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Rubrik: Büchertagebuch

Für und über die deutschen Frauen.
Neue hypochondrische Plaudereien.
Von Gerhard von Amyntor.

Zweite Auflage.
Hamburg.
Verlagsanstalt und Druckerei-Actien-Gesellschaft
(vormals H.F.Richter) 1889

Den Plaudereien vorangestellt ist ein Zitat:

»Wer nun von Frauen besser spricht,
Fürwahr, ich hass’ ihn darum nicht.«

( Parzival, Wolfram von Eschenbach)

Wie zwingend der Drang für den Autor gewesen ist, sein Herz auszuschütten, zeigt ein zweites Zitat:

»Wen Frauen loben, wird bekannt,
Er hat den Ruhm an der Hand
Und seines Herzens Wonne.«

(Parzival)

Ein starker, vielleicht unheilbarer Grad von Hypochondrie gehört sicher dazu, dieses Verfahren außer Acht zu lassen und auch »an der Rose des weiblichen Geschlechts« (so der Autor) »gelegentlich einen Dorn zu entdecken…«, denn dieser Dorn kann blutig sein und es gibt außerordentlich kampflustige Frauen.

Die Frauen, von welchen im Weiteren die Rede ist, hießen damals Damen. Sie trugen lehmfarbene Kostüme aus feinem Wollstoff, brennendrotes Rippsplisse, rotbraunen Kaschmir, die Taille mit paletotähnlichen Taschen ausgestattet.

Sie waren anmaßend, von gefrorener Vornehmheit, grimassierender Grandezza, anspruchsvoll geschraubter Würde, steifleinener Hoheit, gebauschten Wesens, herablassend lächelnd.

Hervorstechend ihre skelettartige Magerkeit, die lauernd sprühenden Augen, die zuckenden Gesichtsmuskeln, die scharf und deutlich betonten Worte, ihr schattenloser Bildungsfirniß, ihr ästhetischer Lack, die auswendig gelernten Haltungen – das Gebiet der konkreten Tatsachen wurde nie verlassen.

Diese Damen hatten so viele andere, notwendigere Dinge im Kopfe, dass ihnen nicht viel Zeit zur Bekanntschaft mit der seinerzeitigen neueren Literatur übrig blieb.

Jedoch sollen die vorzüglichsten Trägerinnen und Förderinnen schöngeistiger Literatur gerade diese Damen gewesen sein.
Es lässt sich bis heute nicht leugnen, dass fast nur Frauen an den belletristischen Erscheinungen regen Anteil nahmen.

Zurückzuführen ist das nach Ansicht des Verfassers auf den vertieften Eifer, das selbständige Urteil, die intellektuelle Sicherheit, das ungekränkelte Urteil, die gesunde Natürlichkeit und duftige Frische – kurz – die Stimme des niemals irrenden weiblichen Herzens.

 

Fortsetzung folgt