Renate Solbach: Ordnungsstau

Wenn im Yagir die Alarmglocken läuten, bleiben die Menschen ruhig und zügig verlassen die Premierengäste ihre Veranstaltungen. Die medienaffinen Komiker versichern, sie hätten zu diesem Anlass nicht die passenden Worte auf Lager, dächten aber darüber nach. In der Zwischenzeit solle niemand sich echauffieren und darüber den Heimweg verfehlen. Vor allem sei es wichtig, jetzt nicht den falschen Parolen derer zu folgen, die behaupteten, im Besitz der Wahrheit zu sein. »Es gibt im Yagir nur eine Wahrheit und die besitzen wir.« »Steigen Sie über keine Leiche, die nicht polizeilich erfasst ist.« »Fassen Sie sich an den Händen, das hilft gegen Emotionsstau.« Im Yagir ist jeder Alarm falsch, nur die Ordnungskräfte kennen den richtigen und wissen, was zu tun bleibt. Das kommt daher, dass im Yagir alles, was geschieht, in Ordnung geht, es sei denn, es geht nicht in Ordnung und wird als Tat eines Verwirrten bekämpft. Ein Anschlag zum Beispiel geht nicht in Ordnung und wird bekämpft. Doch die wahre Herausforderung an die Ordnung geht von den Wellen aus, die so ein Vorfall in der Bevölkerung schlägt. Die in den Medien postierten Ordnungssoldaten geben kleine Käfige aus, in denen ein einzelner Bürger bequem Platz findet. Besonderer Beliebtheit im Volk erfreuen sich Paarkäfige, aber sie werden nicht gern gesehen und sind kaum zu erhalten. Wie ist das möglich, wenn es alles im Überfluss gibt? Auch im Überfluss findet sich Mangel. Das überrascht immer wieder. Der Kapazitätsmangel zum Beispiel nimmt zu, je mehr Kapazitäten aufgebaut werden. Man nennt es das Gesetz der inversen Serie oder des inneren Trugs. Es ließe sich fragen, wie in einem solchen Land Anschläge überhaupt möglich sind. Sie sind es aber und daher erübrigt sich jede weitere Frage. »Wir haben gelernt«, steht über jedem öffentlichen Gebäude, doch was und wie entzieht sich der allgemeinen Erkenntnis. Das Wissen scheint auf die Sicherheitskräfte und ihre Vorgesetzten beschränkt zu sein. »Mehr können wir dazu im Moment nicht sagen.« Übrigens gilt das Wort ›beschränkt‹, so dicht an die Bezeichnung staatlicher Funktionsträger gerückt, als Beleidigung und wird streng geahndet, das gleiche gilt für die Verwendung des Wortes ›dicht‹, sofern der Satz eine Negation enthält. ›Dichter‹ gibt es im Yagir ebenso wenig wie Gründe für diesen Tatbestand. Das Nachdenken darüber ist unerwünscht.

 

0
0
0
s2smodern
powered by social2s