Renate Solbach: Geldfluss

Mit dem Verbot des Zinssystems verlieren die Geldhäuser ihren Sinn und suchen sich neue Tätigkeitsfelder. Das weise Netz übernimmt die Aufgabe, das Geld ohne Zwischenstopp dorthin zu transferieren, wo es benötigt wird. »Ist das noch Geld?« fragen ein paar Umtriebige und die Mehrzahl, von Abscheu überwältigt, antwortet: »Nein!« Folgerichtig beginnen die Geldhäuser, Geld dort zu erzeugen, wo es nicht benötigt wurde. Das schafft eine ganz neue Nachfrage. Geld ist heute, was jahrtausendelang die Villen und Yachten der Großen waren: eine Augenweide und Ausweis der Vornehmheit des Besitzers. Regelmäßig veröffentlichen die Hochglanzmagazine der Hauptstadt Ranglisten, in denen sich nachlesen lässt, wer zu welchem Zeitpunkt das meiste Geld auf die Seite geschafft hat. Das mit der Seite ist durchaus bildlich zu nehmen. Es soll den unfeinen Eindruck verhindern, die Ersten der Ersten säßen festgezurrt auf ihren Geldsäcken und ließen sich von Angestellten herumtragen. Nein – frei, wie der unsichtbare Herr des Yagir sie schuf, kreisen sie im Jetstrom um den Planeten und entwickeln beglückende Phantasien, die sie der Regierung und ihren Untertanen umstandslos per Twitter zukommen lassen. »Bohnen«, schreibt einer, »ich empfehle Bohnen.« Gefragt, wie er das meine, erläutert er die Vorzüge der Bohne als Mittel der Massenfütterung wie folgt: »Sie ist klein, handlich, leicht anzubauen und nahrhaft. Sie lehrt beißen, aber sie verlangt es nicht zwingend. Es gibt sie in verschiedenen Farben, denen unsere Labors auf Nachfrage beliebig viele hinzufügen werden. Jeder kann dadurch zu einem ihm und seiner unverwechselbaren Persönlichkeit angemessenenen Essstil gelangen. Was übrigbleibt, wird zu Kosmetika verarbeitet und erlaubt die Perfektionierung des weiblichen Körpers anstatt irgendwo zu verfaulen.« Das sind natürlich Genieleistungen, zu denen auch die Ersten der Ersten sich nicht immer aufzuschwingen vermögen. Ihre Berater empfehlen ihnen daher, wo immer es angeht, zu schweigen. Das Schweigen der Ersten ähnelt entfernt dem Schweigen der Sirenen, das einst Odysseus entsetzte: Es gellt in den Ohren dessen, der sich ihm aussetzt, weil er wissen will, was sie zum allgemeinen Guten, zum Beispiel zum unentgeltlichen Bohnenanbau, beitragen und warum ihre Autos so hässlich sind, die man gelegentlich in den Stadtzentren sieht.

 

0
0
0
s2smodern
powered by social2s