Mein Weg in die Sozialdemokratie der DDR Teil 1

Eintritt in die Opposition

Vielleicht sollte die Überschrift besser heißen, mein Weg zum Sozialdemokraten. Denn das war ich noch nicht, als ich zur Opposition kam, und das war, bezogen auf die DDR, erst sehr spät. Im Gegensatz zu den meisten von mir wegen ihrer Courage, ihres Charakters und Standhaftigkeit, ja Wehrhaftigkeit gegenüber der SED-Diktatur sehr verehrten Oppositionellen kam ich erst anderthalb Jahre vor dem Sturz diesem Regime zu dieser Opposition. Das hat mit der Opposition selbst zu tun, aber natürlich auch mit mir.

Bis 1987 war ich nur Sympathisant, d.h. ein abseits Stehender. Ich hatte mit der DDR noch nicht vollständig gebrochen, auch wenn ich diesen Staat hasste. In meiner Musik suchte ich nach einer Perspektive in und nicht außerhalb der DDR. Wäre mir, meiner Musikgruppe LAETARE alias LINDA NEUTRAL Anerkennung zuteil geworden, hätte ich mein Leben vielleicht erwerbsmäßig darauf gründen können, so hätte mich das mit meinem Leben unter den SED-diktatorischen Bedingungen versöhnt. Mein damaliger Beruf als Programmierer in einem kleinen Institut der Charité bot mir, bei aller Freude, die er mir bereitete, eine solche Perspektive nicht, weil ich mich in ihm nicht zu Hause fühlte, weil ich ihn zwar gut auszuüben verstand, aber nicht als meinen eigenen Weg begriff. Das war mit der Musik anders. In ihr war ich näher bei mir selbst. Doch auch die Musik auf den außereuropäischen Instrumenten, die ich bei LAETARE mitgestalten konnte, schien mir auf Dauer keine sichere Lebens- oder Berufsgrundlage zu bieten, vor allem aber nicht genügend Freiheit für ein selbstbestimmtes Leben. Dafür schienen die Grenzen dieser Musikgruppe, wie sie sich im Bandleader der Gruppe, oder besser ihrem Guru, dem Maler Andreas Wachter, Ehemann meiner ältesten Schwester, Dorothea, zeigten, zu eng gezogen, zu willkürlich zu sein. Meinem nach Reife, Können, Selbständigkeit und Anerkennung zielenden Streben, dem eigentlichen Grund meines Ehrgeizes, bot LAETARE keine langfristige Perspektive, wenn sie auch mit vielen glücklichen Momenten meines Lebens in der DDR verbunden war. Meinem Versuch, auf das Klavierstudium auszuweichen, setzte die Musikhochschule gleich zweimal ein deutliches Stoppsignal entgegen, so dass ich zu einem Menschen wurde, der über keinerlei Perspektive für ein selbst- und freigestaltetes Leben mehr verfügte. Als dann noch im Sommer 1987 meine Schwester Dorothea an Krebs starb und die Musikgruppe LAETARE zerfiel, was ich vergeblich aufzuhalten versuchte, war der Weg frei, mich meinen politischen Sympathien für die Opposition gänzlich hinzugeben und zu einem Aktivisten dieser Bewegung zu werden.

Interessanterweise war das nicht ganz einfach, weil das in diesen Kreisen grassierende Misstrauen gegenüber jedem Neueinsteiger, worin auch immer das begründet lag, mir ziemliche Hürden aufrichtete. So scheiterte mein Versuch, beim Pankower Friedenskreis mitzumachen, an der ablehnenden Haltung meines damaligen Freundes, des Grafikers Martin Hoffmann. Auf ihn hatte ich meine Hoffnungen gesetzt, hier einmal in den Inneren Zirkel einer bedeutenden Oppositionsgruppe zu gelangen. Als mich später Falk Zimmermann für das Grüne Netzwerk Arche zu gewinnen versuchte, war ich wiederum zu misstrauisch, weil ich ihn für einen ›Unsicheren Kantonisten‹ hielt. Übrigens nicht unberechtigt, denn wie sich nach der Öffnung der Archive zeigte, hatte Falk Zimmermann eine lange Karriere als IM bereits hinter sich, als er mich zu gewinnen trachtete.

So verging die zweite Hälfte des Jahres 1987, ohne dass ich Anschluss bei irgendeiner der oppositionellen Gruppen gefunden hätte, als plötzlich Anfang des Jahres 1988 eine historische Zäsur eintrat. Die Verhaftungen anläßlich der Rosa-Luxemburg-Demonstration im Januar 1988 erzeugten eine bis dahin unvorstellbare Solidaritätswelle mit den Inhaftierten. Die Hardliner im SED-Regime hatten darauf gesetzt, mit diesen Verhaftungen die Opposition ihrer Köpfe zu berauben. Doch nun sahen sie sich einer öffentlichen Protestwelle gegenüber, wie es sie in der DDR seit der Biermann-Ausbürgerung nicht mehr gegeben hatte. Ein Gefühl der Überlegenheit, des in-die-Enge-Treibens der SED-Führung stellte sich bei den Protestierenden ein. Endlich war man nicht mehr nur Betroffener oder Unterlegener, sondern trieb die SED vor sich her. Denn was sollte die SED machen? Der Protest artikulierte sich in den Kirchen, in Friedensgebeten und Fürbittandachten. Hätte die SED die Kirchen besetzen sollen? So zog die SED ihren letzten Trumpf. Mit Hilfe der vier bekannten DDR-Advokaten Schnur, Gysi, Stolpe und De Maizière gelang es ihr, den Inhaftierten eine Zustimmung zu ihrer DDR-Ausreise abzuringen. Das traf die Protestbewegung ins Mark. Ein Sieg wäre gewesen, sie in der DDR an ihrer Seite wieder in Freiheit zu wissen. Doch der Westen? Von dort aus war die DDR nicht zu verändern, war die Macht der SED nicht zu begrenzen. Die Protestierenden fühlten sich verraten und verkauft. Diesmal von ihren eigenen Leuten. Das Kalkül der SED schien aufzugehen, die zweitbeste Lösung immer noch besser zu sein als ein Vermeiden der ganzen Inhaftierungsaktion.

Tatsächlich aber war diese Erfahrung der Wendepunkt in der Geschichte der Opposition – sowohl als Bewegung als auch für mich persönlich. Was aber noch viel wichtiger war, sie wurde zum Geburtshelfer für die sozialdemokratische Partei in der DDR.

Für Gutzeit, den ich damals gar nicht kannte, der aber zum eigentlichen Ideengeber für die ostdeutsche Sozialdemokratie werden sollte, war klar, dass mit den informellen, also letztlich unverbindlichen Strukturen der bisherigen Opposition in der DDR die SED nicht in die Knie zu zwingen war; während sich andererseits eine Stimmung in der Bevölkerung aufbaute, die sich von der Empörung zum Aufbegehren hin bewegte und also politisch nutzbar war.

Ruth Misselwitz, Pastorin und Leitfigur innerhalb des Pankower Friedenskreises, erklärte damals öffentlich in gut christlicher Haltung, dass es falsch sei, seine Hoffnungen vor allem auf andere Menschen zu richten, dass es vielmehr darauf ankam, seinen Gedanken und Wünschen, die sich auf die Politik in der DDR richteten, Taten folgen zu lassen. Wer eine bessere Bildung für die Kinder wolle oder eine intakte Umwelt, müsse Konzepte und Ideen dafür vorlegen, wer Frieden wolle, müsse sich dafür engagieren, also: Wer wolle, dass sich die DDR ändere, müsse selbst aktiv werden. Das schien nicht nur bei mir zu zünden, sondern gab der Oppositionsbewegung insgesamt einen Schub nach vorne. Ich selbst wurde in meiner Gemeinde aktiv und gründete gemeinsam mit meinem Vater, der dort Pfarrer war, einen eigenen Friedenskreis, der sich bald einen Namen machte.

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