Renate Solbach: Zeichen

Wissen ist Macht
Nichts wissen macht nichts

ddr-parole


In der Welt gibt es Gutes und Böses und beides kämpft miteinander
ausgerechnet um ihn, hört der Mensch sagen, und den Widerspruch
reinlich bedenkend, scheidet er erstens Gott und den Teufel sauber
voneinander, denn dass Prinzipien ineinander nicht enthalten sind,
ist ihm geläufig.
Er entfernt so auf ewig den Gedanken an einen Gott,
der etwa mit dem Bösen in sich ringt, gar an einen Teufel,
der das Gute entsetzt aus seiner Brust reißt,
und darf sicher sein, hat er derart gedacht, die beiden
werden sich sein Leben lang nicht sehen.
Darum schafft er zweitens ihnen doch einen Ort der Begegnung
in dem, was auch eine Mördergrube heißt oder sein Herz,
um dort das seiner Erfahrung nach eigentliche Schauspiel der Schöpfung
- denn es hält sie in Gang - sich allen Ernstes anzusehen,
unerreichbar freilich für Verdammnis wie Erlösung, weil seine Seele
ihm zu schade zu allem ist, außer zum Perpetuum mobile.
Gleichermassen enthoben der Mühe, sich als Perverser
selbst zu zerstören wie noch über den Engel in sich hinaus zu wachsen,
füllt sich die Null seines Inneren mit Unendlichkeit, keine des etwa
möglichen Noch-Nicht, vielmehr eine des verwirklichten Gar-Nichts,
oder anders gesagt: Gutes und Böses in seiner Brust einigen sich
auf den kleinsten und gemeinsten Nenner - und der heißt EGAL.
EGAL ist ein Zustand restlos erfüllter Nichtigkeit. EGAL ist die
seitenlose Unterschiedlichkeit und beiderseitige Unentschiedenheit.
EGAL ist die Austauschbarkeit von Unschuld und Verführbarkeit.
EGAL worüber verfügt wird, EGAL wodurch man verfügbar ist,
alles bewahrend, was EGAL ist und allem erliegend, weil es EGAL ist,
bleibt DAS GROSSE EGAL als  das Keine von Beiden das Einzige,
was dabei herauskommt.
Das aber ist die LAGE.

 

 

Iablis aktuell

Thema 2020: Schach dem Wissen. Über schwarze und weiße Wissenschaft

Um ein naheliegendes Missverständnis abzuwehren: Bei diesem Jahresthema geht es nicht um Rassismus, sondern um legitime und illegitime Optionen in der Wissenschaft oder, um es weiter zu fassen, auf den tradierten Feldern des Wissens. Dass in den Wissenschaften, wie überall in der Gesellschaft, ›schwarze Schafe‹, also Betrüger anzutreffen sind, ist eher geeignet, die Fülle an Zusammenhängen zu verdecken, die sich auftun, sobald man damit beginnt, das ›Feld der Wissenschaft‹ als Schachbrett zu verstehen. So wie das Muster aus schwarzen und weißen Feldern erst die klar definierten Züge des königlichen Spiels ermöglicht, ermöglicht die Differenz erlaubt / nicht erlaubt die unübersehbare Fülle wissenschaftlicher Operationen.

Wie es um die Mechanismen zur Legitimierung und Delegitimierung von Positionen samt den dazugehörigen Strategien in der zeitgenössischen Szene steht, dafür bietet die Klimawissenschaft seit Jahren die anschaulichsten – und populärsten – Beispiele. Dabei steht sie keineswegs allein, wie selbst vergleichsweise harmlos erscheinende Disziplinen, etwa die unter die Räder der Gender-Debatte geratene Altphilologie, gelegentlich unter Beweis stellen. Einer der bestechendsten Züge von Wissenschaft besteht darin, dass es ihr immer wieder gelingt, die in der Gesellschaft aufbrechenden Konflikte um sie und ihre ›Ergebnisse‹ in sich aufzunehmen und zu reflektieren. Wissenschaft kennt keine Feindschaft, jedenfalls nicht im üblichen (oder Schmittschen) Sinne des Wortes. Das könnte Erstaunen hervorrufen, da ihr Verfahren, allgemein gesprochen, gerade der Ausschluss ist – Exklusion statt Inklusion.

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Yagiridia. Capriccio
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