fragwürdige Realität des Reiches sondern für ein Geheimes Deutschland geschehen ist), nein, sondern für die bittere Wirklichkeit: für die Ehre statt der Schmach, die Würde statt der Fratze eines geschlagenen Volkes, in dem wir vielleicht gebrandmarkt gewesen wären, wenn die Brüder und die ihren überdauert hätten.«

Herbert Ammon

Literatur:
BREUER, STEFAN, Ästhetischer Fundamentalismus. Stefan George und der deutsche Antimodernismus, Darmstadt 1995
BREUER, STEFAN, Stefan George als Erzieher?, in: Neue Zürcher Zeitung v. 2.10.2006
FINKER, KURT, Stauffenberg und der 20. Juli 1944, Köln 1977 (erstmals Ost-Berlin 1967)
HOFFMANN, PETER, Claus Schenk Graf von Stauffenberg und seine Brüder, Stuttgart 1992
HOFFMANN, PETER, Rezension des Buches von Robert Norton (Secret Germany, 2002), in: www.h-net.org/reviews/showrev.cgi?path=311051056065348, S. 4
INTERVIEW: Manfred Riedel, Autor von »Geheimes Deutschland. Stefan George und die Brüder Stauffenberg«, im Gespräch mit Bruno Pieger, in Castrum Peregrini 276-277 (2006)
RIEDEL, MANFRED, im Gespräch mit Steffen Dietzsch, in: Iablis (2005), S. 171-178
SALIN, EDGAR, Um Stefan George (erstmals 1954), George 6, S. 5, in: Studien für Zeitfragen 32. Jgg. Internetausgabe 2002: zeitfragen.net/index.html. http://www.mnemeion.studien-von-zeitfragen.net/Stefan_George
SCHULMEISTER, OTTO, Reifeprüfung auf Tod und Leben, in: Vom Reich zu Österreich. Kriegsende und Nachkriegszeit in Österreich erinnert von Augen- und Ohrenzeugen, hrsg. v. Jochen Lang, München (dtv) 1983, S. 138-161
VENOHR, WOLFGANG, Stauffenberg. Symbol des Widerstands, München 32000
VOEGELIN, ERIC, Nietzsche, die Krise und der Krieg, in: sinn und form 58,2 (2006), S. 149-174 (erstmals 1944)
ZELLER, EBERHARD, Geist der Freiheit. Der 20. Juli, 1. Aufl. 1952, Neuauflage der 5. Aufl. Berlin 2004
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