| | Öffentlichkeit
und Geschichte
Solbach:
Das Iablis-Jahrgangsthema lautet: ›Öffentlichkeit
als Bühne: Kontaminationen‹.
Das impliziert die Frage, was Öffentlichkeit
ist, sowie die zweite, wieweit die Bühnenmetapher
in diesem Zusammenhang trägt: Hat sie
je gegolten und, wenn ja, gilt sie heute
noch? Und, falls man letzteres bejaht: Welche
Gruppen, welche Institutionen oder Instanzen
spielen welche Rolle bei der Inszenierung
von Öffentlichkeit?
Koselleck:
›Öffentlichkeit als Bühne‹
ist natürlich eine Metapher. Auf welche
Realbühne ließe sich das beziehen
- Hoftheater, Operette, Oper, Musical? Also
ich finde, die Metapher trägt nicht
sehr weit.
Solbach:
Und wie steht es mit der attischen Tragödie?
Koselleck:
Das war noch Präsenz, Realpräsenz:
politisches Theater, so wie es Brecht wieder
wollte, eingestellt auf Hör-, Reich-
und Sichtweite - das war dann identisch mit
dem politischen Forum. Heute läuft es
über Presse oder Funk oder Fernsehen
als Vermittlungsinstanzen. Hinzu kommt inzwischen
das Internet, das ich nicht mehr beherrsche.
Wer führt Regie? Das hängt natürlich
davon ab, wer bezahlt. Die Presse z. B. wird
von immer weniger Leuten finanziert, weil
die Reklamefinanziers ins Fernsehen überwechseln.
Da kommt es dann zu Machtakkumulationen.
Die Frage dahinter lautet: Wer bezahlt das
Fernsehen?
Solbach:
Halten wir uns noch ein wenig an die Metapher.
Ereignisse wie der 11. September oder Amerikas
Krieg gegen den Irak konzentrieren das öffentliche
Interesse auf einen Punkt oder eine Folge
von Geschehnissen. Die Zuschauer nehmen ihre
Plätze ein und wollen wissen, wie es
weitergeht. Impliziert eine solche Art der
Öffentlichkeit auch so etwas wie Welttheater
(etwa im Sinne Hofmannsthals)?
Koselleck:
Bei Hofmannsthal ist die symbolische Welt
gemeint, nicht die reale. Insofern passt
der Vergleich nicht auf die Öffentlichkeit,
die sozial und politisch abgerufen, ja beschworen
wird. ›Öffentlichkeit‹
ist eine Beschwörungsformel. Die Öffentlichkeit,
auf die ich mich berufe, ist kein Subjekt.
Da sie kein Subjekt ist, kann ich mit ihr
auch nicht verhandeln. Öffentlichkeit
ist ein Resonanzboden für diejenigen,
die Stimmen einspeisen und reflektorisch
Stimmen zurückerhalten. Das wäre
meine Metapher. Wenn ich einen Vergleich
ziehen soll, dann eher mit dem Radar als
mit der Presse oder gar dem Hoftheater. -
Bemerkenswert finde ich, dass die heute immer
deutlicher zutage tretenden globalen Zusammenhänge
seit der Entdeckung Amerikas 1492 gegeben
sind. Seit 1494, als die Erde zum ersten
Mal geteilt wird zwischen Portugal und Spanien,
ist Globalität selbstverständlich
- auch wenn sie sich de facto damals der
Erfahrung entzog. Zum Beispiel waren die
Bedingungen des spanischen Silberhandels
den Leuten in der Ukraine oder in Polen weitgehend
unbekannt, obwohl sie für das europäische
Währungsgefüge eine große
Rolle spielten. Das heißt, die Bedingungen
der eigenen Erfahrung waren auf dem alten
Globus fern eigener Erfahrung, das ist die
Grundstruktur bis in die Moderne. Diese Bedingungen
werden heute zunehmend übersichtlicher
gemacht. Je mehr man hört und sieht,
was zur gleichen Zeit auf dem Globus los
ist, erhält man sozusagen die Information
über das, was sein sollte oder sein
kann. Ob das die Wirklichkeit ist, wäre
eine andere Frage.
Solbach:
Das Entscheidende am Bühnengeschehen
besteht darin, dass es in ›greifbaren‹
Gestalten vor dem Publikum zur Aufführung
gebracht wird. Die Illusion ist immer eine
Illusion der Nähe. Darin liegt sicher
ein großer Unterschied zu früheren
Arten der Berichterstattung. Die Großen
der Politik werden heute doch auf sehr merkwürdigen
Ebenen dargestellt, auch die Beurteilungkriterien
verschieben sich dadurch. Das erzeugt oft
eine gewisse ›Verrückung‹
und ›Verrücktheit‹ des
Urteils, die sich oft erst in der historischen
Rückschau auf Personen und Ereignisse
glättet. Stehen öffentliches und
geschichtliches - auch zeitgeschichtliches
- Urteil miteinander auf Kriegsfuß?
Koselleck:
Die Frage zielt ziemlich eindeutig auf die
Konstruktion oder Mache, also die Aufmachung
von irgendwelchen Figuren, die nur durch
die Art der Anstrahlung und der Wiedergabe
im Fernsehen effektiv werden. Das nimmt offensichtlich
zu, die Leute leben praktisch nur noch von
der Rolle, in die sie eigentlich eingewiesen
werden.
Solbach:
Und die Ebene, auf der etwas passiert, ist
eine andere.
Koselleck:
Ja natürlich. Die Gretchenfrage lautet:
Was wird veröffentlicht - und was bleibt
geheim? Das ist die Testfrage. Was wird bei
dieser Art von Öffentlichkeit nicht
gesagt? Das ist das Entscheidende. Das weiß
man als Historiker so wenig wie als Journalist.
Die Frage ist, wie man an die Informationen
herankommt, die nicht öffentlich sind...
Solbach:
Und wann.
Koselleck:
Ja, und wann natürlich, wieviel zu
spät oder wieviel früher. Ich entsinne
mich, von einem Kollegen 1990 im Frühjahr
gehört zu haben, dass die Russen bereit
seien, das wiedervereinigte Deutschland in
die NATO zu lassen. Ich hielt das damals
nicht für möglich - aus traditioneller
Einstellung und Furcht vor den Russen. Aber
er hatte bessere Informationen und es stimmte.
Daher kann ich nur sagen: Informationsquellen
sind eben wichtig. Als Historiker verfügt
man darüber nicht ohne weiteres, die
Historiker laufen ja im wesentlichen dem
Geschehen hinterher. Die Gegenfrage ist also:
Was wird geheim gehalten, was wird vernichtet,
das ist ja bekannt, nicht wahr.
Solbach:
Mediale Öffentlichkeit ist oder gilt
als gemacht. Unterscheidet sie sich darin
von der bürgerlichen Öffentlichkeit
im Europa des 18. und 19. Jahrhunderts?
Koselleck:
Im 18. Jahrhundert war sie ja noch nicht
bürgerlich, das war noch eine ständisch
durchmischte Öffentlichkeit. Die Aufklärer
werden ex post als bürgerlich definiert,
auch in meiner Dissertation - zu Unrecht.
Das war eine vormoderne intellektuelle Gemeinschaft
von Klerikern, Philosophen, Adligen, Kaufleuten, wenig
Kaufleuten und dergleichen, die sich in
Salons und in den Freimaurerlogen auf der
gleichen Ebene treffen konnten. Ständische
Grenzen wurden unterlaufen. Es handelte sich
um eine Geheimöffentlichkeit. Die Freimaureröffentlichkeit
war noch geheim, weil sie sich anders nicht
schützen konnte, das ist meine These,
die zwar von vielen Freimaurern bestritten
wird, aber das ist eine andere Frage. Anders
im 19. Jahrhundert, da ist sie spezifisch
bürgerlich, da gibt es den Boom der
Presse, die Druckerpresse kann immer schneller
produzieren und wirklich am nächsten
Tag bereits Informationen liefern, im Lauf
des 19. Jahrhunderts immer rascher. Zu Beginn
des 19. Jahrhunderts tut sich in Deutschland
noch wenig, in England mehr, in Frankreich
auch mehr, später gleicht sich das aus.
In der zweiten Jahrhunderthälfte kann
man dann seine Zeitung mit den neuesten Nachrichten
am Morgen, Mittag und Abend erhalten, das
war schon relativ schnell. Insofern ist diese
vorweggenommene Öffentlichkeit, die
heute im Fernsehen Identität von Ereignis
und Information bedeutet, eigentlich schon
angekündigt... Es gibt eine schöne
Metapher von den Bilderbögen, nicht
aus Épinal, sondern aus Deutschland,
wo sie in Neuruppin hergestellt wurden. Dort
meinte man um 1900, die aktuellen Ereignisbilder
kämen so schnell auf den Markt wie der
Donnerschlag nach dem Blitz. Da ist schon
die Konvergenz von Ereignis und Information
in der Theorie, eine tolle Vorstellung und
eine schöne Metapher.
Solbach:
Bleibt die Frage der Entfernung, gerade
bei Blitz und Donner...
Koselleck:
Ja natürlich. Mal sind es ein paar
Sekunden weniger, mal mehr. Das ist eine
schöne Metapher, die beim Fernsehen
zur Identität führt. Wir sind dann
schon dabei, wenn was passiert, sie sind schon dabei, sollten
sie sein, wollten
sie sein, na ja...
Solbach:
Gibt es in ihren Augen so etwas wie eine
Weltöffentlichkeit oder eine europäische
Öffentlichkeit oder ist das nur eine
perspektivische Täuschung? Noch einmal
anders gefragt: Für wie zwingend halten
sie die Verbindung von Nation und Öffentlichkeit?
Koselleck:
Ja, Nation und Öffentlichkeit, das
ist nun sicher spezifisch für das 19.
Jahrhundert. Zu Anfang war die Nation eine
abstrakte Größe, es gab sie ja
noch nicht empirisch. Selbst die Französische
Revolution hatte es noch mit völlig
heterogenen Ethnien in Frankreich zu tun,
es gab keine gemeinsame Sprache. Der Zwang,
die Sprache überall in gleicher Weise
zu reproduzieren - mittels Schule und Wehrpflicht
- ist erst in der zweiten Hälfte des
19. Jahrhunderts realisiert worden. Das heißt,
die Nation war eine Größe, die
über Presse und Verwaltung, über
Justiz und Steuer, über Schulpflicht
und Wehrpflicht hergestellt wurde. Insofern
ist die Nation die maximale, die größtmögliche
Handlungseinheit, über die nicht hinausgegangen
werden konnte, es sei denn durch den - von
vornherein global angelegten - Freihandel.
Diese Relation, in der Öffentlichkeit
als Medium der Nationbildung fungiert, hat
sich im 20. Jahrhundert je nach Kontinenten
und Ländern verschoben. Aber wir haben
auch heute noch Öffentlichkeitsproduktionen
der Nationen: in Weißrussland, in der
Ukraine, aber auch im Westen; die Nationalismen
laufen ja wieder einmal heiß im Augenblick,
wie in Südosteuropa.
Solbach:
Das wäre vielleicht eine Erweiterung
meiner Frage: dass die Nation nicht als Produkt
oder als ›Ding‹, sondern als
Aspekt oder als mentale Größe...
Koselleck:
Natürlich ist sie eine Projektion derer,
die sie definieren wollen. Sie wird gemacht,
im Sinne der Urheberschaft seitens der Intellektuellen,
das sind die Presseleute, die Professoren,
Priester, alle, die heute PR betreiben, die
sechs großen Ps - Professoren, Pastoren,
PR-Leute, Presse, Poeten und natürlich
die Politiker. Das sind die, die sagen, was
die öffentliche Meinung zu sein hat.
Sie vereindeutigen die Pluralität der
Stimmen durch moralische Emphase, durch Nachdruck,
durch Predigtton, und verlangen, dass eine
gemeinsame Erinnerung von Leuten entsteht,
die gar keine haben...
Solbach:
... durch Rückgriff auf Nationalismen...
Koselleck:
... natürlich, das ist politische Mache
seitens der sogenannten Eliten - nachweisbar,
wie ich glaube, auf Schritt und Tritt, ich
sehe da keinen Unterschied, nur der Adressatenraum
ist größer geworden. Auf Europa
kommen wir noch zu sprechen.
Solbach:
Behalten wir die Metapher ›Öffentlichkeit
als Bühne‹ noch einen Moment
bei. Lässt sich dann der ›Clash
of Civilizations‹, immer angenommen,
dass es so etwas gibt, am Ende als Ergebnis
unterschiedlicher Bühnenkonzeptionen
begreifen? Gibt es so etwas wie einander
ausschließende Öffentlichkeiten?
Ich denke auch an unterschiedliche Arten
von Öffentlichkeit. Vor dem Hintergrund
der aktuellen Ereignisse kommt etwa eine
arabische Öffentlichkeit in unseren
Blick, die anders zu funktionieren scheint
als unsere.
Koselleck:
Aber sicher. Die differenten, sich unterscheidenden
Öffentlichkeiten schließen sich
de facto aus, nicht ihrem Anspruch nach.
Der theoretische Anspruch von Öffentlichkeit
ist natürlich universal. De facto ist
die Öffentlichkeit begrenzt durch die
Fähigkeit der Sprache und durch die
kulturelle Basis, von der Sprache lebt und
auf die sie Bezug nimmt, und da besitzt die
arabische Welt, die ja in sich gebrochen
ist, die ja keine einheitliche ist, sicher
eine andere Art von Öffentlichkeit,
so wie früher die chinesische und die
japanische eine andersartige hatten und bis
heute haben, oder die Inder und Pakistani.
Aber der Anspruch des Öffentlichkeitsprinzips,
dass nämlich alles kommunizierbar sein
sollte, ein normativer Anspruch, den Habermas
mit großer moralischer Emphase vorträgt,
der ist natürlich universal gedacht.
Nur in der Empirie ist er immer gebrochen,
da hat sich noch nicht viel geändert.
Es sind eben verschiedene Konfessionen, verschiedene
Religionen, verschiedene Nationen, verschiedene
Wirtschaftssysteme - alles mögliche
Subjekte, die in der Öffentlichkeit
sich artikulieren.
Solbach:
Die Öffentlichkeit spielt gern mit
Begriffen und Vorstellungen, die ihr von
Historikern vermacht worden sind. Weltreiche
›periklitieren‹, nachdem sie
sich ›imperialer Überdehnung‹
schuldig gemacht haben, sie hinterlassen
dabei ›Machtvakuen‹, die schleunigst
aufgefüllt werden müssen, Terroristen
gefährden die Sicherheit und Stabilität
›peripherer Regionen‹ und attackieren
das ›Kernland des Kapitalismus‹
und damit der westlichen Zivilisation, während
man dort diskutiert, ob der ›Clash
of Civilizations‹ unvermeidbar sei
oder nicht, aber vorsichtshalber das Verteidigungsbudget
in die Höhe schraubt und Präventivkriege
führt, in denen die Prävention
sich fast ausschließlich auf sonderbare
historische Vergleiche bezieht. Die Öffentlichkeit
der postkommunistischen Ära (auch dies
eine diskussionswürdige Phrase) schwelgt
in Beschreibungsmodellen, in denen die Machtpolitik
des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts
Auferstehung feiert. Frage: Kehren die Begriffe
der Historiker an den Ort ihres Entstehens
zurück oder unterliegen sie einem Verschleiß,
der sie zu wissenschaftlichen Zwecken unbrauchbar
macht?
Koselleck:
Die Begriffe, die Sie nennen, in der Öffentlichkeit
gängige Redewendungen, die am meisten
Plausibilität beanspruchen, sind keine
spezifisch historischen Kategorien, es sind
erst einmal theologische. ›Macht‹
ist eine theologische Kategorie - ›Gottesmacht‹,
›Allmacht‹ -, die dann auf den Staat
übertragen
wurde, ›Gewalt‹, auch wenn
sie politischer oder sozialer Herkunft ist,
wird juristisch kategorisiert. Wer wo oder
wann Gewalt ausübt,das wird zu einer
Rechtsfrage, auch wenn das staatliche Gewaltmonopol
derzeit dahinschwindet und verzehrt wird
von überstaatlichen, zwischenstaatlichen
und innerstaatlichen Gewalten. Das heißt,
die Historiker kennen kaum eigene Begriffe.
›Staat‹ ist natürlich
ein juristischer Begriff, ein ständischer
Begriff gewesen, ›Souveränitat‹,
›Superioritas‹, auch ein lateinischer
Begriff, der die ständische Verfassung
beschreibt: Wer ist über- und untergeordnet?
Die Historiker bedienen sich heute der Metaphern
aus der Naturwissenschaft, im 19. Jahrhundert
haben sie viele ökonomische und - wie
Sie zu Recht sagen - machtpolitische Kategorien
verwendet, die aber ihren theologischen Hintergrund
nicht verleugnen konnten. Das heißt,
ich würde den Historikern gar nicht
zumuten, ein großes eigenes Vokabular
zu haben. Sie leben von Anleihen, die sie
brauchen, um plausibel reden zu können,
oder sie reden Soziologendeutsch, und dann
ist es nicht mehr verständlich. Ich
meine, es gibt einen soziologischen Fachjargon,
der zum Teil auch in der Historie wuchert
und dort dem normalen Leser nicht mehr zugänglich
ist. Wenn die Wissenschaftlichkeit auf dem
Jargon beruht, dann lebt die Historie heute
eigentlich von der Soziologie und das wird
von den Lesern nicht gerade goutiert. Im
Ganzen sind die Leser doch neugierig auf
erzählte Geschichte, das ist zwar eine
Mode geworden, aber anscheinend begreiflich.
Dass die abstrakten Definitionen und abstrakten
Theorien wenig eingängig sind, heißt
ja nicht, dass sie falsch sind. Das ist eben
eine eigene Wissenschaftssprache.
Solbach:
Periodisierung gehört zum historischen,
Klappern zum journalistischen Handwerk. Was
halten Sie persönlich von Spontanperiodisierungen,
die sich in Ausdrücken wie ›die
Welt nach dem 11. September‹ oder
dergleichen manifestiert?
Koselleck:
Das ist natürlich eine perspektivische
Verkürzung. Der 11. September ist in
der Selbstwahrnehmung der Amerikaner eine
›Epoche‹, ein Einschnitt, aber
man vergisst schnell, dass vor ein paar Jahren
schon einmal ein Anschlag aufs World Trade
Center stattgefunden hat. Ich war damals
zufällig in New York. Große Aufregung,
Tote im Keller, es gab schon damals den Versuch,
und der Anstifter ist sogar hinter Gitter
gekommen. Das heißt, es ist gar nicht
so neu, es ist nur effektiver geworden. Insofern
ist das in der Kette der Terroranschläge,
die ja im 18. im 19. Jahrhundert bereits
üblich werden, nur ein Qualitätssprung.
Im 19. Jahrhundert sind nur Fürsten
ermordet worden, die Repräsentanten,
von den Anarchisten serienweise, im 20. Jahrhundert
fängt man an, Völker umzubringen,
und das im Zeichen einer homogenen Volksherrschaft,
der radikalen Demokratie. In der Monarchie
werden Fürsten ermordet, im Zeitalter
der Demokratie die Völker selber. Sobald
die Völker selbst souverän sind,
werden sie als Volk identifiziert und so behandelt. Und
das gilt für alle ›Transferleistungen‹,
wenn die Menschen versetzt, umgesiedelt ,
vertrieben werden bis hin zur Ausrottung.
Auch die Judenvernichtung ist in diesem Zusammenhang
zu sehen, denn die Juden wurden unbefragt
in einen rassischen Volksbegriff hineindefiniert.
Die semantische Aus- und Eingrenzung war
der erste Schritt zu ihrer Vernichtung. Der
Demokratiebegriff, der nur mit der Volksdemokratie
arbeitet, ist tendenziell totalitär.
Dazu gehört die Verfassungswirklichkeit
der Kommunisten, der Faschisten, der Nationalsozialisten
und anderer nur religiös motivierter
politischer Organisationsformen. Heute wird
Demokratie als liberale Verfassungsdemokratie
definiert, mit Gewaltenteilung, Grundrechtsschutz
und Toleranzgebot. Rein nationale Identitätszuweisungen:
›Du bist Russe‹, ›du
bist Deutscher‹, ›du bist Jude‹
und dergleichen sind Zuordnungen, die in
der liberalen Demokratie, normativ gesprochen,
gerade nicht stattfinden sollten, aber de
facto eben auch stattfinden, mit unterschiedlichen
Folgen.
Solbach:
Das heißt, solche Spontanperiodisierungen
haben eher funktionale Bedeutung?
Koselleck:
Ja. Die Spontanperiodisierung verweist ja
in dem Fall auf Erfahrungsräume, und
da muss ich sagen, dass der 11. September
gerade keine sehr tiefgreifende Veränderung
gebracht hat, denn den Terror in Israel-Palästina
gibt es, seit diese Staaten existieren bzw.
existieren wollen. Da ist der Terror schon
Dauerzustand, er wird jetzt auch in Amerika
angewendet, mehr angewendet, im Irak auch, darin sehe ich
nur eine Verschärfung von Tendenzen,
die sich schon seit einem halben Jahrhundert
abzeichnen.
Solbach:
Das heißt, dass Spontanperiodisierung
als eine Art Rechtfertigung von Machtpolitik
dient?
Koselleck:
Ja, wenn mit den Anschlägen überhaupt
Machtpolitik intendiert ist. Ich glaube,
dass die Araber, sofern es sich um arabische
Terroristen handelt, nur die Weltmacht Amerika
treffen wollen, aber keine eigene Machtpolitik
in dem Sinne verfolgen, dass sie...
Solbach:
Ich meinte ja auch eher von der anderen
Seite, immerhin ist diese Rede von seiten
derer geführt worden, die sich gegen
die Terroranschläge wehren. Die Amerikaner
sagen, die Welt sei eine andere seit dem
11. September und sie müssten jetzt
anders vorgehen...
Koselleck:
Das ist die Selbstwahrnehmung der Amerikaner,
die Hilflosigkeit, dass man gegen einen unsichtbaren
Gegner schwer kämpfen kann. Dasselbe
gilt natürlich für viele - all
diese terroristischen Aktionen, die wir in
der Bundesrepublik, in Frankreich hatten.
Das hier hat nur eine andere Dimension, nicht
wahr: dreitausend Menschen durch zwei Flugzeuge
auf einmal umbringen zu können, das
ist schon eine unglaubliche taktische Planungsleistung,
wenn man es so definieren darf. Das Verbrechen
ist sozusagen gekonnter als bisher, effektiver
und das wird ja noch schlimmer kommen können.
Die Brücken sind wahrscheinlich dauerhaft
gefährdet, diese riesigen Brücken
in Amerika, man kann hochrechnen, was die
intellektuellen Araber, die Fundamentalisten
so im Auge haben. Furchtbar.
Solbach:
Peter Sloterdijk hat gelegentlich die Vokabel
von der Nation als ›Erregungsgemeinschaft‹
gebraucht. Trifft dieselbe Vokabel Ihrer
Auffassung nach auf Öffentlichkeit zu?
Ist es eine notwendige, eine hinreichende
Beschreibung von Öffentlichkeit?
Koselleck:
Ich finde den Ausdruck ›Erregungsgemeinschaft‹
sehr schön, das ist eine gute Formulierung.
Aber Öffentlichkeit – wie ich
schon sagte – ist kein Subjekt, infolgedessen
ist sie auch keine Gemeinschaft. Die ganze
Metapher stimmt nicht. Die Öffentlichkeit
ist ein Resonanzboden der Stimmen, die Öffentlichkeit
herstellen, ein Empfangsbecken, um Zuhörerschaft
und aktive Reaktionsbereitschaft auszulösen.
Öffentlichkeit ist kein homogenes, in
sich stimmiges Subjekt. Und sie kann sich
auch sehr wandeln, schwankend sein. Das ist
eine alte Kritik an der Öffentlichkeit,
dass sie selbst schwankt, aber es gilt ja
auch für die Menschen. - ›Erregungsgemeinschaft‹,
das ist natürlich ein suggestiver Ausdruck,
der sehr einleuchtet, denn die Erregung kann
abklingen und wieder neue Objekte, neue Gegenstände
finden. Insofern finde ich diesen Begriff
ganz gut. Es ist kein historischer Begriff,
wenn man so will, ein psychologischer Begriff,
der von uns Historikern verwendet werden
kann.
Der
Historiker als Zeitgenosse
Solbach:
Historische Begriffe sind Erfahrungsbegriffe.
Nun umfasst das Leben eines Historikers selten
mehrere Geschichtsepochen. Was empfindet
man als Historiker, wenn in der eigenen Lebensumgebung
eine neue Epoche ausgerufen wird?
Koselleck:
Wir haben eben schon gesagt, die neue Epoche,
die ich jetzt ausgerufen höre, ist tendenziell
schon angelegt. Wenn man die politischen
Morde des 19. Jahrhunderts als Vorzeichen
einer radikalen Demokratie liest, kann man
sagen, bringt der Terror nichts Neues. Neu
ist nur die technische Perfektion, die aber
wirklich Qualitätssprünge hervorruft.
- Ich selbst kann nur sagen, Epochen habe
ich natürlich erlebt. ›Ausgerufen‹,
das ist für mich der 30. Januar 1933:
als Hitler an die Macht kam, wurden wir in
der Schule sofort angehalten, mit ›Heil
Hitler‹ zu grüßen. Der
erste, den ich, ein zehnjähriger Junge,
so grüßte, war ein jüdischer
Freund meines Vaters, der mich strahlend
anlachte - und auslachte. Er hat überlebt
und die Szene bestimmt vergessen, ich nie, weil ich dachte,
jetzt sage ich schon
diesen Gruß und dann ausgerechnet dem,
von dem ich noch gar nicht wusste, dass er
ein Jude war. Das war einfach nicht bekannt,
er war ein Freund meiner Eltern, ein Kollege
meines Vaters, der wie mein Vater bald ›abgebaut‹
wurde, wie es damals hieß. 1945 war
der nächste Epochenschnitt, da hielt
in der russischen Gefangenschaft ein kommunistischer
Prediger, einer dieser Politkomissare, bei
uns im Lazarett eine Ansprache darüber,
dass der Sieg über Japan nun den ewigen
Frieden bringe, und das sei der Anbruch der
neuen Epoche, der letzten der Weltgeschichte.
Da habe ich mich nicht entblödet zu
fragen, wieso viertausend Jahre Hochkultur
nicht ausgereicht hätten, diesen Frieden
zu stiften, und er ausgerechnet jetzt mit
der Atomwaffe möglich sein solle. Der
Mann war so beleidigt, dass er auf dem Absatz
den Raum verließ und die anderen zu
mir sagten, Menschenskind, hättest du
doch deine Schnauze gehalten, jetzt geht’s
nach Workuta. Da habe ich den Spruch geprägt:
»Lieber Stalin, mach mich stumm, dass
ich auch nach Hause kumm.« Aber er
hat mich nicht angezeigt. Er war ein Deutscher,
ein Studienrat, der mit Hermann Hesse befreundet
war, also doch Bildungsbürger. Aber
ich muss sagen, ich war viel zu unvorsichtig.
Solbach:
Manchmal ist das Bildungsbürgertum
doch noch zu etwas gut.
Koselleck:
Ja, sicher, in dem Fall war das so... obwohl
Bildung keine Garantie für anständiges
Verhalten ist. Das ist vielleicht auch ein
Epocheneinschnitt, den ich natürlich
damals nie als solchen erkannt, anerkannt
hätte. 1945 war halt für mich primär
die Katastrophe des Besiegten, der, wie es
so hieß, noch einmal davongekommen
ist.
Solbach:
Was heißt es angesichts des aktuellen
amerikanischen Strebens nach Welt-Dominanz
und einer Politik der EU-Erweiterungen, wie
es sie niemals gab, Deutscher und Europäer
zu sein? Sind das Etiketten aus einer untergehenden
oder bereits vergangenen Welt? Geht ›Europa‹
in der Konstruktion Europas unter?
Koselleck:
Das muss nicht sein. Wenn es sich um eine
Konstruktion handelt, kann sie sich mit Inhalt
füllen. Europa könnte ja ein Entwurf
sein.
Solbach:
Wie sehen sie es?
Koselleck:
Ich bin da ohne jede Emphase. Natürlich
fühle ich mich auch als Europäer,
sofern ich als wünschenswert erachte,
dass Europa eine größere, eine
höher aggregierte Gemeinschaft wird,
wobei meine Grundthese ist - ähnlich
der meiner ehemaligen Studentin Christine
Landfried -, dass es darauf ankommt, die
Differenzen innerhalb der europäischen
Nationen wahrzunehmen und sie nicht zu vertuschen.
Meine Formel für den Föderalismus
Europas war immer: ›Ein Minimum an
Gemeinsamkeit erreichen, um ein Maximum an
Unabhängigkeit zu bewahren.‹
Das ist eine Formel, auf die sich alle einlassen
könnten. Das Minimum der Gemeinsamkeiten
kann und muss größer werden, das
Maximum an Unabhängigkeit muss deswegen
nicht Schaden nehmen. Das ist die Situation,
in die die Europäer hineinwachsen: Minimum
an Gemeinsamkeit, Maximum an Unabhängigkeit.
Dann fragt sich: Was ist minimal nötig?
Es kommen eben zunehmend neue Kriterien hinzu,
ob das nun die Außenpolitik ist, wie
es sich ja ein bisschen abzeichnet, aber
das ist noch lange nicht durchsetzbar...
die Wirtschaftpolitik könnte es sein,
die Steuerpolitik könnte es sein, was
auch immer. Man muss suchen, welche minimalen
Gemeinsamkeiten man stiftet, um unabhängig
bleiben zu können. Die Unabhängigkeit
liegt dann in der nationalen Tradition begründet.
Die Franzosen und die Spanier, die Italiener,
die großen Briten, die Niederländer
- sie alle haben ihr nationales Selbstbewusstsein,
nur die Deutschen nicht. Sie sind die einzigen,
die aufgrund ihrer föderalen Tradition
nie eine richtige Nation bildeten und deshalb
ihre Rolle nationalistisch überkompensiert
haben. Diese ihre Rolle haben sie durch den
ersten und zweiten Weltkrieg ausgespielt.
Auf Grund dieser Vergangenheit ist ihnen
eine Identität, die über das Deutsche
hinausreicht, sozusagen in den Leib diktiert.
Deshalb sind sie scheinbar bessere Europäer,
aber sie werden genötigt, national zu
sein: von den Nachbarn, nicht von uns selbst.
Die Nachbarn erwarten, dass wir auch nationale
Interessen vertreten, und wenn wir es nicht
tun, dann werden wir verachtet.
Solbach:
Und wenn wir es tun, gefürchtet.
Koselleck:
Das ist die Gefahr. Deswegen muss man dieses
Minimum in der Gemeinsamkeit anstreben, um
die maximale Unabhängigkeit zu retten,
für alle. Ich glaube, das ist eine Formel,
mit der man die Differenzen am besten diagnostizieren
kann, um produktiv voranzukommen. In dem
Sinne würde ich mich als Europäer
definieren, nicht in irgendeinem emphatischen,
kulturellen oder religiösen oder sonstigen
Sinn.
Solbach:
Nach dem Zweiten Weltkrieg bestand Jean-Paul
Sartre auf der tragischen Sendung Europas
zwischen den materialistischen Weltmächten
Amerika und Sowjetunion, also zwischen der
individualistischen und der kollektivistischen
Glücksverheißung - von der attischen
Tragödie bis zu den Heldentaten des
Widerstandes gegen die Nazi-Besatzung eine Menschheitsstunde.
Sehen Sie diese Einheit
Europas und können Sie eine europäische
Sendung erkennen oder halten sie diese Formel
Sartres schon für im Ansatz verfehlt?
Koselleck:
Na, die Formel Sartres war natürlich
sehr schick und passt auch in die Nachkriegszeit,
als Europa überall groß geschrieben
wurde, weil man die Differenzen noch nicht
wahrnehmen konnte, die auftauchen, wenn man
sich als gleichberechtigt anerkennt. Die
Franzosen hatten natürlich ihre eigene
Kulturmission, und dass man nun von Athen
bis - wie Christian Meier sagt - Auschwitz
eine Einheit erkennt, das lässt sich
ja nicht völlig leugnen, aber es ist
natürlich eine abstrakte Einheit, die
keine Identitätsgefühle bei den
Mitgliedern auf Malta mit Esten oder Finnen,
mit Türken oder wem auch immer hervorrufen
kann. Daher bin ich sehr skeptisch, ob diese
emphatische Selbstbeschreibung etwas erzeugt,
und eine Sendung ist daraus schon gar nicht
abzuleiten. Ich sehe keine Sendung, die uns
als Programm vor die Nase gehalten werden
müsste, um in eine Richtung zu laufen.
Die Amerikaner haben diese Sendung seit ihrer
Geburtsurkunde, die Franzosen besitzen eine
gewisse Sendung seit der Französischen
Revolution und bei den großen Briten
leitet sich das weniger aus der englischen
Revolution ab als aus ihrem Erfolg, ein Weltreich
gehabt zu haben. Daraus eine Mission abzuleiten,
ist nun schwieriger, weil es vorbei ist.
Die Deutschen haben ohnehin verpasst, was
sie hätten tun können oder mögen,
das haben sie alles selbst verschuldet. Angesichts
dieser Lage überhaupt eine Sendung zu
postulieren... Mein Vorschlag wäre,
pragmatisch zu sehen, was man im nächsten
Schritt sinnvollerweise tun kann. Die Nichteuropäer
werden uns schon eine Rolle aufnötigen,
um sich vor uns zu schützen oder mit
uns zu kollaborieren. Unsere Bedeutung im
Nahen Orient ist ganz sicher gegeben. Dass
die Amerikaner alleine den Nahen Orient,
wie auch immer, durch Gewalt nicht ordnen
können, zeichnet sich ja ab. Dass da
eine europäische Intervention, moralisch,
wirtschaftlich, politisch, wie auch immer
- weniger militärisch - eine Rolle spielen
kann, lässt sich nur erwarten, nicht
programmieren. Ich persönlich halte
es für sehr wahrscheinlich. Dasselbe
gilt natürlich auch für die Russen
und, wer weiß, vielleicht demnächst
auch für die Inder. Man kann ja jetzt
noch nicht beurteilen, was in zehn Jahren
sein wird.
Solbach:
›Aufklärung‹, diese Grundvokabel
eines Europa, das heute polemisch das ›alte‹
genannt wird, ist aus den Disputen der Öffentlichkeit
verschwunden und in die Seminare zurückgekehrt.
Bedauern Sie das?
Koselleck:
Das ist sowieso ein eigentümlicher
Sprachgebrauch. Die Aufklärung ist entweder
eine historische Erscheinung, dann existiert
sie im deutschen Sprachgebrauch überhaupt
erst seit 1780. Vorher gab es den Begriff
gar nicht und er hat sich dann sehr schnell
in den Bildungsbegriff transformiert. Denn
›Bildung‹ ist Selbstaufklärung,
Selbsterziehung, Selbstkontrolle. Was die
Aufklärung forderte - mündig zu werden -, ist im
Bildungsbegriff eingelöst.
Im deutschen Sprachablauf und ihrer Selbstwahrnehmung
nach sind die Bildungsapostel der Romantiker,
Klassiker, der Dichter, der Philosophen wie
auch der Ökonomen Aufklärer. Das
ist der Bildungsbegriff, der bei uns die
Erbfolge des Aufklärungsbegriffs völlig
ausgefüllt hat, ohne Verzicht auf Aufklärungspostulate
zu leisten. Der Aufklärungsbegriff geriet
in Kritik, weil er als rationalistisch, bar
jeder emotionalen Potenz und dergleichen
definiert worden ist. - Soweit der historische
Aufklärungsbegriff. Der nach 1968 von
den Studenten wieder aufgebrachte große
emphatische Aufklärungsbegriff ist im
Grunde ein Emanzipationspostulat, ein Gleichberechtigungspostulat
für die Klassen, für die Völker,
für die Geschlechter - Postulate, die
im 18. Jahrhundert schon ausgesprochen waren,
sich aber empirisch kaum einlösen ließen.
Die Gleichberechtigung in der Liebesbeziehung
zum Beispiel ist ein Postulat, das zwischen
1800 und 1820 im Bildungsbürgertum entstand,
das sich mit französischem Vorlauf in
den Texten von Friedrich Schlegel oder Schleiermacher
wiederfand. Diese romantischen Postulate
konnten jetzt zum ersten Mal in die Wirklichkeit
überführt werden. Die geschlechtliche
Gleichberechtigung und die Mündigkeit
im Sinne der emanzipatorischen Selbstbestimmung
spielte eine große Rolle in der sogenannten
Studentenrevolte, aber das ist noch eine
Einlösung vorausgegangener Postulate.
- Dahinter steht die eigentliche Problematik,
dass Aufklärung auch einen systematischen
Stellenwert haben und anti-historisch gedacht
werden kann. Dann findet man die Aufklärung
bei den Griechen, die Aufklärung im
Mittelalter, die Aufklärung im frühen
19. Jahrhundert und so weiter. Das heißt,
dann wird sie zu einer formalen Bestimmung,
unter der sich bestimmbare Inhalte wiederholen
lassen. Dahin gehört meiner Auffassung
nach auch der Emanzipationsbegriff. ›Emanzipation‹
war bei den Römern ein juristischer
Begriff und beinhaltete die Anerkennung derer,
denen die ›emancipatio‹ erteilt
wurde und die so zu selbständigen Bürgern
werden konnten; was nicht allen möglich
war, denn man befand sich noch in einer patriarchalischen
Gesellschaft. Aber die emancipatio war ein
Rechtsakt der Mündigerklärung,
der von Generation zu Generation wiederholt
werden konnte. Zu glauben, dass man ein für
allemal mündig sei, setzt ein fiktives
Menschheitssubjekt voraus. Aber die Menschheit
ist kein Subjekt, nur eine Referenzbestimmung,
und es stellt sich heraus, dass die Emanzipation
sich immer wiederholen muss, zur Überraschung
derer, die sich emanzipiert glauben. Das
ist es, was sich jetzt wieder einmal zeigt.
Wer Emanzipation auf Dauer stellen will,
muss anerkennen, dass man nie perfekt emanzipiert
sein kann, sondern immer neue Formen der
Befreiung und Ablösung anstreben muss,
um sich von bestehenden Zwängen zu lösen,
was nicht heißt, dass nicht neue Zwänge
entstehen. Da gibt es eine kompensatorische
Regel, man ist nicht ein für allemal
emanzipiert.
Solbach:
Seit Nietzsche gehört zur Zeitgenossenschaft
der bizarre Doppelvorwurf der Geschichtsbesessenheit
und Geschichtsvergessenheit: Linke wie Nazis,
biedere deutsche Nachkriegsöffentlichkeit,
Wortführer des Betroffenheits- und Gedenkkultes
ebenso wie pragmatische Politiker des gängigen
Parteienspektrums - der zweifache Vorwurf
lässt niemanden aus. Können Sie
mit ihm etwas anfangen? Anders gefragt, gibt
es ein angemessenes Verhältnis zur Geschichte?
Koselleck:
In der Formel der Vergessen- und Besessenheit
kann ich mich nicht wiederfinden, vielmehr
versuche ich gleichmäßigen Abstand
zu halten zu dem, was Geschichte ausmacht.
Insofern ist das ein Wortspiel, das sicher
reizvoll ist, das sich aber meiner eigenen
Erfahrung entzieht. Dass die Alternative
eine analytische Bedeutung haben kann, ist
nicht zu verleugnen. Das bezieht sich zum
Beispiel auf den Betroffenheits- und Gedenkkult.
Die Deutschen streben da eine Art nachgeholter
Wiedergutmachung an. Der Betroffenheitskult
hat natürlich sehr viel Verlogenes an
sich, daran ist gar kein Zweifel. Wenn man
das, was die Deutschen an Schuld auf sich
geladen haben im Kriege durch die Ermordung
von Millionen unschuldiger Zivilisten oder
von Millionen unschuldiger Gefangener, die
sie haben verhungern lassen - insgesamt kommt
man ungefähr auf zwölf Millionen,
die doppelte Zahl der ermordeten Juden -,
wenn man die russischen Kriegsgefangenen,
dreieinhalb Millionen, und die Polen, über
drei Millionen, die von uns großenteils
umgebracht worden sind, mitrechnet, was ich
für zwingend halte, dann kommt man auf
Dimensionen, die man durch keinen Gedenkkult
in irgendeiner Weise aus der Welt schaffen
kann. Diese Dimension der Fatalität,
die wir produziert haben, ist nicht einzuholen
durch noch so viel Beteuerungen und damit
müssen wir leben lernen. Die Nachgeborenen
haben den einen Vorteil, dass sie sich nicht
persönlich schuldig gemacht haben, sondern
diese Katastrophen, die die Deutschen zu
verantworten haben, nur noch historisch reflektieren
können. Das ist dann doch eher rationalisierbar,
das muss man aus Distanz behandeln, man kann
es nicht nur durch emotionale Bekenntnisse
zu bewältigen versuchen, das geht nicht.
Und wenn wir das nationale Bekenntnis gar
noch staatlich verwalten lassen, dann sind
wir just da, wo wir bei den Nazis gewesen
sind, bei der Gesinnungssteuerung durch moralisches
Auftrumpfen: Wer denkt besser als der andere?
Diese Art von Gedenkkonkurrenz ist das Peinlichste,
das die Deutschen der Öffentlichkeit
im Ausland bieten.
Solbach:
Es ist oft beschrieben worden: Medien-Bösewichter
wie Saddam Hussein (»Enemy of the Month«)
erfüllen dieselbe Aufgabe wie die Figuren
des klassischen Dramas. Ihr ›Image‹
ist ›inszeniert‹, sie kommen
sozusagen ins Spiel, um ›die Handlung‹
voranzutreiben, um sie rankt sich das Thema
von Triumph und Fall. Der Unterschied zwischen
Drama und medialer Inszenierung liegt auf
der Hand: Das Töten ist real und die
Katharsis des Zuschauers braucht Opfer. Deprimiert
Sie der Rückfall - sofern dies das richtige
Wort ist - aufgeklärter Gesellschaften
in opferkultische Verhaltensweisen? Würden
Sie es überhaupt so sehen?
Koselleck:
Ja, da bin ich im Zweifel. Dieser Fall Hussein
ist sehr kompliziert, denn das ist offenbar
ein hochintelligenter Massenmörder,
der mit viel Inszenierungskraft sich selbst
so stilisiert hat, dass er die brutalsten
Gemeinheiten mit bestem Gewissen begehen
konnte. Er selber veranlasste die Vergasung
von Kurden und die Kindereinsätze im
Krieg gegen Iran. Das sind Sachen, die in
unserer Phantasie gar nicht mehr vorstellbar
waren, - dass man Bevölkerungsgruppen
überhaupt vergasen sollte oder könnte,
war für die Deutschen nicht mehr vorstellbar.
Damit wiederholt sich ein Typus von Verbrecher,
der - mit Hilfe der heutigen technischen
Mittel - sein Regime brutal perfektionieren
konnte, darin Stalin, Hitler und Himmler
nicht unähnlich. Hussein ist hier nachgerückt
und auch der antisemitische Affekt spielt
bei den Arabern eine riesige Rolle. Insofern
ist die Judenvernichtung als Gefahr nicht
zu Ende. Deswegen ist meine Vorstellung,
welche auch immer man von den Metaphern der
Theaterwelt verwenden will, dass die Amerikaner
als einzige Macht, die über die Gewalt
und die Macht und das Geld verfügt,
verpflichtet sind, die Palästinenser
und Juden - oder Israelis in dem Falle -
zu einem Frieden zu zwingen. Sie scheinen
mir die einzige Macht auf der Welt zu sein,
die es kann, sonst kann es niemand, aber
ich fürchte, sie schaffen es auch nicht.
Der Krieg gegen Irak war ein Entlastungkrieg,
fast ein Ablenkungskrieg, gemessen an der
Verpflichtung, in Israel und Palästina
Ruhe zu stiften. Daher bleibt Hussein, obwohl
er meines Erachtens zu Recht gestürzt
worden ist, doch eine Nebenfigur in dem tiefer
angelegten Konflikt zwischen Christen, Israelis
und arabischer bzw. muslimischer Bevölkerungsmehrheit.
Der christlich-jüdische Anteil ist ja
vergleichsweise gering im Orient, wenngleich
die Israelis (6,6 Millionen, davon 72 Prozent
jüdisch) einen neuralgischen Punkt für
sich selbst darstellen: Sie können jederzeit
umgebracht werden, wenn sie sich nicht schützen.
Diese Aporie können nur die Amerikaner
lösen - durch Gewalt, durch Druck, durch
moralischen und finanziellen Druck bzw. Hilfen
können sie eine Lösung erzwingen,
aber ich sehe nicht, dass dies der Fall ist.
Hussein als theatralische Opferfigur, das
wäre dann mehr eine Metapher der poetischen
Annäherung, die mir nicht sehr liegt.
Solbach:
Die Schwäche Europas - die vielleicht
eine Stärke ist - spiegelt sich auch
in der geringen Beachtung, die das europäische
Parlament, verglichen mit nationalen Parlamenten,
in den Medien erfährt. Die zweite Repräsentation,
die mediale Berichterstattung - das Abbild
des Abbilds, mit Platon zu reden - filtert
die erste aus. Ähnliches gilt für
die Vollversammlung der Vereinten Nationen
und vergleichbare transnationale Institutionen.
Kann Öffentlichkeit versagen - Öffentlichkeit
als ›Prinzip‹ gesehen und nicht
als Subjekt?
Koselleck:
Hier ist sozusagen die mediale Vermittlungszone
zwischen den verschiedenen Repräsentationen,
die im Grunde von der Gemeinde über
die Länder auf die Staaten und auf die
überstaatlichen Unionen bis auf die
Weltstaatengemeinschaft aufstufbar ist. Diese
Art von Aufstufung birgt natürlich die
Gefahr, dass man sie sich als diachrones
Ablaufmodell denkt, linear, als sei eine
höher aggregierte Ordnung dann die bessere.
Das ist ja nicht zwingend so, es kann durchaus
sein, dass die Beziehungen zwischen den verschieden
organisierten Föderationen durch Querverbindungen
und durch Sonderbeziehungen andere Konstellationen
erzeugen. Etwa könnte man sich vorstellen
- unterstellt, Israel-Palästina wäre
eine Föderation, was theoretisch denkbar
wäre, von Hannah Arendt 1945 sofort
gefordert, wäre diese Föderation
gelungen oder würde sie vielleicht noch
gelingen -, dass sie natürlich Modellcharakter
für eine ganz neue Art von Zusammenleben
haben könnte. Das ist bisher noch nicht
versucht worden, leider, und so könnte
es sein, dass horizontale föderative
Ein- und Ausschließungstechniken Gemeinsamkeiten
stiften zum Zweck der Selbsterhaltung, Gemeinsamkeiten,
die dann neue Frontstellungen und Bereitschaften
zu neuen Friedensstiftungen ermöglichen.
Das alles muss nicht auf der obersten Ebene
laufen, obwohl es im Augenblick danach aussieht,
da die Amerikaner die einzigen sind, die
durch die militärischen Waffenmonopole,
die sie haben und die ja nun unüberbietbar
sind, alle Macht in der Hand haben und dadurch
plötzlich eine Rolle, eine Sonderrolle
sozusagen zugewiesen bekommen.
Solbach:
Die sie durch neue Waffensysteme, die sie
jetzt schaffen wollen, noch verstärken...
Koselleck:
Ja, völlig klar. Aber ob das friedensstiftend
wird, ob das entlastend wirken kann auf die
Länge, ist sehr die Frage. Die Ressentimentstrukturen
sind natürlich genauso stark, man sieht
es zur Überraschung aller im Irak. Es
ist schwer zu sagen, wie es weitergeht. Der
Bürgerkrieg im Sinne des Guerillakriegs
kann jederzeit weitergehen, und wenn die
Türken noch eingemischt werden, erbeten,
sich noch einzumischen, dann könnte
es sein, dass sie die Katastrophe zwischen
Israelis und Palästinensern, türkischen
Kurden, irakischen Kurden, Türken und
Irakern, Schiiten und Sunniten im Irak potenzieren.
Es ist sehr schwer, die Pluralität der
zusammengewürfelten Völker zusammenzuhalten,
die 1918 dort zusammengenötigt worden
sind - völlig absurd, von demokratischer
Selbstbestimmung ist da keine Rede gewesen,
das waren A-Mandate, die zur Selbstverwaltung
erzogen werden sollten. Den Auftrag dazu
hatten sich Engländer und Franzosen
im Friedensschluss von 1919 selbst erteilt,
mit Grenzlinien, die den Öllagern angepasst
wurden. Natürlich haben sie nicht danach
gefragt, was das für Bevölkerungsteile
sind, es gab kein demokratisches Selbstverwaltungsprinzip,
umgekehrt war Toleranz als Anerkennung der
Andersgläubigen und Anderssprechenden
als Verfassungsprinzip dort völlig unbekannt.
Selbst das als tolerant gedeutete osmanische
Reich hat den Armeniermord inszenieren lassen.
Es ist schwer zu
sagen, ob es den Amerikanern
gelingen wird, das Zusammenleben so heterogener
Bevölkerungsgruppen durchzusetzen, wenn
es nicht einmal gelingt, zwischen Israel
und Palästina eine Symbiose zu erzwingen,
wo sie zum Überleben absolut notwendig
ist. Offenbar handelt es sich um einen unlösbaren
Konflikt, der die Katastrophe perpetuiert.
Disziplin,
Erfolg und Desaster
Solbach:
Verglichen mit anderen Kultur- oder Geisteswissenschaften
hat die Geschichte ein überwältigendes
Publikum. Geschichtliches Wissen gilt als
›Hintergrundwissen‹ und wird
hoch honoriert. Aber natürlich verfährt
Öffentlichkeit auch hier hoch selektiv.
Mit der Fülle des Wissens wachsen oft
Abstinenz und Widerwillen. Wo beginnt, wo
endet für Sie mediale Hypokrisie? Anders
gefragt: Wie geht historisches Wissen eigentlich
ein und auf welche Art und Weise bildet es
eine Urteilsbasis für Öffentlichkeit?
Koselleck:
Ich bin mir sehr im Zweifel, ob das, was
Sie den Historikern unterstellen, so stimmt...
Dass sie Hintergrundwissen vermitteln, ich
glaube, das ist vorbei. Das Hintergrundwissen
war sicher groß im Horizont des Bildungsbürgertums.
Die haben alle ihr Griechisch/Latein gelernt,
es waren nicht viele Menschen, aber es war
die Elite. Ob sie Juristen, Ärzte oder
sonstwas wurden, sie hatten einen gemeinsamen
Kanon humanistischen Wissens, der sich in
den Naturwissenschaften ausfächerte
und anteilig noch mit als Allgemeinwissen
vermittelt wurde. Aber in der heutigen technisch-industriellen
und super-verwalteten Welt ist das historische
Hintergrundwissen über die Bedingungen
dieser Zustände relativ gering. Die
Vergangenheit, als gewusste Vergangenheit, nähert sich dem
Nullpunkt.
Wenn ich meine fünf Kinder frage, was
sie in Geschichte noch gelernt haben, dann
sind das sporadische Andeutungen dessen,
was man als Hintergrundwissen bezeichnen
müsste, sollte, können sollte.
Also ich glaube nicht, dass es das gibt.
Natürlich ist der Historiker der Sache
nach zuständig für Fragen, die
sich der politischen Alltagswelt entziehen
und deren Genese er erklären können
sollte, und da spielt er als Fachmann für
Gegenwartspolitik eine Rolle. Aber schon
die Mediävisten, die Ethnologen, die
Antike-Historiker, die Orientalisten werden
ganz selten abgerufen, um Hintergrundwissen
für politische Handlung oder für
politische Theorie zu vermitteln. Das gibt
es, man kann mit Aristoteles heute mehr lernen
und lehren, als wenn man irgendwelche Völkerwanderungselemente
kennt. Umgekehrt könnten die Völkerwanderungs-Spezialisten
vielleicht sehr viel über das sagen,
was im nächsten halben Jahrhundert auf
dem Globus passieren wird, denn das sind
Vorgänge, die sich abzeichnen. Wenn
diese Flüchtlingsströme mit Gewalt
durchbrechen, kanalisiert durch irgendwelche
Machtorgane, dann könnte es plötzlich
dahin kommen, dass Völkerwanderungs-Spezialisten
mehr Hintergrundwissen zu vermitteln haben
als jeder andere. Denkbar ist das überall,
doch als Gemeinwissen ist das historische
Wissen so gering geworden, dass es nur noch
Interessenten engagiert, wie eben einer gleichzeitig
auch in Sport oder in Biologie engagiert
sein oder Schmetterlinge sammeln kann.
Solbach:
In Kritik und Krise, vor nunmehr fast fünfzig Jahren
erschienen,
lassen Sie die Aufklärung aus der absolutistischen
Konzeption des Staates hervorgehen. Heute,
zu Zeiten des jüngsten Irak-Krieges,
sehen wir einen Absolutismus staatlichen
Handelns, der sich im Namen der Freiheit
und der Sicherheit eines einzelnen übermächtigen
Staates über die Institutionen des Völkerrechts
wegsetzt, während die Ohnmacht nach
Verträgen und suprastaatlichen Organisationen
ruft: Wäre das der mögliche Ausgangspunkt
einer neuen Aufklärung, die, anders
als im 18. Jahrhundert, zwischen den Weltkulturen spielen
müsste?
Koselleck:
Das ist ein interessanter Gesichtspunkt.
Ob dieses Modell, das ich für das 18.
Jahrhundert zu entwickeln versucht habe,
übertragbar ist auf gleichberechtigte
Weltkulturen, die kein Oben-Unten kennen,
nur parallele Hierarchien, während es
im 18. Jahrhundert ganz eindeutig war, dass
die absolutistische Machtakkumulation den
Bürger ausschloss aus der politischen
Entscheidungsfindung...? Damals mussten Oppositionstechniken
und -argumentationen entwickelt werden, die
man Aufklärung nennt, aber auch Geheimnistechniken,
wie bei den Freimaurern, um aktionsfähig
zu werden, was mit Verschwörungstheorie
überhaupt nichts zu tun hat, wie mir
sehr häufig unterstellt wird. Ob man
damit ein Modell hat, mit dem sich der gegenseitige
Austausch der Kulturen vergleichen lässt,
damit komme ich einfach nicht ganz zu Rande...
Ich fürchte, die eigentliche Analogie
ist folgende: dass die innerhalb der Staaten,
genauer eines Staates vorausgesetzte Gleichheit und Freiheit,
die man erzeugen kann, die dann das Verfassungsprinzip
der französischen Revolutionsverfassung
werden, dass diese auf dem Boden eines Verfassungsstaates
gewährte Gleichheit und Freiheit der
Individuen sich nicht aufstufen lässt
zu einem Verfassungsstaat der Weltgemeinschaft.
Darin liegt ja das eigentliche Analogon,
dass man auf der Ebene der Staaten, die alle
frei und gleich sind (nominell sind sie das
in der UNO) einen Weltvolksstaat, einen Weltvölkerstaat
bilden müsste. Das ist schon im 18.
Jahrhundert von Kant angestrebt worden; im
Völkerbund und dann in der UNO wurden
bestimmte Zonen realisiert oder, immerhin,
zu realisieren versucht. Der Völkerbund
ist gescheitert, denn er hat nichts von dem
verhindert, was er hätte verhindern
sollen, nämlich Hitler oder Mussolini,
und die UNO hat auch noch nicht viel erreicht.
Wenn man also danach fragt, wo die Anerkennung
der verschiedenen Kulturen und Völker
unter sich friedensstiftend werden sollte:
die fünfzig Kriege, die wir seit 1945
haben, sprechen eine andere Sprache. Nur
wir in Europa sind davon ausgenommen. Ansonsten
haben wir rings um den Globus Bürgerkriege,
Interventionskriege, Polizeiaktionen und
so weiter, Millionen von Toten. Das heißt,
es hat sich strukturell wenig geändert.
Die einzige Frage ist, ob die Differenzen,
die zwischen den verschiedenen Staatsgebilden
oder Föderationen oder kulturellen Handlungseinheiten
vorherrschen, ob diese Differenzen sozusagen
so anerkennenswert werden, dass man sich
darüber verständigt. Das scheint
mir das Wichtigste zu sein.
Solbach:
Es ist ein bisschen auch eine Frage nach
dem Begriff der Aufklärung selbst: Gibt
es so etwas wie westliche Dominanz im Begriff
der Aufklärung und ist das vielleicht
sogar strukturell oder gehört in einer
gewissen Weise strukturell dazu?
Koselleck:
Die Araber, die ich vor fünfzig Jahren
als Studenten in England kennenlernte, waren
stolz darauf, rationeller zu sein als alle
Christen und viel rationalistischere Aufklärer.
Das war die minoritäre Elite, die damals
in den arabischen Staaten herrschte. Von
ihrer Auffassung, sie seien die besseren
Aufklärer, kann bei den heutigen Fundamentalisten,
den gläubigen Moslems, nicht die Rede
sein. Die fühlen sich immer bevormundet
und sind es ja auch, wenn man die Palästinenser
betrachtet, die sind humiliated, erniedrigt. Seit dem
Kriegsende 1918 haben
sie die Freiheit versprochen bekommen, wie
die Israelis auch, und sie sind immer wieder
erniedrigt worden. Diese kontinuierliche
Erfahrung der Erniedrigung, erst durch die
Engländer und Franzosen und nachher
durch die Amerikaner und dann die Israelis,
schürt unendlichen Hass - und da hilft
keine Aufklärung, da hilft nur politisches
Handeln, um die Gefahren zu reduzieren, um
den Frieden zu erzwingen. Das geht nicht
durch Aufklärung alleine. Wenn man die
Differenzen anerkennt, die zwischen Israelis
und Palästinensern bestehen, dann kann
man sich über die Differenzen vielleicht
einigen, aber wenn man Ausschließlichkeitsansprüche
ansstrebt, weil die Wahrheit eine sei und
die anderen eben nicht an ihr teilhaben,
dann komme ich nicht weiter. Das heißt,
da ist Politik im alten Sinne gefordert -
die alten politischen Maximen, elastisch
zu verhandeln und elastische Druckzonen herzustellen.
Fischer hat offenbar einige Fähigkeiten
in dieser Richtung entwickelt, jedenfalls
scheint es mir so zu sein, ich kann das schwer
beurteilen.
Solbach:
Kulturwissenschaftler wie Clifford Geertz
haben eindringlich den Unterschied zwischen
dem kolonialistischen und quasi-naturwissenschaftlichen
Impetus der europäischen Vorkriegs-Anthropologie
und der seinerzeit, in der Endphase der europäischen
Kolonialreiche, neuen, von Amerika ausgehenden
Ethnologie beschrieben, die anders als ihre
Vorgängerin die Vertreter der beschriebenen
Kulturen selbst zu Wort kommen lassen wollte.
Heute gibt es an solchen Selbstbeschreibungen
keinen Mangel. Das Ergebnis scheint nicht
der ›Dialog der Kulturen‹,
sondern die Beweihräucherung des Andersseins
zu sein. Hilft der ethnologische Ansatz dem
Terror? Oder, noch einmal anders gefragt,
hilft der Historiker, die Dinge anders zu
sehen und kann die Geschichte das zurechtrücken?
Koselleck:
In diese Frage sind viele Prämissen
eingegangen, das ist nicht ganz leicht zu
beantworten. Zunächst ist die Feststellung
von Clifford Geertz natürlich zum Teil
eine optische Täuschung. Denn zu behaupten,
dass die von sich aus reden, die unter der
Suggestion der Freigabe der Selbstäußerung
stehen, ist natürlich ein Irrtum. Die
reden nicht von sich aus, die stehen unter
der Suggestion des Fragenden, der die Auslauffragen
freigibt, und damit sind sie bereits im Mentalitätsumkreis
ihres Fragers angekommen. Diese Selbstbeschreibungen,
gut, die sind heute häufig und werden
gezüchtet, werden sozusagen scheinbare
Primärquellen, sie sind aber vielleicht
eher die Ergebnisse besserer Befragungstechniken,
die den Befragenden nicht so stören
oder ihm obendrein noch ein moralisches Recht
geben; grundsätzlich ist da, glaube
ich, kein Unterschied, in der Ethnologie
kommt da nichts wirklich Neues heraus. Ob
das nun den Terror durch die Beweihräucherung
des Andersartigen noch mit stimulieren hilft,
dessen bin ich mir nicht sicher. Es könnte
sein, dass die Anerkennung des Andersartigen
als Zeremoniell, als Ritus im Bereich der
Umgangsformen zu dem Zweck, sich von der
ehemaligen kolonialen Vergangenheit zu entlasten,
der anderen Seite Munition liefert, sich
nun selbst als Agressor zu benehmen. Denkbar
wäre es, dass diese psychologische Transformation
stattfindet, aber ich bin im Zweifel, ob
man das den Aufklärern als Schuld oder
als Verantwortung anrechnen muss und kann.
Die Beweihräucherung des Andersseins
ist eine Mode, das ist klar. Sie ist wahrscheinlich
im Ganzen in England, in Frankreich geringer
als bei uns. Soweit ich es überschaue,
ist das eine spezifisch deutsche Krankheit,
die mangelndes Selbstbewusstsein zu erkennen
gibt. Ich glaube nicht, dass es mehr ist.
Solbach:
Wissenschaftliche Disziplinen leben von
gekonnten Inszenierungen. Die deutsche Nachkriegsgeschichtsschreibung
hat davon oft profitiert, am entschiedensten
vielleicht im sogenannten Historikerstreit
der 80er Jahre. Was bleibt davon, wenn der
Abstand ›gebührend‹ geworden
ist: Ein schaler Geschmack? Das Bewusstsein
eines kollektiven Lernerfolges? Ein toter
Sündenbock? Anders gefragt, gibt es
Leichen im Keller der Historiker? War der
Historikerstreit nur die Argumente, die er
hervorgebracht hat, nur die Argumentationsstrategie
oder steckt auch anderes dahinter?
Koselleck:
Also ich habe nur einen schalen Geschmack.
Ich habe mich an dem Streit nie beteiligt.
Ich hatte einmal vor, über die Transformation
der historischen Kategorien in moralische
und rechtliche Kategorien zu schreiben. Aber
das ist mir dann für einen spontanen
Aufsatz zu schwierig geworden. Ich habe mich,
wie gesagt, nicht beteiligt und halte den
ganzen Historikerstreit für so inszeniert,
dass es nur peinlich ist. Wenn ich daran
denke, dass Hillgruber so viel geleistet
hatte in der Erforschung des Zweiten Welkrieges
inklusive der Judenvernichtung, dass ihm das passiert ist, zwei
längst veröffentlichte
Aufsätze unter dem Titel ›Zweierlei
Untergang‹ zusammenzuführen und
damit die Ostpreußen und die Juden
zu vergleichen, ohne sie zu vergleichen -
diese Aufsätze waren unabhängig
entstanden und in sich stimmig, und den Vergleich
hat er, wie gesagt, nicht durchgeführt.
Darüber kann man sich natürlich
ärgern, aber der Titel stammt von Siedler.
Gegen Siedler, der im Kriege als Jugendlicher
im Gefängnis saß, weil er Juden
geholfen hatte, hat man kein Wort erhoben.
Aber gegen Hillgruber, der der Suggestion
dieses verlegerisch guten Titels erlegen
ist und nicht etwa über einerlei Untergang,
sondern über zweierlei Untergang geschrieben
hat, ein Welttheater zu inszenieren, das
hat mich wirklich angewidert. Hillgruber
ist an Krebs eingegangen wie eine Primel.
Und bei Nolte sieht es ähnlich aus.
Die Fragen, die Nolte gestellt hat, sind
ja bis heute noch nicht beantwortet. Dass
Nolte eine Antwort versuchte, die manieriert
ist, und eine metaphysische Diktion hat,
gut, das sind alles Sachen, die diesem an
sich ja hoch verdienstvollen Forscher über
den Faschismus nachgesehen werden können.
Man muss ja nicht die Leute gleich diffamieren,
wie es dann passiert ist, ohne dass bisher
ein Buch erschienen ist, das die Fragen von
Nolte beantwortet, nämlich: Wie stark
ist der Einfluss der bolschewistischen Revolution
auf die Mentalität der Deutschen gewesen,
speziell auf die der deutschen Freikorps,
auf die deutschen Parteigründungen im
rechten Spektrum, die zum Teil aus den Freikorps
hervorgegangen sind? Die Russen sind damals
von den Engländern, den Amerikanern
und den Japanern mit einer Intervention überzogen
worden. Die bolschewistische Revolution hat
also zur Intervention dieser Weltmächte
geführt und auch die Deutschen haben
reagiert, Mussolini auf seine Weise, durch
Integration sozialistischer Argumente, ähnlich
die Nationalsozialisten, die sich streckenweise
ja auch als Sozialisten definiert haben.
Das heißt, der Einfluss von 1917-1923
auf die deutsche Rechte muss empirisch nachgewiesen
und untersucht werden - Schritt für
Schritt, Zeitung für Zeitung, Rede für
Rede, Versammlung für Versammlung. Das
lässt sich machen, und dann kann man
weiter reden, anstatt den Stab zu brechen.
Dass diese Hypothese, die dann unglücklich
formuliert worden ist, welterschütternde
Moralstürme auslösen hätte
müssen, ich muss schon sagen... Es war
eine selbstgezüchtete Überheblichkeit,
die in Anbetracht der Fragen, die zur Debatte
stehen, fast geschmacklos war, taktlos und
geschmacklos. ›Schaler Geschmack‹
ist die richtige Formulierung.
Solbach:
Was empfinden Sie, wenn Sie ein Buch wie Der Brand von
Jörg Friedrich lesen, in dem der
alliierte Bombenkrieg gegen Nazi-Deutschland
in den Bereich des Nachempfindens gerückt
wird: Verdruss? Bewunderung?
Koselleck:
Ich habe Der Brand nicht gelesen und kenne nur
Friedrichs Buch
über den Krieg, das ich für sehr
gut halte. Dazu kann ich nur sagen, er hat
die Nürnberger Akten noch einmal gelesen
und sehr viel mehr herausbekommen, als dem
normalen juristisch trainierten Zuhörer
bzw. Leser der Prozessakten gewärtig
war. Er hat jetzt offenbar diesen Bombenkrieg
so geschildert, dass man nachvollziehbar
hineingerät, wenn ich das recht weiß.
Da ich selbst ... also wir sind zuhause völlig
ausgebombt worden, wir haben alles verloren,
ich habe einen kleinen Bruder im Keller verloren,
das gehört für mich zur Erfahrung
des Krieges und deswegen habe ich auch nie
darüber geschwiegen. Ich habe nie Schwierigkeiten
gehabt, das zu erzählen, obwohl ich
einräumen muss, dass es im Ausland nicht
ganz leicht war, weil die nicht glauben wollten,
was sie angerichtet hatten. Die Engländer
haben ja, ihrer Selbstdarstellung entsprechend,
nach dem Kriege geglaubt, sie hätten
nur Industrie bombardiert. Dass das Terrorangriffe
waren, gewollte, gezielte und gekonnte Terrorangriffe,
eine solche Äußerung war damals
in der öffentlichen Meinung der Engländer
nicht statthaft. Daher muss ich sagen, ich
habe mich zurückgehalten, weil ich die
Leute, wenn es Freunde waren, nicht verletzen
wollte. Man musste abwarten, ob man mit ihnen
darüber frei reden konnte. Das ist so
ähnlich wie mit dem Thema der Judenvernichtung
im Ausland: die Juden, die Sie im Ausland
trafen, konnten Sie ja nicht darauf ansprechen,
wie heute naiverweise gefordert wird, mit
»mea culpa, mea culpa, können
wir mal über die Judenvernichtung reden?«
Man musste warten, bis die etwas fragten
oder sagten. Weshalb Schweigen keineswegs
Verdrängung der Schuld bedeutete.
Solbach:
Es gibt unterschiedliche Arten von Schweigen.
Koselleck:
Natürlich. Es war ein Schweigen als
Minimum von Anstand, hinter dem man seine
Reflexionen verbergen musste, um sie in freundschaftlichen
Situationen zu kommunizieren. Solche Delikatessen
sind in der heutigen Besserwisserei völlig
untergegangen. Um auf das Buch von Friedrich
zurückzukommen, ich lese es sicher noch,
ich schätze Friedrich sehr, weil er
auch das Kriegsbuch sehr zupackend geschrieben
hat, warum nicht? Die Deutschen haben ein
Recht auf ihre eigene Erinnerung. Ich gehe
davon aus, dass eigene Erinnerung zu haben
fast ein Menschenrecht ist. Ich lasse mir
meine Erinnerungen nicht kollektivieren und
nicht vereindeutigen durch Moralapostel,
die ihre Wahrheit als die gültige deklarieren.
Ich bleibe bei derjenigen, die ich habe,
und die beruht auf Erfahrung und lässt
sich nicht kollektivieren.
Solbach:
An prominenten Historikern besteht in Deutschland
kein Mangel. An fleißigen auch nicht.
Nur die Impulse scheinen von außen
zu kommen: Geschichte des alltäglichen
Lebens, Geschichte der Frauen, Neokolonialismus,
politischer Fundamentalismus - selbst die
aktuellen Beiträge zur Hitler-Biographie
und zur Helfer-Diskussion stammen aus dem,
was eine liberale deutsche Zeitung wie eh
und je ›fremde Federn‹ nennt.
Entgleitet deutschen Historikern ihr Publikum?
Oder stehen sich Prominenz und wissenschaftliche
Neugier wechselseitig im Wege? Was würden
sie als die Leistung der deutschen Historiker
ansehen?
Koselleck:
Eine dieser Wellen, die erfunden worden
sind, der ›Linguistic Turn‹,
hat mich persönlich betroffen. Er kam
bei mir an, nachdem ich zwanzig Jahre lang
Sprachgeschichte als essentiellen Teil der
Geschichtswissenschaft betrieben hatte -
unter viel Kritik meiner sozialhistorischen
Kollegen, die das ja für Ideologie hielten.
Aber der ›Linguistic Turn‹
hat Sprachanalysen plötzlich bei den
Sozialhistorikern anerkennenswert gemacht,
das ist für mich eine ironische Geschichte.
Der ›Linguistic Turn‹ hat also
in meinem Fall nur offene Türen eingerannt
oder Dämme überspült, die
es gar nicht gab. Das ist ein Fall, ich muss gestehen, dass ich
die anderen
Modewellen, die sie da nennen, nicht selber
betrieben habe - Alltagsleben etwas und Frauengeschichte
auch etwas, aber ich muss einräumen,
dass ich persönlich nicht stimulierend
diese modischen Fragestellungen vorangetrieben
habe. Aber ich hatte nie etwas dagegen, dass
sie betrieben werden, und Alltagsleben ist
auch, zum Ärger der makrosoziologisch
und -historisch arbeitenden Kollegen, von
einer Gruppe der Göttinger mit betrieben
worden, und ich muss sagen, die haben sich
durchgesetzt. Das war dann auch Teil eines
Programms, das außerhalb professioneller
Schulbildung lief, von der Hamburger Körber-Stiftung
mit durchgesetzt und gefördert, mit
dem man sehr gute Erfolge hatte; hervorragend,
was die Jugendlichen da leisten. Das ist
echtes historisches Engagement, das, durch
die Schullehrer vermittelt, Alltagsgeschichte
rekonstruiert oder wieder aufleben lässt,
wo die Erinnerung wirklich eine spontan erforschte
Landschaft wird. Das ist höchst erfreulich.
Aber das ist von den offiziellen Professoren
der historischen Zunft mitgetragen worden.
Das ist eine erfreuliche Erfahrung, die den
Verdacht, den Sie formulieren, eigentlich
nicht schürt. Ferner muss man sagen,
dass die Erforschung des Zweiten Weltkrieges
und Hitlers natürlich auch von deutschen
Autoren betrieben worden ist. Ich muss einräumen,
wenn man Fest nicht als Historiker, sondern
als Journalist definiert, dann ist die Zahl
derer, die Biographien über Hitler verfasst
haben, doch mehrheitlich im Ausland anzusiedeln.
Es gibt Jäckel, dem dann die Panne unterlief,
dass er die »Autographen« nicht
als Fälschung erkannte. Das kann passieren.
Aber Fremdwahrnehmung ist ja vielleicht ganz
nützlich. Die großen Biographien
von Bullock und - wie heißt der jüngste
Hitlerbiograph? - Kershaw lesen sich sehr
gut, aber Fest eben auch. Man kann darüber
streiten, aber ich finde es erfreulich, dass
wir uns solche konkurrierenden Monographien
auf dem Markt leisten können. Das Publikum,
darüber haben wir schon gesprochen,
ist natürlich durch sozialhistorische
Forschungsstrategien in gewisser Weise gelangweilt.
Ich weiss nicht, wie sich Wehlers Gesellschaftsgeschichte
neben Nipperdey verkauft. Nipperdey ist natürlich
viel erzählender als Wehler und die
Historiker können beides mit Spannung
vergleichen, ob es der Normalleser mit Spannung
vergleicht, weiß ich nicht. Das entzieht
sich einfach meiner Kenntnis. Und dass wissenschaftliche
Neugierde alles erschließen können
soll, ist klar, ob die Prominenz das verhindert,
das ist... eine Suggestivfrage.
Solbach:
Es ist ja auch ein bisschen provokativ gemeint.
Koselleck:
Ich gehe davon aus, ein Historiker kann
nur ein Frageraster entwickeln, das ihn interessiert.
Alles, was ich geschrieben habe, ist nur
durch meine Fragestellung entstanden, und
die steht natürlich im Kontext von Unterhaltungen,
von Dialog und Plurilog mit anderen Kollegen.
Die Fragestellung muss man so formulieren,
dass die Texte, die man produziert, Antworten
auf sie enthalten. Das habe ich bei meiner
Dissertation getan, ich habe es in meinem
Preußenbuch so gemacht, und danach
habe ich eigentlich nur noch Aufsätze
geschrieben, bzw. diese großen begriffsgeschichtlichen
Analysen vorgelegt. Die begriffsgeschichtlichen
Analysen stehen unter vier Hypothesen, die
beantwortet werden müssen. Das heißt,
ich habe eine Forschungsstrategie, die durch
Fragen in der Sprachgeschichte, in der Rechts-
und Sozialgeschichte definiert ist. Man kann
über die Fragen streiten, ich habe überhaupt
keine Schwierigkeiten, mich zu ihnen in der
Öffentlichkeit zu äußern.
Aber dass das eine Schule sein soll, interessiert
mich überhaupt nicht. Der beste Schüler
ist der, der keiner ist. Das ist meine Regel.
Insofern kann ich nur froh sein, wenn man
keine Schüler hat, weil die dann besser sind als die
sogenannten Schüler,
und deswegen gibt es ja auch Fortschritt
im Sinne der Methoden. Die bei mir etwas
gelernt haben, haben gerade in der Begriffsgeschichte
ganz eigene Methoden entwickelt, die über
die begriffsgeschichtlichen Fragestellungen
hinausführen. Das wird dann mit dem
Wort ›Diskursanalyse‹ umschrieben,
da gibt's dann so Fremdworte, die gerne aus
Paris importiert werden, um modischer zu
klingen, aber es ist natürlich Kontextanalyse
oder einfach Textanalyse, die auf verschiedenen
Ebenen verschiedene Fragen herauszünden
lässt. Die Begriffe sind eben relativ
eng in ihrem Umfeld angesiedelt, sie setzen
Texteinheiten, Corpora, ganze Romane oder
ganze Gattungen voraus, die einen unendlichen
Wust von Kontextanalysen mit implizieren,
die man mit begriffsgeschichtlicher Akuratesse
gar nicht betreiben kann. Begriffsgeschichtliche
Akuratesse hat den Vorteil, dass man exakt
und mit konkreten Begriffen das Umfeld ausmessen
kann, während man in dem Maß begrifflich
unscharf wird, in dem die Einheiten der Analyse
größer werden. Das sind sozusagen
kompensatorische Plus- Minusleistungen, die
sich aus der Methode ergeben, die nicht etwa
den Personen zuzurechnen sind, was dann gerne
so eine kurzatmige Form der Kritik behauptet...
Solbach:
Das finde ich eine sehr sympathische Sichtweise.
Koselleck:
Ja, ja?
Solbach:
Sie selbst stehen seit Jahrzehnten ›im
Licht der Öffentlichkeit‹. Wie
konnte das passieren - oder: Wie ist das
passiert?
Koselleck:
Da müssen sie eigentlich andere fragen.
Ich muss gestehen, ich habe mir selbst diese
Frage nicht gestellt und ich kann nur sagen,
zum Teil ist es überraschend für
mich, dass sich das so ergeben hat. Ohne
die Preise und die Einladungen, die man bekommen
hat, würde man es ja gar nicht wahrnehmen.
Im Historikerverband bin ich lange nicht
Mitglied gewesen, bis ich mit Christian Meier
eintrat, um ihm meine Stimme geben zu können.
Zweimal habe ich auf dem Historikertag einen
Vortrag gehalten, das waren die einzigen
Male, an denen ich da war. Ich habe mich
immer aus den Organisationsfragen herausgehalten.
Man kann mir vorwerfen, dass ich mich sozusagen
den Öffentlichkeitsverpflichtungen entzogen
habe. Was sicher der Fall ist, ich hab's
mir nicht zugetraut, im Historikerverband
in Ämter einzusteigen, obwohl ich früher
einmal dazu aufgefordert worden war. Vor
allem habe ich gegen Massenveranstaltungen
eine große Abneigung, wenn deren Ergebnisse
besser in Ruhe zu lesen sind. Ich habe auch
viel zu abseitige andere Interessen, die
sich nicht auf die Zunft richten, meine philosophischen
und soziologischen und juristischen und kunsthistorischen
Interessen vor allem führen mich doch
immer weiter weg von der üblichen Streitkultur
im Binnenkampf der Zunftgenossen. Schon insofern
ist meine Bekanntheit eigentlich eher extrahistorisch
zu erklären - möchte ich mal vermuten.
Solbach:
Dieses Jahr ist für Sie ein Jubeljahr.
Glauben Sie, dass Öffentlichkeit irgendjemandem
Dank schuldet?
Koselleck:
Nein. Ich habe schon immer gesagt, Öffentlichkeit
ist kein Handlungssubjekt, kann also keinen
Dank schulden. Öffentlichkeit ist ein
reiner Resonanzboden, wo sich die Stimmen
kreuzen, und die Stimmen, die Dank aussprechen
mögen, sind privat oder persönlich,
nicht aber eine Institution. Die Öffentlichkeit
ist, wie gesagt, keine Institution, die handelt.
Deshalb finde ich ... die Frage ist nicht
beantwortbar.
Solbach:
Ich danke Ihnen. |
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