Ulrich Schödlbauer

»Dieses Hoffnungsbild«, sagt der entlassene Mechatroniker, »gleitet durch meine Träume, es ist in meiner Umgebung gleichsam hinterrücks aufgenommen worden, denn eigentlich hätte allein ich es aus dieser Perspektive … wie? Nein, ich war’s nicht, das kann ich definitiv sagen, es wird mir immer und immer wieder zugespielt, wie gesagt, im Traum, es ist ein sehr lebhafter, ich bitte um eine Kopie, weil ich es in meinen Beständen nicht finde … ja, es handelt sich um eine Fotografie, habe ich das nicht betont? Wie gesagt, ein Bild der Hoffnung, aber etwas fehlt darin: die Freude. Es liegt keine Freude darin. Freudlose Hoffnung, was soll das sein? Gern würde ich Ihnen die Fotografie zukommen lassen, dann könnten Sie auf einen Blick sehen, was ich meine. Aber das geht natürlich nicht. Sie wissen, wie das mit Traumbildern ist – wie gewonnen, so zerronnen. Eher findet sich, was ich meine, in Mülltonnen, vor allem, wenn die Reste glitschig wurden, dann bekommen die einfachsten Papierschnipsel einen überirdischen Glanz, der das Auge seltsam berührt. Wir stehen ja, wie es heißt, an einer Zeitenwende. Wir stehen da schon ziemlich lange, ich kann mich gar nicht erinnern, jemals an anderer Stelle gestanden zu haben. Aber die Dinge spitzen sich zu und mit ihnen die Unerträglichkeit des Bestehenden, so dass wir heute allesamt Hoffende sind und selbst mit ausgefahrenen Zehenspitzen kaum ein wenig Grund unter den Füßen spüren. Eigentlich schweben wir längst, jedenfalls mein Nachbar und ich, auch er, obwohl er doch eine gewisse Grundfülle auf die Waage bringt. Komischerweise neigen ja oft gerade Übergewichtige zu seismographischen Fähigkeiten. Dieses Schweben, es ist ja kein physisches Schweben, mehr so ein geistiger Zustand, obwohl das auch wieder das falsche Wort ist.

Ich weiß, was Sie jetzt denken: »Was, Sie hoffen noch? Das habe ich längst aufgegeben. An dieser Welt ist nichts mehr zu retten.« Wer sagt Ihnen, dass ich zu den Weltrettern gehöre? Um die Welt zu retten, brauchen Sie einen Plan. Um einen Plan zu besitzen, müssen Sie eine reductio ad absurdum vornehmen, wie einer meiner Lehrer das nannte. Das heißt, Sie müssen die Welt auf so wenige Parameter eindampfen, dass sie nur noch für Sie und ihre Spießgesellen bewohnbar ist, während alle anderen bereits ausgestiegen sind: »Nein, das ist nicht meine Welt. Wie kommen Sie auf die Idee, dass das die Welt sein sollte. Komischer Einfall. Neinneinnein, glauben Sie mir, das sind Hirngespinste!« Was folgt daraus? Jedes Weltrettungsmodell ruft mit Sicherheit ein anderes auf, dieses das dritte und so fort. Erzählen Sie mir nichts über Weltretter! Eine Spezies, sage ich Ihnen, das halten Sie auf Dauer nicht aus. Nun, da einigen von uns langsam dämmert, wir lebten schon seit einigen Jahren unter einem Weltrettungsregime und müssten allmählich mit den Konsequenzen rechnen, warten wir auf das angekündigte wahre Weltrettungsregime und so fort. Wir werden immer weiter in die Zukunft hinausgetrieben, obwohl es doch seit Jahrzehnten bereits fünf vor Zwölf ist. Fünf vor Zwölf! Verstehen Sie, was das heißt? Sie gehen in den Kindergarten und was lernen Sie da? Fünf vor zwölf. Sie gehen in die Grundschule, wechseln aufs Gymnasium, absolvieren eine Ausbildung an irgendeiner Fachhochschule: Fünf vor Zwölf. Und wenn Sie schließlich ins Gras beißen: Fünf vor Zwölf. Nein, es macht keinen Spaß.

Es ist auch nicht reell. Wissen Sie, was reell ist? All diese der Theorie nach untergegangenen Inseln, die sich wie eh und je bester Tourismusbedingungen erfreuen, aber eine Art Absaufprämie von den Weltrettern zugesteckt bekommen, sie sind reell. Aber das ficht die Weltretter ja nicht im geringsten an. Das ist kontingent. Wissen Sie, was kontingent ist? Kontingent ist, wenn Sie die A-Taste drücken und auf dem Bildschirm erscheint B. Sie versuchen es noch ein- oder zweimal, aber dann schließen Sie Ihren Frieden mit dem seltsamen Phänomen und lassen A B sein. Und nach kurzer Zeit werden Sie kein A mehr benötigen. Sie werden eine gewisse Virtuosität im Vermeiden von Satzanfängen mit A entwickeln, aber das wird nur der Anfang sein. Hauptwörter mit A werden durch Hauptwörter mit B ersetzt, nichts einfacher als das, wir nennen es die Evolution der Sprache, B macht das Rennen. Aus A wie Atlantis entsteht B wie Brennstoffzelle. Was haben Atlantis und die Brennstoffzelle miteinander zu schaffen? Ich sage es Ihnen: Es handelt sich um Projekte. Die Brennstoffzelle, sie wird den Untergang jener fernen Inseln verhindern, die längst von der Meeresoberfläche verschwunden sein müssten, so wie der Schnee auf dem Kilimandscharo und die Eisschollen, auf denen die Eisbären Surfen lernen. Wir brauchen die Brennstoffzelle. Aber es gibt sie doch! Das zählt nicht. Es zählt das Projekt.

Immer wenn ich aus dem Haus trete, zähle ich die traurigen Windmühlenflügel auf dem gegenüberliegenden Hügel. Wenn Sie mich fragen: Das sind die wahren Symbole freudloser Hoffnung. Alles dreht sich im Kreis und bei Flaute lässt es die Flügel hängen. Kommt ein Sturm auf, ist Schluss mit Lustig, scheint die Sonne, braucht sie niemand, weil dann die Photovoltaik das Rennen macht. Wenn sie sich aber drehen, dann verdrücken sich Mensch und Tier. Nur die Raubvögel lassen sich, wie es heißt, bereitwillig schreddern. Wahrscheinlich hoffen sie auf eine Wiedergeburt als Staatsbedienstete. Diese zerstückelten Körper sind praktisch die einzigen, die dem Modell unbegrenzt Zukunftsfähigkeit attestieren. Alle anderen halten sich zurück. Damit wären wir beim Warten. Das Warten hat, wenn Sie mich fragen, in diesem Land mittlerweile eine solche Dichte erreicht, dass man schon mit Presslufthämmer an seine Beseitigung gehen müsste. Vielleicht täusche ich mich auch. Dabei gibt es ganz unterschiedliche Weisen des Wartens. Zum Beispiel können Sie jahrelang darauf warten, dass jemand, sagen wir, das Steuer des Staatsschiffs aus der Hand legt, weil Ihnen der Kurs nicht schmeckt oder weil die abrupten Kurskorrekturen der Vergangenheit Sie misstrauisch gemacht haben. Wenn Sie dann entdecken, dass das Steuer die ganze Zeit angebunden war und kein Mensch sich darum kümmerte, dann haben Sie natürlich für die Katz’ gewartet.

So ein spätes Wissen entwertet die Warterei aus Verantwortung ungemein. Es kann natürlich auch sein, dass viele Anwesende die ganze Zeit über darauf gewartet haben, Sie und ihresgleichen endlich über Bord gehen zu sehen. Das wäre dann eine Pattsituation. Ich sage Ihnen etwas: Die meisten Menschen warten aus rein egoistischen Gründen. Und das nicht etwa, weil sie sich dafür entschieden hätten. Es kommt einfach nichts anderes an sie heran. Die einen warten auf das sexuelle Abenteuer, die anderen auf den großen Börsencoup. Wem gar nichts einfällt, der wartet eben auf den Krebs, damit endlich Leben in die Bude kommt und etwas passiert. Die gewiefteste Form des Wartens ist das taktische Warten darauf, dass der andere einen Fehler macht. In diesem Warten steckt natürlich die Hoffnung, dass er irgendwann einen Fehler macht. Und natürlich die Freude, sollte die Hoffnung in Erfüllung gehen. Die Gemeinheit, heißt das, lässt die Quellen der Hoffnung springen. Der gemeine Mensch verfügt über das volle runde Leben, der ungemeine nur über die Kraft, sich selbst über diesen Punkt zu betrügen, und oft nicht einmal das. Daher heißt es auch, nur um der Hoffnungslosen willen ist uns die Hoffnung gegeben – das klingt so menschenfreundlich, meint aber natürlich, dass des einen Reinfall des anderen Chance ist, denn schließlich will der Mensch sich weiterentwickeln und das nicht unbedingt auf der Schneckenspur.

Angenommen, angenommen … was nimmt der Mensch nicht alles an im Laufe seines relativ kurzen Daseins? Aber wer nichts annimmt, der kommt zu nichts und das ist mit Abstand die schlechteste Option. Angenommen also, ein Ereignis, ein Ur-Ereignis, an das Sie sich gar nicht richtig erinnern können, das Sie vielleicht nur vage ahnen, hat die Freude aus Ihrem Leben herausgenommen, sie wie einen Schirm zusammengeklappt und auf dem Weg ins Abseits irgendwo stehengelassen, so dass die Chance, sie eines Tages gerade dort wiederzufinden, gleich Null ist, angenommen, Sie stecken fest in diesem freudlosen Dasein, dann können Sie von der Lösung träumen, die der Pedant in Ihnen vorschlägt: Finde die Stelle, an der deine Freude verlorenging, und stelle sie wieder her, die gute alte Freude, die Freude deines Daseins, die du seither so sehr vermisst hast. Sicher, das ist eine Lösung. Aber während Sie darüber nachdenken, kommt Ihnen der Einfall, es doch einmal mit einer anderen Freude zu versuchen und die verlorengegangene ihrem ungewissen Schicksal zu überlassen. Eine ganz neue Freude – das müsste doch etwas sein. Sind Sie nicht mittlerweile über Ihre alte Freude etwas hinausgewachsen? Wer sagt denn, dass Sie sie überhaupt noch erkennen würden? Und wenn, ob Sie sich nicht mit Grausen von ihr wenden würden, so eingeschränkt und abartig kommt sie Ihnen auf einmal vor? Und während Sie das denken, strafft sich etwas in Ihnen und Sie entdecken Ihr Recht auf eine neue Freude, eine ganz neue Freude, eine Freude ohne Vorbild und Vorgänger, die reine Freude, die aus dem Auge blitzt und Sie sooo dastehen lässt in der Welt Ihrer Freunde und Anverwandten.

Jetzt heißt’s aufpassen. Vorerst ist sie nirgends zu finden, die neue Freude.Vielleicht machen Sie sich etwas vor, weil Sie schon ahnen, dass Sie die alte Freude nicht mehr finden werden. Die neue Freude ist dann vielleicht nichts anderes als eine Abdeckfolie, die eine falsche Hoffnung zudecken soll, ohne die Hoffnung als solche preiszugeben. Ja, das könnte sein. Andererseits … gibt man so rasch die Aussicht auf eine neue Freude preis? Eigentlich nicht. Andererseits: Recht betrachtet, gibt es so wenig Grund zur Freude, dass schon eine ganz grundlose Freude aus Ihnen herauslodern müsste, um den so sehr gefühlten Mangel zu beseitigen. Das allerdings wäre sehr viel verlangt. Von Ihnen, aber auch von der Welt, die sich nichts angelegener sein lässt, als Freude und Jubel im Ansatz zu dämpfen und am besten gleich ganz zu ersticken. Sind Sie der Mensch, der das leisten könnte? Sagen Sie nicht vorschnell Ja, es haben sich bereits Menschen ins Unglück gestürzt, die bei ein bisschen Nachdenken noch am Leben sein könnten. Geben Sie zu, das Nachdenken über die Freude hat doch gerade erst zwischen uns begonnen, da stürzt man sich doch nicht gleich in den Trubel. Die Menschen sagen gern, der oder der habe ein freudloses Dasein. Aber sie meinen damit eigentlich etwas anderes: Sie finden, er fährt zu selten weg oder das Konto ist etwas karg bestückt oder er hat keine Kinder oder Enkelkinder, die er verwöhnen könnte, oder er lächelt selten oder nie: Das alles kann Übergänge zu einem freudlosen Dasein bezeichnen, aber eigentlich hat es mit Freudlosigkeit nichts zu tun. Freudlosigkeit ist Freudlosigkeit. Ist die Freude weg, ist sie weg. Das Ereignis kann an einem beliebigen Tag eintreten, sie stehen auf oder blicken in die Zeitung oder in den Spiegel, aber es handelt sich immer um ein Ereignis.

Tragisch ist es, wenn Sie auf gerade auf Freude abonniert sind, zum Beispiel während einer Urlaubsreise, und plötzlich knipst jemand das Licht aus und sagt: Nein! Sie können dann noch ein paar Tage herumlaufen und sich einbilden, das alles sei nur ein Missverständnis und gerade jetzt sei das Leben wunderschön. Mag sein, das ist vielleicht sogar die Regel, da die Psyche die plötzlichen Übergänge nicht gut hinbekommt und noch eine Weile weiter wurstelt, als sei nichts gewesen, aber natürlich weiß sie Bescheid und stellt sich bereits darauf ein. Ein plötzliches Ableben kann das bewirken, aber es lassen sich auch andere Anlässe denken. Das freudlose Dasein fühlt sich anfangs an, als sei ihm keine lange Lebensdauer beschieden, die Affektlagen wechseln, das weiß doch jeder, sie wechseln, wenngleich abgeschwächt, auch wirklich, aber sie lahmen auch, sie lahmen wirklich, sie sind nicht mehr das, was sie einmal darstellten, der Motor, der den Wagen in Bewegung hält, doch dafür geht es jetzt erst einmal eine Weile bergab, da ist die Motorleistung nicht gar so wichtig. Dabei lernen Sie einen gewichtigen Unterschied kennen: Freudlosigkeit ist nicht Gefühllosigkeit. Mancher, der sich mit Gefühllosigkeit geschlagen weiß, empfindet jetzt tief das Privileg: Freudlosigkeit + Gefühllosigkeit reichen völlig aus, um eine Extraklasse unter den Freudlosen zu etablieren, einen vornehmen Golfclub, von dem aus die weniger Privilegierten sich wie wahre Unglücksgestalten ausnehmen.

Der Freudlose weiß in der Regel noch nicht, was die Stunde geschlagen hat. Das macht ihn sanftmütig, aber auch nachlässig. Er weiß etwas über Depressionen und sagt sich: Ich bin ein bisschen deprimiert und ich habe auch allen Grund dazu. Das wird sich wieder ändern. Eigentlich geht’s mir prächtig. Er betrachtet sich also im Grunde als Wiedererstandenen vor der eigentlichen Auferstehung. Das grenzt an Selbstbetrug, da er ja nichts in der Hand hat, das auf eine nahe Auferstehung hindeuten könnte. Nichts spricht dafür als die hartnäckige Überzeugung, dass für jede körperliche Arbeit irgendwo ein Entgelt bereitliegen müsse, und Freudlosigkeit besitzt die wundersame Eigenschaft, jede, selbst die geistigste Tätigkeit in körperliche Arbeit zu verwandeln. Wirkliche Arbeiter wissen, dass zwischen dem Entgelt für ihre Arbeit und jeder Art von Auferstehung ein unüberbrückbarer Abgrund klafft. Das allein zeigt, dass Freudlosigkeit ein Privileg ist beziehungsweise sich an eine privilegierte Existenz hängt, es sei denn, sie erweist sich als beherrschende Macht des Alters und knabbert am Gnadenbrot. Der wahre Freudlose ist so durchdrungen von der Aussicht auf eine baldige Rückkehr in den Freudenstand, dass man versucht sein könnte, die Freudlosigkeit als eine Art Verpuppungszustand zu betrachten, als Vorstadium der Freude, was natürlich semantisch ein Unding ist und Zweifel an der Verfassung dessen sät, der solche Thesen in die Welt setzt.«

Er hat sich in Rage geredet, der entlassene Mechatroniker. Seine Bäckchen glühen, er räuspert sich häufiger als allgemein üblich. Ein nervöser Husten lässt erkennen: das Thema beschäftigt ihn stärker, als der gleichmäßige Fluss der Rede zu erkennen gibt. »So ist es, Sie haben vollkommen recht, das hier ist schweres Terrain, auf dem ich mehr als einmal gestrauchelt bin. Kommen wir auf die Hoffnung zurück, die freudlose Hoffnung, denn die andere ist es kaum wert, dass man sich mit ihr beschäftigt, dann können wir jetzt klarer erkennen, dass es sich um eine Abfolge rasch wechselnder Stimmungen handelt, je nachdem, in welchem Stadium der Abwesenheit sich die Freude befindet. Fast könnte man sagen: Die Hoffnung ist der Treiber in diesem Spiel der Freudlosigkeiten, je nachdem, ob sie sich rückwärts an vergangenen Freuden orientiert oder ob sie alles von einer großen, allen bevorstehenden Freude erwartet. Man kann nicht sagen, dass die Hoffnung darauf, dem Leben auch in Zukunft ein paar Freuden abzugewinnen, überhaupt die Bezeichnung ›Hoffnung‹ verdient. Die Hoffnung, so wie sie dem Menschen gegeben ist, richtet sich auf etwas anderes. Die Gemeinheit, habe ich gesagt, lässt die Quellen der Hoffnung springen. Das kann ich jetzt präzisieren. Die Phantasie der Menschen ist beschränkt. Sie wollen diese Dinge haben, die ihnen eine nicht vorhandene Zukunft vorgaukelt. Sie wollen sie nicht haben, weil sie sie brauchen – sonst müssten sie sie längst besitzen –, sondern weil sie sie im Licht der Freude sehen, der großen Freude, die sie in Zukunft erwartet.

Und jetzt passen Sie auf. Diese Freude, die Sie in der Zukunft erwartet, die bleibt natürlich drin, ich meine jetzt in der Zukunft, sie ist die Zukunftshoffnung per se, wenn Sie verstehen, was ich meine, der Einzelne hofft ja, wie schon angedeutet, auch nicht für sich allein, sondern stellvertretend für alle, das heißt natürlich erst einmal für sich, aber er weiß natürlich auch, wie vermessen es wäre, auch nur eine Sekunde lang anzunehmen, dass sich die Zukunft, die ja etwas ganz Allgemeines ist, so weit herunterbeugen würde, dass sie nur ihn ganz allein beträfe. Das ist ihr nicht zuzumuten und dafür ist sie schließlich nicht da. Natürlich gibt es immer Dummköpfe, die nicht über den Tellerrand ihres Ichs hinausblicken können, aber mit denen müssen wir uns jetzt nicht wirklich beschäftigen. Alle anderen wissen Bescheid. In der Wirtschaft ist das ganz klar: Man muss den anderen etwas zu verdienen geben, wenn es einem selbst gut gehen soll. Natürlich gibt es auch mörderische Konstellationen, die bereinigen sich dann gewissermaßen von selbst. Aber das Entscheidende an der Zukunftshoffnung bleibt immer, dass sie nicht in die Gegenwart übertritt, sondern, wie die Zukunftsangst, die es natürlich auch gibt, eine Art Spur vor uns herzieht. Ein Mensch, der in der Zukunft lebt, das heißt, mit seinen Gedanken, Worten und Werken bei dem ist, was da kommen soll, ein solcher Mensch wird nie ganz freudlos sein. Er wird die Vorfreude genießen, weil die Zukunft für ihn nichts abgeschlossen Künftiges ist, sondern etwas Offenes – Sie wissen schon, das ist ja von den Progressiven aller Machart oft genug beschrieben worden. Dir steht die Zukunft offen – das ist eine den meisten Menschen bereits aus der Konfirmationszeit vertraute Phrase, was allein schon zeigt, dass immer ein wenig göttliche Nachhilfe im Spiel sein muss, wenn daraus etwas werden soll. Entsprechend freudlos lebt der, den irgendein Ereignis, eine Begebenheit, eine Krankheit vielleicht, von der Zukunft abgeschnitten hat. Für ihn ist die Zukunft ein hell erleuchteter Nachtzug, der droben dahin braust, während er sich in den Schotter des Bahndamms drückt und hofft, nicht von einem tödlichen Wirbel erfasst zu werden. Ob nun die Zukunft ihn verworfen hat oder er sie – jedenfalls diese –, lässt sich im Nachhinein schlecht eruieren. Aber vielleicht ist das dann auch nicht mehr so wichtig.

Wer mit der Zukunft auseinander ist, der kann von Glück reden, wenn ihm eine zweite nachwächst. Ein unerhörtes Glück, so kommt es mir vor, denn die andere, die erste Zukunft bleibt bei alledem nicht untätig und zerreißt, was sie an neuem Gewebe erreichen kann. Ich jedenfalls – nein, ich möchte nicht von mir reden, das brächte einen speziellen Ton hinein, den ich nicht mag, aber das Leben bildet einen zum Beobachter aus und man beobachtet so mancherlei, nicht zuletzt an sich selbst. Die Leute verwechseln die Freudlosigkeit gern mit dem Unglücklichsein. Das liegt daran, dass sie immerfort auf den Pfaden des Glücks unterwegs sind und sich fragen, warum die zweite Zukunft, die ihnen so viel kostbarer erscheint als die erste (schließlich ist sie dort, wo sie wächst, ihr Verdienst), weniger Glück abwirft als die erste, die sie zum Glück, wie sie meinen, verlassen haben. Sie haben richtig gehört: das wahre Glück – oder was die Leute dafür halten – bleibt für die meisten Menschen ein Irrlicht, aber ein kostbares. Das liegt daran, dass sich das Verhältnis von Glück und Freude verschoben hat: das Glück muss ganz Gegenwart sein und die Freude entschlüpft immer wieder in die hermetisch verschlossene Zukunft, am liebsten dann, wenn man gerade von innen zu leuchten begonnen hat, jedenfalls stellt das Gemüt sich den Vorgang so vor. Ist es nicht seltsam, dass gerade der Freudlose von dieser Idee geradezu besessen ist: ein leuchtendes Beispiel der Freude zu geben, überhaupt ein Beispiel zu geben, ein Beispiel an Leuchtkraft an den Grenzen der Dunkelheit, die am Ende alles verschlingt? Aber gerade dieses Verschlungenwerden ist nicht reell, weil es ins Danach verschoben ist. Danach sind wir alle tot, doch im Augenblick… Man darf den Augenblick nicht vernachlässigen. Er mischt überall mit. Daher ist es mit dem Beispielgeben auch nicht so weit her. Es sind die flackernden Lichter, die von der Mühsal des Lebens berichten.«

»Lassen Sie mich raten. Sie sind einer von den Freudlosen, die sich wie falsche Fuffziger – entschuldigen Sie den antiquierten Ausdruck! – zwischen den Menschen bewegen und darauf warten, dass sie einem ihresgleichen begegnen. Doch wenn sie ihm begegnen, dann erkennen sie mit Grausen, dass hier keine Entlastung winkt. Denn eigentlich sind sie auf der Suche nach Entlastung. Aber woher soll die Entlastung kommen, wenn erst einmal das Dasein zur Last geworden ist? Das müssten Sie mir noch erklären.«

»Muss ich? Sie glauben, Sie hätten mich ertappt und ich schuldete Ihnen eine Erklärung? Sie täuschen sich. Es gibt Milliarden Weisen, da zu sein, jeder hat die seine, dazwischen gibt es keine Stege, auch wenn wir uns das immer wieder vorflunkern. Im Grunde besteht das, was die Leute Leben nennen, aus diesem Vorflunkern. Ich könnte Ihnen also jetzt etwas vorflunkern. Warum? Wäre Ihnen damit gedient? Vielleicht hielten Sie mich dann für den Weisen vom Berge? Aber wahrscheinlich wären Sie nur enttäuscht. Da ist es doch besser, wir ziehen die Enttäuschung vor und lassen die Sache im Ungewissen.

Doch, halt, etwas gibt es: das Mitsein. Wo das Mitsein endet, da beginnt die Nacht.«

»Das hatte ich mir fast schon gedacht.«

 

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