Muse del Oro

Aktuell

Die SPD und der Mantel der Geschichte

von Gunter Weißgerber

Seit über einem Jahr verdichtet sich das mulmige Gefühl, dass der Bundesrepublik die Statik verrutscht. Es ist, als ob die Bundestagsparteien im Herbst 2017 auf Reset gewählt werden (wollen?). Reset auf das Niveau treuer Stammwählerschaft. Im Gegenzug dazu wird mit der AfD eine auf Ressentiment gepolte Partei ein unerwartetes Wachstum mit unvorhersehbaren Folgen für unsere Sicherheit erfahren. Regieren werden sie nicht, die allgemeine Stimmungslage verschlechtern sie auf jeden Fall.

Unerwartet wird das alles nicht kommen. Die erwartbar hohe AfD-Präsenz wird als Ergebnis eines jahrelangen Versagens der Bundesregierung und hier vor allem der Kanzlerin und der geradezu impotent erscheinenden demokratischen Parteienlandschaft über uns kommen.

Selbstverständlich vermag auch ich nicht die Wahlergebnisse des kommenden 24. September zu prognostizieren. Dies können die Meinungsforschungsinstitute genauso wenig. Im Moment sieht es jedoch so aus, dass die CDU so tut, als ob sie was aus 2015 gelernt hat und die SPD ihrerseits so tut, als ob sie nichts aus 2015 lernen muss. Die Wähler werden vermutlich diejenigen belohnen, die so tun, als ob sie was gelernt hätten. Die Republik dürfte damit nicht untergehen, nur die SPD scheint sich leider wieder einmal entschieden zu haben, vom Steuerrad nach Backbord zu wechseln, dabei ihre eigenen Graswurzeln unter ideologischem Beton ausdörrend.

Im Frühjahr 2017

 


Über den Verfasser

Gunter Weißgerber, geboren 1955, Publizist, SPD-Abgeordneter des Deutschen Bundestages 1990-2005, zählt zu den Gründungsmitgliedern der SPD in der DDR (SDP). Er trat als Redner bei den Leipziger Montagsdemonstrationen auf und gehörte von März bis Oktober 1990 der ersten frei gewählten Volkskammer der DDR an. Er zählte zu den 144 von der Volkskammer gewählten Abgeordneten, die am 3. Oktober 1990 Mitglied des Deutschen Bundestages wurden.

 

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Die Handlungstheorie von Panajotis Kondylis

Gegenwärtig wird fast jeder theoretische Erkenntnisgewinn in der jeweils gewünschten Richtung als methodisches Gebot und als Resultat der Logik des Verfahrens ausgegeben. Dabei dient die Berufung auf die Methode dazu, inhaltlich bereits getroffene Vorentscheidungen im Hinblick auf die Interpretation etwa eines historischen und soziologischen Stoffes zu stützen. Doch aus der bloßen Anhäufung von einzelnen empirischen Daten, die dann auf der Grundlage eines methodischen Verfahrens zu einem einigermaßen kohärenten Begriffssystem mit Anspruch auf Allgemeingeltung gebündelt werden, kann keine Wissenschaft entstehen. Denn der Einsatz einer bestimmten Erkenntnisweise und die Anwendung einer bestimmten Methode setzen bereits inhaltliche Überzeugungen über die Beschaffenheit der (physikalischen oder geschichtlich-sozialen) Welt voraus.

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Demokratie oder Technokratie

In der klassischen Tradition galten alle reinen Formen der Regierung, also Monarchie, Aristokratie und Demokratie, für verderblich, da in ihnen die Tendenz zur Verschlechterung, zum Abkippen in die korrupte Form angelegt war. Die Monarchie galt vielfach auf den ersten Blick als die beste Regierungsform, da in ihr der »gute König« herrschte, der das Gemeinwohl im Sinn hatte und zugleich eine umfassende Handlungskompetenz besaß. Er wollte also das Gute und war auch in der Lage, dementsprechend zu handeln – was will man mehr. Allerdings gab es keine Garantie dafür, daß der gute König gut blieb.

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An das Pu­bli­kum und für das En­sem­ble

Aus dem Satz von der Welt als Wille und Vor­stel­lung folgt der Satz vom Thea­ter als Wille zur Vor­stel­lung.
Die Auf­for­de­rung, zu Be­ginn des Stü­ckes an Sie ge­rich­tet, nicht sich tot zu stel­len, son­dern sich vor­zu­stel­len, Sie seien es nur – ist die Auf­for­de­rung eines Thea­ters, dem die Vor­stel­lung als Vor-stel­lung gilt.
Ein sol­ches Thea­ter der Il­lu­si­on per­so­ni­fi­ziert den Tod, denn der ist die thea­tra­li­sche Il­lu­si­on, dem Leben da oben von hier unten aus zu­schau­en zu kön­nen.
Heißt das aber, Ihre Vor­stel­lung muss zu einem To­ten­stück oder gar To­des­stück miss­ra­ten?
Zum Glück nicht!
Denn was Sie durch­ster­ben wer­den, ist – opéra mort! – nur ein Stück totes Thea­ter.
Wir muten Ihnen den Alp­traum einer Thea­ter­fi­gur zu, die, aus einem an­de­ren Stück, in dem uns­ri­gen die Rolle des ei­ge­nen Va­ters gibt und bei dem Ver­such, des­sen Tod dar­zu­stel­len, in wie­der einem an­de­ren Stück, buch­stäb­lich mit­samt der Rolle da­hin­schei­det.
Der Tod, für den einen Au­gen­blick selbst der Il­lu­si­on sei­ner Il­lu­si­on er­le­gen, ge­währt der Figur eben die­sen als Mo­ment des Wei­ter­spie­lens (die Ewig­keit ist das Zeit­pro­blem des Todes), indem er ihr das Da­sein in sei­ner Thea­ter­welt als Auf­füh­rung vor­täuscht.
Dies ge­schieht mit­telst drei­er Trau­mer­schei­nun­gen, wel­che die fol­gen­den Titel tra­gen: das Freu­den­haus der Ver­gan­gen­heit, das Toll­haus der Ge­gen­wart, das Lei­chen­haus der Zu­kunft.
Im ech­ten Büh­nen­le­ben ent­spricht das etwa dem, was man das Buh­len um die Rol­len (Be­set­zung), den Irr­sinn der Pro­ben (Regie), das Tief­frie­ren des Re­per­toires (Spiel­plan) nennt.
Dass so ein Stück kei­nen Autor haben darf, ver­steht sich von selbst. Der Autor ist un­fä­hig zur thea­tra­li­schen Il­lu­si­on – würde er sonst Stü­cke schrei­ben ? – be­zie­hungs­wei­se der Autor und die Il­lu­si­on, die er sich zu sei­nem Stück ma­chen könn­te, sind ein Nichts im Ver­gleich zu dem, was Sie, also Ihre Vor­stel­lung, also das Thea­ter aus sei­nem Stück ma­chen. Darum habe ich, der Autor, mich, den Autor, gleich von vorn­her­ein nicht vor­ge­se­hen.
Was hätte in dem Thea­ter toter Vor­stel­lun­gen ich le­ben­der Autor auch zu su­chen?
Und so bitte ich ers­tens darum, dies­mal als ent­schul­digt feh­len zu dür­fen, und zwei­tens, dass mir ge­stat­tet sei, den an Sie ge­rich­te­ten Brief mit einer Wid­mung für das En­sem­ble zu ver­se­hen, weil es die schwie­rigs­te Auf­ga­be über­nom­men hat, die am Thea­ter ver­ge­ben wird, näm­lich Ihrer Vor­stel­lung zu ent­spre­chen, was heißt, einer Il­lu­si­on durch die noch grö­ße­re.

Apro­pos.

Am Schluss des Stü­ckes be­fin­den Sie sich ge­wis­ser­ma­ßen hin­ter dem Vor­hang der Vor­stel­lung, die Sie sich ge­ra­de ge­macht hat­ten. Wäh­rend Sie der Thea­ter­fi­gur zu­se­hen, wie diese für den Auf­tritt vor­be­rei­tet wird, mit dem Ihre Vor­stel­lung be­gann, endet deren Auf­füh­rung für immer. Was Sie jener aber min­des­tens vor­aus­ha­ben, be­sagt am tref­fends­ten des Gor­gi­as von Leon­ti­ni Aus­spruch über die Büh­nenil­lu­si­on, bei der »der Ge­täusch­te wei­ser ist als der Nicht­ge­täusch­te«.

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Yagiridia. Capriccio
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Ich will diesen Sack vermöbeln
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GRABBEAU · ACTA LITTERARUM