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Neues vom Virenpfarrer

Er ist ein Guter, unser Virenpfarrer. In dreißig Jahren haben wir uns an seine wöchentlichen Podcasts gewöhnt. Da kennt man jeden Ton einer Stimme, jede Modulation. Das Gehör nimmt bereits Kurs auf das noch zu Sagende, bevor es die Stimmbänder passiert hat. Seit längerem behaupten deshalb einige sensible Geister, sie wüssten bereits im voraus, worauf es dieses Mal hinauslaufen wird. Das ist, mit Verlaub gesagt, Nonsens. Natürlich weiß jedes Kind, was der Virenpfarrer zu sagen hat. Auch wir Erwachsenen beanspruchen schließlich, ganz ohne falschen Zungenschlag, die Botschaft zu kennen. Warum sollten wir sie nicht kennen? Dreißig Jahre Verkündigung sind eine lange Zeit. Unsere Leute sind nicht auf den Kopf gefallen, sie sind tüchtige Handwerker, sie sind Leute vom Fach, viele von ihnen haben studiert und kennen sich aus. So schnell macht uns niemand ein X für ein U vor. In der Tat, wir haben Respekt vor der Arbeit des Virenpfarrers, auch wenn die Stimme ein wenig geölt klingt und hier und da ein schnarrender Aussetzer für eine kurze Irritation sorgt. Wir kennen seine Botschaft (soweit sie uns frommt), wir verstehen sie exakt bis zu dem Punkt, an dem weiterzudenken unser Geist sich verwirren würde … aber doch nicht in jedem Detail, nicht in jeder Fluse ihres anmutig fallenden Gewandes, nicht in ihrer speziellen jahreszeitlichen Lesart. Wer wollte das denn? Es wäre vermessen.

Natürlich ist auch der größte Adept nicht imstande, den speziellen Mix, in dem die sich doch im Kern immer gleichende Botschaft gerade an einem Tag wie heute dargeboten werden soll, zu erraten. Und, Hand aufs Herz, aufs Erraten liefe die ganze Sache hinaus. Also warten wir jedes Mal aufs Neue gespannt auf das, was er uns erzählen wird. Unser Virenpfarrer! Ihm lauschend registrieren wir, zwar nicht mit den leiblichen, aber mit den Augen des Geistes, den feuchten Schimmer, der sich beim Reden über sein Antlitz legt, den feinen, aus Mund- und Nasenhöhle hervordringenden, seine Figur allwöchentlich einhüllenden, sich langsam über sie erhebenden und in die nahe wie fernere Umgebung abfließenden Aerosolnebel, und ziehen daraus unsere eigenen, nicht unbedingt dramatischen Schlüsse. So geht unser aller Leben dahin, wir wissen uns kein anderes und wollen uns auch kein anderes vorstellen. Warum sollten wir? Wie der Pfarrer, so das Dorf. Das ist eine alte, vom Leben immer wieder bestätigte Bauernregel.

Doch es geschehen auch ungewöhnliche Dinge.

Letzte Woche zum Beispiel – letzte Woche muss es gewesen sein, denn in der Woche davor war der Virenpfarrer überraschend verreist gewesen und wir hatten vergebens auf seine Ansprache gewartet –, letzte Woche fanden einige Frauen, diesmal habe seine Stimme einen melodramatischen Unterton gehabt – nicht eindringlich genug, um von jüngeren und den bereits halb ertaubten Gemeindegliedern bemerkt zu werden, sie aber, jede für sich, hätten ihn nun einmal vernommen und daher beschlossen, diese Woche ganz Ohr zu sein, um sich nicht die kleinste kommende Nuance entgehen zu lassen. Das ist Gerede, gossip, wie es im Englischen heißt, aber es findet doch immer seine Abnehmer. Schließlich könnte es sein – wir warten, wie angedeutet, seit dreißig Jahren auf diesen großen Moment –, dass sich das Virus endlich doch zu verfärben beginnt, also aus seinem vom Virenpfarrer als eher rötlich-mausgrau beschriebenen, in den erhofften, ersehnten, unser aller Leben von Grund auf verändernden eher bläulich-grünen, manche sagen auch: bläulich-sanftrosa Zustand übergeht. Natürlich wissen auch wir – der Virenpfarrer hat es uns oft genug eingeschärft und wir sind auch ohne seinen Zuspruch keine Phantasten –, dass selbst dann nicht alles wieder so sein wird wie früher, also in der Zeit vor der Geburt des Virus: dazu ist zu viel passiert und, nüchtern betrachtet, auch viel zu viel Zeit vergangen. Wir sind nicht mehr die alten, vielmehr, jetzt sind wir die Alten und manchmal, denken wir an die Alten von damals, beschleicht uns … aber warum sich erinnern? Die Erinnerung, sagt der Virenpfarrer, ist ein Trojaner: vorne steckt man etwas hinein und hinten kommt etwas anderes heraus. Mag sein, ich verwechsle da jetzt etwas.

Wie gesagt, unsere Kinder haben unseren Part übernommen und unsere Enkel stehen, Nase und Mund vorschriftsmäßig verhüllt, in den Startlöchern, um das pulsende Wunder des Lebens an sich geschehen zu lassen. Da wäre es doch seltsam, wenn wir jetzt aus dem gewohnten Schatten des Virus treten würden, gleichsam in die Sonne eines neuen Daseins hinein. Die Kinder würden es nicht verstehen und die Enkel, die Enkel… Nein, wir könnten und wollten es ihnen nicht antun. Und sie? Sie würden Mittel und Wege finden, es zu verhindern. So haben sie, um ein einfaches Beispiel zu geben, das doch für vieles steht, noch nie einen Mund gesehen, es sei denn, verstohlen im Spiegel, den eigenen – was würden sie da wohl machen, wenn sie die unseren zahnlos fänden? Würden sie Fragen stellen? Würden sie es wagen, uns ins Gesicht zu sehen? Würden sie stumm beiseite gehen? Würden sie vor Scham vergehen? Würden sie ihre Gesichter – und nicht nur sie – aufs Neue und diesmal für ewig verhüllen? Würden sie uns, die Wegbereiter, aus ihrem Gesichtskreis entfernen? Wäre das eine Welt, in die sie noch Kinder zu setzen bereit wären? Nein? Wäre das dann die letzte Welt? Nicht auszudenken, nicht zu ertragen die Schmach … wir müssten uns über die Klippen ins Jenseits werfen, ohne noch einen Blick über die Schulter zu riskieren.

So sieht es aus. Der Virenpfarrer kennt und versteht uns, so wir wir ihn kennen und zu verstehen gelernt haben. Der Virenpfarrer ist ein studierter Mensch, er hat unsere Bedürfnisse erforscht und würde, dessen können wir sicher sein, eher das göttliche, aus dem Verborgenen heraus unser aller Leben regelnde Virus vernichten als zuzulassen, dass seiner Gemeinde etwas zustößt. In diesem Punkt können wir uns auf ihn verlassen. Wie können wir uns dann darauf verlassen, dass sein Wort gilt und das Virus sich in all den Jahrzehnten nicht um eine Nuance verfärbt hat? Zugegeben, das ist eine knifflige Frage. Ich will nicht verhehlen, dass im Dorf ein Club der Abtrünnigen existiert, der in diesem Punkt offen abfällig über den Pfarrer redet. Selbst das Wort ›Priesterbetrug‹ ist, neben anderen, bereits gefallen. Noch können wir Alten damit umgehen, dass solche Wörter ausgesprochen werden, obwohl sie uns in unserem Innersten kränken. Noch hält der zivilisatorische Panzer, in dem wir mehr oder weniger bequem unseren kleinen Alltagsverrichtungen nachgehen. Aber wie steht es um die Jungen? In ihnen brodelt es – ein Narr, wer es nicht bemerkte. Können wir es ihnen verdenken? Wir können es nicht. Ehrlich gesagt, unser ganzes Denken ist auf dem Rückzug. Zu lange haben wir es um diesen Hauptpunkt unseres Lebens kreisen lassen, als dass es jetzt noch gerade Gedanken abwürfe. Gerade Gedanken… Ich sehe ihn in Gedanken lächeln, den Virenpfarrer. Er hält sich ein Lätzchen vor, das seine Verehrerinnen ihm einmal vor Jahren genäht haben, wir sind seines unverhüllten Anblicks seit langem entwöhnt, vielleicht liefen wir erschreckt auseinander, wenn…

Ja was denn? Werde ich es wagen, über dieses letzte Stöckchen zu springen? Werden meine Freunde, meine Verwandten, meine Kinder es wagen? Wie lange bleibt so ein Virenpfarrer im Amt? Verschafft ihm das Virus am Ende ein ewiges Leben und wir gehen leer aus? So schnell kommt man auf Ketzergedanken, man merkt es kaum.

 


Die auseinandergelogene, die zusammengelogene und die zurechtgelogene Welt

Die auseinandergelogene, die zusammengelogene und die zurechtgelogene Welt üben den gemeinsamen Brückenschlag. Dem militärischen Laien mag das als eine leichte Übung erscheinen. Doch die beteiligten Streitkräfte wissen, vom Befehlshaber bis herunter zum letzten Rekruten, um das diffizile, unendlich abstimmungsbedürftige Zusammenspiel der dabei zum Einsatz kommenden Waffensysteme und sind gewarnt. Was für den Einzelnen gilt, das gilt auch für Armeen und die Welten, die sie entsenden. Wer sich eine Welt zusammenlügt, versteht leicht die Welt nicht mehr, sobald sie von einem anderen auseinandergelogen wurde. Da stimmt kein Anschluss, die Munition passt nicht zueinander, die Befehle widersprechen einander, selbst die Feindbilder stimmen nicht: eine vollkommene Konfusion, die leicht den Exitus im Felde nach sich ziehen kann, sobald der Feind von ihr Wind bekommt. Wer selbst dort, wo er nichts weiß, weiß, wie alles mit allem zusammenhängt, der weiß aus dem Grunde seines Herzens, dass derjenige lügt, der bestreitet, dass etwas mit etwas zusammenhängt, auch wenn dafür die eindeutigsten Belege auf dem Tisch liegen. »Belege sind keine Beweise«, schreit der Auseinanderlügende, sobald er des Zusammenlügenden ansichtig wird. »Das sind Hirngespinste, jawohl!« Der Zusammenlügende, bereits erhitzt, lässt ihn kaum ausreden: »Wer leugnet, was wir wissen, der leugnet die Wissenschaft, und wer die Wissenschaft leugnet, der leugnet die Welt, und wer die Welt leugnet, der leugnet sich selbst, und wer sich selbst verleugnet, was ist der? Gibt es ihn überhaupt? Nein, es gibt ihn nicht. Wenn es ihn aber nicht gibt, dann gibt es nur mich und meinesgleichen. Alles andere sind Verschwörungstheorien.«

Wer nun glaubt, der Zurechtlügende träte als Vermittler zwischen die beiden, auf dass alles gut würde, der versteht die zurechtgelogene Welt schlecht. Weit davon entfernt zusammenzubiegen, was als Lüge auseinanderklafft, verteilt er Fleißkärtchen an die beiden und bittet sie, die Ergebnisse ihrer Recherchen an einem vorbestimmten Platz abzulegen, auf dass er zur vorbestimmten Stunde davon einen vorbestimmten Gebrauch machen kann. Stolz darauf, dem Zurechtlügenden, den er insgeheim bewundert, zu Diensten sein zu können, rafft der Auseinanderlügende seine Belege, aus denen eindeutig hervorgeht, dass nichts auseinander hervorgeht, jedenfalls nichts von Bedeutung, und schichtet sie zu einem Haufen zusammen. »Das ist fein«, ruft der Zurechtlügende, »das hilft uns sehr«, und er tritt mitten in den Haufen, dass alles auseinanderfällt. Der Zusammenlügende, gewitzt ob dieser Art der aneignenden Beweisführung, gedenkt es besser anzustellen und sucht das Ohr des Zurechtlügenden. »Wisse«, flüstert er kaum vernehmlich, »ich weiß, dass du die Macht bist, ich weiß aber auch, dass hinter dir andere Mächte stehen, ganz andere, hinter denen wieder andere und so fort: du weißt, wovon ich rede. Wenn wir uns hier auf einen Deal einlassen, dann muss es ein richtiger sein, an dem wir beide unsere Freude haben. Wie wäre es, wenn ich dir meine Beweise erspare, die ohnehin alle auf einen Punkt hinauslaufen, und wir beide zusammenlegten, ganz ohne Hintergedanken und falsche Ausgänge?« – »Meine Rede!« freut sich der Zurechtlügende, »aber wie soll das gehen? Ich behaupte, dass alles miteinander zusammenhängt, und schlage jedem aufs Maul, der von sich behauptet, die Zusammenhänge zu kennen. Was ein Zusammenhang ist, bestimme ich, und zwar von Fall zu Fall, so wie es mir nützt. Was soll mir da deine Gefolgschaft?«

»Sehr einfach. Solange ich hingehe und behaupte, du wüsstest um die Zusammenhänge, hättest aber Grund, dich in der Praxis naiv zu stellen, bewundert dich alle Welt. Aus der Bewunderung fließt Furcht und aus Furcht Gehorsam. Das weiß doch jeder. Wenn ich aber behaupte, und zwar aus gutem Grund, du hättest keine Ahnung, wovon du redest, wenn du redest, du seiest in Wahrheit eine Marionette in fremden Händen, ins Spiel gebracht, um das Werk der Menschen von Grund auf zu zerstören, dann kann dir das im ersten Moment schnurzegal sein, weil nur ein Häufchen Aufgeregter und Gleichtickender auf meine Linie einschwenken wird, auf lange Sicht jedoch… Warum hörst du mir nicht zu? War dieser Satz zu lang für dich? Fürchtest du dich vor langen Sätzen? Langweilen sie dich, bloß weil du nichts davon verstehst? Verwirrt sich bereits dein Geist? Dann solltest du mir umso genauer zuhören. Du verfügst über die Macht und ich verfüge über die Macht, sie zu zerstören. Verstehst du das? Der Deal, den ich dir anbiete, besteht in Folgendem: »Ich gehe hin und behaupte, hinter dem Auseinanderlügenden stünde der Feind. Welcher Feind, wirst du fragen, zu Recht, und ich werde antworten: der unsichtbare Feind. Der unsichtbare Feind ist nicht unsichtbar, weil er sich hinter den sieben Bergen versteckt, sondern weil er jederzeit aus jedem von uns hervorbrechen kann. Du verstehst, was ich damit ausdrücken möchte? Wir alle sind Gefährdete und Gefährder. Wir beide, du und ich, wissen das und können uns und jeden, der sich unserem Schutz unterstellt, schützen. Der Auseinanderlügende hingegen … er darf nicht zugeben, dass hinter allem der Feind steht. Er hat also keinen Schutz zu bieten und wird dadurch zum Gefährder. Was trennt den Gefährder vom Feind? Wenig? Was trennt uns vom Gefährder? Unser Bündnis, was sonst? Ich werde hingehen und dich in der beschriebenen Weise denunzieren, und du wirst hingehen und den Auseinanderlügenden der Lüge bezichtigen. Ist das nicht einfach?«

Der Auseinanderlügende weiß nicht, was die beiden so lange munkeln, er fühlt sich nicht wohl in seiner Haut und wittert Zusammenhänge. Welche könnten das sein? Legen sie etwa zusammen? »Ich hab’s«, schließt er messerscharf, »sie sprechen miteinander, weil alle in der entstandenen Lage miteinander sprechen müssen. Warum sprechen sie nicht mit mir? Bin ich ihnen so überlegen? Der Zurechtlügende will meine Argumente nicht hören und der Zusammenlügende will nichts von ihnen wissen. Zwischen Hören und Wissen beziehungsweise Nichthören und Nichtwissen besteht ein alter Zusammenhang. Man nennt ihn Vernunft beziehungsweise Unvernunft. Sollten sie mich also in den nächsten fünf Minuten hinzuziehen, so ist das, was sich hier anbahnt, ein Pakt der Vernunft zwischen Unvernünftigen. Sollten sie mich allerdings nicht hinzuziehen, dann wäre es ein Pakt der Unvernunft zwischen Vernünftigen. Es wäre klug von ihnen, mich auszuschließen, aber nicht klug genug, um mich draußen zu halten. Wie gesagt: Nichts kann sie zusammenhalten als ein Pakt zwischen Lügnern, der eine Lüge ist.« Er steht ein wenig abseits, der Auseinanderlügende, aber der Zurechtlügende sieht die Gefahr und schlägt vor, ihn ins Boot zu holen. »Es ist wichtig, jemanden dabei zu haben, der Stein und Bein schwört, diese Dinge hätten nichts miteinander zu tun. Er ist brauchbar

Man sieht, so ein Bund macht sich leicht. Nur die Militärs haben die Scherereien. Wie sie damit umgehen, wird über das Schicksal der besten aller Welten entscheiden. Manche von ihnen meinen, diese Welt liege noch vor uns, sie asphaltieren Pisten in die letzten Dschungelgebiete des Planeten, um von dort Projektile direkt in die Zukunft starten zu lassen, andere hegen im Prinzip dieselbe Meinung, aber bevorzugen den Landweg und setzen auf schweres Gerät. Nicht dass sie den Lügen ihrer Vorgesetzten Wort für Wort Glauben schenkten, sie schlucken sie nur und nehmen anschließend Mittel gegen Magenbeschwerden. Zeige mir einen Militär mit intaktem Verdauungstrakt und ich beweise dir im Handumdrehen, dass du dich täuschst. Nur mit einem Feind, der jederzeit aus jedermann hervorbrechen und uns alle vernichten will, können sie nichts anfangen. Militär wird, wer jederzeit und unter allen Umständen für sich bürgen kann. Das ist sogar das Mindeste, denn ein Militär muss jederzeit und unter allen Umständen für seine Untergebenen bürgen, sogar für seine Vorgesetzten, auch wenn er für sie nichts kann. Die freie Wirtschaft hat es da leichter, sie kombiniert die Freiheit, am Markt krepieren zu können, mit der Freiheit, die Täuscher zu täuschen, selbst auf die Gefahr hin, unter den Opfern zu sein.

 


Einübungen in Sklavensprache

Im Zeichen der Raute – pardon: des Hashtags – geboren zu sein: herbes Los. Dabei gibt es Lichtblicke. Ich zum Beispiel bevorzuge den (oder das?) Hashtag #stopit. Beiseite: es gibt ihn (oder es) auch mit Doppel-p, #stoppit geschrieben, aber die Zahl der damit erreichbaren Personen fällt um den Faktor zehn gegenüber der Ein-p-Version ab und erweist sich damit in der Praxis als #selbstschuss, auch #knieschuss genannt. Doch selbst solche Schüsse erweisen sich in der Praxis als hörbar. Der schönste je vernommene Knieschuss lautet übrigens #raute, schließlich weiß jeder (oder jede), was sich dahinter verbirgt, man muss es daher nicht eigens hinschreiben. Der (oder das) Hashtag #hashmich zum Beispiel, wechselweise mit oder ohne Zwischen-c geschrieben, ist ein Dauerbrenner. Allerdings hält sich niemand daran und deshalb bleibt aller Einsatz umsonst.

Um zum Thema zu kommen: Wissen Sie, woran man Sklavensprache erkennt? Nein? Gut, dann will ich Ihnen auf die Sprünge helfen. Zuvor will ich mich kurz vorstellen, denn im Netz, da sind wir alle gleich #einsam in unserer erworbenen Haut, sprich: im Mantel unserer Verdienste, und merken gleich, dass sie, auf die Entfernung berechnet, nicht in Betracht kommen, dass sie, im Gegenteil, den Träger unsichtbar machen. Warum? Weil er sich darin sicher wähnt. Der erste Rempler, und der verdienstvolle Mensch liegt gefällt am Boden. Deshalb: #stellen-sie-sich-vor!

Stellen Sie sich vor, Sie würden mich kennen: nein, ich bin nicht der Mann im Mantel mit rotem Schal, der gerade an Ihrer Behausung vorbeiweht, getragen vom Vollgefühl seines Termins beim Zahnarzt um die Ecke, der offenbar, nach langer Absenz, Privattermine abarbeitet, aber vielleicht nächste Woche schon wieder in häuslicher Quarantäne weilt. Ich bin’s nicht. Fast bin ich mir sicher, Sie würden mich selbst dann nicht erkennen, wenn ich mit einem Blatt Papier vor Ihrer Nase herumwedelte, denn ich bin ein schriftlicher Mensch und formuliere alles vor, bevor ich es ins Netz stelle. Gewiss! Das Netz ist das Schubfach, das meine Ergüsse birgt, ein wahres Schatzkästlein, welch Glück, dass keiner hineinschaut. Schauen Sie manchmal ins Netz? Ei ei, wen haben wir denn da? Da muss der Onkel Doktor aber ein paar unangenehme Dinge tun. Sperren Sie den Mund ruhig weiter auf, so ist’s recht, meine Sprechstundenhilfe wird Ihre Zunge jetzt ein wenig fixieren, ansonsten sollten Sie Ihren Rachenraum frei bewegen, nicht dass Sie die Maulsperre bekommen, falls Sie sie nicht schon haben.

Wo waren wir stehengeblieben? Im Netz? Im Netz steht alles, ob es stehenbleibt, weiß kein Mensch, und ob sich je ein Gott darum kümmern wird, ist auch ungewiss. Meine Ergüsse zum Beispiel… Aber ich will nicht von mir reden, das ermüdet die Corona, bloß bei dem Wort Ergüsse wird sie blitzwach und wartet darauf, dass von irgendwoher ein Aufschrei ertönt… Nun, der Aufschrei ist bei mir einkalkuliert, ich liefere ihn auch, bei mangelnder Resonanz, gern selbst. Neulich schrieb ich in einer Runde, in der ich mich ansonsten gut aufgehoben fühle, eine Entgegnung: Sie wissen, was eine Entgegnung ist? Jemand behauptet etwas und ein anderer rückt es in seinem Sinne zurecht. Na und, werden Sie fragen, wo ist das Problem? Da, genau da.

Der Sinn einer Entgegnung besteht, wie bekannt, darin, eine Behauptung, nennen wir sie A, nicht einfach stehenzulassen, als ob es dazu nichts weiter zu sagen gäbe – was, sagen wir, dem Sinn der Sprache zuwiderliefe und sicher auch etwas Ungehöriges hätte –, sondern sich mit ihr zu beschäftigen, sie etwas genauer zu betrachten, womöglich unter einem Vergrößerungsglas, vorsichtig an ihr zu klopfen, ob sie nicht am Ende ein wenig hohl klingt – kommt vor, kommt vor! –, auch braune Flecken wollen erkannt werden, denn da wird in der Regel gebohrt –: das alles macht Sinn. Es macht auch Arbeit, aber diese Arbeit enthält einen Lustfaktor, deshalb drechseln Menschen nichts lieber als eine Entgegnung. Wenn aber der in diesem geselligen Sinn mit Aufmerksamkeit Beehrte sich plötzlich losreißt, nicht etwa die Zunge herausstreckt, was allgemein als menschliche Regung durchgeht, sondern die Zähne fletscht … naja, vielleicht nicht fletscht, sondern zeigt, so dass der Andere weiß, es ist jetzt besser, die K** zu halten – was dann? Was dann, frage ich Sie. Ich weiß es nicht, vielleicht will ich’s auch gar nicht wissen.

Der Sklave, wissen Sie, hat keine Sprache. Man hat ihm die Zunge herausgeschnitten, that’s all. Apropos: ein Anglizismus, offenbar unübersetzbar bis auf den primitivsten Stummelausdruck hinunter, ist immer ein gutes Signal. Worüber man nicht in seiner Sprache reden kann, darüber hat man keine Verfügungsgewalt. Sorge dafür, dass die Hauptwörter der gegenwärtigen Kampagne unübersetzt bleibt, und ihr Sog wirkt unwiderstehlich. Eine Parole wie #flattenthecurve zum Beispiel steht jedem auf Hungerdiät gesetzten Luxuskörper quer durch die Seele geschrieben: Werde perfekt, kleine Hungermaus! Schön, dass jetzt die Weltgesellschaft, darunter die unverbesserlichsten Dickhäuter, gerade auf dieses Kommando hört, nachdem die Regierungen sich seine Durchsetzung auf die Fahnen geschrieben haben. Dafür die Polizei ausrücken zu sehen, ist schon Genuss. Die Wörter entstehen ja nicht aus gegebenem Anlass, nur weil plötzlich ein dringender gesellschaftlicher Bedarf besteht. Sie werden, wie die Medikamente, aus anderen Regalen gefischt und ausprobiert – könnte ja sein, dass man etwas damit erreicht. Mit den Wörtern kommt der Effekt: solange die Effekte nicht ausgehen, solange herrscht kein Mangel an Wörtern. Der Satz lässt sich auch umdrehen.

»Lösch mich, aber mach mich nicht an!« schrieb mir einer der Fans, die sich im Netz an meine Fersen geheftet haben, um Aufmerksamkeit gegen sich zu erregen. Der Satz ist bemerkenswert, weil er den Löschtrend, der sich seit einigen Jahren durch das einst als Menschheitsarchiv entworfene Netz zieht, in die eigene Person hinein verlängert. »Ich will nicht, dass man sich mit mir abgibt. Ich will nicht Rede und Antwort stehen. Lieber verschwinde ich. Bitte lass mich verschwinden. Bitte entferne mich aus deinem Universum. Nie war es so einfach: klick! Nur Mut, du kannst es.« Das ist schon mehr als das langweilige Recht auf die eigene Meinung. Das Beste daran ist natürlich, das Verschwindenlassen-Lassen als das heilige Recht auf Privatsphäre zu deklarieren. In den Archiven von Big Data ist alles verwahrt: dort herrscht Privatsphäre pur.

Ein anderer Freund schrieb mir, er sei »im Großen und Ganzen« einverstanden, mit was auch immer. Das ist, als gesellschaftliche Haltung, gewiss erstrebenswert, es entspricht den großen Traditionen des Buddhismus und des Katholizismus nebst einigen anderen, jüngeren. Aber es enthält doch den Denkfehler, dass es dem Briefpartner, in diesem Fall also mir, Abweichlertum unterstellt. Jedenfalls verstand ich so den leisen Tadel, der an der Stelle mitschwang. Ich ein Abweichler? Wer sagt das? Sie mögen kommen! Ich bin bereit, jedem die F** zu p**, was sage ich, ihm die S** im Munde g** zu lassen, der es mit mir in puncto Zuverlässigkeit aufnehmen will. Überhaupt, wer bloß ›im Großen und Ganzen‹ einverstanden zu sein behauptet, der ist doch, unter uns, ein Meckerer und ein Unzufriedener, der es sich nicht heraushängen lassen will. Eigentlich unterstellt er mir, ich sei bloß deshalb im Großen und Ganzen nicht einverstanden, weil es mir so leichter fällt, im Kleinen und im Detail mit von der Partie zu sein. Ich ein Mitläufer? Wie pervers ist das denn? Ich fürchte, die Zeit wird kommen, auch diese Freundschaft, wenn nichts Grundlegendes geschieht, mit einem klick! zu beenden.

Den modernen Sklaven, darin muss ich meinen Klickfreunden Recht geben, erkennt man daran, dass er schon weg ist. In dieser Hinsicht fällt der Sprache, wie so oft, eine entscheidende Rolle zu, da der Mensch, als Körper im Raum, eine träge Größe darstellt, der Einzelne mag sich dazu stellen, wie er will. Da und weg sein kann einer nur in der Sprache. Manche schaffen es, sehr weit weg zu sein, während man mit ihnen redet: diese wenigen sind Lehrmeister des Sklaventums oder sie haben kein Talent dazu. Beides ist denkbar. Überhaupt bleibt die Sprache zweideutig bis in die letzte Wendung. Sklave ist, wer sich die zweite Deutung verbietet. Dem anderen natürlich auch. Das führt zu einer weiteren Definition, ähnlich aussagekräftig wie die erste: Sklave ist, wer weiß, wann er dem anderen aufs Maul schlagen muss, damit die zweite Deutung drin bleibt. Drinbleiben, weil draußen der unsichtbare Feind von Tür zu Tür huscht, ist eine gesellschaftliche Tugend, die nicht nur Menschen, sondern auch Deutungen abverlangt wird. Selbstredend gilt das auch für die Sprache der Regierenden. Manche unter letzteren bringen es in der Kunst des Hintersinns zu solcher Perfektion, dass den Regierten ganz von allein die Kinnlade herunterfällt, wann immer sich der Untertanenmund zu einer Entgegnung öffnet. Es sollen übrigens nicht die schlechtesten Herrscherfiguren sein – wer das Idiom des Unsinns perfekt beherrscht, den zu stürzen macht keinen Sinn. Resistenter als Unsinn ist nichts. Und das – nichts – wollten Sie doch sein, lieber Freund, oder habe ich Sie da missverstanden? Ich gehe jetzt und kl…

 


Die Sterbequote vom Bauernmarkt

Es ist… Was ist? Es ist nicht leicht, zu drängeln, zu schieben, zu drücken, auf Schultern zu klopfen, wie es sich auf dem Bauernmarkt nun einmal gehört, oder der Nachbarin, weil sie sich heimlich vorgedrängt hat, ein unfreundliches Wort ins Ohr zu zischen – es ist nicht leicht, sage ich, wenn alle Besucher die vorgeschriebenen eineinhalb Meter Abstand halten müssen, und das in alle Richtungen gegen jedermann. Man stelle sich das nur einmal vor! Niemand weiß, wie so etwas gehen soll. Der Mensch ist kein Kreisel, er ist auch kein Quadrat, das sich wie in einem Schiebespiel hin und herdrücken lässt. Der Mensch ist ein hochbewegliches Wesen auf zwei Beinen, der erstaunlichsten Wendungen und Windungen fähig, von den Möglichkeiten der Beschleunigung und Verlangsamung bis zum abrupten Stehenbleiben einmal ganz abgesehen. Und er kommt selten allein! Emotionen lenken seine Schritte, Verdichtungen ziehen ihn an, Gesichtswahrnehmungen aller Art – ein Zucken, ein Blinzeln, ein Schmollmund – verändern seinen Kurs auf weite Entfernungen hin und sorgen dafür, dass jeder einzelne für sich, auch wenn er sich für die Gerade entscheidet, eine Schlängellinie hinlegt. Wenn dann die Frühkartoffeln und die Gemüseauslagen dazukommen, wenn Erdbeeren und Spargelbündel winken, wenn Käuferschlangen die Begehrlichkeit wecken, dann, ja dann…

Der Bauernmarkt, so betrachtet: ein Experiment. Ein Experiment, sage ich, aber kein gewöhnliches. Auf dem Bauernmarkt entscheidet sich das Schicksal der Welt. Da lachen Sie lustlos, klopfen mir auf die Schulter, als hätte ich einen abgestandenen Witz gemacht und sollte es nun gut sein lassen. Ich aber stehe vor Ihnen, breitbeinig, den Kopf eingezogen, und fühle das Unglückliche meiner Rolle; viel würde ich darum geben, in eine andere schlüpfen und den Zampano geben zu können. Wie gesagt, nichts würde ich lieber tun, aber die Dinge stehen nun einmal so und ich muss Ihnen reinen Wein einschenken, selbst wenn Sie mich dafür aus Ihrer Gesellschaft verstoßen sollten, an der mir so unendlich viel liegt, dass ich im Prinzip zu allen Narrenspossen bereit wäre.

Dabei habe ich schon übertrieben – nicht viel, im Wesentlichen liege ich richtig, doch wenn Sie unter der Welt zum Beispiel das Weltall verstehen, die Milchstraße oder auch nur das Artengewimmel auf unserem Planeten, den sie den blauen nennen, dann, ja dann … unerheblich ist des Menschen Existenz, das liegt am Zufall seiner Geburt und, weiter, an den Zufällen, die über sein Wohl und Wehe entscheiden, bis der Zufall eines unendlich banalen Todes ihn aus der Mitte der Seinen holt, das heißt aus der Mitte derer, die noch ein bisschen länger der Zufallsspur folgen, bis auch diese… Da werden Sie doch gleich melancholisch, zücken Ihre Taschentücher und beginnen sich zu schneuzen: Nicht hier, ich bitte Sie, gleich neben dem Bauernmarkt, auf offener Straße –! Sehen Sie nicht das Polizeiaufgebot gleich nebenan, diese strammen Leiber in ihren schneidigen Uniformen – was denken Sie, warum die dort stehen, unbeweglich, eine Kette des Schweigens und der Erwartung, doch keiner passiven, nein, keiner passiven.

Die Welt, sie steht ja noch, dieweil wir hier plaudern und uns die Zeit verrinnt, gleich nebenan, im Rinnstein oder der Gosse, wie man früher dazu sagte, da rinnt sie hin, man fragt sich, ob die Kanalisation der großen Stadt, die vordergründig ganz andere Stürme überstanden hat, sie wird aufnehmen können, so stürzt sie, so rauscht sie … dahin, wie ich schon sagte, bitte lassen Sie mich von etwas anderem reden, ich bin ohnehin schon nervös genug. Und nicht nur ich: Schauen Sie sich um, schauen Sie die Besucher an, schauen Sie! Besucher, so nennt man sie doch, das hört sich so an, als würden sie hier etwas suchen, das bloß auf sie gewartet hat, um sich zu offerieren, dieses ganze Angebots-drum-und-dran, das auf die Nachfrage wartet wie der ausgedörrte Buchsbaum auf den erlösenden Strahl aus der Gießkanne, das netzende Nass. All diese Besucher nun mit ihren Tüchlein, die züchtig Mund und Nase bedecken, sie gehen ja nicht, sie schieben und drängeln nicht, sie klopfen sich nicht auf die Schultern, sie blicken starr geradeaus und wer ihre Blicke zurückverfolgte bis dorthin, wo sie, noch ganz gedankenverloren und doch bereits konzentriert auf das Wesentliche, entstehen, der sähe in ihnen ein Maßband glitzern und auf seiner Skala die fatalen eineinhalb Meter, die zu bewältigen sie sich heute, an diesem feuchten, die Tüchlein im Handumdrehen tränkenden Mittwochmorgen vorgenommen hat, so wie mancher sich vornimmt, den Weg zum Verfassungsgericht anzutreten, um einen Termin wahrzunehmen, den man nur einmal wahrnimmt, der niemals in diesem Leben wiederkehren wird…

Genug geschwätzt. Was Sie hier sehen, sind Figuren auf einem Schachbrett, unter der Illusion stehend, sie bewegten sich, dem überwältigenden Gesetz von Angebot und Nachfrage folgend, aus eigenem Antrieb, und wirklich sind ihre Bewegungen ziemlich echt, wenngleich all diesen Menschen schon bewusst ist, dass eine gewaltige Faust sie hierhin und dorthin lenkt. Gespielt wird um hohe Einsätze, die höchsten überhaupt, wie Insider zu wissen glauben, es geht um Wohl und Wehe, um Gedeihen und Tod Vieler, vielleicht Aller, das ist mehr, als das All der Astrophysiker gemeinhin zu bieten hat, es geht um Macht und Ohnmacht, um viel Macht, um sehr viel Macht, um alles, was lachen und weinen macht, denn auch das ist … Macht, was sonst, vielleicht die höchste überhaupt. Vom Reichtum rede ich nicht, davon verstehen andere mehr, sollen sie reden, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist, ich wünsche ihnen ein langes, geruhsames Fortkommen.

Begreifen Sie, was hier gespielt wird? Dort drüben tut sich etwas, die Polizisten spritzen hinein in die Menge, sie gehen mit Stöcken dazwischen, wo immer Menschen beisammenstehen, sie notieren jede Distanzunterschreitung und werfen den Delinquenten, gleich ob Jung oder Alt, Mann oder Frau, zu Boden, um ihn zu fesseln und abzuführen, nachdem er sich, noch benommen und wie trunken wirkend, wieder zur anfänglichen Größe aufgerichtet hat. Die Polizisten, sie wissen genau, was sie tun, ihre Gesichter wirken gerötet vom Ernst ihrer Aufgabe und ihre Augen … schauen Sie ihnen nicht in die Augen, das könnte Folgen haben, Folgen für Sie und andere, denn, wie soll ich es sagen, in diesen Augen leuchtet das Feuer derer, die entschlossen sind, die Welt – sagte ich Welt? – bis zum letzten Atemzug vor sich selbst zu bewahren. Sie glauben mir nicht? Sie wollen nicht glauben, was sich vor Ihren Augen abspielt? Glauben Sie mir, ich würde es selbst nicht glauben, käme es hier aufs Glauben an, was aber nicht der Fall ist. Nein, nicht der Glaube rettet die Welt, deshalb bleiben in dieser überaus ernsten Zeit auch die Gotteshäuser geschlossen. Gerettet wird sie durch jene anderthalb Meter, genauer gesagt – um endlich zum Kern der Geschichte vorzustoßen –, vom Geschick dieser Marktbesucher, immer und überall, während ihrer unendlichen Drehungen und Wendungen, ihres scheinbar planlosen, in Wahrheit von komplizierten Selektionsmechanismen getriebenen Vorwärts und Rückwärts, ihres Schlangestehens, Auswählens und Bezahlens, von der Auffüllung ihrer mitgebrachten Jutetaschen ganz abgesehen, zu niemandem hin die anderthalb Meter zu unterschreiten und dadurch die Weltkatastrophe heraufzubeschwören, den großen Kladderadatsch.

Ja, liebe Genossinnen und Genossen, wir haben uns den großen Kladderadatsch ganz anders vorgestellt. Insgeheim, ganz im Geheimen haben wir sogar gehofft, er würde uns und unseren Nachfolgern erspart bleiben. Woher die Zuversicht? So, anderthalb Meter vom Untergang entfernt, der doch so oder so eintreten wird, erkennen wir mit äußerster Klarheit, worauf es ankommt: Entweder es gelingt den Mächtigen, die Menschheit vor ihrem biologischen Sein zu bewahren, oder … nichts wird es aus der großen Umkehr, der Rückholung unserer Flotten aus den Tiefen des Universums, der Errichtung einer neuen chinesischen Mauer, dem paradiesischen Zugewinn an freier Zeit im Zeichen der Harmonie, und wir werden alle sterben, früher oder später, jeder zu seiner oder einer anderen Zeit. Sehen Sie, diese ›Besucher‹, wie ich sie gerade noch nannte – recht betrachtet handelt es sich um Besucher von einem anderen Stern, jedenfalls haben sich welche unter sie gemischt und einzelne von ihnen in Besitz genommen, keiner weiß, welche, es sei denn, die Götter in Weiß, die im Prinzip alles wissen, aber augenblicklich mit ihrem Wissen nicht nachkommen. Wenn also … wie gesagt, es ist eine Theorie, die empirische Basis ist nach wie vor dünn, aber sie verfestigt sich von Tag zu Tag – wenn also gelingt, was hier gelingen soll, wenn also … unterbrechen Sie mich nicht, Sie! … wenn also auf diesem Markt, zu dieser Stunde, die Kette des Unheils…

*

Nein, ich habe es, an diesem diesigen, einsamen Vormittag inmitten eines Trubels, der keiner war, inmitten von Geschäften, die keine waren, umringt von Ordnungshütern, die einer auch ihnen bis dahin unbekannten Ordnung dritten Grades Geltung verschafften, soweit ihr starker Arm und ihre Ratlosigkeit dies vermochten, nicht geschafft, die Herrschaften zu überzeugen. Ein blasierter Zug ging durch ihre Körper, sie strafften sich unter den Mänteln, als müssten sie gleich davonfliegen oder irgendeinem anderen natürlichen Bedürfnis nachgeben. Währenddessen blickten sie auf ihre Uhren und versicherten mir, diese seien nach einem Fahrplan gestellt, den sie unbedingt einhalten müssten, was hier ablaufe, erinnere sie lebhaft an frühere Bubenstreiche des Systems – sie verschwiegen mir vornehm, was sie unter letzterem verstanden, als verstünde es sich von selbst –, obwohl sie zugeben müssten, dass es sich diesmal um eine ganz ausgemachte Sch** zu handeln scheine, doch man müsse nun einmal nicht in jede Sch** treten, und wenn doch, dann sei es (im Großen und Ganzen) vernünftig, zumindest die Abstandsregeln einzuhalten, die ohnehin das Leben in der Zivilisation von anderen Stufen des gattungsgeschichtlichen Miteinanders unterschieden, um die Distanzlosigkeit des submikroskopischen Gewimmels erst gar nicht zu erwähnen … sie gaben noch mancherlei von sich, womit sie sich mehr und mehr von den ganz unparadiesisch um ihr Leben, ihre Gesundheit und ihr Auskommen fürchtenden Bauern und ihrer Kundschaft entfernten, bis sie zur Gänze verblassten und aus meinem, zugegeben, zu diesem Zeitpunkt nicht sehr aufgeräumten Gesichtskreis verschwanden.

 


Wodargisten, Wodargiker, Wodargianer

Ich bin Historiker. Ich weiß nicht, wie vielen Menschen es bewusst ist, was es bedeutet, heute, im Zeitalter der Verflüssigung der Daten, der Namen und der Vorgänge, Historiker zu sein. Man muss sehr einverstanden sein mit dem Lauf der Welt, manche sagen, mit dem Gang der Dinge, obwohl darin ein Problem liegt (Dinge gehen bekanntlich nicht, es sei denn, es handelt sich um Roboter), um mit dem Auftauchen und Verschwinden von Menschen, Ereignissen und ganzen Epochen Schritt halten zu können.

Sie erinnern sich an das berühmte Jahr 1000 nach Christus, in dem sich die Menschen Europas angeblich in Höhlen versteckten, es sei denn, sie zogen es vor, den HERRN und das Tausendjährige Friedensreich auf den Gipfeln der Berge zu erwarten – unter frommen Gesängen, versteht sich? Man hat lange gesucht und keine zeitgenössischen Zeugnisse für diesen unerhörten Vorgang gefunden. Doch meine Zunft ist zäh. Sie erbat sich mehr Forschungsmittel vom Staat, um den für die Entwicklung des modernen Staates so wichtigen Sachverhalt definitiv aufklären zu können. Die Gelder wurden gewährt und lange Zeit kam, wie zu erwarten, nichts dabei heraus, bis sich ein dynamischer Geschäftsmann der Sache annahm und mit dem lächerlichen Einsatz von ein paar Millionen Dollar eine ganze Flut historischer Zeugnisse heraufbeschwor, die nur einen Schluss zuließen: den gewünschten.

Falls Sie Stimmenanalytiker sind, dann werden Sie mein Zögern bemerkt und bereits den Grund dafür erraten haben: ein Historiker, der behauptet, die von ihm untersuchten Zeugnisse ließen nur einen einzigen Schluss zu, ist in der Regel gekauft. Eigentlich benützt er die Wendung, um denen, die es angeht, seine Käuflichkeit zu signalisieren und gleichzeitig, sofern er redlich ist, das eigene Fach zu warnen: »Finger weg!« So verwandelten sich die großartigen Dokumente, die unwiderleglich die Schrecken des Jahres 1000 bewiesen, umgehend in die Geburtsurkunden einer Theorie, der zufolge die letzten drei Jahrhunderte des ersten Jahrtausends, auch das finstere Mittelalter genannt, überhaupt nicht existierten, vielmehr auf Geheiß eines ruhm- und machtgierigen Monarchen von fleißigen Scribenten in ein paar ausgesuchten Klöstern… – gefälscht? erfunden? – sagen wir: hergestellt wurden.

»Und das soll gehen?«, werden Sie fragen. »Wie will man das beweisen?« Nun, es gibt Wege und Möglichkeiten. Die Phantasie der Menschen, besonders meiner Zunft, ist beschränkt. Deshalb ähneln die meisten ihrer Erfindungen dem, was man nicht erfinden muss, weil es bereits existiert. Praktisch ist die Realität die Blaupause aller Erfindungen. Um das zu erkennen, muss man sich nur die Mühe machen, unsere Beschreibungen der Vergangenheit zu vergessen und sich vorzustellen, wie die Zeitgenossen Menschen und Taten der Vorzeit zu beschreiben pflegten. Sofort öffnet sich ein Füllhorn der Ähnlichkeiten, will sagen Verdoppelungen, und Eingeweihte wissen Bescheid.

Das war ein langer Vorspann. Er war aber nötig, um das, was jetzt kommt, ins rechte Licht zu rücken. Kennern des frühen einundzwanzigsten Jahrhunderts ist der Name Wodarg zwar kein Begriff, aber doch ein vertrauter Schemen. Er repräsentiert eine winzige Lücke im Gewebe, ein Mottenloch der Geschichte, und wir wissen nicht, jedenfalls nicht genau, warum. Wir haben Graffiti an Hauswänden gefunden (obwohl die meisten Gebäude aus der Epoche abgerissen und die Aufnahmen gelöscht wurden), darunter den Spruch WODARG EXISTIERT, aber wir wissen nicht, was er bedeutet. Ist ›Wodarg‹ ein Mensch? Unter Historikern gilt die Regel: Wo ein Name, da ein Mensch. Aber seit einiger Zeit sind wir uns da nicht mehr so sicher.

Was wissen wir? ›Wodarg‹ muss für etwas stehen, dessen Existenz früh angezweifelt, wenn nicht rundheraus geleugnet wurde. Von wem? Von Ketzern? Von Anhängern der Neuen Religiosität, die sich in jenen Jahren rasend ausbreitete und um ein Haar zweihundert Jahre Kulturgeschichte verschluckt hätte? Mag sein, wir wissen es nicht. Mag sein, die Obrigkeit hat seinerzeit die Löschung des Namens Wodarg verfügt: warum? Wir wissen es nicht. Wer war Wodarg (vorausgesetzt, es handelt sich um einen Menschen, der wirklich existierte)? Ein Abtrünniger? Ein Renegat? Ein Prophet? Ein Aufklärer? Ein gefallener Popstar? Ein missliebiger Politiker? Wir wissen es nicht und wie es aussieht, werden wir es niemals wissen. Mag sein, WODARG ist nichts weiter als ein Geheimcode, das Erkennungszeichen eines Widerstandes, dessen Spur sich zusammen mit der seines – vielleicht übermächtigen – Gegners in der Geschichte verloren hat.

So jedenfalls stand es bis vor wenigen Jahren. Inzwischen sind Zeugnisse aufgetaucht, die geeignet sind, die Angelegenheit in ein ganz neues Licht zu rücken. Dank jener Funde wissen wir heute, dass sich eine Reihe von Sekten, entstanden in besagtem Zeitraum, auf ›Wodarg‹ berufen hat. Soweit die vorhandenen Quellen dergleichen hergeben, handelt es sich hauptsächlich um drei Gruppierungen, für die sich in der Forschung die Namen Wodargisten, Wodargiker und Wodargianer eingebürgert haben. Ich stelle sie kurz vor, um dann zum Kern meiner Überlegungen vorzustoßen.

Als Wodargisten bezeichnen wir eine Reihe von im übrigen unbekannten Autoren, die man zu anderer Zeit als ›Leugner‹ bezeichnet hätte. Nach dem ausgiebigen Gebrauch – und Missbrauch – der vergangenen Jahrzehnte ist diese Vokabel eigentlich unter geistig wachen Menschen tabu. Doch benützen wir sie weiterhin – mit aller ethisch gebotenen Vorsicht –, wenn der historische Kontext es verlangt. Tatsächlich scheinen die Wodargisten die Große Seuche geleugnet zu haben, die damals binnen weniger Monaten einen Großteil der bekannten Menschheit dahinstreckte. Wir wissen von dieser Seuche aus einer Vielzahl erhaltener Publikationen, darunter so über jeden Zweifel erhabene wissenschaftliche Organe wie Bild, taz, FAZ – um bloß die gebräuchlichsten aufzuführen. Doch selbst Boulevardblätter wie die im angelsächsischen Raum seinerzeit viel gelesene New York Times lassen noch heute etwas von der Wucht ahnen, mit der das Menschheitsereignis sich medial den Weg in die Köpfe der Menschen bahnte. Da muss einer schon die eisernen Nerven eines Savonarola besessen haben, um inmitten einer solchen Katastrophensituation sich hinzustellen und sehenden Auges zu behaupten, in Wahrheit handle es sich nur um eine saisonale Grippewelle und die üblichen Machenschaften von ein paar Pharmakonzernen mit dem Zweck, den Staaten in großem Stil Impfmittel und Medikamente zu verkaufen.

›Wodarg‹ dürfte also – sollte es ihn gegeben haben – von den Autoritäten gebannt worden sein, um diesem – offenkundig gefährlichen – Unsinn Einhalt zu gebieten. Wir wissen nicht, ob bei gleicher Gelegenheit auch sein Besitz konfisziert wurde. Es gibt aber, ziehen wir die zweite Gruppe der Wodargiker hinzu, eine Reihe von Indizien, die uns vermuten lassen, dass in den leider vollständig verschollenen sogenannten digitalen Medien damals ein Kampf ausgetragen wurde, in dem die Wahrheitsfrage eine eher bescheidene Nebenrolle spielte. Jedenfalls scheinen die Leute, die wir heute ›Wodargiker‹ nennen, in der Öffentlichkeit stark angefeindet worden sein, offenbar weil sie der allgegenwärtigen und nur zu verständlichen Angst mit den Mitteln des Wortes entgegentraten, jeder werde, mitsamt seinen Liebsten, das nächste Opfer der Seuche sein und eines qualvollen Todes sterben.

Auch die Wodargiker scheinen nicht bestritten zu haben, dass es solche Tode, und zwar zu Tausenden, gab. Genau wissen wir das nicht. Wie es aussieht, müssten wir rechtens zwischen radikalen und gemäßigten Wodargikern unterscheiden, doch wir haben noch nicht gelernt, die entsprechenden Einstellungen aus den vorhandenen Texten herauszulesen. Im besten Fall kommen uns irgendwann neue Funde zur Hilfe. Heute wissen wir, und zwar dank der Wodargianer, dass WODARG, möglicherweise erst Jahrzehnte nach den hier angedeuteten Ereignissen, zum Code-Namen einer Szene aufstieg, in der die Seuche, fern aller lebenspraktischen Massen-Bedrohung, als Designerdroge gehandelt wurde. Uns Historiker begeistern solche auch andernorts zu registrierende Inversionsphänomene. Wir lesen sie etwa so, wie Geologen Risse in bestimmten Gesteinslagen als Ergebnisse von nicht direkt messbaren Spannungen in der Erdkruste deuten. Ein Kult, denn um einen solchen handelt es sich, kommt niemals von ungefähr. Da die Menschheit, ausweislich der Statistiken, die Seuche weitgehend unbeschadet überlebte, sind wir gehalten, das zugrunde liegende traumatische Ereignis in anderen Zusammenhängen zu suchen.

Sie werden verstehen, dass ich an dieser Stelle abbreche – nicht ohne vorher darauf hinzuweisen, dass ökonomische Traumata, anders als von der Mehrheit vermutet, das Zeug dazu haben, Jahrhunderte mit ihren Botschaften zu infizieren. Vieles Überlieferte, das eine ältere Mediävistik – die Lehre von den vergangenen Vergangenheiten – als Ausdruck religiöser Überzeugungen deutete, begreifen wir heute als Mechanismen der kollektiven Bewältigung überstandener Wirtschaftskatastrophen. Die tiefsten Einbrüche der Menschheitsgeschichte finden sich dort, wo Handel und Wandel, wie es so schön heißt, zum Erliegen kommen und die elementaren Bande zerreißen, mit deren Hilfe sich Mensch zu Mensch gesellt.

Mein Institutsnachbar X, der viel in dem Bereich forscht und als ausgewiesener Katastrophenhistoriker gilt, macht uns seit einigen Wochen zu schaffen. Er wurde von der Polizei in flagranti aufgegriffen, als er den Schriftzug WODARGISTA FASCISTA in schwarzen Lettern an die Front der hiesigen Virologie sprühte. Eine Kommission ist eingesetzt, die Kollegen von der Klinischen Psychiatrie bereiten einen Schriftsatz vor, wir werden uns wohl oder übel eine Weile von ihm trennen müssen. Niemand will so etwas, es geschieht einfach und wir, die einfachen Historiker, haben das Nachsehen.

 

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