Renate Solbach: Orchideenblüte

Ginge es nach den Vorstellungen einer im Yagir bekannten und von interessierter Seite hochgehaltenen Frauenzeitschrift, so wäre die Hälfte der männlichen Bevölkerung dauerhaft damit beschäftigt, die andere Hälfte wegen vergangener oder künftiger Sexualdelikte hinter Gitter zu bringen, während die Frauen, soweit sie nicht ihren verantwortungsvollen Berufen nachgehen, energisch darauf bestehen, dass endlich mehr zu ihrer Sicherheit getan werde. Als Außendarstellung ist das natürlich verheerend, eine, um es in der Sprache des Pöbels zu sagen, ›miserable Performance‹, verständlich erst dann, wenn man weiß, wen man vor sich hat und woher sie kommen, an welcher Mutterbrust sie genährt wurden und mit wem ihre Väter schliefen, wenn sie gerade aushäusig waren. Vielleicht auch nicht, vielleicht genügt ja eine Andeutung, wohin es führen kann, wenn man für sich und seinesgleichen Narrenfreiheit nicht nur fordert, sondern auch erhält. Aber gleichgültig, was einer andeuten oder recherchieren oder mutmaßen mag, es ändert nichts daran, dass sie sind, wer sie sind, und just die Denktätigkeit vorschützen, der sie nachgehen. In früheren Jahren kämpften sie gegen die sexistische Werbung, die jetzt ihre Frau ernährt, so wie sie heute fröhlich die Schecks einstreichen, die ihnen der ewiggestrige Männlichkeitswahn für ein paar Infamien über einen weibstollen Halbprominenten ausstellt, der gerade vor Gericht sein Fett abbekommt. Das Schönste dabei ist, dass sie angekommen sind, wo sich mit den Jahren ganz von allein die dicksten Polster bilden, in der Mitte. Dort ruhen sie in sanften Fauteuils, lassen ihre ergraute Mähne spielen und erteilen dem Volk, das seine Beziehungsprobleme im Suff ertränkt, Nachhilfeunterricht in Disziplinen, in denen es seit jeher den übelsten Neigungen frönt, als da sind Denunzieren, Verdächtigen, Verunglimpfen, Vorverurteilen, Nachtreten, Heucheln und Dummschwätzen.

— Warum hörst du auf diese Vettel, erkundigt Irene sich spitz, gefällt sie dir etwa? Irene liebt die drastischen Ausdrücke und hält sie für Seelennahrung, ohne die das Leben verkümmert. Aber Ariel ist ganz Ohr, er hört den Sound alter, längst vergessener Familienabende und überlegt, wie lange Tante Gertrud jetzt tot ist. Sie hatte ja recht, denkt er, Männer sind Schweine, warum habe ich mich so lange gegen diese Einsicht gesträubt. Frauen sind Orchideen, sie leben in Gewächshäusern und nur Gärtnerinnen dürfen sie berühren. Jedenfalls behauptet das die Kamera, deren Schwenks sie bedingungslos Folge leisten. Natürlich steckt noch etwas anderes dahinter, aber das ist mir zu hoch und ich gehe jetzt schlafen.

 

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