Renate Solbach: Kulturwüste

Wie jeder Anschluss hat auch dieser binnen kurzem Wüste erzeugt. Nichts gegen Wüste, doch diese hier hätte vermieden werden können, sie musste nicht sein, oder doch? Wer verfügt Wüsten aus blühenden Landschaften, so dass man nicht unterscheiden kann, wo das eine aufhört und das andere anfängt? Wer darf so etwas verfügen? Schwer zu sagen… Vielleicht sind beide eins? Fragen muss erlaubt sein. Im Yagir herrscht seit langem die Auffassung, dass, wer das Gelobte Land erreichen will, durch die Wüste hindurchmuss. Einmal Wüste und zurück, bitte mit Nachlass. Sie nennen das, nicht ohne Hohn in der Stimme, UKO – ›unsere kulturelle Option‹. Manchmal liest man die Buchstabenfolge an einer Fabrikwand, gelegentlich auch an Wohnhausfassaden, häufig mit einem Punkt im O, der wie ein Abschluss wirkt. Sieht man genauer hin, kommt leicht der Gedanke, durch ihn hindurch habe der Schreiber sich aus dem Bild entfernt. Durch die Wand? Wohin? Durch die Wand zu wollen gilt im Yagir als klare Option. Gefragt ist dabei vor allem der Kopf, doch es sind noch mehr Organe im Einsatz. Aber in diesem Fall liegen die Dinge anders. Wer mit dem Kopf durch die Wand will, will sich nicht entfernen, im Gegenteil, er will die volle Gegenwart jetzt. Das kann bitter werden. Im Grunde seines Herzens liebt er die Bitterkeit und macht ihr ein Angebot. Der hier hat, wie es scheint, nichts mit ihr zu schaffen. Schon der Schwung seines U ist bewundernswert und stößt an die Wolken. Aber göttlich ist das zum Trichter ausgebildete O, das Organ des Verschwindens, es saugt den Schreibenden ein und stößt ihn vorwärts, während er vorstößt oder vielmehr die Bewegung des Schreibens, in die er hineingeriet wie in einen Orkan, ihn hinreißt und versiegelt in einem. Versiegelt, ja, so sollte man die Stelle nennen, die ihn auf irgendeine Weise noch immer enthält, wenngleich nur von ferne. Bleibt das K zu erläutern, das die Schreibbewegung durchläuft, durchlaufen muss, möchte man sagen, das notwendige Mittelstück aller Bewegung, ihr Ausweis, ohne den sie nicht existierte. Ein K kommt selten allein, es sind ihrer viele, wie schon das Wort Kakophonie bezeugt, eines der Hauptwörter der Bewegung. »K« sagt der Yagirit und seine Stimme bebt von Bedeutung, er erscheint innerlich bewegt und muss sich stützen. Rasch ist ein K herbeigeschafft, es besitzt die Form einer Krücke. Dieses Wort ist verpönt, es ist außer Dienst gestellt wie viele Personen im Yagir, die weiter arbeiten, als sei nichts geschehen. Man bezahlt sie trotzdem und alle sind zufrieden. Nur das Krisen-K tanzt aus der Reihe und verlangt Aufmerksamkeit, ein seltenes Gut, das vielleicht nicht einmal das ist, sondern ein Aussatz. Raumgreifend nennt man eine Bewegung, die Aufmerksamkeit erheischt, doch da liegt wohl das Missverständnis und harrt der Aufdeckung – vergebens.

 

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