Spottzone

Nichts im Yagir geschieht ohne zureichenden Grund. Das unterscheidet ihn von anderen Mächten, bei denen vieles grundlos geschieht, zum Beispiel eine Präsidentenwahl. Zwar wird auch im Yagir gewählt, aber erst, nachdem festgestellt wurde, wer wen aus welchen Gründen in welcher Funktion sehen möchte, so dass sich das Wahlgremium danach richten kann. Man nennt das Transparenz. Aber der tiefere Grund (es gibt immer einen tieferen Grund neben dem wirklichen) liegt darin, dass die politische Klasse sich über Nachwuchsprobleme steuert. Wer über den geringsten Nachwuchs verfügt, dem stehen die fettesten Posten zu. Warum das so ist? Auch hier finden sich ein wirklicher und ein tieferer Grund. Der Yagir wurde aus Zukunftsängsten erbaut, manche Analytiker gehen so weit, ihn einen Hort aus Zukunftsängsten zu nennen, wie allerorten schlägt auch hier die größte Angst alle anderen. Ein Kritiker könnte die politische Klasse eine Klasse von Angsthasen nennen, allerdings hieße das, ihr eine Klasse zu bescheinigen, die sie nicht besitzt. Was dann? Die Antwort darauf fällt leicht, bleibt aber unbefriedigend: alles Mögliche. Wie gesagt, Angst leitet die Gewählten bei all ihren Unternehmungen und die geringste aller regierenden Ängste gilt bekanntlich dem Gemeinwesen. Stattdessen schieben sich Bilderbuchängste nach vorn, zum Beispiel die Angst vor der Steuerfahndung oder die Angst erkannt zu werden. Damit gerät man bereits auf einen der mittleren Plätze. Die vorderen Plätze belegen seit jeher Amtsangst und Verlustangst, also die Angst vor dem Amt und die Angst, es zu verlieren. Die Kombination beider Ängste nennt man Regierungskunst. Sie wird betont kunstlos geübt, um die einfachen Bürger nicht zu erschrecken, vor allem nicht solche, deren Angst dem Gemeinwesen gilt, weil sie nichts mehr fürchten als die Ängste derer, die sie schon länger regieren. ›Angstbürger‹ nennt sie deshalb die Obrigkeit. Beratungsstellen sollen ihnen die Angst nehmen, um sie kontrolliert zu entsorgen. Man nennt das ›Bevormundung‹. Auch ein Ministerium für Angstbeugung ist im Gespräch. Doch nicht alles, was im Gespräch ist, darf als wirklich betrachtet werden, während vieles, was wirklich ist, keineswegs zum Gespräch wird. Eher gilt der Satz: Alles Wirkliche dient dem Gespött. Wirklich liegt hier der tiefere Grund dafür, dass die herrschende Klasse sich praktisch ohne Nachwuchs an den Hebeln der Macht hält. Sie hat eine Spottzone um sich geschaffen, die, gleich einer Waberlohe, jeden abhält, der Ehrgeiz genug hätte, sich in die Höhe zu wagen, aber realistisch genug, sich um die Zukunft anderer Leute zu ängstigen. »Ich an der Macht? Wer in drei Teufels Namen soll denn am Zahltag die Zeche bezahlen?« Da regt das Gespött sich, als hätte es nur auf den Einsatz gewartet. Es versichert dem Aspiranten, für ihn sei es ohnehin besser, seine Zeche gleich zu zahlen und die großen Rechnungen Leuten zu überlassen, die mit Zahlen jonglieren können, ohne schwindlig zu werden.

 

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