(9) Joseph Brodsky

In den letzten Semestern meines Studiums in Leningrad tauchte ab und zu ein ›abgebrochener‹ Gymnasiast in unserem Studentenheim auf, der sich mit uns über Literatur unterhalten wollte; er schrieb in seinen Arbeitspausen (als Hilfsarbeiter!) selber natürlich auch Verse und wurde bald als ein bedeutender Dichter bekannt: Joseph Brodsky (1940-1996). – Er war schon damals skandalumwittert, auch wegen seiner dichterischen Themen (namentlich Tod) und seiner, wie es damals mäkelnd hieß, ›kosmopolitischen‹ Autoren. Er war mit einem polnisch-jüdischen Kommilitonen befreundet, der mit mir ›auf Bude‹ war, Andrzej Jungheit (er starb sehr jung, Mai 1964). Ich erinnere mich noch an zwei andere polnische Kommilitonen in unserem Jahrgang: Jozef Pawlak (*1934), der nach Ende seines Studiums in Toruń zu arbeiten begann, und Karol Toeplitz (*1936), der nach Danzig ging.

Der junge Dichter Brodsky war auch jüdischstämmig und das war, was ich (frischfröhlich aus der DDR) mit unmittelbarem Erschrecken bemerken musste, hier ein offenbar ›anthropologischer‹ Makel… Er wurde dann auch wegen ›asozialem‹ Leben und seiner Gedichte Mitte der sechziger Jahre in ein Arbeitslager gesperrt und dann 1972 aus Russland ausgewiesen.

An ihn musste ich wieder denken, als sich nach 1991 die alte Union in die einzelnen Republiken national aufzulösen begann. Und besonders, als in der Ukraine bald die neue kulturelle Hegemonie gegen die Moskowiter organisiert wurde. Das wurde vorangetrieben vor allem von aus Galizien stammenden Aktivisten, die die alte separatistische Untergrundmilitanz (zwischen den Zwanzigern und Fünfzigern!) zum neuen Gründungsmythos einer gegen ›Großrussen‹, Juden und Polen gerichteten autonomen Ukrainizität entwickeln wollten. Zu den neuen Volkshelden der Ukraine zählen dann exemplarisch antipolnische Gewalttäter wie Wasyl Biłas (1911-1932), Dmytro Danyłyszyn (1907-1932) oder Hrykorij Maciejeko (1913-1966), antijüdische Pogromhelden wie Symon Petljura (1879-1926) oder dann die mit NS-Deutschland verbündeten ›Ukrainische Untergrundarmee‹. Das führte zu bis heute nicht abgeschlossenen nationalen Neu-Erfindungen (in Geschichte, Religion, Literatur und Sprache) und vor allem zu geopolitischer Dienstbarkeit für raumfremde Mächte. – Dagegen richtete sich Brodskys bitter-ironisches Lebt wohl, Chochols! Als einer ganz und gar nicht sowjet-nostalgischen Erinnerung an Größe, Tragik und vor allem an die Verbindungen und Empathien vieler Völker innerhalb jenes kulturellen und lebendigen Kosmos russländischer Vielfalt, der seit dem Ausgang des Mittelalters europäische Geschichte mitgeprägt hat. Und dass man bei politischen Trennungen, wie eben dem Auseinandergehen der ehemaligen Union, doch gefälligst zu unterscheiden in der Lage sein sollte zwischen momentanen politischen Differenzen und den vielfältig ineinander greifenden historisch gewordenen Kommunikationsformen in Literatur, Kunst, Brauchtum, Religion oder Sprache, die dennoch die ehemaligen nationalen Elemente miteinander verbindet. Bloß auf sich gegenseitig aufschaukelnde militärische Scharmützel zu starren, lässt beide Kontrahenten geistig verzwergen, – denn, so Brodsky, Soldaten verkörpern nie die Kultur, geschweige denn die Literatur – sie tragen Knarren, keine Bücher. All das Artifizielle und Eigenartige, was immer zum russländischen Erbe gehört, war für Brodsky immer tragender als alle globalisierenden Einebnungen des Herkommens. Wenn man die Ukrainizität neu gegen die geistige Landschaft, mit und aus der sie gewachsen ist, definieren wollte, wird man sich wohl, so Brodskys Befürchtung, mit einem seelenlosen Nationalismus begnügen müssen.

 

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