Renate Solbach: Zeichen

Themen/Jahrgänge

Seit meinem Studium des Faches Geschichte hat sich mir als einem der wenigen Studenten, die an Kirchengeschichte interessiert waren, ein Schlagwort eingebrannt: ›Thron und Altar‹. Die fachlich damit befassten Professoren waren sich weitgehend darüber einig, dass diese Formel das Verhältnis von Staat und Kirche seit Jahrhunderten treffend bestimmt und unsere gesellschaftliche Wirklichkeit bis heute geprägt habe. Da konnten sie sich des Beifalls der ›Post-68er‹-Kommilitonen sicher sein. Denn im ›roten Jahrzehnt‹ (Gerd Koenen) war es unbezweifelter Glaubenssatz, dass die Religion ›Opium des Volkes‹ (Marx) und die Kirche immer die ›Kirche der Herrschenden‹ gewesen seien. ›Fortschrittliche‹ Theologen flankierten die studentische Herrschaftskritik mit materialistischen Bibelexegesen nebst marxistischen Deutungen sowie Verweisen auf neue ›linke‹ Theologien, wie die ›Theologie der Befreiung‹ und die ›Theologie der Revolution‹ (wie z.B. Helmut Gollwitzer, Hans-Eckehard Bahr, Hans-Jürgen Benedict, Friedrich Wilhelm Marquardt, Dorothee Sölle, Martin Stöhr, Heinz Eduard Tödt). Wer anders dachte und notwendige Differenzierungen bzw. Aufhellungen des düsteren Tintoretto Gemäldes von zeitgenössischer Theologie und verfasster Kirche anmahnte, sah sich rasch als ›Reaktionär‹ und ›Obskurant‹ an den Katzentisch versetzt. Der einzige Historiker am Fachbereich für Geschichtswissenschaft, der die platte These von ›Thron und Altar‹ kritisch-empirisch zu differenzieren versuchte (Prof. Dr. Hans-Dietrich Loock), wurde von den versammelten ›Linken‹ als Kuriosum ignoriert.

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Umberto Eco, Der ewige Faschismus, mit einem Vorwort von Roberto Saviano, München (Hanser) 2020, 77 Seiten

Es kann doch nicht bloß der orgiastischen ›links-grünen‹ Italiensehnsucht geschuldet sein, dass aus der geliebten Landschaft ausgerechnet mit dem fascio, dem Rutenbündel (aus dem ein Beil herauslugt!) – einem antiken italischen Amtssymbol – heutzutage eine polit-rhetorische Devotionalie gegenwärtiger politischer Denunziation entdeckt wurde? – Nun, ›entdeckt‹ kann man diese heute referenzlose Floskel nicht wirklich nennen, es ist eigentlich Retroware. Und dadurch wandelt sich ›faschistisch‹ heute umso mehr, wie Eco schreibt, in ein Fuzzylogic-Wort (24). Diese Fuzzylogic war schon der ursprünglichen politischen Bewegung ›Fasci italiani di combattimento‹ eigen, sie gründet auf gar »keine monolithische Ideologie, sondern ist eher eine Collage« (24), die beliebige Zwecke illustrieren kann. – Diese neue Vokabel (›faschistisch‹), ursprünglich eine Selbstbezeichnung, wurde im Meinungs- und Straßenkampf seither dann auch multikulturell diversifiziert. Sie wurde als Kennzeichnung einer ersten totalitären, unspezifisch aktivistischen Denkungsart aufgegriffen, um die Ablösung des herkömmlich Politischen zugunsten der Auferstehung elementarer technischer Operativkräfte in der Polis (Massenmärsche, Massenmedien, Massenparteien, Milizen und Militär) zu beschreiben. Kurzum: »Wann immer ein Politiker die Legitimität des Parlaments in Zweifel zieht«, sei es aus Ärger über ›unpassende‹ Mehrheitsverhältnisse, sei es über die Anwesenheit einer ›unpassenden‹ parlamentarischen Fraktion, dann, so Eco, »riecht es nach Ur-Faschismus.« (38).

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EDELBERT RICHTER: Für ein Ende der Halbwahrheiten. Korrekturen an unserem Bild von Judentum und Nationalsozialismus, Edition Sonderwege, Manuscriptum Verlagsbuchhandlung, Lüdinghausen und Berlin 2018, 448 Seiten

Wenn Edelbert Richter sich äußert, dann ist das ernst zu nehmen. Als ausgebildeter Theologe und gebildeter Philosoph, in der einstigen DDR-Opposition eher auf dem linken Flügel, und langjähriger SPD- Parlamentarier tut er das immer wieder in Buchform, um den Dingen auf den Grund zu gehen. Effekthascherei wird ihm niemand unterstellen, der ihn kennt. Nach einem Werk, das die Tradition »deutschen Vernunft«-Denkens dem »angelsächsischen Verstand« systematisch gegenüberstellt, ist vor einem Jahr Für ein Ende der Halbwahrheiten. Korrekturen an unserem Bild von Judentum und Nationalsozialismus erschienen.

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EGON BAHR: Was nun? Ein Weg zur deutschen Einheit. Herausgegeben von Peter Brandt und Jörg Pache, Berlin (Suhrkamp) 2019, 222 Seiten

Was erfahren Schulklassen heute im Geschichtsunterricht über Egon Bahr, den Mann, einst bekannt als der ›Architekt der Ostpolitik‹, und sein politisches Konzept? Historischen Aufschluss vermittelt die vorliegende Schrift. Ihre Veröffentlichung verdankt sich dem Engagement Adelheid Bahrs, der Witwe Egon Bahrs, sowie dem Hagener Historiker und ältesten Sohn Willy Brandts, Peter Brandt. Es handelt sich um den Erstdruck eines 1965/66 von Bahr verfassten Manuskripts, das in dessen Nachlass bei der Friedrich-Ebert-Stiftung aufbewahrt wird. Die einstige Brisanz des Textes ist daran abzulesen, dass der Verleger Klaus Piper eine Publikation des Manuskripts seinerzeit ablehnte, da ihm – wie der Editorischen Notiz zu entnehmen – die »betont nationale Zielrichtung« der Abhandlung sowie deren »vermeintliche Verabsolutierung der Einheit gegenüber der Freiheit« nicht zusagte (S. 51). Auch Willy Brandt, der den Gedanken seines Vertrauten Bahr weithin zustimmte, hielt zu jenem Zeitpunkt – es war die Vorphase der von der ersten schweren Rezession überschatteten Großen Koalition – eine Veröffentlichung nicht für ratsam.

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In Memoriam Kurt Scheel

Das Recht auf freie Meinungsäußerung gehört, neben der Demonstrationsfreiheit und der Freiheit, Koalitionen zu bilden, zu den Grundbedingungen eines demokratischen Gemeinwesens. Diese Freiheiten sind nicht umsonst als Grundrechte in der Verfassung verankert, und sie bauen aufeinander auf: Nur wo jeder seine abweichende Meinung ungehindert äußern und sie zusammen mit anderen öffentlich artikulieren kann und darüber hinaus die Möglichkeit besteht, sich als politische Opposition zu organisieren, können wir von demokratischen Verhältnissen sprechen.

Über die Bedrohung der Meinungsfreiheit wird in letzter Zeit viel gestritten und auch lamentiert. Zu Recht und zu Unrecht. Beides soll hier untersucht werden.

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Um ein naheliegendes Missverständnis abzuwehren: Bei diesem Jahresthema geht es nicht um Rassismus, sondern um legitime und illegitime Optionen in der Wissenschaft oder, um es weiter zu fassen, auf den tradierten Feldern des Wissens. Dass in den Wissenschaften, wie überall in der Gesellschaft, ›schwarze Schafe‹, also Betrüger anzutreffen sind, ist eher geeignet, die Fülle an Zusammenhängen zu verdecken, die sich auftun, sobald man damit beginnt, das ›Feld der Wissenschaft‹ als Schachbrett zu verstehen. So wie das Muster aus schwarzen und weißen Feldern erst die klar definierten Züge des königlichen Spiels ermöglicht, ermöglicht die Differenz erlaubt / nicht erlaubt die unübersehbare Fülle wissenschaftlicher Operationen.

Wie es um die Mechanismen zur Legitimierung und Delegitimierung von Positionen samt den dazugehörigen Strategien in der zeitgenössischen Szene steht, dafür bietet die Klimawissenschaft seit Jahren die anschaulichsten – und populärsten – Beispiele. Dabei steht sie keineswegs allein, wie selbst vergleichsweise harmlos erscheinende Disziplinen, etwa die unter die Räder der Gender-Debatte geratene Altphilologie, gelegentlich unter Beweis stellen. Einer der bestechendsten Züge von Wissenschaft besteht darin, dass es ihr immer wieder gelingt, die in der Gesellschaft aufbrechenden Konflikte um sie und ihre ›Ergebnisse‹ in sich aufzunehmen und zu reflektieren. Wissenschaft kennt keine Feindschaft, jedenfalls nicht im üblichen (oder Schmittschen) Sinne des Wortes. Das könnte Erstaunen hervorrufen, da ihr Verfahren, allgemein gesprochen, gerade der Ausschluss ist – Exklusion statt Inklusion.

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IABLIS Jahrbuch für europäische Prozesse

Schach dem Wissen. Über schwarze und weiße Wissenschaft

Vorwort

 

Thema


Michael Schulze

Kollektivgedächtnis

Rainer Paris

»Feigheit vor dem Freund.« Über Gefährdungen der Meinungsfreiheit

 Johannes R. Kandel

›Thron und Altar‹ – Staat und Kirche – Eine immerwährende Ehe?

 

Rezensionen


Herbert Ammon

Einheit durch Anerkennung. Egon Bahrs Deutschland-Plan

 Steffen Dietzsch

Südliche Politica –
Umberto Eco: Der ewige Faschismus

 Peter Brandt

Edelbert Richters "Versuch, das Unverzeihliche zu verstehen"

 

 

Weitere Beiträge in Vorbereitung

 

 

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Um ein naheliegendes Missverständnis abzuwehren: Bei diesem Jahresthema geht es nicht um Rassismus, sondern um legitime und illegitime Optionen in der Wissenschaft oder, um den Begriff weiter zu fassen, auf den tradierten Feldern des Wissens. Dass in den Wissenschaften, wie überall in der Gesellschaft, ›schwarze Schafe‹, soll heißen, Betrüger anzutreffen sind, ist eher geeignet, die Fülle an Zusammenhängen zu verdecken, die sich auftun, sobald man damit beginnt, das ›Feld der Wissenschaft‹ als Schachbrett zu verstehen. So wie das Muster aus schwarzen und weißen Feldern erst die klar definierten Züge des königlichen Spiels ermöglicht, ermöglicht die Differenz erlaubt / nicht erlaubt die unübersehbare Fülle wissenschaftlicher Operationen...

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Iablis aktuell

Thema 2020: Schach dem Wissen. Über schwarze und weiße Wissenschaft

Um ein naheliegendes Missverständnis abzuwehren: Bei diesem Jahresthema geht es nicht um Rassismus, sondern um legitime und illegitime Optionen in der Wissenschaft oder, um es weiter zu fassen, auf den tradierten Feldern des Wissens. Dass in den Wissenschaften, wie überall in der Gesellschaft, ›schwarze Schafe‹, also Betrüger anzutreffen sind, ist eher geeignet, die Fülle an Zusammenhängen zu verdecken, die sich auftun, sobald man damit beginnt, das ›Feld der Wissenschaft‹ als Schachbrett zu verstehen. So wie das Muster aus schwarzen und weißen Feldern erst die klar definierten Züge des königlichen Spiels ermöglicht, ermöglicht die Differenz erlaubt / nicht erlaubt die unübersehbare Fülle wissenschaftlicher Operationen.

Wie es um die Mechanismen zur Legitimierung und Delegitimierung von Positionen samt den dazugehörigen Strategien in der zeitgenössischen Szene steht, dafür bietet die Klimawissenschaft seit Jahren die anschaulichsten – und populärsten – Beispiele. Dabei steht sie keineswegs allein, wie selbst vergleichsweise harmlos erscheinende Disziplinen, etwa die unter die Räder der Gender-Debatte geratene Altphilologie, gelegentlich unter Beweis stellen. Einer der bestechendsten Züge von Wissenschaft besteht darin, dass es ihr immer wieder gelingt, die in der Gesellschaft aufbrechenden Konflikte um sie und ihre ›Ergebnisse‹ in sich aufzunehmen und zu reflektieren. Wissenschaft kennt keine Feindschaft, jedenfalls nicht im üblichen (oder Schmittschen) Sinne des Wortes. Das könnte Erstaunen hervorrufen, da ihr Verfahren, allgemein gesprochen, gerade der Ausschluss ist – Exklusion statt Inklusion.

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