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Uwe Krüger: Meinungsmacht. Der Einfluss von Eliten auf Leitmedien und Alpha-Journalisten – eine kritische Netzanalyse, Köln: Herbert von Halem Verlag 2013, 375 Seiten

1.

Das vorliegende Buch, eine an der Universität Leipzig entstandenen medienwissenschaftliche Dissertation, wurde auf doppelte Weise zum Gegenstand bundesrepublikanischer Realsatire: Für ihre TV-Sendung Die Anstalt pickten sich die Kabarettisten Max Uthoff und Claus von Wagner Kernaussagen des Buches heraus, um dem Publikum vorzuführen, dass die Vorstellung von ›kritischem Journalismus‹, von unvoreingenommener Information und pluralistischer Meinungsbildung, von der kritisch-unabhängigen Funktion der ›vierten Gewalt‹ wenig anderes denn bürgerfrommes Trugbild sei. Anhand einer Schautaufel führten sie vor, wie jeder der führenden Journalisten in den ›Qualitätsmedien‹ mit jedem über allerlei Lobbygruppen unter einer Decke stecke. Jeder schreibe letztlich dasselbe, genauer: das, was – wie im Fall ›Ukraine‹ – der Hegemonialmacht USA genehm sei.

Bei derlei Späßen über Moral und Meinungsmacht hörte für Josef Joffe, den Mitherausgeber und Chefredakteur der als bundesrepublikanisches ›Leitmedium‹ – mit einer Auflage von mehr als 500 000 Exemplaren – fungierenden Wochenzeitung Die Zeit, der Spaß auf. Zusammen mit seinem Kollegen Jochen Bittner erwirkte er eine einstweilige Verfügung gegen das ZDF, sodann zogen die ›Zeit‹-Journalisten vor Gericht. Zum Glück für die Spaßvögel wurde die Klage vom Hamburger Landgericht abgewiesen. Mit ihrer Darstellung der US-basierten ›Netzwerke‹ des ›Zeit‹-Journalismus hätten die Kabarettisten nur gelinde übertrieben (AZ: 324 O 435/14). Gut so: Zumindest die Satire darf in Deutschland noch (fast) alles.

2.

Der Begriff ›politisch-mediale Klasse‹, der das osmotische Verhältnis zwischen etablierter Politik und Journalismus pointiert, taucht in Uwe Krügers Arbeit nicht auf. Nichtsdestoweniger kommt das von ihm zusammen getragene theoretische und empirische Material dem unter Wissenschaftlern ob seines ›undemokratischen‹, polemischen Beigeschmacks gemiedenen Begriff recht nahe.

Für Frankreich konstatierte Pierre Bourdieu anno 1998 »eine Geschlossenheit der Milieus« von Journalisten und anderen Eliten, was eine Art von Zensur mit sich bringe, die »wirksamer noch, weil unauffälliger« sei als staatlich verordnete Zensur (zit. 39, Fn.6). Spezifische Begriffe für die ›systemisch‹ bedingte Symbiose von Politik und Journalismus haben amerikanische Kritiker gefunden. W. Lance Bennett, Erfinder der ›Indexing-Hypothese‹, derzufolge die Medien sich an der politischen Elite des Landes orientierten – als Übersetzung für indexing böte sich ›den Finger in den Wind halten‹ an –, hält derlei reflexhaftes Verhalten für unproblematisch, solange die Berichterstattung alle im Elitendiskurs – etwa im US-Kongress – vorgetragenen Informationen, Argumente und Perspektiven umfasse. Gegen derlei Optimismus erhebt ein deutscher Autor (Horst Pöttker, 2003) – seinerseits etwas blauäugig – Widerspruch: In der Politik gehe es »um Macht und Stabilisierung, im Journalismus um Wahrheit und Öffentlichkeit« (zit. 55). Der Wirklichkeit näher kommt wiederum die Guard-Dog-Perspektive, die den Medien – anders als das Wort ›Wachhund‹ vermuten ließe – die Funktion zuweist, im Dienste der Eliten unerwünschte Machtaspirationen ›von außen‹ abzuwehren. Noam Chomsky, der als radical bekannte Linguist, spricht hinsichtlich der Funktion amerikanischer Medien schlichtweg von ›Propaganda‹, bestenfalls von geduldetem, systemstabilisierendem Dissens.

Das Verhältnis Politik-Medien beruht auf Gegenseitigkeit: Journalisten suchen die Nähe zur Politik, Politikern geht es um mediale Einflussnahme und Imagepflege. Parallel zum Empfang von Chefredakteuren in den Politiker-Büros gehören Vier-Augen-Gespräche – unter den Augen der ›Öffentlichkeit‹ in Lokalen wie Café Einstein oder Borchardt – zu den Techniken des Berliner Politalltags. Untereinander vernetzt, teilweise auch parteipolitisch eingebunden, treffen sich die Journalisten in allerlei ›Hintergrundkreisen‹, zum Austausch von Informationen und zur Bestätigung der eigenen Wichtigkeit.

Deutsche Journalisten sind ihrem Selbstverständnis nach kritischer als ihre amerikanischen Kollegen. Dass es sich um frommen Glauben handelt, konstatiert Krüger wie folgt: »Die Meinungsfreude von Überzeugungs- bzw. Gesinnungsjournalisten kann genauso gut ein Ende haben, sobald es die Gefahr gibt, sich damit im politisch-medialen Milieu zu isolieren und Quellen und politische Freunde zu verlieren« (74). Gerade auch in jenem Milieu, das sich seine kritische Attitüde zugute hält, ist die von Elisabeth Noelle-Neumann erkannte ›Schweigespirale‹ wirksam: Wer vom Mainstream abweicht, gerät ins Abseits. Als das Markenzeichen der Medien im liberalen System erscheint Konformismus anstelle des vermeintlichen Pluralismus.

3.

Das Sujet ›Meinungsmacht‹ – oder besser ›Medienabhängigkeit‹ – illustrierende Beispiele liefert der Autor im Kapitel zum ›Forschungsstand‹. Er erinnert an die Episode um den Journalisten Nikolaus Brender beim ZDF anno 2009, dessen Vertragsverlängerung als Chefredakteur der damalige hessische Ministerpräsident Roland Koch (CDU) verhindern wollte. Die Empörung bei der SPD entsprang nicht der Sorge um die Unabhängigkeit journalistischer Arbeit, sondern es ging um die Verteidigung der höchsteigenen Machtposition. In der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalt zu Mainz bestimmt die CDU den Intendanten und den Programmdirektor, die SPD den Verwaltungsdirektor und den Chefredakteur. Formal bilden die Parteienvertreter im 77-köpfigen Fernsehrat des ZDF nur eine Minderheit, »faktisch beherrschen sie über die ›Freundeskreise‹ das Gremium parteipolitisch« (zit. 26).

Vor dem Hintergrund des Konfliktes in der östlichen Ukraine wirkt der Hinweis auf die ›orangene Revolution‹ von 2004 in Kiew erhellend. Damals begeisterten sich die deutschen Medien über den Durchbruch der Demokratie in der Ukraine und übersahen geflissentlich die Hintergründe der ›Revolution‹: die Unterstützung durch amerikanische Stiftungen, die über Finanzen und Personal mit der US-Regierung, mit dem US-Militär und der CIA verknüpft waren (ibid.)

Wenn im Jahr zuvor, während des zweiten Irak-Krieges 2003, die US-kritische Berichterstattung überwog, so hatte dies nichts mit dem häufig beschworenen ›Antiamerikanismus‹ der mehrheitlich linksliberalen Journalisten zu tun, sondern damit, dass sie die Haltung der rot-grünen Regierung unter Bundeskanzler Schröder widerspiegelten. Auch während des Kosovo-Krieges 2001 herrschte die Befürwortung der von der Regierung – erinnert sei an die ›Auschwitz‹-Rhetorik des Außenministers Joschka Fischer – exerzierten Intervention auf dem Balkan vor (41).

4.

Das mit Definitionen übertitelte Kapitel, ist dem Stil einer Dissertation entsprechend an die sozialwissenschaftliche Fachwelt adressiert. Da geht es um den Unterschied – und die Schnittmenge – von ›Leitmedien‹, die hauptsächlich von anderen Journalisten konsumiert werden, und ›Elitenmedien‹, die sich an die Führungsgruppen bzw. Entscheidungsträger – aus den amerikanischen ›decision-makers‹ hat der deutsche Politologen-Jargon ›die Entscheider‹ (bislang ohne -Innen) gemacht – in Politik, Wirtschaft und Verwaltung richten. Kaum überraschend ist die Feststellung, dass sich das Informationsbedürfnis der ›Eliten‹ sowie der Journalisten auf die Web-Angebote verlagert hat. Für die Presseleute obenan stand anno 2007 spiegel.de mit 53,4 Prozent der Konsumenten, dahinter mit deutlichem Abstand süddeutsche.de mit 9,8 Prozent und tagesschau.de mit 9,5 Prozent (101). Existenziell notwendig für Journalisten ist schließlich das, was der Autor als ›Sozialkapital‹ bezeichnet, nämlich ihre ›Netzwerke‹.

Damit sind wir bei dem die Empörung des Zeit-Herausgebers Joffe auslösenden Hauptteil des Buches. In einer Netzwerkanalyse (Kap. 5) geht es um die formelle und informelle Liaison der deutschen ›Leitmedien‹ und ihrer ›Alphatiere‹ – semantische Anpassung an die lingua politica – mit der nationalen und internationalen, maßgeblich mit der amerikanischen Politik. Aus der Vernetzung rührt wiederum das ›framing‹, die mehr oder wenige willfährige Aufbereitung der Themen und der Kommentare (107), m.a.W. es geht um die Brille, durch welche die deutschen Meinungsmacher die Welt betrachten.

Die Befunde werden mit Abbildungen und Tabellen aus der Soziometrie veranschaulicht. In Gestalt eines Soziogramms stellt der Autor ein ›Gesamtnetzwerk‹ von 35 Organisationen vor, in das im Zeitraum 2002-2009 mindestens zwei Journalisten eingebunden waren. Zu den wichtigsten Organisationen und Foren gehören das Weltwirtschaftsforum, die Münchner Sicherheitskonferenz, die Atlantik-Brücke, das kaum bekannte M100 Sanssouci Colloquium, sodann das Aspen Institute, die Trilaterale Kommission sowie – auf dem Soziogramm am Rande angesiedelt – die von Verschwörungstheorien umrankte Bilderberg-Konferenz. Zu bemängeln ist, dass in diesem Netzwerk zwar die Koerber-Stifung zu finden ist, nicht jedoch die in der bundesrepublikanischen ›Zivilgesellschaft‹ zentral firmierende Bertelsmann-Stiftung. Die medialen Knotenpunkte laufen bei der Zeit, SZ, FAZ sowie bei der Welt und dem Spiegel, sodann beim ZDF und der ARD zusammen. Eher am Rande angesiedelt erscheinen Focus, die mittlerweile eingegangene Financial Times Deutschland, Bild, Stern und taz (›Tageszeitung‹).

Optisch eindrucksvoll geraten die vom Autor erstellten ›Ego-Netzwerke‹. Unter den »15 meistvernetzten Journalisten in der Rangfolge ihres Outdegrees« (Tab. 6, 126) steht der ZDF-Intendant Markus Schächter mit 20 Organisationen obenan, wobei er allerdings weniger auf politische und wirtschaftliche Kontakte Wert zu legen scheint denn auf kulturelles und karitatives Engagement (126, 129). Ins Zentrum der Betrachtung rücken sodann die ›Ego-Netzwerke‹ von Joffe, von Klaus-Dieter Frankenberger (verantwortlicher Redakteur für Außenpolitik bei der FAZ), Stefan Kornelius (Ressortleiter Außenpolitik bei der SZ) sowie Michael Stürmer (ehedem Ordinarius für Neuere Geschichte in Erlangen und Berater Helmut Kohls, heute Chefkorrespondent bei der Welt). Einsamer Spitzenreiter unter den national und maßgeblich transatlantisch ›vernetzten‹ Spitzenjournalisten ist Josef Joffe, der in allen denkbaren Organisationen – darunter sieben, inklusive der Atlantik-Brücke acht, US-basierte – anzutreffen ist. Erscheint das dazugehörige Schaubild im unteren Bereich bereits von breitflächig grauen Balken durchzogen, so sei Joffes »Personenmenge« ( 244 Kontakte) auf einem einzigen Schaubild »nicht sinnvoll darstellbar« (138).

Ohne ironischen Unterton findet der Autor bei den vier erwähnten Protagonisten der ›Vernetzung‹ die von den Soziologen Paul Lazarsfeld und Robert K. Merton anno 1954 etablierte ›Homophilie‹-These bestätigt, was am einfachsten mit ›Gleich und gleich gesellt sich gern‹ zu übersetzen ist. Wuchsen die vier Bildungskarrieren und Biographien in das US-amerikanisch geprägte Eliten-Ensemble hinein, so mischen sich in ihrer beruflichen Rolle unter psychologischem Aspekt die Motive – die Überzeugung von der Wichtigkeit der amerikanisch-deutschen Beziehungspflege mit dem eigenen elitären Bedürfnis bzw. »elitennahen Habitus« (144f.)

5.

Der Verfasser der Medienmacht demonstriert die geistige ›Homophilie‹ der vier US-affinen Top-Journalisten anhand des Themas ›Sicherheit‹, genauer den Abschied von der alten, auf den europäisch-atlantischen Raum zielenden Nato-Doktrin und die 1991 erfolgte Proklamation eines ›neuen‹, auf globale – out of area – Einsatzbereitschaft zielenden Sicherheitsbegriffs. Der anno 2002 vom damaligen Verteidigungsminister Peter Struck (SPD) formulierte Satz, die Sicherheit der Bundesrepublik werde auch am Hindukusch verteidigt, fand einhellige Zustimmung – mit leichten Nuancen selbst in den ›linken‹ Organen Frankfurter Rundschau und taz – in den Medien.

Amüsant zu lesen ist die in Kapitel 6 (Die Ausweitung der Kampfzone durch Eliten und Leitmedien) auf 23 Seiten ausgeführte Zitatenlese aus den Jahren 2003 bis 2010, worin die Homophonie von Joffe, Fankenberger, Kornelius und Stürmer bezüglich der ›Ausweitung der Kampfzone‹ in gleichlautenden frames, sprich in den auf die gefahrenvolle Welt bezogenen Sprachschablonen, zum Ausdruck kommt (175-198). Eine analoge Untersuchung über den inzwischen erfolgten Abzug der Bundeswehr dürfte zu ähnlichem journalistischem Gleichklang führen...

Am wenigsten überzeugt das Kapitel Die Münchner Sicherheitskonferenz und ihre Gegner in den Leitmedien. Hier soll gezeigt werden, wie die Hofberichterstattung der den Eliten zugetanen Journalisten an den auf Frieden und Verständigung gestimmten Empfindungen der Bevölkerung vorbeizielen. Zudem kämen die ›kritischen‹ Stimmen aus dem friedensbewegten Protestspektrum (wie die Internationale Münchner Friedenskonferenz) kaum zur Geltung. Derlei Kritik zielt an der politischen Wirklichkeit vorbei. Nicht nur, dass anno 2007 der russische Präsident Putin auf der Münchner Konferenz die Anwesenden herausforderte mit seiner Kampfansage an den ›Westen‹ und die Hegemonialabsichten der USA. Als Vorsitzender in München von 1998-2008 fungierte Horst Teltschik, der spätestens seit dem Krieg in der Ukraine den ›Leitmedien‹ als ›Putin-Versteher‹ suspekt sein muss.

6.

Wer sich einen Überblick über den derzeitigen Medienbetrieb verschaffen will, ist mit dem Buch gut bedient. In einem Anhang von mehr als 80 Seiten bietet es zusätzlich eine Art ›Who is who‹ des deutschen Journalismus und zählt alle Querverbindungen zum politischen Personal sowie zu den einschlägigen Organisationen auf.

Der Autor versteht sich nicht als radikaler Systemkritiker, im Gegenteil: er betont seine Distanz zur »radikalen linken Presse«, die alles, was »von oben« kommt, entweder verachtet oder negiert (262). Ihm schwebt das lautere Ideal des unabhängigen Pressewesens vor, indem er proponiert, Journalisten sollten keine Funktionen in »Beiräten, Kuratorien und vor allem in vertraulichen Politikplanungskörperschaften wahrnehmen«, etwa »in einem Elitenverein zur Förderung der transatlantischen Beziehungen« (264). Und guten Glaubens zitiert er den ›Code of Conduct‹ der New York Times: Journalists should stand apart from institutions that make news.

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