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Im Centennial der Russischen Revolution wollen wir ein paar unsystematische Erinnerungen aus dem Alltag der Sowjetgesellschaft in der Hochzeit des Kalten Krieges mitteilen. Diese Erinnerungen‚ ›von unten, wo das Leben konkret ist‹ (Hegel), stammen von Dieter Uhlig (*1934 in Chemnitz), der sich als einer der ersten deutschen Philosophie-Studenten nach dem Krieg an der Universität der Blockade-Stadt Leningrad einschreiben durfte. Er lebte zwischen September 1953 und Juni 1958 in dieser für die russische und sowjetische Kultur so besonderen Stadt.

 


 

(9) Joseph Brodsky

In den letzten Semestern meines Studiums in Leningrad tauchte ab und zu ein ›abgebrochener‹ Gymnasiast in unserem Studentenheim auf, der sich mit uns über Literatur unterhalten wollte; er schrieb in seinen Arbeitspausen (als Hilfsarbeiter!) selber natürlich auch Verse und wurde bald als ein bedeutender Dichter bekannt: Joseph Brodsky (1940-1996). – Er war schon damals skandalumwittert, auch wegen seiner dichterischen Themen (namentlich Tod) und seiner, wie es damals mäkelnd hieß, ›kosmopolitischen‹ Autoren. Er war mit einem polnisch-jüdischen Kommilitonen befreundet, der mit mir ›auf Bude‹ war, Andrzej Jungheit (er starb sehr jung, Mai 1964). Ich erinnere mich noch an zwei andere polnische Kommilitonen in unserem Jahrgang: Jozef Pawlak (*1934), der nach Ende seines Studiums in Toruń zu arbeiten begann, und Karol Toeplitz (*1936), der nach Danzig ging.

Der junge Dichter Brodsky war auch jüdischstämmig und das war, was ich (frischfröhlich aus der DDR) mit unmittelbarem Erschrecken bemerken musste, hier ein offenbar ›anthropologischer‹ Makel… Er wurde dann auch wegen ›asozialem‹ Leben und seiner Gedichte Mitte der sechziger Jahre in ein Arbeitslager gesperrt und dann 1972 aus Russland ausgewiesen.

An ihn musste ich wieder denken, als sich nach 1991 die alte Union in die einzelnen Republiken national aufzulösen begann. Und besonders, als in der Ukraine bald die neue kulturelle Hegemonie gegen die Moskowiter organisiert wurde. Das wurde vorangetrieben vor allem von aus Galizien stammenden Aktivisten, die die alte separatistische Untergrundmilitanz (zwischen den Zwanzigern und Fünfzigern!) zum neuen Gründungsmythos einer gegen ›Großrussen‹, Juden und Polen gerichteten autonomen Ukrainizität entwickeln wollten. Zu den neuen Volkshelden der Ukraine zählen dann exemplarisch antipolnische Gewalttäter wie Wasyl Biłas (1911-1932), Dmytro Danyłyszyn (1907-1932) oder Hrykorij Maciejeko (1913-1966), antijüdische Pogromhelden wie Symon Petljura (1879-1926) oder dann die mit NS-Deutschland verbündeten ›Ukrainische Untergrundarmee‹. Das führte zu bis heute nicht abgeschlossenen nationalen Neu-Erfindungen (in Geschichte, Religion, Literatur und Sprache) und vor allem zu geopolitischer Dienstbarkeit für raumfremde Mächte. – Dagegen richtete sich Brodskys bitter-ironisches Lebt wohl, Chochols! Als einer ganz und gar nicht sowjet-nostalgischen Erinnerung an Größe, Tragik und vor allem an die Verbindungen und Empathien vieler Völker innerhalb jenes kulturellen und lebendigen Kosmos russländischer Vielfalt, der seit dem Ausgang des Mittelalters europäische Geschichte mitgeprägt hat. Und dass man bei politischen Trennungen, wie eben dem Auseinandergehen der ehemaligen Union, doch gefälligst zu unterscheiden in der Lage sein sollte zwischen momentanen politischen Differenzen und den vielfältig ineinander greifenden historisch gewordenen Kommunikationsformen in Literatur, Kunst, Brauchtum, Religion oder Sprache, die dennoch die ehemaligen nationalen Elemente miteinander verbindet. Bloß auf sich gegenseitig aufschaukelnde militärische Scharmützel zu starren, lässt beide Kontrahenten geistig verzwergen, – denn, so Brodsky, Soldaten verkörpern nie die Kultur, geschweige denn die Literatur – sie tragen Knarren, keine Bücher. All das Artifizielle und Eigenartige, was immer zum russländischen Erbe gehört, war für Brodsky immer tragender als alle globalisierenden Einebnungen des Herkommens. Wenn man die Ukrainizität neu gegen die geistige Landschaft, mit und aus der sie gewachsen ist, definieren wollte, wird man sich wohl, so Brodskys Befürchtung, mit einem seelenlosen Nationalismus begnügen müssen.

 


 

(8) »Aurora« – und ein ›allerletzter‹ Romanow

Unser Studentenwohnheim in Leningrad lag an der Newa, wir konnte hinüber zu dem Kai sehen, an dem die »Aurora« festgemacht war. Wir besuchten natürlich diesen mythischen Dampfer, als er 1956 als Museumsschiff eingeweiht wurde. – Das Schiff ist eng mit der Geschichte Russlands als Imperium verbunden. Es lief im Mai 1900 in Sankt Petersburg vom Stapel und wurde Juli 1903 ›getauft‹. Seine Feuertaufe erhielt es im Russisch-Japanischen Krieg, in der Seeschlacht von Tstushima (Mai 1905). Es entkam als einziger Kreuzer der totalen Versenkung der Russisch-Kaiserlichen Flotte durch die Japaner. – 1916 machte er wieder in St. Petersburg fest, hier wurde durch seinen Signalschuss am Abend des 25. Oktober (gregor. Kal.) der Oktoberumsturz der Bolschewiki eingeleitet, der das 300-jährige Romanow-Imperium zerstörte. – Als Schulschiff der Baltischen Flotte wurde es in Leningrad im September 1941 durch einen deutschen Luftangriff versenkt.

Als zwanzig Jahre später wieder einmal ein Parteitag der KPdSU veranstaltet wurde, musste ich an diesen maritimen Auftakt zu einer Neuen Welt denken. Denn die Partei verkündete jetzt, nachdem sie vor vier Jahren (1956) die größte Niederlage ihrer Geschichte (eben die Verwerfungen der Stalinzeit 1929-1953) eingestand, zu aller Überraschung den Plan, jene Ankündigung vom Herbst 1917 erfüllen zu wollen: nun rasch die Revolution zu ihrem Ziel zu führen und – in zwanzig Jahren – die kommunistische Gesellschaft in der Union zu realisieren. Die Einführung des Kommunismus war also für das Jahr 1981 versprochen. Die meisten meiner Bekannten waren fassungslos. Chruschtschow-Skeptiker (die es ›links‹ wie ›rechts‹ in Fülle gab) meinten, jetzt sei er verrückt geworden. Für andere wiederum trat hier wieder eine Besonderheit der russischen Geschichte in Erscheinung, nämlich: die Russen ändern alles in zwanzig Jahren, in zweihundert Jahren dagegen nichts.

Wir erinnerten uns an die geschichtliche Dimension der durch die neue Gesellschaft zu lösenden zivilisatorischen Aufgaben. Der Sozialismus sei keine einfache Messer-und-Gabel-Frage, beschrieb schon Rosa Luxemburg das Problem, sondern nichts weniger als eine totale Kulturrevolution. Selbst Lenin machte sich wohl keine Vorstellungen darüber, was es heißt, den kategorischen Imperativ der Revolution, nämlich »alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist« (Mega, I. Abt., Bd.2, S.177), wirklich erfüllen zu müssen. Denn: Alle Verhältnisse meint eben genau alle – vom Eigentum, Geld & Kapital, Recht, Erziehung, Wissenschaft, Militär bis hin zur Kultur des privaten Miteinander–Umgehens.

So erwies es sich bald: die Imitationen, die man über die Jahre Kommunismus nannte, waren nicht den Schuss Pulver wert, der damals aufhorchen ließ … Hätte die Revolutionsgeschichte einen Sinn für Ironie, dann führte sie uns am Ende wieder an seinen Anfang (auf das Schiff, das keinem Imperium Glück brachte) zurück. – In Leningrad nämlich wurde in jenen Jahren des ›Aufbau des Kommunismus‹ ein allerletzter Romanow als Parteichef etabliert: Grigori W. Romanow (1923-2008). Dessen Hybris, schon selber im Kommunismus zu leben, übertraf selbst den Luxusalltag von Leonid I. Breschnew um Grade. Welche Verhöhnung für die Bevölkerung der Stadt Leningrad war es, als Romanow festlegte, dass die Verheiratung seiner Tochter auf dem Kreuzer Aurora stattzufinden habe! Offenbar ging er davon aus, dass es gerade hier so furchtbar leicht sei, sich während der Feier über die Reling zu entleeren… Romanow hatte kraft seiner Macht das Prunkservice der Zarin Katharina II. herbeischleppen lassen, welches dann die zügellose Feier nur zum Teil überlebte. Darüber und über andere unappetitliche Details unterrichtete der mutige Staatsanwalt Telman Chorenowitsch Gdljan die sowjetische Bevölkerung in den beiden großen Zeitungen der Hauptstadt. – Romanow hatte diese Sex- und Sauforgien für die Nomenklatura gegen die Entrichtung hoher Eintrittsgelder zu einer dauernden Einrichtung gemacht. Er hatte, mit den damaligen Worten des Staatsanwalts, die »Aurora« zum Bordell gemacht. Da sich die Orgien auf dem Deck des Schiffes abspielten, konnten die Leningrader Zeugen dieser unwürdigen Schauspiele werden, Zeugen der unvorstellbaren Entartung einer Revolution, die in ihrer Stadt mit so großen Hoffnungen begonnen hatte. – Dieser letzte Romanow wurde erst durch Gorbatschow 1985 von allen seinen Funktionen entbunden.

Die Leningrader haben inzwischen alles Menschenmögliche getan, um die Ehre des Kreuzers wiederherzustellen. Mein Blick geht von hier um ein Jahrhundert zurück. Karl Kautsky, Lenins Lieblingsfeind, der in allen Auseinandersetzungen freilich nie das objektive Maß verlor, schrieb 1902 den Aufsatz »Die Slawen und die Revolution«, den Lenin oft zitierte. In diesem Aufsatz sprach Kautsky zu ersten Mal davon, dass sich das revolutionäre Zentrum von Westen nach Russland verschoben habe. Er beschrieb auch die Hoffnungen, die durch die am historischen Horizont heraufziehenden russischen Revolutionen in die Welt gebracht würden. Sie würden die Anfänge der sozialen Umwälzung in der ganzen zivilisierten Welt befruchten und einen neuen, glücklichen Völkerfrühling mit Macht herbeiführen. – Der hundertste Jahrestag der Russischen Revolution 2017 sollte Anstöße für eine historische Bilanz über die von Kautsky gezeichneten Hoffnungen erwarten lassen.

An der Newa wäre ein guter Ort nachzudenken über das, was Marx einmal von uns Menschen gesagt hatte: wie wir in Einem Verfasser und Schausteller unseres eigenen Dramas sind.

 


 

(7) Unser Prorektor

Wenn in der Fakultät bei wichtigen Sachen die Rede auf den »Oberst« kam, dann wusste man, dass der Prorektor unserer ehrwürdigen Leningrader Universität – die älteste Russlands, sie wurde im Geburtsjahr Immanuel Kants 1724 gegründet – gemeint war. Der »Oberst«, das war Sergej Iwanowitsch Tulpanow (1901-1984). Er war seit Ende der Zwanziger Berufssoldat. Im Oktober 1945 wurde er in die Sowjetische Militäradministration in Deutschland [SMAD] berufen; hier übernahm er die Abteilung für Kultur und Information. – Nach vier Jahren, kurz vor Gründung der DDR, wurde er entlassen. Beim Chef der Staatssicherheit, Abakumow (1908-1954) ging eine Denunziation ein, die ihn als zu ›germanophil‹ auswies. Es hätte ein Glücksfall für den unglücklichen neuen Staat ›DDR‹ sein können, wäre Tulpanow weiter an der Umwandlung der ›Sowjetischen Besatzungszone‹ in so etwas wie einen ›Staat‹ beteiligt gewesen. Seine Weisungen an die deutschen Genossen (zusammengewürfelt aus KZ-Überlebenden, aus Exilanten und politischen Schwärmern) zur Vorbereitung einer eigenständigeren ostdeutschen Politik zeichneten sich aus durch Maßhalten, Konkretheit und Machbarkeit. Es war bekannt, dass, wenn Walter Ulbricht ein Sowjetpapier bekam, er immer die Frage stellte, aus welchem Sowjetbüro das herkommt: Kommt es von Tulpanow, oder von wem? Er war erst beruhigt, nachdem er gehört hatte, Tulpanow sei der Absender. Beide standen, nicht zuletzt deswegen, in diesen Jahren in einem sehr guten, fast freundschaftlichen Einvernehmen. Unter der Federführung Tulpanows wurden in der SMAD die Linien für eine antifaschistisch-demokratische Lebensordnung im Osten Deutschlands skizziert. Leit- und Vorbild für das neue Deutschland sollten die außerordentlichen Leistungen der deutschen Nation auf den Gebieten von Wissenschaft und Philosophie, Literatur und Kunst in ihrer bisherigen Geschichte sein. Der Oberst trug den Namen eines Kulturoffiziers mit größter Berechtigung. Er war als Mann von Kultur bis hinein in seine Sprache erkennbar. Wobei den Leningrader Russen überhaupt nachgesagt wurde, das beste Russisch im Lande zu sprechen.

Er wurde im September 1949 von zwei Bütteln Stalins, von Malenkow (1902-1988), seit kurzem Mitglied des Politbüros, und von Suslow (1902-1982), Chefredakteur der ›Prawda‹, nach Moskau zurückgerufen. – Als oberste Regierungsgewalt in Deutschland unterstand die SMAD formell Stalin direkt. Im Alltag aber versuchte jede Moskauer Behörde, die sich irgendwie für Politik, Ideologie und Geschichte zuständig fühlte, in der Politikgestaltung in Ostberlin, an dem, was sie »Sowjetisierung« nannten, mitzumischen. So entstand eine Situation von Konfusion, Willkür, Nischenwirtschaft und Intrige. Über allem wachte das KGB… Tulpanow wurde von diesem Organ regelrecht und systematisch verfolgt. Er stand unter ständiger scharfer Beobachtung. Nicht nur er, auch sein Vater Iwan (1938) und Mutter Elsa (1940) wurden schon von den Organen Berijas (1899-1953) terrorisiert. – Die Auseinandersetzungen, die Tulpanow in den 40er Jahren zu bestehen hatte, vor allem mit seinem Kollegen Wladimir Semjonow (1911-1992), Politkommissar der SMAD, einer Kreatur des Generalstaatsanwalts des Großen Terrors, Andrej Wyschinski (1883-1954), waren lebensgefährlich. Semjonow war ein Einpeitscher des ›Kalten Krieges‹ auf der sowjetischen Seite; die sog. Berlin-Blockade geht hauptsächlich auf seine Kappe. Und auch das gehört zu den Kapriolen der Geschichte: Wie Semjonow 1948 Josef Stalin in deutschen Fragen beraten hatte, so beriet er vierzig Jahre später nun auf dem gleichen Gebiet Helmut Kohl. Mit der Herstellung der Einheit wurde er sowjetischer Botschafter im vereinigten Deutschland, noch mit dem Sitz in Bonn. Hier starb er auch, an einer Lungenentzündung, sagt man

Tulpanow genoß eine außerordentliche Sympathie, ja Zuneigung, bei vielen Kulturschaffenden in Berlin, im Theater, an Hochschulen. Ihn verbanden Freundschaften, beispielsweise mit Otto Grotewohl (1984-1964), erster Premier der DDR, und Jürgen Kuczynski (1904-1997), Mitglied der DDR-Akademie der Wissenschaften, die auch nach seiner Rückkehr in die Heimat, weiter bestanden. In seinen Jahren als Professor an der Leningrader Universität brachte Tulpanow ein Buch heraus, das offenbar von Kuczynski angeregt worden war: »Die Fabriken und Betriebe der Stadt Leningrad«.

Die Untersuchungen, die seit 1949 gegen ihn geführt wurden, zogen sich mehrere Jahre hin. Sie fanden erst im Sommer 1953 ihr Ende, als Chruschtschow die Berija-Gruppe erschießen ließ. – Das Jahr 1954 sieht Tulpanow dann schon als Prorektor der Leningrader Universität, als Professor an der Ökonomischen Fakultät, mit dem Lehrstuhl »Der Kapitalismus der Gegenwart und die Entwicklungsländer«. Er ist bald auf seinem Gebiet auch international bekannt und durch viele Publikationen ausgewiesen.

Von dem Prorektor Tulpanow hörte ich zuerst im Frühjahr 1956. Wir, Studenten aus den sozialistischen Ländern, wurden eingeladen zu einer Veranstaltung, auf der das Referat von Nikita Chruschtschow in der ›geschlossenen‹ Sitzung des XX. Parteitages über Stalins Personenkult vorgelesen werden sollte. Die Einladung war ausgesprochen worden vom Prorektor der Universität, Tulpanow. Wir wussten damals noch nicht, welcher Mut dazu gehörte, hier die Öffentlichkeit zu suchen. Die Leningrader Universität blieb mit diesem Vorstoß in Richtung auf das, was man dreißig Jahre später ›Glasnost‹ nennen wird, allerdings allein. Die Leute in der DDR um Hager missbilligten das Verhalten des Leningrader Prorektors auf das schärfste.

Tulpanow ließ sich davon nicht beeindrucken. Er hielt es für notwendig, die an seiner Universität eingeschriebenen Studenten, ohne Ausnahme, in Fragen der aktuellen Politik einzuweihen. Das schloss die sogenannten »Geheimnisse« ein. Er verfolgte damit ein Prinzip, das für ihn schon in der SMAD galt. Menschen gewinnt man nur, wenn man offen und ehrlich mit ihnen über alle sie interessierenden Fragen spricht. Anders geht es nicht. – Diese Verlesung der Rede Chrustschows wurde in der berühmten Aula der Leningrader Universität gehalten, in der schon Nikolai Bucharin (1888-1938) sehr häufig und gern gesprochen hat. Der allerdings wurde erst in der Ära Gorbatschow rehabilitiert…

Das alles hatte für uns Leningrader Studenten aus der DDR allerdings gravierende Folgen: es kam zu einem Beschluss des ZK der SED, dass alle Studenten, die an der Leningrader Universität studiert hatten, vor ihrem Einsatz an einer deutschen Universität ein Jahr in der materiellen Produktion zu arbeiten hätten, damit eine Umerziehung durch die Arbeiterklasse erfolgen konnte. Das Gift des XX. Parteitages musste wieder raus aus den Köpfen und das ging nur auf diese Weise, dachten sie. So kam es, dass ich 1958/59, statt mit Vorlesungen zu beginnen, nun im Leipziger Betrieb VTA (Verlade- und Transportanlagen) als Hilfsarbeiter tätig war. Die Arbeiter waren mir für meine Erzählungen über den XX. Parteitag dankbar und haben mir eine gute Beurteilung meiner Arbeit im Betrieb geschrieben. Diese Beurteilung ist für mich heute genauso wichtig, wie mein Magna cum laude-Diplom von der Leningrader Universität.

 


 

(6) Was ist orthodoxes Denken?

Unser Philosophiestudium in Leningrad (zu Hause war das nicht anders) begann mit einer Vorlesung im Fach Dialektischer Materialismus (DiaMat), vorgetragen von Wassili Pawlowitsch Roshin (1908-1986), einem stets sehr ernst dreinblickenden Mann mittleren Alters. Ob er auch über die Gabe des Lachens verfügte, habe ich nie erfahren können. Man musste den Eindruck gewinnen, im DiaMat gäbe es keine Anlässe für irgendwelche Späße. Auch Witze, ein Lebensmedium in der Union, hat der Professor in keiner seiner Vorlesung erzählt. Offenbar kannte er keine – und offenbar kannte er auch nicht den Satz von Karl Marx: »Die wesentliche Form des Geistes ist Heiterkeit.« – Er wurde dann, als wir schon unser Diplom hatten, ab 1959 Dekan der Philosophischen Fakultät in Leningrad (bis 1970).

An seine Stimme konnte man sich nicht gewöhnen. Ihr Klang war blechern. Ein anderes Wort fällt mir nicht ein. Jedenfalls klang es bei ihm immer so, als ob verschiedene Lagen von plattgewalztem Metall aufeinander schlagen. Laut und derb. Ganz sicher aber kann ich sagen: ›Plattgewalzt‹ wurden, ohne Ausnahme, alle in seinen Vorlesungen vorkommenden Gegenstände. Sehr platt und immer platter.

Wir erinnerten uns an zu Hause: In Berlin lag die Deutungshoheit über den DiaMat in den Händen eines anderen ernsten Mannes, Prof. Kurt Hager (1912-1998). Der hatte allerdings nicht die Absicht, wie Kollege Roshin, bis zum Ende seiner Tage am DiaMat-Lehrstuhl festzukleben. Er strebte Höheres an – die Kontrolle aller philosophischen Hörsäle des Landes. Und so wurde er Sekretär des ZK der Partei und ins Politbüro aufgenommen. – Es geschah das, was Brecht einmal diagnostiziert hatte, dass nämlich eine pfäffische Kamarilla die geistige Produktion der DDR in Verwahrung nahm. Das konnte auf zweierlei Weise geschehen: mal zahm, mal scharf. Der Meister des Scharfen war unbestritten unser Leipziger Partei-Bezirksfürst mit dem irreführenden Namen Paul Fröhlich (1913-1970). Deren Methoden wechselten einander ab. Das war das Auf und Ab in der Dramatik »ideologischer Arbeit«. Für dieses Phänomen erfanden die Bürger der DDR die Wortkombination »Mal hager und mal fröhlich«. – Gefragt, welcher von den Beiden der Schlimmere sei, hätte Stalin gewiss geantwortet: ›Oba chushe‹ (Beide sind schlimmer) Davon in einer anderen Geschichte.

Doch zurück zur DiaMat-Vorlesung von Roschin, die er uns einmal in der Woche, ohne einen einzigen Ausfall, vortrug. Er eröffnet sie jedes Mal mit dem gleichen Ritual: Nachdem er das Auditorium begrüßt hatte, nannte er sein Thema und, egal, welches Thema er zu behandeln gedachte, Zufall und Notwendigkeit, den Freiheits- oder den Materiebegriff, er schloss unbeirrt und unverändert mit dem immer gleichen Satz, an den ich mich bis heute erinnere: »Etot wopros klassiki markszisma – leninisma davnym davno reschili.« Dieser Satz war für uns Zuhörer als die abschließende Konklusion aller der eben erörteten Fragen zu verstehen. – Was heißt das? Die Wortgruppe »davnym davno« erlaubt verschiedene Möglichkeiten der Übersetzung: ›Lang, lang ist’s her‹, oder ›in längst vergangener Zeit‹, oder ›vor ewiger Zeit‹.

Ich bevorzuge die letztere Variante. Sie ist knapp und treffend. Unser Satz würde daher im Deutschen lauten: »Diese Frage haben die Klassiker vor ewiger Zeit gelöst.« Da das russische Verb bei Roshin in der vollendeten Form gebraucht wird, schließt der Satz die Bedeutung ein: endgültig, für immer und für alle Zeiten, unwiderruflich. – Sollte nicht ein Professor für Dialektischen (!) Materialismus verpflichtet gewesen sein, das Wort »endgültig« aus seinem Denken zu verbannen? Wie auch immer, das semantische Ritual Roshins wurde von einer entsprechenden Körpersprache des Auditoriums begleitet: wir gähnten und dachten – davnym davno.

Roshin wollte uns klarmachen: Die marxistische Philosophie liege fix und fertig vor, es gebe keine offenen Fragen mehr. Die Klassiker hätten ganze Arbeit geleistet. Natürlich aber bleibe Arbeit. Die marxistischen ›Wahrheiten‹ müssten sortiert, geordnet, systematisiert werden, aufbereitet, in widerspruchsfreien Systemen für eine widerspruchsfreie sozialistische Praxis. Diese Lehrpraxis, exemplarisch bei Roshin, hat sich dann ausgebreitet und verbindlich gemacht als treuester Sachwalter der reinen Lehre. Das war die allgemeine Verkehrsform, die sich zwar gegen alle kritischen Nachfragen als sprach- und argumentationslos erwies, aber eben als polemisch rabiat und dominant.

 


 

(5) Wohin mit den Rubelchen?

Als wir dann schon einigermaßen Russisch konnten, ab dem dritten Semester, machten wir uns immer mal auf zur Stadtwanderung durch Leningrad. In Hafennähe, vor einer Werft, kamen wir einmal nachmittags in einen Trubel von Leuten, viele Frauen. Es war, wie sich herausstellte, Zahltag. Der Trubel betraf die Rubel… Die Frauen warteten, wie wohl immer an diesem Tag im Monat, vor dem Tor auf ihre Männer. Sie wollten sie abhalten, das (ohnehin knappe) Bare gleich weiter in die nächste Kneipe zu tragen.

Wir Studenten bekamen unser Stipendium auch monatlich in bar ausgezahlt, im Dekanat an der Zahlstelle. Die Summe war nicht üppig, ca. achtzig Rubelchen. Davon konnte man gut Zigaretten kaufen, die Schachtel Belomorkanal (‚die ›Stärksten der Welt‹) kostete von Anfang an, seit Mitte der Dreissiger, unverändert 2,20 Rubel. Für einen halber Liter Wodka dagegen musste man schon 25 Rubel hinlegen (deshalb auch die preiswerte Praxis, Wodka immer zu Dritt zu trinken…). – Seit Kriegsende lebten die ›Erbauer des Kommunismus‹ in einem 10-Jahresrythmus des Währungsumtausches. Der letzte war 1947 (… so wurde regelmäßig Kaufkraft abgeschöpft).

Zu den sowjetischen Alltagsmythen, die uns immer erfreuten, zählt auch die Geschichte der Entlohnung von Nummer Eins, Stalin. – Man glaube sie kaum, sagt man über sie und mag sie ganz besonders. Diese Geschichte über Stalins Verhältnis zum Geld hinterließ uns seine Tochter Swetlana, als einen momentanen Eindruck, den sie 1963 in ihren »Zwanzig Briefen an einen Freund« festhielt (und 1967 veröffentlichte). Die freie Form des Briefes habe es ihr erlaubt, vollkommen aufrichtig zu sein. – Der Vater sei ein unerbittlicher Mensch gewesen. Gewiss hätte, so vermutete sie, ihre Mutter Nadja 1938 auch auf der Anklagebank gesessen, neben ihrem Freund Nikolai Bucharin (1888-1938). Ihr Freitod, am 9. November 1932, habe sie wahrscheinlich vor einem noch größeren Unglück bewahrt. Die Tochter hat ihn natürlich als Vater geachtet. Doch erst, als sie die Hand des Sterbenden streichelte, habe sich in ihr ein Gefühl der Liebe geregt. Das Zusammenleben der Beiden war also sehr widerspruchsvoll. – Sie habe den Vater eher selten besucht, und nennt als Grund die langweiligen Gespräche in seinem Haus. Allerweltlichkeiten, banales Zeug, uralte Witze, der Blutdruck des Vaters u.a.

Allerdings habe er sie bei ihren seltenen Besuchen immer mit gelangweilter Mine gefragt: »Sweta, brauchst du Geld?« – Sie habe darauf stets erwidert: »Nein!« – »Du lügst«, sagte er und lancierte ein fettes Bündel mit Banknoten in ihre Hände. Keine Ahnung, wie viel, keine Ahnung, was man dafür kaufen könnte. Der Vater selbst lebte immer noch in den Preisvorstellungen der vorrevolutionären Zeiten. Dass eine Studentin kein Geld braucht, mochten wir Studenten natürlich nicht recht glauben.

Aber. Wie kam Josef Wissarionovitch zu seinen ›Mäusen‹? Denn, so war die Fabel – der Meister besaß nicht einmal ein Konto! Geldüberweisungen im modernen Sinne gab es natürlich noch nicht. Also wurde ihm, spätestens seit Ende der Zwanziger Jahre, Monat für Monat, von einem Sonderboten (in dessen Haut niemand hatte stecken wollen!) ein dickes Paket auf den Tisch gelegt. Das nahm Stalin in die Hand und warf es achtlos in einen großen Holzschrank im Zimmer. Diese Geldbündel waren, besonders vor 1947, mit gewaltigen hässlichen Geldscheinen, immer veritable Pakete. Der Schrank quoll allmählich über. Sein Besitzer hat dann je nach Laune in den Schrank hineingelangt, um in einem momentanen Einfall irgend jemand zu ›belohnen‹. – Wer mag diesen Schrank nach dem 5. März 1953 geplündert haben…

Stalin kam, seitdem er nicht mehr im Kreml wohnte, seit 1932, nach Nadjas Selbstmord, kaum noch in die Situation, irgendetwas oder irgendwo etwas bezahlen zu müssen. – In diesem Sinne war Geld für Stalin eine durchaus überflüssige Angelegenheit Er bekam ja auch für seine gedruckten Beiträge, Reden, Verlautbarungen, Vorlesungen Bücher (anders wie andere Staatsmänner) kein persönliches Honorar ausgehändigt.

Ganz anders zum Geld stand er früher, in den vorrevolutionären Jahren. Hier war er gelegentlich – für die Partei – gar als Bankräuber unterwegs. Da war er »unser prächtiger Georgier«, wie ihn Lenin damals nannte, um den Geldbedarf der Partei zu sichern. Das war die Zeit, als Lenin noch den Satz in die Bücher schrieb: Gebt uns eine Organisation von Revolutionären und die notwendigen Münzen obendrein, und wir werden Russland aus den Angeln heben. Dazu brauchten sie damals keine Datschen und Häuser oder überhaupt Luxus. Stalin blieb auch in dieser Ausnahmesituation seines Hauses in Kunzewo ein erklärter Gegner von jedem Luxus. Es gab in seiner Wohnung keinen Luxus, mit allerdings, wie Swetlana schreibt, zwei Ausnahmen. Das waren einmal ein schöner und teurer indischer Teppich und ein Fässchen mit selbsteingelegten Gurken. Jedem seiner Besucher überreichte er zur Begrüßung eine solche Gurke und das dazugehörige Gläschen Klaren. Das war der Willkommensgruß.

*

Stalins Nachfolger, namentlich Leonid (Lonja) Breschnew (1906-1982), waren weit entfernt von dieser Geldabstinenz des Alten. Sie lächelten über diese frühbolschewistische Askese. – Breschnews große Liebe galt allen Luxusgegenständen, gern sammelte er Brillanten und Oldtimer. Seine »Freundschaft« mit dem Parteisekretär der sibirischen Republik Jakutien beruhte darauf, dass ihm dieser Mensch zu seinem Geburtstag, den größten Brillanten brachte, der jährlich in seiner Mine gefunden worden war. Diese Mine war nicht nur die größte der UdSSR, sondern galt auch weltweit als eine der größten. Auch für seine Tochter Galina fiel immer noch ein hübsches Stück ab. Erst Gorbatschows Perestroika machte Schluss mit dieser kriminellen Methode und sammelte all die schönen Dinge wieder ein. Mit dieser »Gewohnheit« hängt die Pointe eines bekannten sowjetischen Witzes zusammen: Breschnews Mutter war zu Besuch im Kreml und als es an die Rückreise ging, brach sie in einen Tränenstrom aus. Er fragte sie: »Was ist los, Mütterchen?« »Ach, Lonja«, klagte sie, »ich frage mich, was aus den vielen schönen Sachen wird, den Brillanten und den alten Autos, wenn eines Tages die Kommunisten wieder an die Macht kommen?!« – Nicht auszudenken.


 

(4) Unser philosophischer Kanon lichtet sich

… wir verloren nicht nur einen Klassiker…

Im Februar 1956 versammelte sich in Moskau der XX. Parteitag der sowjetischen Kommunisten. Am letzten Tag der Veranstaltung, am 25. Februar 1956, trat ein stark bewegter Nikita S. Chruschtschow (1894-1971) ans Pult. Er war der Generalsekretär der Partei. Er hielt, in ›geschlossener‹ Sitzung, eine Rede mit der schlichten Überschrift »Über den Personenkult und seine Folgen«. Nach drei Stunden konnte jedem im Saale klar sein, dass jetzt etwas ›in der Welt‹ war, das sie nachhaltig verändern wird. Diese Rede wird in der veröffentlichten Meinung bis heute als ›Geheimrede‹ klassifiziert, doch das war sie nicht. Dass das ein ›Geheimnis‹ hätte bleiben können, war, jedenfalls von Moskau her gesehen, völlig abwegig. Nur unsere deutschen Genossen versuchten hysterisch, das hier Gesagte geheim zu halten. Der deutsche Parteichef (Ulbricht), der in Moskau dabeisaß, dekretierte dann – wie nebenbei –, übrigens sei Stalin ›kein Klassiker mehr‹ …

Die Rede hatte die Elementarkraft einer Naturkatastrophe. Die politische Geographie von ›Neuer‹ und ›Alter‹ Welt war dahin. Alle, die dort im Saal saßen, waren momentan heimatlos geworden. Die Brisanz der Rede war, dass sie das Bild und die Hoffnung des Weltkommunismus grundstürzend änderte. In Westeuropa prophezeite ein denkender Kopf einen tektonisch-unabwendbaren Weg des weiteren Geschehens. Vom revolutionären Berg habe sich ein Stein gelöst, der auf seinem Weg nach unten in die Ebenen zur machtvollen Lawine werde und alles rest- und bedingungslos zerstöre. Der geschichtliche Weg beanspruchte fast ein halbes Jahrhundert und erweist sich als unumkehrbar, was sich Menschen auch immer wünschten. – Manche der enttäuschten Gläubigen, und wir waren es wohl alle, träumten diese Rede anfangs noch in die Nähe von Lenins Aprilthesen (1917), die damals jenen Aufbruch initiierten, dessen Pathologie wir eben zuschauen mussten. Jedoch: Die Geschichte wiederholt sich eben nicht, es sei denn, wie Marx vermutete, als blutige Farce‹ in all den ohnmächtigen Versuchen, ihre Verläufe aufzuhalten oder zu korrigieren.

Es war, als ob sich ein Sinnbild aus Alexander Solschenizyns Erzählung »Matrjonas Hof« (1971) im großen ›Hof‹ der sozialistischen UdSSR grausam erfüllte, dass nämlich auch ein herzhafter Umbau (Perestroijka) den alten Hof nicht würde retten können. Solschenizyns Hoffnung allerdings, die Wiedergeburt des alten Russland und sein Abwerfen der Last der Erbarmungslosigkeit (Daniil Granin), wollten wir (deutsche) Studenten damals noch nicht mittragen.

Die Sowjetunion zeigte in ihrer Entwicklung gegenüber der DDR eine paradoxe Asymmetrie: Ihre ökonomischen Leistungen waren schwächer, dagegen aber alle zivilisatorischen Gebrechen und Entartungen viel stärker. Das führende Partei-Personal der DDR nahm das auf ihre Weise zur Kenntnis. Hier gefiel man sich darin, überheblich lächelnd auf die Union herabzublicken. In der Zivilgesellschaft der DDR dagegen entwickelte sich eine erstaunliche und unerwartet sympathische Neigung zu ›den Russen‹. Wodurch? Eben durch die kulturelle Befreiung der Entstalinisierung. Man staunte über die neuen kritischen Filme (exemplarisch »Die Kraniche ziehen«, 1957) und die Bücher von Aitmatow, Trifonow, Rybakow, Granin, die jetzt erscheinen durften. Hier entwickelte sich eine Zuneigung zu den Russen ›von unten‹, die bis heute bei vielen ›aus dem Osten‹ noch präsent ist. Den führenden Leuten im Lande missfiel das (damals wie schon wieder heute). Ihren Lieblingsspruch, von der Sowjetunion lernen heißt siegen lernen, hatten sie spätestens 1956 aus dem Verkehr gezogen. Jetzt ging es nur noch darum, sowjetischen Gedanken aus Politik, Literatur und Kunst den Zugang in die DDR zu verwehren. Dazu gehörten in erster Linie die Papiere des XX. Parteitages selbst. Die Schriftsteller Schalamow und Solschenizyn galten als kreuzgefährliche Leute, als Menschen mit konterrevolutionären Ideen im Gepäck. In ihrer ideologischen Verbohrtheit und Einfallslosigkeit ließen sich die Parteileute (›Apparatschiks‹) dazu hinreißen, sogar die höchst populäre sowjetische Zeitschrift »Sputnik« zu verbieten. Sie brachten es fertig, Chruschtschow und Gorbatschow für ihre geistige Verelendung verantwortlich zu machen.

In der DDR musste Chruschtschows Referat 34 Jahre, bis nach dem Ende der SED, auf seine Veröffentlichung und Auswertung warten. Sie begann erst 1990. Namentlich einer meiner späteren Leipziger Studenten, Michael Schumann (1946-2000), orientierte die Neue Linke mit seinen Reden über den Stalinismus auf die weltgeschichtliche Tragik, die mit der Etablierung von Strukturen sozialer Gerechtigkeit verbunden sein kann.

Leider hört man noch immer den bitteren Vorwurf an Chruschtschow, er habe in seiner historischen Analyse nicht nur nicht das ganze »Tafelwerk des Historischen Materialismus« zur Anwendung gebracht, sondern er habe das ganze Projekt ›Kommunismus‹ verraten. Könnte das ein historisch gerechtes Urteil sein? Sollten wir Nachgeborenen nicht viel eher seinen Mut bewundern, sich ›seines eigenen Verstandes zu bedienen‹, und zwar ohne (Partei)Leitung durch Andere. Wir sollten seinen Mut, ja Todesmut, bewundern, den (gottgleichen) Führer der Partei, Stalin, schwerer Verbrechen anzuklagen. Er hat das Referat gegen die Widerstände und Drohungen seiner alten Kollegen in der Parteiführung, Molotow (1890-1986), Malenkow (1902-1988) und Kaganowitsch (1893-1991) durchgesetzt. Das war eine historische Tat von einer einmaligen historischen Würde, die ihm in der Menschheitsgeschichte nie vergessen werden darf. Es ist und bleibt dabei nebensächlich, ob in seinen Analysen diese oder jene Ursachen vergessen oder vernachlässigt werden. Er hat seine Rede gehalten und alle mächtigen Barrieren überwunden. Es war seine tiefe Überzeugung, dass die Wahrheit allen kritischen Köpfen dieser Erde zugänglich gemacht werden musste, weil anders die Partei nie die geringste Chance haben würde, mit ihrer Schande fertig zu werden, was auch immer die Folgen seiner Aktion sein würden. Diese Haltung allein verdient unsere tiefe menschliche Ehrfurcht vor diesem Mann Nikita Sergejewitsch Chruschtschow.

 


 

Stalin als Philosoph

Wir waren im fünften Semester, als im Februar 1956 der XX. Parteitag Nikita Chruschtschow einer ›geschlossenen‹ Sitzung mit den vergangenen zwanzig Jahren Parteipraxis und vor allem mit Stalin ins Gericht ging. Nach dem Parteitag wurden zahlreiche Erzählungen aus dem sowjetischen Alltag jener Jahre aus dem geschundenen Land publiziert. Es waren überwiegend traurige Geschichten, aber auch unter ihnen gab es genügend Gelegenheiten, die in Verfall geratene Sache auszulachen oder ironisch zu belächeln. Die emotionale Welt der Narrative war ungeachtet der grauenhaften Vergangenheit des Landes vielfarbig. Dafür gab es nur eine Erklärung: Das Volk war trotz Krieg und unmenschlicher Diktatur noch immer in einer wohltuenden Weise kreativ und sehr lebendig. Kein Wunder, dass gerade wir als DDR-Studenten unter diesen einfallsreichen und lustigen Menschen nach dem XX. Parteitag eine gute Zeit hatten.

Die angesagten Erzählungen wurden vorwiegend durch flotte Mundwerke mit der sprachlichen Anmut eines Alexander Puschkin im Land verbreitet. Die schriftliche Form fand sich nur selten. In dieser Hinsicht gab es Erfahrungen. Konterbande bewahrt man im Kopf. Nur dort sind sie – relativ – sicher; – die Vokabel, die wir da immer hörten, war »Otnositelno« (in Bezug auf, relativ). Das wurde unsere Lieblingsfloskel für Situationsbeschreibungen. Übrigens, auch Josef Stalin benutzte sie recht häufig…

Man brauchte das Wort, um sich nicht festzulegen, ›festnageln‹ zu lassen. Es half, das, was man Gelassenheit nennt, zu leben.

Alle die uns zu Ohren kommenden Erzählungen aus jenem später so genannten Archipel GULag (Solschenizyn) waren anonym. Man kannte weder ihre Verfasser noch ihre Quellen und wollte das auch gar nicht. Sie (d.h. ihre »Produktionsstätten«) wurden jedoch paradoxerweise in der Nähe von Organen der Sowjetmacht vermutet. Das konnte, nach allgemeiner Überzeugung, auch nicht anders sein. Die ›Folkloristen‹ wussten einfach zu gut Bescheid über alle Angelegenheiten des Landes und besaßen auch das für die beschriebenen Prozesse notwendige propagandistische Geschick. Gern wurde in diesen Gesprächskreisen, eben Otnositelno!, klargemacht: Ob das in den Erzählungen Dargestellte stimmt oder nicht, wahr ist oder nicht, es ist auf alle Fälle vorzüglich erfunden und wirklicher als die Wirklichkeit selber. C’est la vie.

Hier nun eine Erzählung, die ich zu den ›friedlichen‹, sanften zähle. Davon gibt es nicht viele. Eine gedruckte Fassung dieser Erzählung fand ich nicht. Das kann ein Indiz dafür sein, dass sie erfunden wurde. – Wir verdanken diese Geschichte Stalins Tochter Swetlana Allilujewa (1926-2011). Sie fragte den Vater eines schönen Tages nach seinem Philosophieverständnis in einem wesentlichen Punkt: dem Begriff der Materie. Swetlana studierte Geschichte an der Moskauer Universität. Als im Philosophieseminar Lenins Buch Materialismus und Empiriokritizismus (1909) behandelt werden sollte, wurde sie von ihren Kommilitonen gefragt, wie sie denn mit dem Buch klarkäme. »Gar nicht!«, war ihre Antwort. Sie hatte auch gehört, Lenin sei mit dem eigenen Buch nicht klargekommen. Nicht zuletzt deshalb, weil er dem Hegel eine zu geringe Beachtung geschenkt habe. Vom Vater hatte sie das ungute Wort aufgeschnappt, das Buch von Iljitsch sei nichts als ein »Sturm im Wasserglas«, man solle es nicht überbewerten.

Wie auch immer! Sweta (die Koseform ihres Namens) beschloss, der Bitte ihrer Freunde nachzukommen und den Vater um eine plausible Erklärung des Materiebegriffs zu bitten. Das tat er, kurz und knapp, wie es seine Art war. Es wurde eine Lektion in praktischer Philosophie.

Im Wohnzimmer seines großen Hauses in Kunzewo (bei Moskau) öffnete er die beiden Flügel des Fensters und gab damit den Blick frei auf den herrlichen Garten, um dann die philosophische Frage an seine Tochter zu richten: »Was siehst du? Schau gut hin und erzähle es mir.« Die Tochter rieb sich die Augen. Sie war lange nicht hier und sagte: »Es grünt so grün in Deinem bunten Wundergarten«, und zählte beflissen alle Schönheiten auf, die sie sah – die Birken und die Linden, die Fichten und die Tannen, die Rosen und die Sonnenblumen… Nach einer Zeit unterbrach er sie, sie habe genug angeschaut, und erklärte seine philosophische Konsequenz: Dieser Garten sei die Antwort auf ihre Frage. Dies alles und noch mehr sei die unabhängig und außerhalb vom Bewusstsein existierende objektive Realität, die Materie, die sie mit allen ihren Sinnen wahrgenommen hat. Nun solle sie in ihr Seminar gehen und ihre gewonnenen Erkenntnisse weitergeben.

En passant: Wäre Karl Marx im Zimmer gewesen, so hätte er sagen können, dass der Alte eigentlich eine gute Illustration dessen gegeben hat, was er selbst in seinen Feuerbach-Thesen den »Hauptmangel alles bisherigen Materialismus« genannt habe, den Gegenstand nur unter der Form des Objekts oder der Anschauung zu fassen – nicht als menschliche Tätigkeit. Diese »tätige Seite« aber habe eben der Idealismus entwickelt, dem wir in diesem Punkt zu folgen hätten (und den wir gerade nicht als ›zu überwinden‹ zu begreifen hätten).

Zum Abschied bedankte sich die Tochter artig für die plausiblen Erklärungen des Vaters und trat ab mit der Frage, wo eigentlich der Gärtner sei, der alle diese Schönheiten hegt und pflegt, der den Garten gestaltet, wie es die Jahreszeiten erfordern. Der Gärtner sei doch seine gute Seele, also die ganz und gar unverzichtbare »tätige Seite«. Bei diesem Stand der Dinge endet nicht zufällig auch Swetas Erzählung. Der alte Materialismus blieb wie immer präsent. – Otnositelno!

 

 


 

(2) Die allmächtige Lehre

Wie oft hörten wir in deutschen Hörsälen oder lasen auf Losungen diesen Satz: »Die Lehre von Marx ist allmächtig, weil sie wahr ist.« Sein Autor, wurde gesagt, sei Lenin. Nur hat er diesen Satz eben nicht in deutscher Sprache geschrieben oder gesprochen. – Die russische Sprache, seine Muttersprache, aber kennt für »Wahrheit« zwei Worte: »Istina« und »Prawda«. Und keines von beiden finden wir in Lenins russischem Satz, sondern er benutzt »Werno«, »Wera« – das aber heißt »Glaube«. Auch finden wir bei Lenin nicht das russische Wort für »allmächtig«, sondern »wsesilno«, das aber bedeutet »sehr stark« oder »Anziehungskraft«.

Kurzum: Eine adäquate, sinnvolle und präzise Übersetzung des Lenin-Satzes »Utschenije Marksa wsesilno, potomuschto ano wern« kann daher nur lauten: »Die Lehre von Marx ist deshalb so stark, weil wir an sie glauben.«

Am 25. März 2017 verstarb in Moskau, 102-jährig, Theodor Iljitsch Oiserman, ein ukrainischer Jude aus Tiraspol in Moldawien. Er war Mitglied der Sowjetischen Akademie der Wissenschaften. Einmal durfte ich einen seiner vielen Vorträge in der DDR übersetzen und war tief beeindruckt vom subtilen Umgang mit seiner Muttersprache. Oiserman war der einzige mir bekannte marxistische Philosoph Rußlands, der sich bis ins hohe Alter die Fähigkeit bewahrt hat, in einer großen Anzahl von Büchern und Aufsätzen die Fehler seines politischen und philosophischen Denkens zu reflektieren. Aber bis zuletzt hat er sich wohl am meisten geärgert über jenen Umgang mit Lenins Satz über Allmacht und Wahrheit der Lehre von Marx. Er hat diesen Spruch lediglich als politische Losung, als Kalenderblatt oder bloß »pathetische Sentenz« gelten lassen wollen.

Dabei muss man sich eben auch die Umstände in Erinnerung rufen, als Lenin jenen Satz über den Glauben an Marx’ Lehre formuliert hatte: er stammt aus einem Aufsatz von 1913 in der von Maxim Gorki herausgegebenen Zeitschrift »Aufklärung«. Gorki war in diesen Jahren der Kopf einer Bewegung, die die »Gottsucher« genannt und von Lenin scharf kritisiert wurden. – Es war der Grundgedanke Gorkis, dass die sozialistische Idee, der Marxismus, in Russland nicht die geringste Chance hätte, wenn er nicht die Verbindung mit den sozialen Vorstellungen des russisch- orthodoxen Glaubens sucht und findet. Gesucht war also eine religiöse Form der sozialistischen Idee. Lenin wusste so gut, wie sein streitbarer Freund Maxim Gorki, dass es seit den Tagen von Jeanne d’Arc keine große geschichtliche Bewegung gegeben hat, die nicht das Element des Glaubens in ihrer Programmatik gehabt hätte. Die marxistische Bewegung bildet da keine Ausnahme. Ihre Ziele würden nicht erreichbar sein ohne die große Anteilnahme der Massen, die an diese Ziele glauben. Das und nur das war das Geheimnis von Lenins Satz, dass der Marxismus dann und nur dann stark ist, wenn die Menschen an ihn glauben. Das war mentalitätsgeschichtlich nicht neu, Lenin hat hier nur eine alte Lebenserfahrung aktivieren wollen. Die Menschen sollten bestärkt werden in der Überzeugung, dass, wenn sie gemeinschaftlich an etwas glauben, es auch zu schaffen in der Lage seien.

Nebenbei: natürlich blieben alle philologischen und kontextualen Vorschläge zur Emendation dieser Textstelle, die wir immer mal aus Leipzig an die deutsche (DDR-)Redaktion der Lenin-Werkausgabe gerichtet hatten, unbeantwortet und unberücksichtigt.

 


 

(1) Der graue Elefant

 Meine erste akademische Begegnung mit der Philosophie an der Leningrader Universität im Wintersemester 1953/54 war, höflich gesagt, ein Trauerspiel. Es tobte in dieser Zeit der Kampf gegen den sogenannten »Kosmopolitismus« – für St. Petersburg selig kein ganz neuer ›Virus‹. Der wurde schon hinter der ›Dekabristenverschwörung‹ (von 1825), vermutet, als freigeistige Beute junger Offiziere, die im Kampf gegen Napoleon bis nach Paris gelangt waren…

Und so auch heute: man habe im Siegestaumel von 1945 westliches Gedankengut ins »Heilige Vaterland« hereingelassen. Sowohl Sieger wie Rückkehrer wären kulturell kontaminiert mit ›Ideen des Westens‹. In den Zeitungen war zu lesen, es sei das Wesen dieser Ideologie, dass alles verherrlicht und angebetet würde, was aus dem »Westen« komme, während alles Vaterländische geleugnet und herabgewürdigt werde. Und, wie es mit jeder ideologischen Kritik immer zu sein pflegt, das Pendel schlug bei jedem Anstoß sofort auch nach der anderen Seite aus. Auf einmal gab es in der Wissenschafts- und Technikgeschichte keine große Entdeckung mehr, die nicht zuerst von einem Russen gemacht worden wäre, – von der Dampfmaschine übers Radio bis zu Weltraumrakete. Und wenn die Russen schon eine Entdeckung nicht selber gemacht hätten, so hätten sie doch immer wenigstens die Anregungen dazu gegeben.

Diese ideologische Kampagne war ein zutiefst peinlicher und dummer Vorgang, der dem Ansehen der Sowjetunion im Alltag der ›Befreiten‹ schweren Schaden zugefügt hat. Im Kaufhaus Schocken in Chemnitz waren mehrere Schaufenster mit Bildern ausgelegt, welche die überragende Größe der Sowjetwissenschaft illustrieren sollten. So gab es Bilder aus dem »Schaffen« der Biologin Olga Lepeschinskaja (1871-1963), die u.a. die Entstehung des Lebens aus organischer Materie (getrockneten Seesternen) entdeckt haben wollte. Natürlich wurde auch der Agronom Trofim D. Lysenko (1898-1976), der ›Erzieher der Hirse‹ (Brecht), mit seinem sog. »Tiefpflanzverfahren« ausgestellt. Die Erzgebirgsbauern schüttelten sich vor Lachen.

Die Philosophen durften in diesem Theater der Dämlichkeiten natürlich nicht fehlen. Für sie hatte Stalins Schwager Andrej Shdanow (1898-1948), übrigens seit kurzem der Namenspatron der Leningrader Universität, einen besonders parteilichen Spruch zusammengebastelt, der Schluss machen sollte mit der Verherrlichung der Hegelschen Philosophie, die übrigens auch Lenin nicht fremd gewesen sein soll… Der Satz lautete: Der klassische deutsche Idealismus, namentlich der Hegelsche, sei eine feudal- aristokratische Reaktion auf den Materialismus und die Französische Revolution. Ich habe allerdings nie gehört, dass diese »Formel« zitiert worden wäre. Die Philosophen der Leningrader Fakultät hatten auch kein Problem damit, offen zu sagen, dass sie sich für die exorbitante Dummheit ihrer Obrigkeit schämten.

Bei dem Satz von der aristokratischen Reaktion blieb es aber nicht. Das frischgedruckte dreibändige Grundlagenwerk fürs Studium der »Geschichte der westeuropäischen Philosophie« verschwand postwendend im Reißwolf. Ich habe alles versucht, ein Exemplar dieses Werkes zu erwerben. Es gelang mir nicht. Der »Graue Elefant«, wie das obskure Objekt der Begierde im philosophischen Volksmund genannt wurde, blieb ein Rarissimum. Nachdem dieses großartige Buch (immerhin durfte ich es kurz in meinen Händen halten) auf Nimmerwiedersehen verschwunden war, trat eine dicke Broschüre mit dem gleichen Titel an seine Stelle. Im philosophischen Vorlesungsprogramm der Fakultät ging es dem Fach »Geschichte der westeuropäischen Philosophie« dann auch nicht besser: es wurde auf ein Semester zusammengestrichen.

In Leningrad war einer älteren Professorin, der Ukrainerin Soja Michailowna Melestschenko, die Aufgabe zugewiesen worden, diese geistige Karikatur in einer Vorlesung zu zelebrieren. Eine so verunstaltete Philosophiegeschichte vorzuführen hat sie, man konnte es ihr ansehen, sehr unglücklich gemacht. Aber, so dachten wir, ihre Hörer: Sowjetbürger sind disziplinierte Leute, sogar im Unglück. Sie hat sich freilich bald auf ihre Weise dafür ›gerächt‹. Kurz nach dem XX. Parteitag der KPdSU (Febr. 1956) begann man eine Edition der Schriften von Antonio Gramsci (1891-1937). Dieser außergewöhnliche Denker hatte sich in seinen »Quaderni del Carcere« (1929-1935) mit großer Wertschätzung für ein intensives Studium der europäischen Philosophiegeschichte als Voraussetzung für eine schöpferische philosophische Entwicklung ausgesprochen. Die Gramsci-Vorlesungen von Frau Melestschenko haben uns, in diesem Sinne, einen weiten Blick auf das Wesen philosophischen Denkens überhaupt geöffnet. – Daran habe ich noch in meinen späteren Vorlesungen an der Leipziger Universität dankbar erinnern können. Beispielsweise an die Sentenz, man müsse »eine neue, integrale Kultur schaffen, die den Massencharakter der Reformation und der französischen Aufklärung besitzt und zugleich die Klassizität der griechischen Kultur und der italienischen Renaissance. Eine Kultur, die Robespierre und Kant zur Synthese vereint, Politik und Philosophie einer inneren dialektischen Einheit zuordnet, die nicht allein französisch oder deutsch, sondern europäisch und international ist. Man muss das Erbe der klassischen deutschen Philosophie nicht nur inventarisieren, sondern es zu wirksamem Leben wiedererwecken.« – So blieb mir die verehrte Soja Michailowna in dankbarer Erinnerung.

 

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