Renate Solbach: Solidarität

Zweifellos hat nichts die Verhältnisse im Yagir ähnlich drastisch verändert wie der Beschluss der Instanzen, die Solidarität der Geschlechter aufzuheben. Das geschieht, da man hier in der Wahl der Methoden wenig zimperlich vorgeht, rückwirkend, so dass einer sich vergeblich nach Beispielen für gelungene Paarung in ferner Vergangenheit umblickt. »Alles Lüge!« Solche Sprüche merkt man sich und ist bestrebt, das Leben nach ihnen auszurichten. Das geht meistens daneben. Aber wer lange hier gelebt hat, weiß: Daneben geht auch ein Weg. So existiert gleich neben dem – unter Kennern: exzellent! – ausgebauten Straßennetz ein Geflecht aus Trampelpfaden, dessen Gesamtstruktur keiner kennt, obwohl sich alle in großer Geschwindigkeit und nahezu geräuschlos auf ihnen bewegen. Man stelle sich ein Luftbild des Yagir vor, mit dichtem Verkehr auf allen Straßen und etwas wie Nebel auf Strecken, die auf den ersten Blick frei scheinen. In  solchen Abschnitten versickert der Verkehr; die Leute nehmen ihr Bündel und trollen sich. Es sind glückliche Naturen darunter, die kaum ihre Geschwindigkeit drosseln. Manche, die vom Schutz der Baumriesen träumen, ergeben sich mit einem gewissen Aufatmen dem Trott, einige wissen schon, dass sie krepieren werden und finden keinen Anschluss. Von Zeit zu Zeit liegt eine vermoderte Leiche im Holz und die Instanzen tanzen den Was-tun-Tango. Ein unbeteiligter Beobachter könnte leicht den Eindruck gewinnen, nach derlei Exzessen sei der Andrang auf den Pfaden besonders groß. Nur die Jugend, wie immer, tummelt sich auf den Straßen. Sie bevorzugt die kleinen Demonstrationen – Kabinettstückchen, die beweisen sollen, was alles in den Lücken zwischen den daherbrausenden Fahrzeugen möglich ist. Es passiert viel, vor allem die Zahl der Kopfverletzungen gibt zu denken. Dennoch bleibt die Überlegung richtig, dass die Straßen auch im dichtesten Verkehr vor allem leer sind. »Woher diese Leere?« »Das Tempo, ihr Lieben, das Tempo.«

 

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