Renate Solbach: Perfekt

Die Behauptung, sie sei geschlechtslos, trifft die einfache Yagiritin tödlich. Schließlich erwirbt sie ihr Geschlecht jeden Tag neu und legt Wert darauf, es pfleglich zu behandeln. Doch, wie gesagt, es gehört ihr weder durchgehend noch allein, ein schwerer Schatten liegt auf ihm und fordert es am Ende eines jeden Tages zurück. Wie mag das zugehen? Ist gekauft nicht gekauft? Wird der Verkauf nur vorgetäuscht und sie wäre die Betrogene? So einfach liegen die Dinge nicht, eine Yagiritin lässt sich nicht ohne weiteres betrügen, es sei denn, sie gibt den Betrug tausendfach zurück. Warum also kauft sie ihr Geschlecht, obwohl es ihr doch gehört? Kauft sie es am Ende für jemanden anderen, der es Abend für Abend wieder verkauft? Wer sollte das sein? Niemand weiß es, niemand wird es jemals erfahren. Auch der Kaufpreis bleibt geheim, doch Eingeweihte wissen: er ist hoch. Wer so für sein Geschlecht bezahlt, dem muss sehr daran gelegen sein. Gleichwohl liebt sie es nicht, sie schätzt es nicht einmal, ihr scheint, allen anderen ginge es besser und sie müsse sie unbedingt nachahmen. Vor allem die Lustobjekte der Show-Branche, die dramatischen Halb- und Viertelgeschlechter haben es ihr angetan und sie liebt sie inbrünstig über den Tod hinaus. Männer, liebt Männer! ruft sie ihren Freunden zu und freut sich irrsinnig, wenn der Ruf verfängt. Vielleicht täuscht sie sich manchmal, aber da sie nun einmal mit keinem ins Bett will, der nicht aus dem Bett eines Mannes kommt, sorgt sie für Betrieb. Nein, sie will keinen bekehren, sie will nur mit von der Partie sein und lässt den Ausschluss nicht gelten. Sex ist für alle da, sagt sie, ich will frei wählen können, Barrieren schrecken mich nicht. Heute bin ich Frau, morgen Fremdenführerin, übermorgen Kämpferin. Der Schreck, mich festzulegen, ist überall derselbe und ich finde ihn tödlich. Daher bin ich tot für jeden, der findet, ich sei, die ich bin. Das ist eine unwahrscheinliche Erfahrung, aus ihr komme ich jeden Morgen wie neugeboren zurück. Ja, ich komme zurück, keine Bange, ich komme auf alles zurück, denn ... ich bin perfekt.

 

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