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Rubrik: Büchertagebuch

Die Weltbühne, Fortsetzung

Nr. 8 vom 16. April 1947
S. 321 Egon Erwin Kisch   Entdeckungen in Mexiko »Mit Temperament und Humor enthüllt Egon Erwin Kisch in seinem neuen Buch Geheimnisse eines geheimnisvollen Landes, so daß man kaum merkt, wie sein Buch das ganze Land Mexiko darstellt. Das Buch erzählt von ausbrechenden Vulkanen, phantastischen Pyramiden, Silberbergwerken, von Liebe und Lepra, von mexikanischen Giften und den Schätzen des Monte Alban, von Baumwolle, Mais und Petroleum … und … in dem einzigen politischen Kapitel des Buches … von Professor Krickeberg, welcher, begleitet von einem Bonner Professor namens Trimborn, der die Sprache der peruanischen Inkas mit dem zackigen Jargon der SS vertauscht hat, Ende 1939, mitten im Krieg, zum 26. Internationalen Amerikanisten-Kongress über See fahren durfte. In Vertretung Deutschlands nach Mexiko, dessen Bevölkerung von der Naziwissenschaft als Untermenschen doppelter Artgattung bezeichnet wird, a) weil sie braunhäutige Wilde, und b) weil sie durch fortgesetzte Blutmischung zu einer Bastard-Rasse geworden seien.«

S. 325 Herbert Geßner »Patriotismus« und Patriotismus
»Jedesmal, wenn gekämpft wird mit Nachdruck um Maßnahmen, die der Mehrheit des deutschen Volkes nützen und dem Profit der »besseren Gesellschaft« schaden könnten, taucht dieser sogenannte »Patriotismus« auf. Der Erfolg dieser Parole ist erstaunlich und garantiert… Allerdings können sich auf dieser Art von »Patriotismus« nur geschulte Heuchler und »Patrioten mit auswechselbarer Gesinnung« ohne Schaden berufen… Den Anspruch, als wirkliche und echte Patrioten zu gelten, können nur die Kräfte…erheben… die gleichzeitig bereit sind, den entsprechenden Teil der Verantwortung für die Zukunft Deutschlands zu übernehmen.«

S. 329 Frhr. Von Schoenaich Präsident der deutschen Friedensgesellschaft »Kollektivschuld«
»Was wir heute in Deutschland erleben, gehört überwiegend zur vorgetäuschten Besserung… Darum rufe ich dem deutschen Volke aus tiefster Überzeugung zu: Du bist kollektivschuldig! Habe endlich den Mut, es in die Welt hinauszuschreien, und alles andere warte ab.«

S. 330 Erich Kästner Ringelspiel 1947
»Einige bezeichnende Figuren unserer Tage kommen nacheinander, an im Kreis bewegte Marionetten erinnernd, ins Rampenlicht. Dort singt jede Figur ihr Lied. Nachdem sie alle an der Reihe waren, enthüllt die auf dem Sockel stehende , im Dämmer der Bühnenmitte bisher nur geahnte allegorische Figur, die Zeit, ihr Gesicht und bringt den Abgesang. Während und sooft die Schauspieler stumm und planetenartig den Weg rund um die »Zeit« zurücklegen, ertönt eine spieluhrartige Musik. Das Licht konzentriert sich während des ganzen Spieles auf die Rampenmitte. Nachdem einige der Figuren den Lichtkegel durchschritten haben, halten sie inne. An der Rampe steht die verschneite Flüchtlingsfrau. Die Spieluhrmusik hat aufgehört. Nach dem Ende des Liedes (der Flüchtlingsfrau) wird der Rundgang, auch musikalisch, wieder aufgenommen, bis der Geschäftemacher im Lichte der Rampe stehenbleibt. Der Geschäftemacher ist ein auffällig dicker Mann mit steifem Hut, jovial und gerissen lächelnd. Danach erneut Rundgang mit Spieluhrmusik. Bis zur Figur des heimkehrenden, älteren Kriegsgefangenen. Erneut ein Rundgang. Bis zur Figur des Frauenzimmers. Das Lied im Tango-Rhythmus.
Wieder Rundgang mit Spieluhrmusik. Bis zur Figur des Dichters. Er trägt einen Straßenanzug und hält, als Allegorie eine Leier.

»Ich bin der Dichter, der euch anfleht und beschwört.
Ihr seid das Volk, das nie auf seine Dichter hört.«

Rundgang. Bis die Figur der »armen Jugend«, ein junges Mädchen stehenbleibt.
Rundgang mit Spieluhrwerk. Bis zur Figur der Halbwüchsigen, verwildert, mit einem Bündel.

»Ich fürchte fast, ich fürchte fast,–
es ist bereits zu spät…«

Rundgang mit Spieluhrmusik. Bis zur Figur des Widersachers, der breitbeinig, Hände faul in den Taschen, stehenbleibt. Alte Breeches und schwarze Reitstiefel.

»Wir haben euch die Suppe eingebrockt,–
Und ihr habt nicht mal einen Löffel!«

Er lacht schadenfroh. Andere Stimmen lachen, von sehr weit, wie ein Echo, hinterdrein.
Erneut Spieluhrmusik. Während sich die neun Figuren weiter im Kreise bewegen, hebt sich der Scheinwerfer und zeigt auf die Figur der Zeit. Sie steht auf einem Sockel und hat wie Justitia eine Binde vor den Augen.
Die Figuren stehen still. Ende der Spieluhrmusik.
Die Zeit, im folgenden immer eisiger, immer verächtlicher, immer unnahbarer. Während die Spieluhrmusik wieder einsetzt, und die Figuren sich erneut zu drehen beginnen, fällt der Vorhang.

S. 335 Helmut Uhlig Die Unpolitischen
…»sie glauben die Klügsten unter uns zu sein … sie haben nie etwas gelernt, ihre Klugheit datiert von Geburt an, ist nicht revidierbar und glänzt von Erhabenheit … ihr Vorhandensein stellt einen embryonalen Geisteszustand dar … das Besondere an diesen Menschen … die säuglingshafte Geisteshaltung … sie können wohl lesen und schreiben, bilden sich auch ein zu denken, doch tun sie es nicht…Sie sind überzeugt, daß sie es ihrer Tüchtigkeit und der strikten Ablehnung der »verfluchten« Politik verdanken, daß sie … gemachte Leute sind … ja, auf die Politik, als die eigentliche Ursache allen Unheils, schimpfen sie ( die Unpolitischen) ständig…«

S. 344 Ernst Winter Lenin
»Der Leninismus ist kein Dogma, sondern eine Anleitung zum Handeln.«
»Lenin ist die Verkörperung des Fortschrittes der Menschheit.«

S. 346 Eva Siewert Nietzsche vor der Spruchkammer
»Er gilt breiten Massen des In-und Auslandes als Prophet des »Dritten Reiches«, als Schöpfer der Legende vom Übermenschen und von der blonden Bestie und sein »Wille zur Macht« wird als Schlagwort der Hitler-Ära bezeichnet… Wir können es uns aber nicht leisten, einen solchen raren Sprößling am deutschen Baum in Acht und Bann zu tun, und es wird Zeit, ihn vor die Spruchkammer zu bestellen und gründlich zu entnazifizieren.
»Wieviel Verlogenheit und Sumpf gehört dazu, um im heutigen Mischmascheuropa Rassenfragen aufzuwerfen!«
»Maxime: Mit keinem Menschen umgehen, der an dem verlogenen Rassenschwindel Anteil hat.«

S.350 Herbert Eulenberg Contra Nietzsche
»Man hat schon alles mögliche versucht, um Nietzsche dem Geschmack der Deutschen anzupassen…« »Hitler selbst war viel zu ungebildet und unwissend, um diesem großen Verführer geistig zum Opfer fallen zu können.« »Aber man sollte diesen grausamen Sachsen … uns nicht zu sehr verniedlichen.«