2 male paradise fishes are fighting for territory by their mouth. Quelle: Wikimedia Commons

Zitat

Wichtig wäre es auch, nicht wieder in den geistig-praktischen Grundwahn der DDR zu verfallen und zu versuchen, alles Restrisiko beim Denken sozusagen volkserzieherisch (oder gar ,bürgerkriegerischAufstand-der-Anständigen –) zu vermeiden.

Dagegen muß robust immer wieder das erste Recht des freien Bürgers eingefordert und selber praktiziert werden: nämlich den denkfreiheitlichen Imperativ Spinozas (1632-1677) praktisch werden zu lassen: „In einem freien Staat ist jedem erlaubt zu denken, was er will und zu sagen, was er denkt.

Mit der Denkfreiheit als der Freiheit eines Einzelnen, sich-selbst-verantwortlichen Subjekts war nun nicht nur eine moralisch neue Norm gesetzt – was man jetzt neu dürfen darf –, sondern damit wurde sofort für einen Einzelnen, jenseits seiner (alten) Bindungen in Familie, Clan, Religion oder Zunft, eine neue Praxis selbstbestimmten Lebens begründet. Damit aber wurde damals schon der althergebrachte Rahmen in der Polis (als Gemeinschaft!) zerbrochen und eine andere, alle Gemeinschaft transzendierende, Polis begründet: die nennen wir – modern – mit einem neuen Namen: Gesellschaft. – Warum aber ist daran für unsere Gegenwart zu erinnern? Weil wieder die Denk- und Meinungsfreiheit ganz häufig nicht mehr als oberster Wert gesehen wird.

Weil wieder, gerade auch in demokratischen Gemeinwesen, die – politische, religiöse, erzieherische, kulinarische oder weltanschauliche – Meinung anderer öffentlich (auf der Strasse) und veröffentlicht (in Medien und [a]sozialen Netzwerken) niedergeschrieen, tribunalisiert und aus der Welt gebracht werden soll. Das was früher als vertikale Repression des Denkens (,von oben nach unten‘) praktiziert wurde, verlagert sich heute sozusagen in die Horizontale: meine Denk- und Sprechgewohnheiten, meine Lektüre und meine Recherchen werden zunehmend von meinem Nachbarn, Kollegen, Hörern, Bekannten, Mitreisenden etc. zensiert und korrigiert (political correctness). Das muß als dunkle Seite von Demokratie begriffen und überwunden werden!

Steffen Dietzsch, Denkfreiheit. Über Deutsche und von Deutschen, Leipzig (Leipziger Universitätsverlag) 2016, 332 Seiten

 (Zitat S. 290f.)

 

 

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Thema 2018: Die ungleichen Gleichen. Differenz als Unruhe

1 = 1. Das gehört zu den intuitiven Wahrheiten, die immer wieder das Staunen darüber anfachen, dass es Aussagen gibt, an denen zu rütteln hieße, eigene und anderer Leute Zeit zu verschwenden. Andererseits bedarf es keiner besonderen Anstrengung, zweimal denselben Ausdruck hinzuschreiben und ein Gleichheitszeichen dazwischen zu setzen. Spannend wird es dann, wenn links und rechts des Gleichheitszeichen ungleiche Terme auftauchen: A = B. Warum denn das? Muss das sein? Genügt es nicht, A = A sein zu lassen? Warum die Dinge komplizieren? Oder, da sie nun einmal kompliziert zu sein pflegen: Warum das Einfache dadurch komplizieren, dass man es einem anderen Einfachen gleichsetzt? Oder, wenn schon gleichgesetzt werden soll, was sich doch offenkundig unterscheidet, warum so eigenschaftslos, so lapidar?

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