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II Findungsprozesse

Die Begrüßung ging also gründlich daneben. Das wäre ja wieder wettzumachen gewesen. Noch wussten die Ostdeutschen nichts vom sozialdemokratischen Kuddelmuddel. Leider ging das Holpern und Stolpern unendlich lange weiter. 1989/90 inflationierte die politische Situation dermaßen schnell, dass die Entwicklungen einer Woche zu normalen Zeiten Entwicklungen von Monaten oder gar von Jahren benötigt hätten. Figilanz, Konsequenz, Mumm und Risikobereitschaft von Politikern war gefragt. Von SPD-Seite kam zu diesem Zeitpunkt einfach zu wenig.

Willy Brandts Jahrhundertsatz »Es wächst zusammen, was zusammen gehört« gab der deutschen Sozialdemokratie nach seiner Ostpolitik ein zweites Mal einen Schub, der wieder für einen Flug in den politischen Sternenhimmel ausgereicht hätte. Dieser Schub wurde von der SPD weder verstanden noch ausgenutzt.

Die SDP hätte gern mehr und schneller agieren wollen, wollte dies aber vernünftigerweise unter allen Umständen in Übereinstimmung mit der West-SPD zuwege bringen.

Der SDP-Vorstand in Ostberlin befand sich diesbezüglich richtig in Kalamitäten. Statt professioneller politischer Hilfe und Tatkraft kam nicht mal laue Luft aus der Bonner Baracke.

In der Provinz und hier zuerst in Leipzig erscholl der sozialdemokratische Ruf nach Deutscher Einheit (und nach grundsätzlicher historischer Aufarbeitung). Diesen Druck wollte der SDP-Vorstand aufnehmen, was er nicht einfach tun konnte oder wollte, weil die Position der West-SPD nicht klar war. Der SDP-Vorstand wollte es sich zudem nicht mit der West-SPD verderben, von der er fürchtete, diese würde dann vielleicht lieber mit der SED ins Konkubinat gehen und mit dieser die zwei deutschen Staaten erhalten wollen.

Sage und schreibe siebenundsiebzig Tage benötigte der Vorstand der West-SPD seit Gründung der SDP und vierunddreißig Tage seit Willys programmatischem Satz, um am 13. Dezember 1989 endlich in eine förmliche Partnerschaft mit der SDP einzutreten! Bis dahin wussten weder die ostdeutschen Sozialdemokraten noch die ostdeutsche Bevölkerung, woran sie mit der West-SPD sein würden. An der Seite der mutigen SDP-Revolutionäre (in die das MfS genauso eindrang wie es in anderen Parteien bereits seit Jahrzehnten der Fall war – was eine weitere Geschichte wäre, immerhin standen zur Volkskammerwahl an der Spitze jeder Partei diesbezüglich ›komplizierte‹ Leute) oder inmitten der auf neue Tapete sich tunenden SED-Mafia?

Zweiter sozialdemokratischer Stolperstein eigener Herkunft im Revolutionsherbst 1989 auf dem Weg zu Deutschen Einheit: Das Unvermögen, sich für die SDP und gegen die SED entscheiden zu wollen.

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