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Technik in der Öffentlichkeit thematisiert wird, dann geht es
heute zumeist um ihre problematischen Apekte: Umweltzerstörung,
Arbeitsplatzvernichtung oder, ganz allgemein gesagt, die
Verdrängung hergebrachter, häufig in generationenlanger
Praxis eingeübter Lebensweisen durch (vermeintlich) rationale
Handlungsorientierungen. Was dabei am meisten irritiert, ist die
unterschwellige Art und Weise, mit der die Änderungen sich
zunächst vollziehen, bis dann in einer krisenhaften Zuspitzung
dieser »Modus der Selbstverständlichkeit« aufbricht.
Wenn dies geschieht, »tobt nicht selten ein Kampf zwischen
hysterischen Bedenkenträgern und zynischen
Fortschrittsapologeten« (S. 7). Peter Fischers als
Einführungstext konzipiertes Buch möchte u. a. dieser
Diskrepanz zwischen rationalistischem Anspruch und
quasi-naturwüchsiger Praxis einen philosophischen Technikbegriff
entgegenstellen, der »eine wesentliche Bedingung für
anwendungsorientierte Konzepte« (ebd.) sei.
Martin Heideggers Diktum eingedenk, dass das Wesen der Technik
selbst nichts Technisches sei, findet Fischer die Grundlage seines
Technikbegriffs in der Anthropologie Arnold Gehlens bzw. Helmut
Plessners: Der Mensch sei aufgrund seiner »exzentrischen
Positionalität« (Plessner), also der erreichten
Bewusstseinshöhe bei gleichzeitig unzulänglicher
instinktgesteuerter Vermittlung mit der Umwelt zu
»natürlicher Künstlichkeit« (S. 30)
gewissermaßen prädestiniert. Man werde der Technik also nur
gerecht, wenn man sie als einen eigenständigen Bereich der Kultur
ansehe. Den entscheidenden entwicklungsgeschichtlichen Moment sieht
Fischer dabei im Übergang zur Sesshaftigkeit, als die Menschen
nicht mehr nur von dem lebten, was sie ihrer natürlichen Umwelt
entnehmen konnten, sondern begannen, diese an ihre Bedürfnisse
anzupassen. Technisches Handeln ist also nicht allein durch eine
besondere Methode gekennzeichnet, sondern auch durch den Zweck. Der
Autor kritisiert den häufig unspezifischen,
»metaphorischen« Gebrauch des Begriffs. Nicht jede
menschliche Handlung sei technisch, auch wenn sie sich technischer
Mittel bediene. Als Beispiel nennt er die Tätigkeit des bildenden
Künstlers, der zwar mit Werkzeugen sein Material bearbeite, aber
nicht zu dem Zweck, einen nutzbaren Gegenstand zu schaffen, sondern zur
»Darstellung von Ausdrucksqualitäten und mitweltlichen
Verhältnissen« (S. 61).
Auch wenn Technik in erster Linie als Einwirkung auf die Natur
zum Zweck der Bedürfnisbefriedigung verstanden werde, bringe es
die »natürliche Künstlichkeit« des Menschen mit
sich, dass die technische Welterschließung in ihrer
institutionalisierten Form das technische Handeln als
»sekundären Selbstzweck« (S. 71) konstituiere. Damit
ist gemeint, dass eine technische Handlung, beispielsweise die
Bedienung einer Maschine, nicht unmittelbar der Erfüllung eines
Primärbedürfnisses dienen muss. Institutionalisierte Technik
erweist sich so als normsetzende Macht (beispielsweise wenn ein nicht
fachgerechter Umgang mit der Technik als Dilettantismus Anstoß
erregt).
Unter dem Stichwort »Gestaltungen des Technischen«
diskutiert Fischer die Bereiche ›Werkzeug‹,
›Maschine‹, ›Medien‹ und
›Leben‹, die er zumindest teilweise auch als
entwicklungsgeschichtliche Reihe ansieht, wobei er allerdings
klarstellt, dass letzteres nicht erst seit Einführung der Bio- und
Gentechnik der menschlichen Umgestaltung unterliegt, sondern bereits
seit den frühesten Anfängen von Ackerbau und Viehzucht;
immerhin sieht und benennt er auch die kritischen Aspekte der
jüngsten Entwicklungen, wenn er »Leben als Teil der
Technik« und »als technisches Mittel« beschreibt.
Offen bleibt dabei allerdings, ob die »natürliche
Künstlichkeit« des Menschen es überhaupt erlaubt,
Alternativen zum bislang eingeschlagenen Weg der institutionalisierten
Technik auch nur zu denken.
Ist bis hierher die anthropologische Perspektive
vorherrschend, so greift Fischer bei der Explikation des
Verhältnisses von Technik und moderner Gesellschaft auf die
Analysen von Karl Marx, Helmut Schelsky und Jürgen Habermas
zurück. Diese sind für ihn »aufgrund ihrer
diagnostischen Tiefe und ihres hohen Problembewusstseins nach wie vor
aktuell«(S. 175).
Den Abschluss des Buches bildet die Diskussion des
Verhältnisses von Technik und Ethik. Zunächst untersucht
Fischer, ob die zahlreichen »Bereichsethiken« (Bioethik,
Medizinethik usw.) lediglich als spezielle Anwendungsfälle der
allgemeinen Ethik betrachtet werden können. Dies hält er
aufgrund der Institutionalisierung der Technik zumindest für
problematisch, da Ethik sich stets auf das Handeln des Einzelnen
beziehe. Dieser aber »erscheint immer schon als entschuldigt,
wenn er im Horizont der vorgegebenen Institution und des etablierten
Systems denkt« (S. 186). Er schlägt eine Systematik der
Bereichsethiken vor und befürwortet die Einsetzung von
Ethikkommissionen und ethischen Räten, um Technikbewertung und
Technikfolgenabschätzung auf eine möglichst breite
Legitimationsgrundlage zu stellen.
Neben der Frage einer Ethik für die Technik stellt sich
ihm aber auch noch die nach einer durch das Wesen der Technik
begründeten. Hierzu lautet sein Urteil: „Dieser
philosophische Technikbegriff bietet anscheinend keinen Ansatzpunkt
für eine Moral der Technik“ (S. 201), denn: „Technik
und Moral erschließen verschiedene Bereiche der Gegebenheit der
Welt“ (ebd.). Ob Technik, ihrem Wesen nach, moralisch neutral
sei, mag er dennoch nicht eindeutig feststellen. Statt dessen erfolgt
ein weiterer Rückgriff auf Heideggers technikkritische
Äusserungen (die er einige Kapitel zuvor noch wegen dessen
einseitiger Orientierung am Technikbegriff der griechischen Antike als
»verfehlt« [S. 49] bezeichnet hat) um das globale
Unbehagen, das viele technikskeptische und kulturkritische
Äußerungen beherrscht, philosophisch/anthropologisch zu
begründen.
Das Buch bietet als Einführungstext einige gute
Ansatzpunkte, von denen aus es sich weiterzudenken lohnt. Ob ihm
allerdings die Beschränkung auf die philosophischen Entwürfe
Plessners, Gehlens und, was die symbolischen Formen angeht, Cassirers
gut tut, ist doch sehr zu bezweifeln. So kommen weder die
angelsächsisch-pragmatische noch die zeitgenössische
französische Philosophie zur Sprache, obwohl gerade sie die
schärfsten Waffen im Streit zwischen Befürwortern und Gegnern
der technischen Entwicklung liefern.
Insgesamt ist das Kapitel Technik und Ethik der
schwächste Teil des Buches. Obwohl der Autor es unternimmt, einen
philosophisch-anthropologischen Technikbegriff zu explizieren, der sich
zum Ziel setzt, der aktuellen Diskussion begriffliche Schärfe zu
verleihen, werden ausgerechnet in dieser entscheidenden Frage
utilitaristische Grundpositionen unreflektiert übernommen, etwa
wenn Moral schlicht als »eine bestimmte Weise der
Interessenvermittlung der Menschen« (S. 201) aufgefasst wird.
Dadurch erscheint die Technik als ein Spezifikum der Gattung Mensch,
während der Moral nur die Bedeutung einer – letztlich
kontingenten – Interaktionsform der einzelnen Menschen zuerkannt
wird. Diese Vorentscheidung bedürfte in einer »Philosophie
der Technik«, die mehr sein will als eine argumentative
Handreichung für Technokraten und Mitglieder von
Ethikkommissionen, schon einer tiefergehenden Reflexion.
Zum Schluss muss noch ein wenig ersprießlicher Aspekt
angesprochen werden, der nicht dem Autor zu Last gelegt werden, aber
leider auf ihn zurückfallen kann: Noch nie ist mir ein derart
schlecht lektorierter Text untergekommen. Zahl und Art der Fehler
wären schon für ein Werk der Massenliteratur eine Zumutung,
für ein wissenschaftliches Buch aus einer derart renommierten
Reihe sind sie schlichtweg eine Schande. Oder sollen wir glauben, all
die falschen Fälle, fehlenden Satzenden und vertauschten
Buchstaben wären vom Autor beabsichtigt gewesen, heißt es
doch bereits im Vorwort: »Ein kleiner Schritt zur Seite, ein
wenig sprachliche Verfermdung [sic!], und schon leuchtet ein, dass
Antworten auf die Fragen, wie die Technik die Entwicklung und das
Handeln der Menschen und ihr Verhältnis zueinander bestimmt und
verändert, sich großer Nachfrage erfreuen sollten« (S.
7).
Jörg Büsching
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