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Zerfaserte
Köpfe, zerklüftete Figuren, zerbröselte Landschaften
Eduard Beaucamp
1.
Wir wissen, dass er nie ein Objekt als solches darstellen wollte, sondern
immer das Wesen einer Sache – weniger von raschen Eindrücken
als von der Erinnerung geführt.
2.
Sie waren vier Geschwister in einer Pfarrerfamilie der Freikirchlichen
Gemeinde: Baptisten. Eine Sekte, die zur Hofstadt Altenburg gehörte,
nicht wenige, meistens Kleinbürger, jedenfalls nicht gerade die
Erfolgreichen. Mit ihnen hörte der Schuljunge Gerhard die Predigten
des Vaters. Hugo Ströch hat alle seine Reden aufgeschrieben, in
altdeutscher Handschrift wie ein Bürofachmann. Es sind fast hundert
Schulhefte, er hat sich kaum wiederholt, trotzdem handeln fast alle
nur von der Sünde, von den kleinen Sünden des Tages, das heißt
von »Fleisch« und heiligem Geist. Das Leben des Menschen
besteht im Streben nach dem hl. Geist, vermittelt durch Jesu Christi
Blut. So entsteht eine Überwelt, in die nur ganz selten reale Geschehnisse
Eingang finden. Der hochbegabte Gerhard hat sie in sich aufgenommen,
indem er die Worte und Sätze des Vaters in bildliche Vorstellungen
umwandelte. Mit dem Begriff Sünde wusste er nichts anzufangen,
es ist zu vermuten, dass er sich dabei Gesichter, Menschen vorstellte
– allgemein, ohne genauen Bezug auf den einen oder anderen Bekannten.
Die Gesichter haben ihn ein Leben lang begleitet.
3.
Wir haben von dem Hochbegabten gesprochen. Als 10-12jähriger fuhr
er mit dem Fahrrad durchs Altenburger Land und fotografierte: auf den
wenigen erhaltenen Bildern ist deutlich zu erkennen, dass es ihm schon
damals nicht auf den Gegenstand ankam. Wichtig war die Beziehung. Er
lieh gleichsam dem Baum einen ›Charakter‹. Genauso wollte
ich es machen, wird er beim Vorzeigen gedacht haben.
4.
Der Kern der Dinge, das war er selbst. Gerhard Ströch hat sich
schon sehr zeitig als ›Person‹ begriffen, als einer, der
sich von anderen nicht nur durch Haarfarbe und Körpergröße
unterscheidet. Der differenziert empfundene Vergleich mit den älteren
Brüdern hat den Prozess beflügelt. Mit Unlust oder Einsamkeit
hatte das nichts zu tun. Der junge Ströch entwickelte seine Form
des selbstverständlichen Beiseitestehens. Er kletterte auf einen
Baum und las oben zwischen den Blättern ein Buch, wenn unten zuviel
Besuch war. Als Erwachsener blieb er dabei. »Wo Menschen sind,
sind auch Meuten«, zitierte er später Canetti, und ›Volksgemeinschaft‹
betrachtete er ironisch. Die Eingeweihten treffen sich.
5.
Die Militär- und Kriegszeit musste in einem solchen Menschen über
das Entsetzen hinaus, das alle betraf, intensivere Wirkungen zeitigen.
Obwohl er nur ein dreiviertel Jahr Militärdienst leistete, reichen
die Folgen bis in sein letztes Werk – 40 Jahre später. »Ich
habe nichts als das Gymnasium besucht. Keine Frauen.« Der Vater
war drei Jahre vorher verstorben, ohne diverse Ratschläge. Das
wirft die Frage auf, ob es primär die Ereignisse, die Erlebnisse
sind, die Veränderungen und Zerstörungen bewirken, oder ob
nicht überkommene Bewusstseinshaltungen gerade solche Erfahrungen
eigentümlich prägen. Das Entscheidende: der Beiseitegeher
musste in Reih und Glied, der Seine-Person-Entwickler wurde (wie er
schrieb) »ein Namenloser unter fremden Gefährten, ein Spielzeug
für Launen und Befehle«. Das ging allen so, aber ihn musste
es besonders treffen, die Abkapselung der Sekte tat ein übriges.
6.
»Die physische Nähe der Menschen kann ich nicht ertragen,
sie kriechen mir in den Arsch und nennen mich Du, sie rädern und
summen: Du, du liegst mir im Herzen ... wenn mich der Gefreite antippt,
sticht er durch meine Rippen... Ich? Einmal war ich... und sie sagen,
ich bin gesund...«. Endlich meldete er sich krank, wieder »beiseite«
und kam ins Lazarett. Aber dort ging es eher schlimmer, »er habe
bewegungslos im Bett gelegen, was die anderen dazu benutzten, ihm pausenlos
Zoten ins Ohr zu blasen« - einem also, dem es noch dreckiger ging
und der bei sexuellen Zumutungen Wirkung zeigte.
7.
Er kehrt schon vor Kriegsende nach Hause zurück. Er steht vor
der Situation, was mache ich und wie mache ich es: Er will Künstler
werden. Er liest Gustav Frenssen: »Es waren immer nur wenige,
die all dies vermochten, deshalb prüfet, ob ihr Glauben und Kraft
genug im Herzen habt, dem Leben entsagen zu können – um es
zu ergründen.« Dieser fast kitschige Text, den er in der
väterlichen Bibliothek findet, ist schon ein Anstoß zur späteren
Beschäftigung mit berühmten Außenseitern und bestätigt
die Bedeutung der Kunst für die vom Erlebnischaos beeinträchtigte
Person. Er fühlt sich berufen.
8.
»Diejenigen, bei denen der apostolische Eifer und die Erinnerung
an die klassische Vollkommenheit lebendig geblieben waren, verließen
die Städte und die Gemeinschaft derer, die ein nachlässigeres
Leben als zulässig ansahen, ließen sich an den Rändern
der Städte und an abgelegenen Orten nieder und begannen, die Regeln
allein und auf sich gestellt zu befolgen.« So beschrieb Joh. Cassianus
im 5. Jahrhundert die Ursprünge der monastischen Gemeinschaften.
Ein bisschen hat sich Gerhard Altenbourg immer daran gehalten. Er hat
nicht versucht, an dieser Rolle vorbeizuleben oder sie herauszustellen,
er hat sie in den Arbeits- und Kunstprozess einbezogen, gepflegt, entwickelt
– ja stilisiert. Zunächst jedoch arbeitet er intensiv schriftstellerisch.
»Ich werde an meinem Roman schaffen. Diesen Sommer (1945!) werde
ich nur meiner Kunst leben.« Obendrein liest er, was er nur auftreiben
kann. Er ist überzeugt von der Notwendigkeit einer totalen Bildung,
einmal äußert er: »Man müsste eigentlich jeden
Tag eine Seite vom Lexikon auswendig lernen.« Nur Kluge werden
klüger, das hat er verstanden. Wenn er als Kind die väterlichen
Predigten auf eine bestimmte bildliche Weise umgesetzt hat, so nimmt
er die Texte jetzt beim Wort. Im Herbst 1945 sucht er sich eine Rede
aus den 30er Jahren heraus.
9.
(Wir zitieren ausführlich, weil die darin vorgetragenen Gedanken
den Sohn derart beeinflussen, dass er nie ganz damit fertig wird.) »Der
Wandel im Geist« (Gal.5): »Auf einer Ausstellung in Leipzig...
ist auch eine Darstellung des Sündenfalles. Man kann über
das Gemälde eine geteilte Meinung haben, aber was daran wichtig
ist, das ist die symbolische Darstellung des Kampfes zwischen Geist
und Fleisch. Denn über dem Gemälde schwebt der hl. Geist in
Gestalt einer Taube, und daneben sieht man die zischende Schlange! Seit
der Stunde des Sündenfalls ist der Kampf entbrannt, zwischen Geist
und Fleisch, zwischen Wahrheit und Lüge und zwischen Licht und
Finsternis. Wie wird dieser Kampf enden? Mit der restlosen Beseitigung
des Bösen, dafür bürgt der Sieg Jesu Christi am Kreuz
auf Golgatha!... Paulus hatte den Galatern ernste Wahrheiten zu sagen...
von der Gefahr, aus der Lebensgemeinschaft des Geistes herauszufallen
und im Fleische zu enden... das ist unsere Gefahr... darum wandelt im
Geist, so werdet ihr die Lüste des Fleisches nicht vollbringen...
und was ist Fleisch? Fleisch ist der Wunsch und der Hang zur Sünde...
und was ist Geist? Es ist der hl. Geist Gottes... aus dieser kurzen
Gegenüberstellung sehen wir die Gegensätze... Daraus ergibt
sich die Tatsache, dass wir, solange wir kein Geistesleben haben, über
die Sünde nicht Herr werden können... Ich weiß, dass
die Welt mich nicht beglücken kann... es ist unser Lebensbedürfnis,
im Geiste zu wandeln... dann werden die Leidenschaften des Fleisches
außer Wirkung gesetzt.«
Dann kommt der Prediger zur Sache: »Hier wird das Urteil über
die moderne Aufklärung ausgesprochen, denn die Forderung unserer
Zeit lautet: Schafft überall Aufklärung und die Not ist überwunden.
Und wir haben Aufklärung in Hülle und Fülle. Sind die
Menschen besser geworden? Sind Unzucht und Habsucht verschwunden? Ach,
hier hilft die Aufklärung nicht. Hier brauchen wir Hilfe von oben.
Wir brauchen den hl. Geist.«
10.
Der Kampf des Baptistenpredigers ist zu verstehen aus den Grundsätzen
des Gemeindelebens: kein Theater, kein Tanz, kein Kino. Kultur ist verdächtig,
gehört zum ›Fleisch‹. Als Zeichen für den Untergang
eines Stammes Israels wird der Bau eines Schauspielhauses erwähnt...
Daneben finden sich subtilere Bemerkungen wie die über Lessing,
»der an Gott glaubte, aber die Erlösung nicht fand, weil
er nicht erlöst werden wollte«. Wichtig sind auch Dinge,
die wir nicht wollen. Der Sohn hat ein schweres Erbe. »Ich arbeite,
um mich zu begreifen«, sagt er: ein Künstlerwort. Er sagt
›Ich‹ und meint das Leben, das, wie er nun erkannt hat,
»nicht zu umgreifen ist«. Er fängt an, nach einer Methode,
einem Muster zu suchen, um wenigstens Bilder oder Worte davon zu machen.
Er hat Glück, als eine Jury ihn mit einem Stipendium für ein
Studium an der Hochschule für Baukunst und Bildende Kunst in Weimar
bedenkt. Dort gerät er mitten in die Auseinandersetzungen zwischen
Bauhauslehre und verordnetem sozialistischem Realismus. Gleich steht
er wieder vor der Notwendigkeit, sich herauszuhalten. Genau genommen,
passt er zu keiner Richtung. Die sündige Existenz des Menschen
hängt ihm noch zu sehr an. Er nimmt kaum an Vorlesungen teil und
wird »als gesellschaftlich ungeeignet, völlig indifferent«
charakterisiert: längst hat er seinen eigenen Studienplan festgelegt.
Sein bestes denkbares Anderswo ist die Druckwerkstatt der Hochschule.
Dort findet er Leute, die ihn verstehen. »Ich habe die Hauptzeit
meines Studiums in der Werkstatt zugebracht.«
11.
In der Werkstatt kristallisiert sich die bildende Kunst als das wesentliche
Medium heraus, wo die Intuitionen erscheinen, denen er folgen kann.
Er befasst sich gründlich mit dem Expressionismus und der Literatur
vom 1. Weltkrieg (außerdem mit DADA, einer Außenseitersache)
und lernt, dass die provokante Umsetzung von Bildern in Wörter
nicht ausreicht. Er probiert alle möglichen Anordnungen; die fließende
intuitive Verbindung der Wörter und Sätze gelingt ihm nicht
zwingend (obwohl er oft neue und treffende Wortbildungen findet). Er
beschäftigt sich mit der Weltliteratur, hauptsächlich in der
Landesbibliothek Weimar und im Austausch unter Bekannten der alten Weimarer
Bildungsschicht. Es ist ja auch die Zeit der Aufarbeitung der Nazi-Verbote
und der Aneignung der neuesten Gegenwartsliteratur.
Der Student macht die Erfahrung, dass die Verhältnisse nicht der
Lage entsprechen, anders: dass die an Heidenchristen gerichteten Apostelbriefe
die Katastrophen des 20. Jahrhunderts nicht erklären können.
An die Stelle des hl. Geistes treten die komplizierten Schönheiten
und Probleme Griechenlands, des Westens seit Augustin und von ferne
der Osten.
12.
Einen solchen Burschen, den die Verantwortlichen sogar erwischen, wie
er die Menschen in seinen Zeichnungen und Drucken als Sünder darstellt
(Familienangehörige und sich selber eingeschlossen), will die neugegründete
Klassenkampfrepublik nicht fördern. Den Außenseiter trifft
die Relegation. Was Strafe sein soll, nimmt er nicht sehr tragisch,
im Realen ist er befreit von einem »Lernsoll«, das ihm nicht
passt. Es sind also äußere Umstände, zunächst,
die ihn veranlassen, wieder ins Vaterhaus zurückzugehen; es bleibt
ihm, aus der Not eine Tugend zu machen – die Absetzbewegung, welche
er langsam umformt in eine Daseinsweise, von der er später überzeugt
ist: Ich habe es so gewollt. Das Anderswo und doch Zuhausesein konstituiert
das Verhältnis von Selbstentfremdung und Beisichselbstsein,
Ichselbstsein verstanden als »Warten auf Anwesenheit und
Verwandlung«, damit Kunst entsteht. (In unseren Gesprächen
redete er nicht von Bewusstsein, sondern von Reflexion, von Reflexion
der Reflexion: einem Prozess.)
13.
Von nun an gilt sein Verhalten strikt dem Bleiben im »Unwägbaren«.
Die Zeit nach Weimar (wo er, als Fuß zur Welt, ein Zimmer behält)
bringt in der Arbeit den Durchbruch: neue Ausdrucksweisen, Materialien,
Farben und Formen. Die Person bringt sich in eine gewisse Funktion zur
Welt – zur Welt im Allgemeinen. Seine reale Welt dagegen besteht
aus wenigen Freunden und der DDR, damals ohne Mauer. »Darf ich
meine Bilder überhaupt zeigen?« Das ist die Hauptsorge neben
den üblichen Problemen eines jungen Künstlers. Wer ihn ablehnt,
zählt zu den Sündern. Jetzt nennt er sich Altenbourg, Blick
ins zukünftige Publikum, an Ströch soll sich keiner die Zunge
brechen.
Er beginnt, das nicht sehr geräumige Haus überall künstlerisch
auszustatten, zu verwandeln, Stil hinein zu bringen: er will ganz bei
sich selber zu Hause sein. Er freut sich, Besitz zu haben. Als Vorbild
und Aufforderung lesen wir Mose 2, Kap. 34-40 (die Errichtung der Stiftshütte):
»Wer unter euch kunstverständig ist, der komme und mache,
was der Herr geboten hat...«
14.
Versuchen wir endlich, in Kenntnis der Person die Frage zu erörtern:
Wie macht man aus all dem Bilder, die Kunst sind? Neben erinnerten Aussagen,
die er zu verschiedenen Zeiten verschieden formuliert, gibt es Indizien.
Im Sinne Paul Klees ist für ihn Kunst das sichtbar Gemachte, man
kann es deuten, aber nicht darauf deuten. Wie kann man etwas sehen,
dem man ansieht, dass es unsichtbar ist, aber die Imagination verstärkt?
Oder, für den Betrachter: Wie man auf das Bild schaut, so erscheint
das ›Was‹ des Bildes. Man muss eine bestimmte Realitätserwartung
vermeiden, muss »Laune« haben, wie Jean Paul meinte. Altenbourg
ist sich klar, dass er besonderen psychischen und sozialen Energien
ausgesetzt ist, die er durch das Hervorbringen visueller Formen entäußern
und so beherrschen kann. Er braucht ein System, das Methode und Intuition
speziell seiner Person anpasst – etwas verquer: Was muss er wollen,
damit das Ungewollte erscheint, das Erscheinende als solches, nicht
als Gewolltes? Darin steckt das Problem der Dauer – im Bergsonschen
Sinne –: das Werk gehört dem Stil, nicht dem Ereignis: Picassos
Demoiselles, nicht seinem Besuch in Avignon.
15.
Wie funktioniert die Wahrnehmung des Äußeren (um den Begriff
Wirklichkeit zu vermeiden) bei Gerhard Altenbourg? Realität als
etwas Fertiges existiert für ihn nicht. Als visuell determinierter
Charakter bemerkte er in erster Linie Formen, Farben im Verhältnis
zum Raum (Striche gibt es in der Natur nicht, meint er) – und,
wichtig, Ähnlichkeiten und Verschiedenheiten, die eigenwillig geordnet
im Gedächtnis behalten werden. Das Eigenwillige entstammt dem Begriff
oder der Potenz der Person. Im Verlauf der Jahre entwickelt sich das
Ordnen immer mehr zu einer geahnten oder manchmal schon präzisierten
Bildvorstellung: wie es Gestalt werden könnte und wo. Es liegt
auf der Hand, dass dieses Ordnen und Wahrnehmen vom jeweiligen Befinden
abhängt und, dies vor allem, von spezifischen, etwa Kunst-Erinnerungen
und -Motiven. Der Satz: »Wir sind, was wir erinnern«, ist
also zu erweitern. Entscheidend ist, wie man im Augenblick oder Hörmoment
gerade geistig »arbeitet« – wann, wozu und in welcher
Präzision man erinnert, welches Interesse einen leitet.
16.
Machen wir einen Schritt nach vorn. Was unternimmt der mit tausend
kleinen Dingen beschäftigte Gerhard Altenbourg, um aus dem Komplex
der Erinnerungen »das ganz Andere, das Aufschließende«
herauszufiltern? Er hat die Impulsgeber der Meister gründlich getestet,
von den faulen Äpfeln Schillers, den Kaffeetassen Balzacs bis hin
zu modernen Dopingmitteln. Das alles passt nicht zu ihm.
Hauptsächlich gelten ihm solche Praktiken als Sünde, denn
es wird dabei etwas außer Kraft gesetzt, zum Beispiel die Demut.
Das originäre Leib-Seele Verhältnis darf nicht beschädigt
werden. Er achtete auf richtige Ernährung und Getränke. Lange
Spaziergänge lassen ihn »in einen luziden, ganz gereinigten
Vorgang kommen, der die Materie absorbiert«. Sein Problem sind
die Beschädigungen im täglichen Dasein: wie der Finger des
Gefreiten in seinen Rippen.
Es geht ihm, andererseits, nicht schlecht. Zwängen vermag er auszuweichen.
Er ist aber immer davor auf der Hut, es sich »zu einfach zu machen«.
Trotz seiner unendlichen Arbeitslust und dem Gefühl, während
des Schaffens außerhalb der Sünde zu sein, braucht er etwas
wie Intention für die Intuition. Eingeleitet durch stundeslanges
Lesen, wie bei den Mönchen vorgeschrieben, dient eine Form der
Konzentration, vermischt mit Meditation, der »Kunst des Wartens«,
wie er es nennt – um das Einheitsprinzip der Persönlichkeit
zu verstärken, die Autorität transzendenter Wesen im Leib
zu vergrößern (er hat Eliade gründlich studiert).
Endlich (wir wissen nicht wie) entsteht das Moment, das die spontane
Aktivität der Hand auslöst. Das Geistige und das Motorische
verbinden sich. Meditation bei Altenbourg muss man sich vorstellen als
ein Sich-Fähigmachen in anderen Wirkungszusammenhängen, Predigt
und Selbstbeschwörung aus einem surrealen Gedankenstrom. »Grauen,
samtig rauhes Grauen, sagt eine Stimme im Haus. Da kommt ein Gesicht,
dessen Blumen aufblühendes Verwelken ist, durch die Speichen des
Rades... das Entfernte wird das Nahe... Hier lebt das Fleisch durchlässig,
die Poren sind geöffnet, geweitet dem Durchlassen der Nacht. Und
da steigt der Solanum Dulcamara auf, der Bittersüß, in den
Büschen der Nacht...« Die umgekehrte Goethe-Sentenz: »das
Entfernte wird das Nahe« bezeichnet vielleicht den Drehpunkt,
an dem die Kontrolle der Hand beginnt, die Bildidee sich formt.
17.
Altenbourg hat die Entstehung des Bildes Im Fluß der Zeit
aufgeschrieben. Es ist ein meditativer Text: »Ein Kopf entschwebt
dem Bodenlosen, heraufbeschworenes Bild, gegriffen aus dem Nichts, hinüber
ins Haus des Vergessens. Das ist der wiederkehrende Adonis aus dem Schattenreich...
da wird Zeitlichkeit erinnert unter Klagegesängen. Was geschieht,
ist etwas mit uns Geschehendes...«
Da wird die Person vergessen und in ihrer Zeitlichkeit wieder hingestellt
als Geschehendes. Interessant die Bezugnahme auf Adonis. Nach der ›Konzeption‹
einer solchen Bildidee hat er oft lange daran gearbeitet, meistens gleichzeitig
an verschiedenen Werken: Nachdem er wollte, was er gemacht hatte, machte
er, was er wollte. Immer in intensiver Klein-klein-Anstrengung, Striche,
Punkte, Flächen, Farben, eine Stelle stärker, eine schwächer:
die Dauer, der Stil erscheint. Über Picassos Tun hat jemand gesagt:
»Er picasst«. Altenbourg »altenbourgt«. Allerdings
gibt es auch Werke wie aus einem Zug, vor allem in späteren Jahren,
man glaubt an eine besondere Stunde oder an das Verschwinden aller Hemmungen.
Auch seine Landschaften sind aus dem Inneren eines lange Bewahrten zurückgebracht.
Eine Gruppe zeigt die Ewigkeit: Entstehen, Wesen, Vergehen, die Tektonik,
alles gleichzeitig mit den verschiedensten Zeichen; eine andere Gruppe
vermittelt optisch genau soviel Zeit, wie nötig wäre, um den
Ausschnitt zu durchwandern. Man kann gute und weniger gute Werke daran
erkennen, ob Methode und Intuition, Machen und Wollen im richtigen Verhältnis
sind, mag sein, dass da manchmal verschiedene Einsichten wirken.
Gottfried Benn schreibt:
Die Form, die Formgebärde,
die sich ergab, die wir uns gaben –,
du bist zwar Erde,
doch du musst sie graben.
Publikationen des Autors zu Gerhard Altenbourg:
1958 - Einführung zum Maler-Buch Gerhard Altenbourg 10 Reproduktionen
und zwei Originalzeichnungen, Berlin, Galerie Springer
1986 - Nachbar Altenbourg (mit Christa Grimm), in: Ausstellungskataloge
Leipzig 1986, Berlin 1987, Bremen 1988
1990 - Beratung und Mitarbeit am Film Die Brücke – Tagträume
und Nachtbilder. Der Maler Gerhard Altenbourg. Fernsehen der DDR. Marie-Luise
Rode
1996 - Die Fährte. Altenbourgs Kunst der Erinnerung,
in: Katalog zur Ausstellung Altenbourg nach Altenburg, Sammlung von
Gisela und Hans-Peter Schulz, Leipzig, hrsg. von der Kulturstiftung
der Länder, Berlin und dem Lindenau Museum Altenburg.
1999 - Altenbourg in Altenburg, in: Oltener Neujahrsblätter, 57.
Jahrgang 1999
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